Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1999 » Heft 4/1999
Stephan Grigat

Marx und die Volkswirtschaft

Über die mißbräuchliche Nutzbarmachung der Kritik der politischen Ökonomie für die Wirtschaftswissenschaft

Wenn man ein Buch über Marx durchblättert und es in ihm von volkswirtschaftlichen Diagrammen und Tabellen nur so wimmelt, und wenn sich im Stichwortregister dieses Buches zwar Begriffe wie „Transfereinkommen“, nicht aber „Verdinglichung“, „Fetischismus“ oder „Versachlichung“ finden, dann weiß man ungefähr, was einen erwartet. Wenn dann noch in der Einleitung der Herausgeber zu lesen ist, daß es ihnen darum geht, zu fragen, was von „der Marxschen Weltsicht wissenschaftlich produktiv bleibt“, wenn sich der Marxismus „in der Konkurrenz der ökonomischen Ansätze der scientific communityzu bewähren hat“, wird deutlich, daß hier keine Fortsetzung des Marxschen Projektes, nämlich der Kritik alles Bestehenden, zu erwarten ist, sondern die akademische Depotenzierung von jener Gesellschaftskritik, die mit Marx ihren Anfang nahm.

Peter Ruben, Professor im Ruhestand, bringt die Philosophiegeschichte in Anschlag, um mit Hegel und Epikur die Unvernünftigkeit des Kommunismus zu beweisen und zu der zeitgeistigen Überzeugung zu gelangen: „Die Vorstellung vom Privateigentum als der Wurzel aller sozialen Übel, ist falsch.“ Er verwirft die Darstellung der Wertformen im ersten Band des Marxschen Kapital und meint, eigene Wertformen anbieten zu müssen. Er fordert Definitionen, wo es Marx um das Begreifen der Sache im Durchgang ihrer Darstellung ging. Er „variiert“ die Marxsche Ausdrucksweise, verwirft zentrale Aussagen der Werttheorie als „völlig inakzeptabel“, nimmt „Umbenennungen“ vor, läßt Marxsche Kategorien, wie die Wertsubstanz „beiseite“, um sie durch andere zu ersetzen und gibt das Ganze dennoch als einen Versuch einer Rekonstruktion der Marxschen Theorie aus. Seine Ausführungen sind über weite Strecken aber nur eine Wiedergabe der durch Engels mitverursachten Fehlinterpretationen des Kapitals. Beispielsweise geht es ihm, der traditionsmarxistischen Betrachtungsweise des Marxschen Hauptwerkes treu bleibend, darum, abermals zu beweisen, daß „das der Wertformlehre zugrunde liegende Interesse (...) klar historisch, nicht analytisch (ist).“ Dieses Mißverständnis der Wertformanalyse, bei der es sich gerade nicht um eine geschichtliche Untersuchung, sondern um eine sytematische Ableitung des Geldes aus seinen logischen Voraussetzungen handelt, korrespondiert mit Rubens Einschätzung, Marx’ Kapitalismusbegriff sei wesentlich an Personen, an die Kapitalisten als Träger dieser Gesellschaft, gebunden gewesen. Da er nicht sieht, daß es Marx gerade um das Kapital als gesellschaftlichem Verhältnis gegangen ist, daß er Bewegungsgesetze analysiert hat, die sich hinter dem Rücken der Personen durchsetzen, kommt er zu dem ebenso banal richtigen wie auch zugleich völlig falschen Schluß, daß wir heute „mit einer Gesellschaftsordnung konfrontiert (sind), die dem Kapitalismus in der Marxschen Beschreibung nicht mehr entspricht“.

Hans G. Nutzinger schließt sich in fast allen Punkten Rubens Einschätzung an und dokumentiert, welche praktischen Konsequenzen aus einem derartigen Marx-Verständnis resultieren. Der Volkswirtschaftsprofessor und Mitherausgeber des Jahrbuchs Ökonomie und Gesellschaft fordert nicht die Aufhebung der Warenförmigkeit, sondern wirft die „ethische Frage noch dem Umfang der Warenförmigkeit“ auf. Er sorgt sich um die „Zukunftsfähigkeit real existierender marktwirtschaftlicher Ordnungen“ und hält sein idealistisch-moralisches Sozi-Programm einer „ethischen Begrenzung der Warenförmigkeit“ für eine „immanente Voraussetzung einer bürgerlichen Gesellschaft“. Das große Problem von Marx sieht er darin, daß er „die positiven Koordinationsleistungen des Marktes nicht wirklich in den Blick“ bekommen habe. Nutzinger hingegen tut das und fährt deswegen voll auf Preise und Profit ab, weil die schließlich „wertvolle Informationen generieren und weitergeben und so Handlungsanreize schaffen“. Im akademischen Bereich plädiert er für eine „marxistisch inspirierte Sozialwissenschaft“, die allerdings mit der Marxschen Wertkritik nichts am Hut haben dürfe. Da fragt man sich dann, wozu er den Zusatz „marxistisch“ überhaupt für notwendig erachtet.

Durchaus lesenswert ist hingegen der Beitrag von Heinz-Dieter Hausstein, der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Marx und der evolutorischen Ökonomik, die sich seit einiger Zeit als eigenständige theoretische Richtung in der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft etabliert hat, herausarbeitet und dabei auch die Dogmatisierungen des Marxismus-Leninismus ins Zentrum der Kritik rückt. Auch der Aufsatz von Manfred Lauermann über „Marx als Wirtschaftssoziologe“ hebt sich, trotz seiner mitunter willkürlich anmutenden Vielfalt an Theoriebezügen (von den italienischen Operaisten über die Postmoderne bis zur Systemtheorie) positiv von Nutzingers und Rubens Beiträgen und vor allem auch von Gerhard Hubers Aufsätzen zur Kritik der Marxschen Klassentheorie, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, ab.

Auch wenn sich in einigen Aufsätzen des Sammelbandes, der Beiträge einer Tagung von Ökonominnen und Ökonomen aus der ehemaligen DDR und der BRD aus dem Jahr 1995 zusammenfaßt, durchaus Richtiges findet, bleiben die meisten Autoren einem recht eigenwilligen, jedoch gerade im akademischen Betrieb häufig anzutreffenden Verständnis der Marxschen Theorie verhaftet. Wahrscheinlich ist dieses Verständnis schon in der Fragestellung, was von der ökonomischen Theorie von Marx bleibe, angelegt, da sie Marx zum Ökonomen stempelt, anstatt ihn als Kritiker der Ökonomie zu begreifen. Zwar ist die Marxsche Kritik auch ökonomische Theorie im klassischen Sinne, aber ihr Wesen liegt in der Kritik der politischen Ökonomie als solcher. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie basiert im Gegensatz zur auch heute in der Volkswirtschaftslehre vorherrschenden subjektiven Wertlehre, und durchaus auch im Gegensatz zu objektiven Werttheorien, als welche die Marxsche Wertkritik im Sammelband immer wieder bezeichnet wird, auf etwas, was man am ehesten eine gesellschaftliche Werttheorie nennen könnte, die die Analyse des Werts, der Verselbständigung des Werts im Geld und der Verwandlung des Geldes in Kapital umfaßt. Eines der großen Mißverständnis von Marx Kapital ist wohl jenes, daß man glaubt, es gäbe so etwas wie eine Marxsche Wirtschaftslehre. Dabei wird so getan, als gäbe es ein paar liberale und konservative, also bürgerliche Theorien dazu, wie das, was man so Wirtschaft nennt, funktioniert, und dann gibt es eben den Marx, der die gleichen Zusammenhängeein bißchen anders erklärt. In einigen Punkten trifft das natürlich durchaus zu. Nur kann so das Wesen, der Kern von Marx kaum begriffen werden, da er sich zum Teil mit ganz anderen Gegenständen beschäftigt als die bürgerliche Wirtschaftslehre. Vor allem stellt er ganz andere Fragen. Es war nicht sein Anspruch, eine ökonomische Theorie neben anderen zu entwerfen, sondern alle anderen ökonomischen Theorien in ihrer Gesamtheit, also bereits in ihren grundsätzlichen Prämissen, in ihren – oft unausgesprochenen – Voraussetzungen zu kritisieren. Der Marx im Kapital ist also durchaus kein Ökonom, da er gerade auf die sozialen Beziehungen, die das, was dann Ökonomie genannt werden kann, erst konstituieren, abhebt. Er ist aber ebenso kein Soziologe — zumindest im positivistischen Sinne —, da er gerade die Scheinhaftigkeit der soziologischen Realität auf ein inneres Wesen der Gesellschaft zurückführt. Ebenso wenig ist er aber Philosoph, da er dieses innere Wesen als materielle Wirklichkeit faßt, der die Individuen, ohne daß sie diese Wirklichkeit begreifen, unterworfen sind. Die Marxsche Kritik handelt also, wie Hans-Jürgen Krahl das einmal nannte, von der Bewußtlosigkeit aller Beteiligten. Aber auch die Psychologie ist bei Marx etwas anderes als die Untersuchung individueller unbewußter Disposition, da es ihm um Ideologiekritik, um das gesellschaftlich Unbewußte und dessen soziale Konstruktion geht. Die ganze Wissenschaftseinteilerei funktioniert bei ihm nicht. Was wir bei Marx vorfinden, ist schlicht und einfach Gesellschaftskritik, also Kritik der bestehenden Gesellschaft und Kritik der Vorstellungen, die von dieser Gesellschaft existieren. Diese Kritik gilt es fortzuführen, anstatt den „marxistischen Ansatz“ auf seine Brauchbarkeit für volkswirtschaftliche Theoriebildung abzuklopfen.

Camilla Warnke/Gerhard Huber (Hg.): Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt? Reflexionen nach dem Ende des europäischen Kommunismus. Metropolis-Verlag: Marburg 1998, 240 S., 44,- DM

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1999
Heft 4/1999, Seite 8
Autor/inn/en:

Stephan Grigat:

Politikwissenschaftler und Publizist, Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor der Kampagne Stop the Bomb in Österreich, Mitglied von Café Critique. Von Juni 1999 bis September 2001, im November 2002 und von Oktober 2003 bis März 2004 Redaktionsmitglied, von Juni 1999 bis September 2000 sowie von Oktober 2003 bis Juni 2004 koordinierender Redakteur von Context XXI.

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