Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1985 » Wurzelwerk 38
Horst Stowasser
»Anarchismus ohne Adjektive«

Max Nettlau — mehr als ›nur‹ ein Historiker

Der Österreicher Max Nettlau ist Insidern allenfalls als schreibbesessener Historiker bekannt — die spanischen Anarchisten gaben ihm dereinst den Beinamen »Herodot der Anarchie« und das ist nichtmal übertrieben. Daß der Begründer der umfangreichsten Anarchismus-Sammlung der Welt auch ein Denker war, der durchaus eigene Anschauungen über Anarchie, Politik und Arbeiterbewegung, entwickelte und vertrat, war so gut wie vergessen. Dies wieder ins Bewußtsein zu rufen, ist das Verdienst des Amsterdamer »Instituts für Sozialgeschichte« — der Ort, an dem der Nettlau-Nachlaß heute liegt. Dort sorgte man für die Herausgabe als deutscher Erstdruck von Nettlaus Eugenik der Anarchie [*] neu heraus. Die bibliografische Vorarbeit ist Heiner M. Becker zu verdanken, der im Amsterdamer Institut als Nettlau-Kenner Fleißarbeit leistete und in Zusammenarbeit mit Klaus Stowasser im Verlag »Büchse der Pandora« eine Anarchismus-Reihe herausgibt, in der vor allem seltene, zu unrecht vergessene, richtungsweisende Werke des Anarchismus erscheinen sollen — viele von ihnen zum ersten Male gedruckt.

Was hat Nettlau uns zu sagen? Das macht Rudolf de Jong in seinem sehr informativen Vorwort zu dem neuen Buch deutlich. Nettlau war durch seine intensiven Studien, seine ausgedehnten Reisen, zahllosen Bekanntschaften natürlich ein sehr genauer Kenner der Anarchistischen Bewegung. Er kannt ihre Schwächen und Sackgassen wie kaum ein anderer Zeitgenosse. Entsprechend treffend war auch seine Kritik. Ähnlich wie auch Errico Malatesta, Elisee Reclus, Ricardo Mella oder Tárrida del Marmol sah er mit Sorge die wachsenden »Glaubenskriege« zwischen den verschiedenen anarchistischen Strömungen und Schulen. Da meinten Anhänger des »Kommunistischen Anarchismus«, mit Kropotkin sei das letzte Wort zum Thema Anarchie gesagt. »Kollektivistische Anarchisten« hielten dem militantere und straffere Strukturen entgegen. »Anarchosyndikalisten« vertraten kategorisch die Auffassung, die freie Gesellschaft sei nur durch die militant-syndikalistische Arbeiterbewegung zu erreichen und wieder andere Anarchiosten um Petr Arschinoff propagierten in der »Plattform-Diskussion« die Forderung nach einer straffen Organisationsform. Alle vergaßen darüber mehr oder weniger, daß Anarchismus auch und in großem Maße aus der Vielfalt von Ideen und Praxis bestehen muß, aus einem großen, bunten Experimentierfeld. Nettlau führt in seiner Eugenik anhand zahlreicher, detailliert und sachkundig beschriebener Beobachtungen den Nachweis, daß die anarchistische Bewegung immer dann am blühendsten und reichsten war, wenn sie eben diese Vielfalt der Ideen vereinte. Bei all dem verkennt er nicht, daß gewisse Strömungen zu gewissen Zeiten mit Recht eine Vorrangstellung einnehmen, weil ihre Formen besonders in die zeitlichen Gegebenheiten passen. Sobald aber eine Strömung oder Organisation sich zum Repräsentanten des Anarchismus macht, wird sie für Nettlau zum Selbstzweck. Auf diese dogmatischen Erstarrungen reagierte der alte Mann sehr allergisch.

Diese Haltung ist unter dem Wort vom »Anarchismus ohne Adjektive« bekanntgeworden. Er geht davon aus, daß die Unterschiede beispielsweise zwischen den »kollektivistischen«e und »kommunistischen« Anarchisten in der Praxis nicht derart gravierend sind, als daß sich daraus gegenläufige Tendenzen entwickeln müßten; sie sind in Wirklichkeit durchaus kompatibel. Die spanische Revolution hat dieser These in großem Maßstab Recht gegeben. In diesem bisher größten anarchistsichen Experiment in der Geschichte, in dem Millionen von Menschen auf dem Lande, in Großstädten, in Industrie, Landwirtschaft, Handel, Verkehr, Erziehung, Transport usw. eine Anarchie lebten, waren die Protagonisten in der Mehrzahl keine besonderen Kenner der anarchistischen Theorien. In dieser syndikalistisch inspirierten Revolution haben ganz einfache Menschen das, was sie unter einer herrschaftsfreien Gesellschaft verstanden, versucht zu leben — und zwar mit beachtlichem Erfolg. Was dabei herauskam, war in der Tat ein bunter Teppich von Mischformen. In manchen Landkreisen, Dörfern und Städten wurde nach Modellen des »Kommunistischen Anarchismus« verfahren, anderswo rein »syndikalistisch« und wieder andernorts »kollektivistisch«. Was nach Chaos aussah, funktionierte. Noch heute erinnern sich in Barcelona alte Menschen daran, daß »die Straßenbahnen nie so pünktlich fuhren wie zu der Zeit, als die Anarchisten sie verwalteten« ...

Ich denke, auch wir können heute von Nettlau lernen. Die Sackgasse, in der der Anarchismus heute weltweit steckt, ist nicht zuletzt auch auf die Perspektivlosigkeit und Borniertheit von uns Anarchisten selbst zurückzuführen. Anarchismus bedeutet zum einen sicherlich, daß wir eine herrschaftsfreie Gesellschaft, eine freiheitliche Revolution wollen — aber die beginnt nicht am Sankt-Nimmerleinstag auf romantischen Barrikaden, sondern auch hier und heute und vor allem zunächst bei uns selber. Und dazu gehört nun einmal auch zu begreifen, daß das Verhalten, welches wir in einer solchen Gesellschaft dringend brauchen, nämlich Toleranz der Vielfalt, zunächst einmal unter uns selber beginnen muß.

In einer der nächsten Ausgaben will ich daher von einem Projekt berichten, das in den nächsten Jahren in der BRD anlaufen soll, und zu dessen theoretischen Grundlagen Menschen wie Max Nettlau Pate gestanden haben.

[*Max Nettlau »EUGENIK DER ANARCHIE«, Verlag Büchse der Pandora, Postfach 1820, 6330 Wetzlar (BRD)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1985
Wurzelwerk 38, Seite 40
Autor/inn/en:

Horst Stowasser:

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