Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1999 » Heft 3/1999
Stephan Grigat

Materialien zum Nachschlagemarxismus

Der Kritiker als Kombattant im Wissenschaftsbetrieb und die vermeintliche Pluralität des Haugschen Marxismus

Das „Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) ist ein Mammutprojekt. Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Kontinenten arbeiten an über 1200 Stichwörtern. Sieben Personen sind allein mit der Kontrolle der Zitate beschäftigt. Der wissenschaftliche Beirat des Wörterbuchs, das auf zwölf Bände angelegt ist, setzt sich aus international renommierten Wissenschaftlern zusammen. Die Idee zu einem derartigen Wörterbuch entstand bereits bei den Übersetzungsarbeiten zum „Kritischen Wörterbuch des Marxismus“ von Georges Labica. Die Vorbereitungen zum HKWM reichen also bis weit in die 80er Jahre zurück.

Bisher sind von dem von Wolfgang Fritz Haug herausgegebenen Wörterbuch die ersten drei Bände erschienen. Seit einiger Zeit liegt auch ein kleiner Band mit „Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus“ vor, der gleichzeitig eine Festschrift zum 60. Geburtstag des Herausgebers ist.

Der erste Teil der „Materialien“ besteht aus einer Sammlung von zehn kurzen Artikeln, in denen Aspekte des Marxismus und der Marx-Forschung angerissen werden. Narihiko Ito verweist auf die Wichtigkeit einer eingehenderen Untersuchung der Marxschen ethnologischen Exzerpthefte für die weitere Marx-Forschung. Harald Kerber stellt Überlegungen zum Stichwort „Verdinglichung“ an und richtet sich mit Marx gegen Habermas und Luhmann. Zum Teil erfüllen die Aufsätze im erstenTeil aber auch nur die Aufgabe, das Wörterbuchprojekt zu loben und dem Herausgeber zu huldigen. Einige Autoren können sich dabei kaum zügeln. Georg Knepler etwa attestiert Haug, mit seinem Projekt „eine Art von Globalisierung des Menschengeistes herzustellen.“ (S. 53)

Es ist erfreulich, daß mit Isabel Monal in diesem ersten Teil auch eine kubanische Marxistin zu Wort kommt. Weniger erfreulich ist es hingegen, daß Monal den Marxismus mit nationalen Traditionen verknüpfen möchte, worin sie eine „schöpferische Bereicherung“ des angeblichen Bemühens von Marx und Engels sieht, „die soziale Dimension überzeugend mit der sogenannten nationalen Frage zu verbinden“. (S. 64) Abgesehen davon, daß Engels und vor allem Marx der „sogenannten nationalen Frage“ gegenüber sehr viel skeptischer eingestellt waren, als Monal behauptet, dokumentiert sie mit ihrem emphatischen Bezug auf die fetischisierte Herrschaftskategorie Nation die Notwendigkeit der Fortsetzung linksradikaler Kritik am linken Nationalismus.

Im zweiten Teil des Buches findet sich ein umfangreicher Aufsatz von Michael Krätke mit dem Titel „Marxismus als Sozialwissenschaft“. Krätke versucht auf relativ knappem Raum, den Marxismus zu periodisieren, bisherige Anstrengungen, die Geschichte des Marxismus zu schreiben, darzustellen, einflußreiche Schulen des Marxismus zu kritisieren und zahlreiche Probleme der marxistischen Revolutions- und Staatstheorie, der Ökonomie und der Philosophie, der Methodik und Erkenntniskritik anzusprechen.

Bei seiner eigenen Periodisierung teilt er den Marxismus in vier Phasen ein. Die erste Phase umfaßt nach Krätke die Zeit der Entstehung der Schriften von Marx und Engels, worauf die Periode des klassischen Marxismus folge. Die dritte Phase von der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution bis zu den 60er Jahren ist einerseits von der Herausbildung des Marxismus als Staatsdoktrin in Form des Marxismus-Leninismus und andererseits von der Entwicklung eines vielfältigen westlichen Marxismus geprägt. Mit der akademischen und auch gesamtgesellschaftlichen Renaissance des Marxismus in den 60er Jahren setzt Krätke die vierte Phase des Marxismus an, in der er sich als Sozialwissenschaft etabliert, in der sich „zum ersten Mal wissenschaftliche marxistische Schulen bilden“ (S. 83), und in die auch das Projekt des „Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus“ gehört. Bezüglich der marxistischen Schulen werden insbesondere die analytischen Marxisten und die Regulationisten eingehender dargestellt und auch kritisiert. Die sogenannten „Kapitallogiker“ finden hingegen nur am Rande Erwähnung.

Sozialwissenschaft oder Kritik

Krätke geht es offensichtlich darum, Marx als satisfaktionsfähigen Gegner für die bürgerliche Wissenschaft zu präsentieren. Er bezeichnet ihn als „Klassiker der Sozialwissenschaften, weil vieles von dem, was er als erster oder als einer der ersten studiert, formuliert und ausprobiert hat, heute zum elementaren Wissen, zum Einmaleins der sozialwissenschaftlichen Disziplinen gehört“. (S. 98 f.) Es mag ja ganz sinnvoll sein, Marxismus mit Max Adler in erster Linie als „Programm wissenschaftlicher Arbeit“, oder mit Lakatos als „ein sich entwickelndes Forschungsprogramm“ (S. 85) zu verstehen, um ihn vor Diffamierungen als Parteiideologie und auch vor Verharmlosungen als auf Meinung und Geschmack beruhender Weltanschauung in Schutz zu nehmen. Soll das aber wie bei Krätke dazu dienen, für den Marxismus „das Bürgerrecht im Reiche der Sozialwissenschaften auf Dauer (zu) erwerben“ (S. 97), läuft man Gefahr, die Kritik, die das wesentliche Element der Marxschen Theorie und jedes brauchbaren Marxismus ist, zugunsten einer akademischen Konkurrenzfähigkeit aufzugeben.

Es ist jedoch fraglich, ob für Krätke die Kritik alles Bestehenden tatsächlich das zentrale Anliegen ist. Wenn er schreibt, die „‚Politische Ökonomie‘ (...) der Sozialismen ist heute möglich“ (S. 116) geht es ihm offenbar vielmehr um die Formulierung einer konkreten Utopie, was auch in der positiven Bezugnahme auf allerlei idealistische, angeblich radikale Reformversuche zum Ausdruck kommt. Unter Berufung auf Perry Anderson formuliert er einen ganzen Katalog von Fragen, die seiner Einschätzung nach heute beantwortet werden müßten, wenn man wissen will, wie das, was er „sozialistische Demokratie“ und „fortgeschrittene sozialistische Ökonomie“ (S. 116 f.) nennt, aussehen soll. Krätke wandelt sich damit vom Kritiker zum sozialistischen Pragmatiker. Anstatt, was richtig wäre, daran festzuhalten, „daß das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist“ (Adorno) und sich also auf die radikale Kritik, aus der sich die Utopie ex negativo ergibt, zu beschränken, beginnt Krätke sogleich Nägel mit Köpfen zu machen und formuliert beispielsweise Fragen wie „Welche Rolle sollen Märkte (im Sozialismus; S. G.) spielen?“ worauf die einzig richtige Antwort, nämlich daß Märkte in einer Gesellschaft, die mit der Warenlogik bricht, überhaupt keine Rolle zu spielen haben, angesichts der Formulierung der Frage gar nicht mehr vorgesehen ist. Seine Ambitionen, die Beschreibung einer Gesellschaft jenseits von Wertverwertungslogik und Herrschaft vorwegnehmen zu wollen, sind, auch wenn er nicht mehr vom Sozialismus, sondern von den Sozialismen spricht, ein autoritärer Vorgriff auf die Möglichkeiten einer befreiten Gesellschaft.

Einblicke in Arbeitsweise

Der dritte Teil des Buches entspricht am ehesten den Anforderungen eines Materialbandes. Frigga Haug gibt einen Rückblick auf den Internationalen Kongreß zum Wörterbuch, der im März 1996 in Berlin stattfand. Im Weiteren gewährt einem der Abdruck des Entwurfs für das Stichwort „Revolution“ von Bastiaan Wielenga, der auf dem Kongreß vorgestellt wurde, und vor allem das Protokoll der Diskussion zu diesem Entwurf, Einblicke in die kollektive Arbeitsweise der am Wörterbuch-Projekt beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Abdruck einer Liste aller geplanten Stichwörter für die nächsten Bände des HKWM findet sich ebenfalls.

Die bisherige Rezeption des Wörterbuchs wird durch den Abdruck einer Auswahl von deutsch- und englischsprachigen Rezensionen aus Fachzeitschriften und Tageszeitungen dokumentiert. In ihnen findet man alles, was man am HKWM loben oder kritisieren kann. Die beiden wichtigsten Kritikpunkte seien hier nochmals hervorgehoben. Zum einen wurde von verschiedenen Rezensentinnen und Rezensenten bemängelt, daß den meisten Autorinnen und Autoren des HKWM eine gewisse Distanz zur Kritischen Theorie deutlich anzumerken ist. Zum anderen wurde beispielsweise von Brigitte Hering im „Neuen Deutschland“ kritisiert, daß im Wörterbuch „vornehmlich die akademisch etablierten“ Richtungen des Marxismus vertreten sind: „was allzu radikal denkt, bleibt draußen.“ (S. 148) Und tatsächlich: die in den 80er und 90er Jahren in der BRD entstandenen Zeitschriftenprojekte wie „Kritik und Krise“ in Freiburg oder „Bahamas“ in Berlin, in denen meist abseits des akademischen Treibens in expliziter Anlehnung an die Kritische Theorie von Adorno Gesellschaftskritik betrieben wird, finden in den bisher erschienenen Bänden des HKWM ebensowenig Beachtung, wie die Analysen der wertkritischen Marxisten und Marxistinnen um die Nürnberger Zeitschrift „Krisis“. Ganz so plural ist der Haugsche Marxismus dann eben doch nicht. Äußerst problematisch ist es auch, daß sich der Herausgeber des HKWM die Autorenschaft für zahlreiche der zentralen Stichwörter reserviert hat. Außerdem hört man, daß er teilweise in unverantwortlicher Weise ohne Absprachen inhaltliche Änderungen an den Texten anderer Autoren vornimmt, wenn deren Ausführungen nicht mit dem Haugschen Marxverständnis übereinstimmen.

Frigga Haug/ Michael Krätke (Hg.): Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Für Wolfgang Fritz Haug zum 60. Geburtstag. Hamburg: Argument Verlag, 1996, 216 Seiten, 145,— ATS

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1999
Heft 3/1999, Seite 14
Autor/inn/en:

Stephan Grigat:

Politikwissenschaftler und Publizist, Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor der Kampagne Stop the Bomb in Österreich, Mitglied von Café Critique. Von Juni 1999 bis September 2001, im November 2002 und von Oktober 2003 bis März 2004 Redaktionsmitglied, von Juni 1999 bis September 2000 sowie von Oktober 2003 bis Juni 2004 koordinierender Redakteur von Context XXI.

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