Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1998 » Heft 4/1998
Stephan Grigat

Marxismus und Obskurantismus

Was die Linke heute braucht, ist nicht die Fortsetzung ihrer begriffslosen Praxis, sondern die Re- und Neuformulierung einer radikalen Gesellschaftskritik. Zu den wenigen Linken, die das „Kapital“ nach wie vor als Quelle der Erkenntnis schätzen, gleichzeitig aber versuchen, die Marxschen Gedanken weiterzuentwickeln, gehört Walter G. Neumann, der sich vorgenommen hat, einen umfassenden Kommentar zum Marxschen Hauptwerk zu verfassen. Neumann war beim Sozialistischen Büro und bei den Grün-Alternativen in der BRD tätig und zeitweise an der Uni Hannover beschäftigt. Aufgefallen ist er vor allem durch seine unglaubliche Textproduktion. In den letzten 18 Jahren hat er ungefähr vierzig Bücher und Broschüren geschrieben, die jedoch kaum beachtet wurden, was bei ihm zu einem gewissen, gerne zur Schau gestellten Selbstmitleid geführt hat. Neben der Radikalität von Neumann, der sich selbst als „revolutionärer Marxist und Psychoanalytiker“ bezeichnet, liegt ein Grund für dieses Ignorieren vermutlich in dem an Angeberei und Selbstüberschätzung grenzenden Selbstbewußtsein des Autors, der für sich reklamiert, über das „von Hegel sogenannte absolute Wissen“ zu verfügen, und der seinen ersten Band des Kommentars zum Marxschen „Kapital“ — der zweite und dritte liegen ebenfalls schon vor — für die erste umfassende Darstellung dieses Werkes hält. Ein weiterer Grund für die bisherige weitgehende Mißachtung von Neumanns Schriften dürfte in seiner eigenwilligen Art der Theoriebildung und seinen häufig — um es vorsichtig auszudrücken — überraschenden Schlußfolgerungen liegen. Dennoch haben seine Bücher einiges zu bieten.

Als seinen einzigen Lehrer bezeichnet Neumann Hans-Jürgen Krahl. Das läßt für seine Ausführungen einiges erwarten, gehören doch die Schriften Krahls im Vergleich etwa zu den Äußerungen des national gesinnten Dutschke und der Kohorten ehemals revolutionärer und nun linksreformistischer oder auch rechter Alt-68er mit Abstand zum Besten, was von der Studentinnen- und Studentenbewegung geblieben ist. Der Einfluß Krahls ist bei Neumanns „Kommentar“ durchaus erkennbar. Wie schon der Theoretiker der Studentinnen- und Studentenbewegung weist Neumann auf die Wichtigkeit der Unterscheidung von Tauschwert und Wert in der MarxschenTheorie hin. Großen Teilen der Linken erteilt er implizit eine berechtigte Absage, indem er „Gleichheit“ nicht als Wert begreift, für den man eintreten müßte, sondern als „ein Abstraktionsprodukt von realer, wirklicher Ungleichheit der Produkte und Menschen.“ Anders als in den meisten links-sozialdemokratischen oder marxistisch-leninistischen Marx- Interpretationen, sieht Neumann in den Marxschen Kategorien keine positivistisch zu wendende Theorie der Gesellschaft und schon gar keine Anleitung zum Aufbau des Sozialismus, sondern behandelt die Marxschen Begriffe unter dem Aspekt ihrer Aufhebbarkeit. Wie schon Marx, will Neumann Geld, Wert und Staat nicht anders gestalten oder nutzen, sondern abschaffen. Weder ist Neumann wertfetischistisch und staatsapologetisch noch findet sich bei ihm die in der traditionellen Linken obligatorische Ontologie von Arbeit und Politik.

Einiges hat Neumann vom schlechten Erbe der traditionellen Linken dennoch übernommen. Beispielsweise formuliert er, wie schon viele marxistische Theoretikerinnen und Theoretiker vor ihm, eine Zusammenbruchstheorie und läßt sich dazu hinreißen, zeitliche Voraussagen über die Errichtung des Kommunismus abzugeben. Die „gegebenen ökonomischen und ökologischen Verhältnisse“ würden „aller Wahrscheinlichkeit nach nach dem Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts zusammenbrechen“ und die neue Gesellschaft, „die neue Prawda und Commune“, werde „in 20, 30 Jahren verwirklicht sein.“

Neumanns Orientierung an Krahl wird auch in seiner Gebrauchswertbestimmung deutlich. Er schreibt: „Der Gebrauchswert führt (...) nach Marx ein außerökonomisches Dasein.“ Weiter führt er aus, daß die Gebrauchswerte verschwinden werden, womit er ebenfalls in der Tradition des früh verstorbenen Theoretikers der 68er-Bewegung, nach dessen Ansicht die Gebrauchswerte durch das Kapitalverhältnis „gewaltsam annektiert“ und „ruiniert“ werden, steht. Die doppelte Bestimmung des Gebrauchswerts, wonach dieser einerseits zwar hinsichtlich seiner „stofflichen Seite“ jenseits der Ökonomie hegt, andererseits aber als Träger des Tauschwerts unmittelbarer Bestandteil der Ökonomie und ihrer Kritik ist, wie Marx in den „Grundrissen“ ausgeführt hat, und daß demnach der Gebrauchswert zumindest in seiner Funktion als Träger des Tauschwerts nicht verschwinden oder absterben kann, findet bei ihm keine Beachtung.

Das Hauptanliegen von Neumann besteht darin, „die Psychologie, die das Herzstück der Marxschen Theorie“ bilde, darzustellen. Würde er damit die Marxsche Fetischtheorie meinen, die — so man Psychoanalyse als eine Form von Ideologiekritik begreift — durchaus als psychoanalytisches Element der Marxschen Theorie begriffen werden kann, könnte dabei Vernünftiges herauskommen. Neumann geht es aber um etwas völlig anderes. Er erfindet eine Art psychoanalytischer Geldtheorie jenseits der Werttheorie, wenn er schreibt, das Geld respektive Gold werde „nicht deshalb zum Wertmaßstab, weil es, wie Marx und die Nationalökonomen meinten, selten ist, sondern weil es den sinnlichen Glanz des Phallus symbolisiert.“

Psychoanalytische Ansätze sind im Marxismus oft vorschnell abgetan worden, so daß man gegenüber Leuten wie Neumann vorsichtig agieren sollte. Dennoch ist Neumanns Versuch, Gebrauchswert, Tauschwert und Wert in Beziehung zu Freuds 3-Stadien-Theorie zu setzen zwar nicht uninteressant, aber so, wie Neumann diesen Zusammenhang konstatiert, nur schwer nachvollziehbar. Ebenso bleibt völlig im Dunkeln, wie seine mehrmalige Behauptung, Jesus sei ganz sicher homosexuell gewesen, eine kritische „Kapital“-Interpretation voranbringen soll. Besonders problematisch werden seine Versuche, die Marxsche Werttheorie mit der Freudsehen Psychoanalyse und Sexualitätstheorie zusammenzubringen, wenn er die gleichgeschlechtliche Liebe als Entsprechung des Äquivalententauschs definiert und sie somit dem Abzuschaffenden zuschlägt. Nach Neumanns Ansicht werden Menschen erst „unter dem Druck der Leistungsgesellschaft in gesamtgesellschaftlichem Maßstab vermehrt latent homosexuell.“ Einerseits schreibt er, daß nicht Jesus, der ihm als Synonym für Homosexualität gilt, leben muß, „sondern die Liebe“, die demnach nur heterosexuell sein kann, meint aber andererseits nur eine Seite weiter, daß „‚wahre‘ Liebe gleichgeschlechtliche Liebe (ist).“

Bei allem Respekt vor der Radikalität Neumanns, die in seiner klaren Orientierung auf Abschaffung und Aufhebung aller offenen und verschleierten Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck kommt, ist das, was er mit seinen Schriften betreibt, eine Gratwanderung zwischen kritischem Marxismus einerseits und Obskurantismus andererseits.

Walter G. Neumann:

  • Der Kommentar I. Die Ware und das Geld, 144 S., 33,90 DM
  • Der Kommentar II. Die Kritik der politischen Ökonomie, 256 S., 43,90 DM
  • Der Kommentar III. Methode, Geschichtsbegriff, Anthropologie, konkrete Utopie, 360 S., 54,90 DM

Verlag für die Gesellschaft: Hannover 1997/98

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1998
Heft 4/1998, Seite 15
Autor/inn/en:

Stephan Grigat:

Politikwissenschaftler und Publizist, Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor der Kampagne Stop the Bomb in Österreich, Mitglied von Café Critique. Von Juni 1999 bis September 2001, im November 2002 und von Oktober 2003 bis März 2004 Redaktionsmitglied, von Juni 1999 bis September 2000 sowie von Oktober 2003 bis Juni 2004 koordinierender Redakteur von Context XXI.

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