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Fritz Widhalm

mail art

Jedejeder eine KünstlerIn, jedejeder ein Kunststück.

Dieser Idee liegt die Utopie der Überwindung der Trennung zwischen KünstlerIn und sogenanntem Publikum, zwischen Kunst und sogenanntem Leben zugrunde. In der mail art wird nicht nur diesem Anspruch Rechnung getragen, sondern auch der Idee, daß KünstlerInnen ein Netz aufbauen, das von Solidarität, Neugier und Kommunikation getragen ist. Der konservativen und althergebrachten Vorstellung „Kunst kommt von Können“ wird geantwortet: „DilettantInnen aller Länder vereinigt Euch!“ mail art bildet eine nicht-kommerzielle Nische im marktorientierten Kunstbetrieb. Die Abwesenheit des Marktes in dieser Nische bedeutet nicht nur, daß hier lebendiger Austausch stattfinden kann, sondern auch, daß für die einzelnen KünstlerInnen kein Geld zu verdienen ist. Nicht umsonst arbeiten viele mail art-KünstlerInnen gleichzeitig in anderen Bereichen des sogenannten Kunstbetriebs, wo es zumindest möglich ist, nicht ganz umsonst zu arbeiten.

mail art besteht im wesentlichen darin, daß Menschen einander ihre Kunst- und sonstigen Werke zuschicken. Schließlich ist (auch ohne das vielfach beworbene Internet) fast jeder Ort durch die Post erreichbar. Und so passierts dann: Eine Person stellt sich ein Thema: z. B. „You & me, collaborations in mail art“, ein Projekt von L. Klassen/Art Gallery of Southwestern Manitoba, Canada. Dieses Thema wird in Rundbriefen und/oder durch persönliche Einladungen bekannt gemacht. TeilnehmerInnen – also alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen (wollen) – schicken das Ergebnis ihrer künstlerischen Auseinandersetzung nach Canada. Im Fall dieses Projekts geht es um Zusammenarbeit zwischen mehreren mail artistInnen („submit work that has involved two or more artists“). Alle eingesendeten Arbeiten wurden im März 1996 in Canada ausgestellt. Es gibt Einladungen zu Ausstellungen, Text- und Bildmappen, Kartons, Schachteln mit Objekten, Audio und Videokassetten usw. Die einzige Beschränkung in der Wahl der künstlerischen Mittel ergibt sich dabei durch die Notwendigkeit des Transportes durch die Post. Die Beiträge werden gesammelt, kopiert, dokumentiert, gebunden und dann (sofern nicht am Postweg oder sonstwie verloren) wieder allen TeilnehmerInnen zugesandt. Also: gesetzt den Fall, ich schicke etwas zum Thema „ZAUM“ (Lautdichtung, entwickelt von A. Krucenych 1912/1913 in Rußland), kann ich damit rechnen, die künstlerischen Stellungnahmen von mindestens 20 bis unendlich mail artistInnen aus aller Welt zu erhalten. Gleichzeitig weiß ich, daß mein Beitrag ebenfalls rezipiert wird, und kann mich über bargeldlosen Kunstverkehr mit aller Welt freuen.

Interessant sind auch verschiedene Projekte der Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen oft über Tausende von Kilometern hinweg: So haben wir (Das fröhliche Wohnzimmer) einmal auf Einladung eines Musikers eine Kassette mit Songmaterial in die USA geschickt, wo es von einer Gruppe namens „Senile Bisons“ vervollständigt wurde. Das Produkt „Senile Bisons crying for Das Fröhliche Wohnzimmer“ wird über das amerikanische Zidslick-Label vertrieben. Auch Collagen werden begonnen und zur Weiterarbeit verschickt. Die einzelnen Entstehungsschritte einer solchen Collage werden kopiert, sodaß alle Beteiligten über den Fortgang des gemeinsamen Werks informiert werden – was eigentlich längerfristig unmöglich ist, zieht man die zahlreichen Verzweigungen, Nebengleise und Abstellgleise in Betracht. Man kann übrigens – quasi nebenbei – lernen, daß das Werk nicht alleiniger Ausdruck der Kunst ist, was das fallweise Verlorengehen von Werken der übergroßen Bedeutung beraubt.

Zusammenarbeit von KünstlerInnen, Aufbau von Kontakten und Betonung der kommunikativen Seite der Kunst: das sind die Ideen, die für das Netzwerk mail art ausschlaggebend waren und sind, für ein Netzwerk, von dem Theo Breuer, mail artist aus Deutschland, schreibt, daß es „Katalysator ist für Abbau von Grenzen, Klischees und Vorurteilen, im kleinen zwar, aber immerhin ...“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1996
ZOOM 1/1996, Seite 23
Autor/inn/en:

Fritz Widhalm:

geboren am 15. juli 1956 in gaisberg, niederösterreich, text, bild, ton und WOHNZIMMER zeitschrift für unbrauchbare texte und bilder.

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