FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1985 » No. 375-378
Wilhelm Kainrath • Bernd Lötsch

Mehr oder weniger Wien

Was tun mit Wien? Stadterneuerung oder Stadterweiterung, grüne Keile oder grüne Gürtel, draußen schließen und innen verdichten oder umgekehrt.
Oberstadtbaurat Wilhelm Kainrath und Bernd Lötsch vom Institut für Umweltwissenschaften sind darüber nicht immer der gleichen Meinung.

Kainrath: Herr Lötsch, Sie argumentieren, Wien hätte sich bereits viel zu sehr ausgedehnt und das sollte nicht sein. Früher einmal gab es den enormen Bevölkerungsdruck und trotzdem hat man 1904 den Wald- und Wiesengürtel um die Stadt herum beschlossen. Jetzt gibt es schon lange keinen Druck zuwandernder Bevölkerung und dennoch dehnt sich die Stadt weiter aus.

Ich antworte darauf: der Bevölkerungsdruck im 19. Jahrhundert war tatsächlich gewaltig; er hatte die Menschen dazu gebracht, in unglaublich engen Wohnungsverhältnissen in dichtest verbauten Spekulationshäusern zu vegetieren. Wenn sich die Stadt ausdehnt, dann deshalb, weil die Menschen gottseidank nicht mehr gezwungen sind, zu zehnt in Zimmer/Küche-Wohnungen zu hausen. Ich finde es daher unfair, die Stadtausdehnung von einem ähnlich massiven Zuwanderungsdruck wie vor 80 oder 100 Jahren abhängig zu machen. Die Leute machen sich Luft und brauchen dafür mehr Platz und dieser Prozeß ist noch nicht abgeschlossen. Aber wenn ich daher auch für Stadtausdehnung plädiere, dann noch lange nicht für die chaotische Zersiedelung des gesamten Stadtrandes wie dies in den letzten Jahren erfolgte.

Zweitens fordern Sie, und ich mit Ihnen, andere Bau- und Wohnungsformen, also verdichteter Flachbau, niedriggeschossige Häuser mit mehr individuellen Grünflächen: Balkone, Gärten, Atriumhäuser etc. Es ist für mich ein Widerspruch, daß Sie einerseits die Stadtausdehnung verhindern wollen und andererseits für Siedlungsformen eintreten, die im heute bebauten Gebiet wohl nicht unterzubringen sind. Gerade weil ich wie Sie für solche Bauformen bin, muß ich ein gewisses Maß an Stadterweiterung akzeptieren.

Das Argument, daß eine Hochhausbebauung keineswegs weniger Platz benötigt, weil höhere Häuser auch größere Abstände benötigen, stimmt weitgehend nur für Neubebauungen, gilt aber nicht für die alte gründerzeitliche Bebauung, die viel zu enge Höfe und Straßen anlegte. Diese Bebauungsdichte ist meist viermal so groß wie die von wünschenswerten urbanen Flachbauten. Würde ich also den urbanen Flachbau ernstnehmen und allmählich für einen Großteil der Wiener anstreben, bräuchte ich jedenfalls viel mehr Stadtfläche.

Ich trete für ein sternförmiges Wachstum der Stadt ein, ein Modell, das dem gegenwärtigen Stadtentwicklungsplan zugrunde liegt. Die sternförmige Ausdehnung bedeutet einerseits ein sehr weites Hinausgreifen der Stadt ins Umland, aber nur in Form relativ schmaler Siedlungsbänder, und andererseits ein weiteres Hereinholen von Grünkeilen in die Stadt, wenn es geht, bis zum Stephansplatz. Wir hätten dann ein nahes Nebeneinander von Siedlungsbändern und Grünkeilen, also eine enge Verzahnung von Stadt und Land.

Ein solches Konzept steht, wie ich meine, in einem gewissen Widerspruch zum Konzept des Grüngürtels, das sie, zusammen mit fast allen Grünflächenplanern Wiens propagieren. Der Grüngürtel paßte gut zum Stadtmodell des 19. Jahrhunderts, zu einer kompakten Stadt, die radikal konzentrisch gewachsen war. Mit dem Grüngürtel rundum wäre eine solche Stadt eigentlich abgeschlossen und könnte nur mehr außerhalb des Gürtels durch Satellitenstädte oder sonstige provinzielle Ansiedlungen erweitert werden.

Tatsächlich begann schon im 19. Jahrhundert eine moderne Stadtentwicklung, als nämlich entlang der Regionalbahnen Siedlungsbänder von Wien ins Umland wuchsen. Die damaligen Stadtplaner haben nur leider von dieser Entwicklung keine Notiz genommen und weiterhin radial konzentrische Erweiterungsmuster entworfen (z.B. Otto Wagner oder Eugen Faßbender). Das Konzept von Siedlungsbändern entlang leistungsfähiger Verkehrsmittel erfordert ein anderes Grünkonzept als den Grüngürtel, nämlich die Grünkeile.

Heute wird man zwar so weit es geht am bestehenden Grüngürtel festhalten, weil es gilt, alle stadtnahen Großgrüngebiete zu schützen, und weil speziell in Wien das Gelände des Wienerwaldes ideal für die Erholung geeignet ist. Ihn heute noch als das wichtigste Element der Grünversorgung zu fordern, halte ich für falsch. Das heutige Hauptgestaltungselement müßte der Grünkeil sein.

Bernd Lötsch

Lötsch: Wien hat heute zwischen 40.000 und 100.000 Menschen weniger als um 1900. Dazwischen explodierte die Bevölkerung auf über 2Millionen Einwohner, dann schrumpfte sie wieder unter den Wert der Jahrhundertwende. Seit damals hat sich nach Angaben des Grünplaners Wöss die bebaute, der Natur entzogene Fläche Wiens verelffacht. Um 1910 hatten wir einen Flächenanspruch von etwa 10 m2 pro Einwohner. Daraus könnte man auf jeden Fall eine Verdreifachung der verbauten Fläche seit 1900 herleiten, obwohl ja, wie Sie wissen, die Wohnflächen selbst nur etwa 20% der Stadtfläche bedecken. Aber wir nehmen an, daß mehr Wohnfläche auch mehr Infrastrukturleistungen bedeutet.

Eine Verdreifachung wäre also noch akzeptabel, aber für eine Verelffachung müssen schon andere Erklärungen herhalten als nur steigende Wohnflächen und Infrastrukturleistungen.

Wilhelm Kainrath

Kainrath: Ich kenne die Berechnungen von Prof. Wöss nicht, aber sie können so nicht stimmen. Dazu eine kleine Milchmädchenrechnung:

Das dichtbebaute Stadtgebiet Wiens innerhalb der Vorortelinien, der Donau und des Kamms des Wiener- und Laaerberges ist 7.000 ha groß, 1/6 des ganzen Stadtgebietes. Davon sind heute 1000 ha grün und es verbleiben 6.000 ha Bauland. Viel weniger waren auch um 1900 nicht bebaut, eher mehr, da auch damals schon Villengebiete existierten. Aber nehmen wir, für Wöss’ Berechnung günstig, an, daß um 1900 nur 5.500 ha bebaut waren. Allein eine Verzehnfachung ergäbe 55.000 ha. Wien hat aber insgesamt nur 41.000 ha, davon sind 50% noch immer grün.

Also sind höchstens 20.000 ha bebaut und das ist eine Verdrei- bis Vervierfachung, bewegt sich somit im Rahmen des Anstiegs der Wohnfläche pro Person.

Lötsch: Es hat keinen Sinn, wenn wir jetzt über Zahlen streiten, jedenfalls glaube ich, daß vor allem die flächenerschließende Wirkung des Individualfahrzeugs eine ungeordnete, metastasierende Entwicklung der Stadtfläche ins Umland mitbedingt hat, und daß weiters unökonomische Bebauungsformen hier mitschuldig sind.

Damit meine ich z.B. die offene Bebauung, diese geistlosen Silos, die ja nicht flächenökonomisch gebaut sind, im Gegenteil. Zwar war da einmal ein wohnhumaner Anspruch, nämlich der nach Licht, Luft, Sonne und Grünflächen da, nur hat man gesehen, daß der Stadtraum zum Zwischenraum, zur Abstandsfläche, zum Sterilgrün, das niemandem wirklich gehört, von niemandem wirklich angenommen wurde, heruntergekommen ist und uns damit viel Urbanität verloren ging, sehr viel Fläche verbraucht wurde als merkwürdige Restflächen, die auch nicht gegen Lärm oder Immissionen schützten.

Es ist beim städtischen Raumproblem ähnlich wie beim Energieproblem. Der herkömmliche Energiepolitiker sagt, wenn wir mehr Energie verbrauchen, müssen wir eben mehr Energie bereitstellen und der Stadtpolitiker sagt, wenn mehr Bedarf da ist an anderen Wohnformen, an mehr Fläche, dann müssen wir eben diese Fläche bereitstellen. Der ökologische Ansatz, so wie ich ihn glaube formulieren zu dürfen, ist, daß man eher fragt, wie sinnvoll ist der Mehrbedarf, kann man hier nicht qualitativ umlegen, kann man nicht die Energiesicherung durch vernünftigeren Gebrauch der Energie erreichen und kann man nicht die Erfüllung von Wohnwünschen durch vernünftigeres Verwenden von bestehendem Siedlungsraum erreichen.

Wenn ich hier alleine die offene gegen die geschlossene Bebauung betrachte, würde ich jede Wette eingehen, daß man über die Wohntürme von Alterlaa des Architekten Glück eine Bebauung von 4 bis 5 Hofhäusern so im Stil der klassischen Gemeindebauten der 20er und 30er Jahre darüberprojizieren kann. Ich habe mir nur an Hand von Flugaufnahmen überlegt, daß man hier noch Stadtgebiete hätte entstehen lassen können mit einem Wechsel von Hofräumen, Straßen und Plätzen. Das ist ja ein wesentlicher Faktor von Urbanität, während zwischen den Wohntürmen von Alterlaa unsere Auffassung von mitteleuropäischer Stadtkultur nicht mehr verwirklicht ist. Man hätte also in vieler Hinsicht dichter bauen können und doch humaner, als das geschehen ist.

Dann gibt es doch noch eine Fülle von Platzreserven. Es ist richtig, daß wir auf der einen Seite in Wien überdichtete Bezirke haben, wie den 9. Bezirk als klassisches Beispiel oder den 7. und den 6. Bezirk. Aber sehr viele Menschen würden die Altwohnungen in diesen Bezirken zunehmend schätzen, wenn nicht das Ersticken in der Blechlawine das Wohnumfeld so unattraktiv machte. Daraus folgt, Wohnumfeldverbesserung wäre die wichtigste kommunale Leistung für Wohnungsverbesserung.

Dort, erfahrungsgemäß, wo das Wohnumfeld attraktiv ist, werden erstaunliche private Investitionsströme von selbst mobilisiert. In keinem umwelthygienisch bzw. ökologisch guten Wohnviertel gibt es das Problem des Häuserverfalls; mangelnde Investitionskraft ist gegeben in Bezirken, die in einer Lawine von Benzin, Blech und Beton erstickt werden, in Bezirken, die stark überaltert sind, wo auf Grund des Durchschnittsalters und des unter dem österreichischen Durchschnitt liegenden Haushaltseinkommens keine Investitionsbereitschaft mehr zu erreichen ist.

Auf der anderen Seite sehen wir, daß vereinsamte alte Damen, ich nenne sie die Masseneremiten der Großstadt, in überdimensionierten Wohnungen hausen, weil diese immer noch billiger sind als eine Garconniere. Hier wäre die kommunale Leistung darin zu sehen, daß man im gewohnten Bezirk, in der gewohnten Infrastruktur aus kleinen Greißlern, Beisin und Sozialkontakten für diese alten Menschen ohne Preissteigerung so eine Art Altenwohnungen zur Verfügung stellt. Damit meine ich nicht Altenheime, die ein Styling haben wie in Cap Kennedy. Man muß denken, daß das Menschen sind, die ihre Kindheit in der Kaiserzeit verbracht haben, die kulturell und atmosphärisch geprägt sind von einem anderen Wien als das, was ihnen eine Designergeneration jetzt zum Beispiel als Altersheim hinstellt.

Ich meine, daß man sehr viel Altwohnungsbestand freimachen könnte durch das attraktive Angebot von Altenwohnungen, die nach dem ökologischen Vielfaltsprinzip durchaus hineingesetzt werden sollten in die alten Strukturen. Diese Altenwohnungen werden betreut, dort gibt es ein eigenes Restaurant oder Kaffeehaus, wo man sich trifft, wo man sehr billig essen kann, wo man also medizinische Betreuung, Wäsche etc. bereitstellt und eben Heimpflegerinnen. Das wäre ein sozialer Ansatz, der auch beschäftigungspolitisch attraktiv wäre. Es gibt immer mehr junge Menschen, die an der Sinnfrage des modernen Industrie- und Geschäftsbetriebes zweifeln, die sehr gerne menschenbezogene Berufe ergreifen würden. Hier wäre ein weites Betätigungsfeld, das ich volkswirtschaftlich rechnen würde.

Um das jetzt einmal alles zusammenzufassen:

  1. Wohnumfeldverbesserung, Wohnstraßen, Verkehrsberuhigung als Voraussetzung für die Mobilisierung privater Investitionsmittel zur Wohnraumbeschaffung und Wohnungsverbesserung, wovon eine weitgestreute Infrastruktur von kleinen Gewerbebetrieben profitieren würde. Hier genügt es nicht, daß die Gemeinde in jedem Bezirk zwei exemplarische Wohnstraßen installiert, sondern hier gehören sogenannte Labyrinthlösungen geschaffen, wie ich sie aus England kenne: jeder Fremde, der da hineinfahrt, verirrt sich, kann nicht durchfahren. Zufahrt möglich, Durchfahrt unattraktiv.
  2. Angebot von betreuten Altenwohnungen kleiner Kubatur mit hohen Infrastrukturleistungen zur Freimachung wertvoller Altbausubstanz. Aber das sollte ein sehr hohes Maß an Freiwilligkeit einschließen.
  3. Schließlich stelle ich einen Punkt in den Raum, für den ich die Wahrheit nicht gepachtet habe. Es sollte sehr zu denken geben, daß ein hoher Prozentsatz der Wiener mit Komfortwohnungen den Großteil des Sommers vorziehen, auf 30 bis 40 m2 Wohnfläche, oft nicht einmal das, ohne Warmwasser, nur mit einem Plumpsklo, in der Schrebergartenhütte zu lesen, weil hier der zugeordnete private Freiraum vorhanden ist. Das bedeutet, daß der Wohnflächenbedarf durchaus abhängig ist vom Vorhandensein eines privaten Freiraums. Je stärker die Menschen in einer feindseligen städtischen Umwelt auf ihre vier Wände reduziert werden, umso komfortabler und großflächiger muß dieser Käfig gebaut sein.
Schrebergärten: Wohnflächenbedarf

Das heißt, wir sollten aus den Schrebergärten lernen. Hundertwasser hat gesagt, die Schrebergartenhäuser sind die einzige Nachkriegsarchitektur Österreichs, deren wir uns nicht zu schämen brauchen.

Ich könnte mir vorstellen, daß in vielen Schrebergartengebieten quasi dörflich urban verdichtete Strukturen mit hohem privatem Grünflächenangebot entstehen, und zwar in einer flächenökonomisch optimalen Bebauungsform, d.h. flach, nicht abgerückt vom Gehweg, nicht abgerückt vom Nachbarn, mit einer Höhenbegrenzung und mit einer reglementierten Flächenzahl. Die stadtökologische Funktion (Luftreservoir, Vogelparadies, Pflanzenpool) wird von Hinterhofgärten erfüllt, die ein sichtgeschützter privater Freiraum sind, die Größe von nur zwei Zimmer zu haben brauchen und trotzdem viel mehr Lebensqualität besitzen als ein Garten rund ums Haus, der von überall eingesehen wird und eigentlich nur als Pufferzone dient, um Fremde und Neugierige auf Distanz zu halten. Unser Konzept ist also nicht das Punkthaus inmitten des Gartens, sondern der Garten im Schutz des Hauses.

Erst wenn man all diese Maßnahmen ergriffen hat, hätte man eigentlich das Recht zur erholungsraumgefährdenden Ausdehnung in den Grüngürtel.

Der Grüngürtel ist eigentlich nicht bloß aus einer historischen, traditionell geometrischen Betrachtungsweise der Stadt entstanden, sondern auch aus einer klimatologischen. Man weiß, daß über der Steinmasse ein Auftrieb an heißer Luft entsteht, und daß vom Umland die sogenannten Flurwinde nachgesaugt werden, und daß die Qualität der Flurwinde davon abhängt, ob sie durch grüne Gürtel gefiltert werden. Gewiß ist der Grüngürtel ursprünglich aus ehemaligen Glacisflächen, Stadtbefestigungen hervorgegangen, hat sich dann aber klimatologisch so bewährt, daß man ein Konzept daraus gemacht hat. 1905 wurde der Grüngürtel mit folgender Widmung versehen: „Wie immer Wien sich ausbreitet, soll sein nordwestlicher Quadrant, aus welchem die vorherrschenden Winde wehen, von einem breiten Bergwaldstreifen umgürtet bleiben.“

Ich glaube auch nicht, daß das Sternkonzept dem konzentrischen Grüngürtelkonzept widersprechen muß. Warum kann man nicht konzentrische Gürtel haben und ein paar diese durchbrechende Achsen? Aber als Faustregel, die wie alle Regeln eine Ausnahme verdient, würde ich dem umweltbewußten Stadtplaner sagen, förderungspolitisch sollte man alles andere als diese Stadterweiterung forcieren. Und wenn man die Stadt erweitert, dann würde ich eher zur Etablierung dörflicher, provinzieller Strukturen raten, die einen großen Teil von Infrastrukturen selbst haben, um nicht bloß in der Sogwirkung des großen Zentrums zu liegen.

Ein Hoffnungsgebiet scheint mir z.B. der Marchfeldkanal zu sein. Wenn der Kanal Ausstülpungen in Form von neuen Alten Donaus bekommt, könnte man dort Siedlungs- und Erholungsgebiete höchster Qualität schaffen. Ich wäre dafür, daß man dort tatsächlich Satellitenstädte mit eigenen Schulen, Kirchen und sonstigen Zentren baut und hier, glaube ich, wäre ein Schuß Romantik und Geschichtsbewußtsein in der modernen Architektur durchaus gerechtfertigt. Heimatfindung entsteht nur durch Unverwechselbarkeit, also muß der Architekt imstande sein, gewachsene Strukturen dadurch zu ersetzen, daß er schöpferisch an lokale Traditionen anknüpft. Es ist ja wirklich lächerlich, wenn manche Leute glauben, daß das Anknüpfen an fruchtbare Traditionen, Stile oder sonstwas gleich in einen kraftlosen Historismus mündet. Soweit der Versuch einer Antwort.

Kainrath: Ihr Resümee ist, daß Sie hoffen, durch verschiedenartigste Umstrukturierungen keine zusätzlichen Siedlungsgebiete mehr zu benötigen.

Lötsch: Ja, so kann man das sicher sagen. Aber wenn ich jetzt vom Programmatiker zum Pragmatiker werde, dann würde ich vorschlagen, zumindest politisch diesen Weg zu forcieren. Ich glaube, daß der Druck auf die Stadterweiterung wie sie de facto stattfindet, ja sehr stark von Wohnbaufirmen und Wohnbaugenossenschaften ausgeht. Es gibt große Baufirmen, die auf Grund ihrer Maschinenstruktur, ihrer ganzen Wirtschaftsstruktur, nur an vielen neuen Einheiten interessiert sind, nicht am Verbessern von Häusern im 7. Bezirk. Da spielt sich Gott sei Dank eine langsame Umstrukturierung ab, aber das ist sicher eine ökonomische Realität, die wir zumindest offenen Auges beachten sollten.

Stadtverkehr: ... abhängig vom privaten Freiraum

Kainrath: Ihre Vorstellungen über die innere Umstrukturierung des dicht bebauten Gebietes teile ich. (Sie stehen auch so im Stadtentwicklungsplan für Wien.) Nur die quantitativen Auswirkungen schätze ich ganz anders ein. Ich bin davon überzeugt, daß Ihre Umstrukturierungen viel zu langsam ablaufen, um den Flächenbedarf auffangen zu können und daß es quantitativ gar nicht so viel bringen würde. Wohl wird das Ausmaß der Stadterweiterung zurückgehen, nicht aber auf Null.

Während ich mich daher zu fragen habe, wie die Stadterweiterung auszusehen hat, stellt sich Ihnen diese Frage gar nicht mehr, weil sie Stadterweiterung rundum ablehnen. Ihre Haltung ist übrigens für die Wiener Planungsdiskussion sehr typisch: Weil so viele Experten die Stadterweiterung ablehnen, existiert sie in ihrem Bewußtsein schon gar nicht mehr, und die real ablaufende Stadtrandpolitik erfolgt unter Ausschluß der veröffentlichten Meinung. Klar, daß die Ergebnisse dadurch nur noch schlechter werden.

Wenn ich die Großfeldsiedlung in Reihenhäuser umwandeln könnte, dann wäre das ein städtebaulich besser gestalteter Bereich, aber ich würde nicht mehr Menschen unterbringen. Ihre ausführlichen qualitativen Beschreibungen bringen quantitativ nichts.

Straßenbau im Stadtgebiet: Nur durch Randbedingungen ökonomisch gemacht

Lötsch: Bedenken Sie doch den Umgang mit der unvermehrbaren Ressource Grund und Boden! Man müßte eine Bestandsaufnahme der entwerteten Stadtflächen Wiens machen und fragen, wo sind Restflächen, wo sind alte aufgelassene Bahnkörper etc. Wenn neue Wohnungsbebauungen stattfinden, sollte man dafür Flächen verwenden, die nicht Natur und Erholungsraum sind. Ich bin ja beim Schaffen von neuen Wohnkubaturen zu jeder Konzession bereit, wenn es sich dabei nicht um die Opferung von Flächen handelt, die jetzt als ökologische Ausgleichsflächen, als Naturstücke, als Erholungsraum, dienen.

Kainrath: Ich verstehe eigentlich nicht, warum Sie derart flächenkleinlich sind! Ich finde es nur human, wenn die Stadt nicht bis auf den letzten Quadratmeter verplant und vergeben wird, wenn es Restflächen gibt, wo man sich noch verstecken kann, man spielen kann, wo noch Beliebigkeit herrscht.

Lötsch: Wenn die Gstätten für Kinder sind, dann ist das die wertvollste Flächennutzung ...

Kainrath: Die Arena war doch auch so etwas, sie nistete sich in einem aufgelassenen Schlachthof ein. Ich bin auch gegen Verschwendung, nur ist ein gewisser Überfluß sicher erforderlich.

Mir sind die Stadtgrenzen überhaupt nicht heilig, warum sollte man alles innerhalb dieser Grenzen unterbringen? Ich weiß schon, daß der Wiener Finanzstadtrat darauf schauen muß, daß ihm die Steuern nicht nach Niederösterreich abfließen, aber für mich als Raumplaner ist das sekundär. Wien als gesellschaftliche Realität ist ohnehin längst über die Verwaltungsgrenzen hinausgewachsen und könnte ohne weiteres bis Wr. Neustadt oder bis Stockerau reichen. Denken wir an solche Dimensionen, kann man doch nicht gut von Platzmangel reden.

Lötsch: Was ich erreichen will, ist das Pendlertum, den Büro- und Bettverkehr nicht weiter auszudehen, und wenn, muß das mit einem attraktiven Schnellverkehrsangebot öffentlicher Art geschehen. Sie können aber dünne Siedlungsgebiete nicht wirtschaftlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschließen. Eine Satellitenstadt, eine dörflich urbane Agglomeration, wäre mit einem Kopfbahnhof wirtschaftlich zu bedienen. Ich bin überhaupt für urbane Verdichtung, weil wir ja Wien als einen Sammelpunkt von Berufsmöglichkeiten sehen, und daher sollte man nicht leichtfertig die Wohnmöglichkeiten davon absetzen. Ich bin für Funktionsmischung und für Minimierung des täglichen Verkehrsaufgebotes. Das kann nur eine Zielvorstellung sein, aber alle Entwicklungen, die eine Zwangsmobilität mit dem Auto erzeugen oder auch nur begünstigen, sind für diese Stadt gefährlich und tödlich.

Kainrath: Für diese Ziele ist Ihr Satellitenstadtkonzept wesentlich schlechter als mein Bandstadtkonzept. Denn mit keinem Stadtmodell erreichen Sie eine derart enge Verknüpfung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Bebauung wie bei den Siedlungsbändern der sternförmigen Stadtentwicklung.

Lötsch: Wenn Sie mir beweisen können, daß das so ist, würde ich mein Konzept sicher ändern. Aber warum soll eine Stadt mit allen Infrastrukturen und Geschäften, sodaß man nicht mit dem Wagen zum Supermarkt auspendeln muß, eine stärkere Abhängigkeit vom Automobil schaffen als irgendwelche dünne Randsiedlungsgebiete?

Kainrath: Stadterweiterung heißt nicht notwendigerweise Funktionsentmischung. Würden nicht alle Arbeitsstätten im Stadtzentrum verbleiben, gäbe es weniger Pendelverkehr.

Und noch etwas: Dichter Autoverkehr entsteht eben auch durch dichte Bebauung. Will ich den Autoverkehr verringern, muß ich die Bebauungsdichte reduzieren.

Sie und viele andere propagieren seit Jahren die Stadterneuerung. Aber was passiert mit diesem Slogan, bis er im Rathaus ankommt? Die Realität der Stadterneuerung ist eine weitere Verdichtung. Jedes reale Bauprojekt, das als Stadterneuerungsprojekt angesehen werden kann, kommt nur zustande, wenn ein niedriges Haus abgebrochen wird und durch ein hohes ersetzt wird. Andere Formen der Erneuerung sind angeblich unökonomisch und passieren deshalb nicht.

Lötsch: Das Wort „unökonomisch“ würde ich in diesem Zusammenhang gerne hinterfragen. Straßenbau ist z.B. längst unökonomisch, er wird nur durch die Randbedingungen ökonomisch gemacht, de facto gibt es keinen Markt für Straßen, denn man kann sie nicht wirklich jemanden verkaufen, sie werden nur über den politischen Willen realisiert.

Kainrath: Das gilt leider auch für die Grünflächen, die können Sie auch nicht nach Marktmechanismen verkaufen.

Lötsch: Die öffentlichen Grünflächen sind gegenüber dem Straßenbau noch dadurch benachteiligt, daß Sie für Straßenzwecke private Leute zum Zwangsverkauf bringen können, für die Schaffung von Grünflächen oder Kindergärten nicht.
Genauso wie der Großkraftwerksbau institutionalisiert ist, und der alternative Energieweg noch Keine Strukturen hat, so ist es auch bei der Stadterneuerung. Stadterweiterung ist meistens von der Wirtschaftsstruktur und von der kommunalen Beschlußfassung her viel einfacher. Bei der Stadterneuerung haben Sie das Partizipationsproblem, weil Sie schon mit einer bestehenden Wohnstruktur zu tun haben, Sie haben das Großprojekt der tausend kleinen Schritte, von denen fast jeder blockiert werden kann durch behördliche oder andere Probleme. Dieser Weg ist zunächst politisch weniger attraktiv, auch kostspieliger, aber z.B. in der Beschäftigungsbilanz der bessere.

Kainrath: Stadterweiterung ist eine Schützenhilfe für eine bessere Stadterneuerung, weil dann nicht alle unguten Tendenzen der Bauträger und der Bauwirtschaft sich auf die Stadterneuerung stürzen.

Wenn ich draußen zusperre, führen der Flächendruck und die eingefahrenen Strukturen zu einer Manhattanisierung im Inneren.

Lötsch: Stadterneuerung, wie wir sie sehen, ist auch eine kulturelle Aufgabe. Die Manhattanisierung würde ich vor dem Hintergrund eines neuen Stadtbewußtseins nicht als solch eine Gefahr sehen.

Satellitenstadt: Stadtzerstörung?

Kainrath: Aber sie passiert doch täglich, wir sind im Rathaus dauernd damit konfrontiert. So hat z.B. ein Harry Glück sich den naiven Meinungsforscher Ernst Gehmacher eingekocht und „erforschen“ lassen, daß diese hochverdichteten Bebauungsformen, die er im Stadtinneren errichtet, die höchste Wohnzufriedenheit bringen. Das „vollwertige Wohnen“, das dabei angeblich entstanden ist, ist zur Zeit der große Slogan.

Lötsch: Die Art und Weise, wie Harry Glück Humanethologie benutzt, um sein Bauen zu rechtfertigen, ist bekannt, und er hat sich tatsächlich ein erstaunliches Vokabular angeeignet.

Kainrath: Die moderne Form der Stadtzerstörung heißt eben Stadterneuerung.

Lötsch: Das würde ich in der Form als eine extreme Feststellung betrachten, die, wenn sie stimmt, bitte bei der Gemeinde Wien selbst auszuräumen wäre. Dann muß eben eine stärkere Stadtbildpflege und Stadtbildschutz einsetzen.

Kainrath: Ich erlebe im Rathaus mitunter, wie einem das Wort im Mund umgedreht wird. Jahrelang versuchte eine Minderheit, zu der auch ich zählte, der Mehrheit beizubringen, daß es hoch an der Zeit sei, vermehrt Stadterneuerung zu betreiben. Als dann die „Macher“ endlich soweit waren, einzusteigen, taten sie es dann auf ihre Weise. Nun argumentieren sie so: „Was wollt ihr eigentlich, wir sollten doch Stadterneuerung machen und nun macht ihr uns das Leben schwer: überall Schutzzonen und alte Bruchbuden, die wir erhalten sollen. Draußen sollen wir nicht mehr bauen, drinnen dürfen wir nicht.“

Den quantitativen Druck an Flächenbedarf könnte man sicher mildern, wenn es gelänge, leere oder krass unterbelegte Wohnungen oder gehortete Zweitwohnungen heranzuziehen, aber Sie überschätzen bei weitem, welche Reserven da versteckt sind.

Im übrigen würde es ein fast dikatorisches Regime erfordern, um die stillen kleinen Reserven für den Wohnungsbedarf zu aktivieren: genaue Kontrolle von Belagsverhältnissen, Kündigungs- bzw. Enteignungsverfahren bei krassem Unterbelag, Zwangseinweisungen und ähnliche „Kriegs- und Notstandsbestimmungen“. Solche Verfahren widersprächen nicht zuletzt einer demokratischen Freizügigkeit. Auch hier ist ein bißchen Überschuß die Vorbedingung für legere, tolerante, demokratische Zustände.

Lötsch: Wenn es eine Kontroverse zwischen uns gibt, dann hängt sie eigentlich an quantitativen Abschätzungen. Daher wäre eigentlich die einzig richtige Folgerung aus unserem Gespräch, die Stadt aufzufordern, alle diese Potentiale, die wir genannt haben, einmal quantitativ zu erheben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1985
No. 375-378, Seite 15
Autor/inn/en:

Bernd Lötsch:

Geboren 1941 in Wien, Biologe, Umweltaktivist, 1994 bis 2009 Generaldirektor des Naturhistorischen Museums.

Wilhelm Kainrath: Geboren 1939 Wien, Dipl.-Ing. TH Wien 1965, arbeitete in verschiedenen Architekturbüros, 1968-1970 England, dort auch bei einer Theatergruppe, die Agitproptheater für Mieteraktionen machte. Seit 1970 Assistent an der TH Wien.

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