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Martin Wassermair

Medienkonferenz Linz 1999

Kurskorrekturen zur Kultur- und Medienpolitik — 1.-8. Mai 1999

Medienpolitik folgt in Österreich einzig der Logik ökonomischer Verwer­tung. Demgemäß orientiert sich auch die Medienentwick­lung fast ausschließlich an den Richtwerten eines gewinn­trächtigen Wettbewerbs. Um diesem gefährlichen Trend regulativen Einhalt zu gebieten, bedarf es zuallererst eines grundlegenden Umdenkens in der verantwortlichen Politik. Eines Paradigmen Wechsels, der — vorerst noch punktuell — nun auch in das Weißbuch zur Reform der Kulturpolitik Eingang finden konnte. Damit hat die Kunstsektion im Bun­deskanzleramt nicht zuletzt je­ner Forderung Rechnung ge­tragen, die insbesondere aus dem Feld der sogenannten Freien Szene immer lauter wird: der Forderung nach ei­nem kulturpolitischen Ver­ständnis von Medienpolitik.

Ob im Bereich der Print­medien, der Freien Radios oder der Contentprovider beim Vordringen in die vir­tuelle Welt der digitalen Kommunikation — die öster­reichischen Kultur- und Me­dieninitiativen gehen immer selbstbewußter dazu über, das eigene Profil an den neu­en Herausforderungen der Informationsgesellschaft aus­zurichten und deutlich Stel­lung zu beziehen. Mit einem Entwurf einer zivilgesell­schaftlich gefaßten Medien­landschaft in vielfältiger Form, mit uneingeschränk­ter Meinungsfreiheit in loka­ler Verankerung, mit der gleichberechtigten Akzeptanz kultureller und künstlerischer Inhalte in freien und nicht­kommerziellen Medien.
Das Ineinandergreifen der Initiativen in den Bereichen Kultur und Medien hat sich überaus bewährt. An einem Beispiel wurde der Vorteil ganz konkret: Die enge Anbindung an die Interessenver­tretungen im Kulturbereich stärkte die Freien Radios in der oftmals existenzgefähr­denden Phase des Sendestarts, nun wird die Zusammenarbeit auch bei den Verhandlungen zur weiteren Konsolidierung fortgeführt. Demzufolge ist mittlerweile selbst auf höch­ster Ebene die Einsicht zu vernehmen, daß man die gesell­schaftliche Funktion der Frei­en Radios bislang schlicht ver­kannte. Nämlich offene Zu­gänge zu schaffen und damit die Aktivierung von Beteiligung in einem selbstbestimm­ten Raum, der als drittes Standbein — neben dem ORF und den kommerziell ausge­richteten Privatstationen — das gegenwärtige Gefüge zu einem trialen Rundfunksystem er­weitern soll. Dieses Modell sucht schließlich auf die im­mer tiefer greifende Sklerose demokratischer Öffentlichkeit heilsam einzuwirken, aller­dings nicht blauäugig, denn man hat gerade von den Erfahrungen aus dem Bereich der alternativen Publizistik, aus der „lex Khol“ und ihren Auswirkungen auf das oh­nehin viel zu gering dotierte Förderwesen, einiges gelernt.
Den zur Zeit aktuellsten Nachweis einer sinnvollen Verknüpfung kultureller An­liegen mit Aspekten der Me­dienentwicklung bilden die programmatischen Akzente für das Aktionsgebiet des Cy­berspace. NETZ.KULTUR.ÖSTERREICH nennt sich das aktuelle Positionspa­pier mit der Botschaft, daß man die gesellschaftliche Auf­spaltung in „User“ und „Lo­ser“, das Überhandnehmen von Machteliten und Desin­formation, weder einfallslos noch tatenlos zur Kenntnis nehmen will. Doch um den vielschichtigen Implikationen neuer Technologien mit ge­eignetem Weitblick Rechnung tragen zu können, ist zuvor ei­ne offensive Bewußtseinsbil­dung nötig. Der Erfahrungs­schatz einer stetig steigenden Initiativenzahl an der Schnitt­stelle von Kunst, Kultur und Neuen Medien läßt jedenfalls jetzt schon ganz zentrale Schlüsse zu: Direkte Kommunikation, vernetzte Interakti­on und damit der rege Aus­tausch kultureller Inhalte, setzt ausreichende Bandbreite und offene Zugänge zu digitalen Netzwerken voraus. Aktive und an Inhalten orientierte Teilnahme ist einzig möglich, wenn hochqualitative Struk­turen auch außerhalb der Bal­lungsräume zur Verfügung ste­hen. Die Perspektive, im vir­tuellen Raum kulturelle Hand­lungsfelder zu erschließen, mündet schließlich in die For­derung nach einem Cultural Backbone, nach sinnvoller Ausweitung bestehender Res­sourcen und nach gezielter Vermittlung medialer Kompetenz.

Über dieser Ideensamm­lung zur Herausbildung einer Netzkultur in Österreich steht einmal mehr das zivilgesell­schaftliche Prinzip der Selbst­organisation. Ein Ziel, das Kultur- und Medieninitiativen in Zukunft noch stärker an­einander bindet. Einen neuerlichen Höhepunkt bildet da­her die Medienkonferenz in Linz. Ausschlaggebend ist da­bei, auf sehr breiter Basis — im Sinne der Konstitution von Öffentlichkeit — die program­matischen Grundzüge jenes dritten Sektors deutlich auf­zuzeigen, der sich durch die zunehmende Verschmelzung der Freien Szene immer deut­licher formiert. Eine Kombi­nation aus Vorträgen und Ar­beitskreisen verfolgt den Zweck, grundlegende Leitsät­ze für deren politische Hand­habung zu formulieren. Die zentralen Aspekte: Schaffung öffentlicher Räume als Vor­aussetzung für Interaktion in Netzwerken und gesellschaft­liche Kommunikation; Ge­setzgebung, Förderrichtlinien und ihre Anwendung; Cultu­ral Competence, Medienzu­gänge, Know-How-Vermitt­lung und nicht zuletzt das Nachdenken über die weiter­führende Bündnisstrategie. Schließlich treten auf Initiative der OÖ. Gesellschaft für Kul­turpolitik und des Forum Generandum erstmals der bun­desweite Verband Freier Ra­dios, die Virtuelle Plattform und die Vereinigung alterna­tiver Zeitschriften mit der IG Kultur Österreich sowie der Kulturplattform OÖ gemein­sam auf. Mitgetragen werden die Zielsetzungen vom Renner Institut, der Grünen Bil­dungswerkstatt sowie von der Linzer Universität für künst­lerische und industrielle Ge­staltung. Insgesamt also ein Fundament, das in seiner Zu­sammensetzung nicht nur dem Prinzip der Vernetzung Folge leistet, sondern vielleicht auch einen Hinweis darauf gibt, daß die Freie Szene mit ihren Kurskorrekturen zur Kultur­land Medienpolitik tatsächlich nachhaltige Wirkung zeigt.

Aktuelle Informationen: http://www.servus.at/GFK

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1999
ZOOM 2/1999, Seite 35
Autor/inn/en:

Martin Wassermair:

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