Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Lob der Wut

Wenn Haider, wie es heißt, die Wut der Leute schürt, dann schürt er eine Wut, die da ist. Wir haben ja schon fast geglaubt, sie wäre in billigem Feierabendglück ersäuft worden. Wenn man Haider für irgendetwas dankbar sein müßte, dann dafür, daß er diese vorhandene riesengroße, mächtige Wut sichtbar gemacht hat. Sie ist das Kostbarste, was wir haben. Denn Wissen über die Zustände und über deren Überwindbarkeit kann man sich aneignen, Wut nicht.

Ein Teil des Frustes wird, bevor er Wut werden kann, mit importiertem Schnickschnack zugedeckt (siehe oben), ein andrer wird von den Medien pulverisiert, in den Urlaub exportiert, in eine Schiabfahrt hinuntergestürzt usw. Das Unbehagen, das stark genug ist, sich zwischen allen diesen Fallen durchzuschlagen zu Empörung, hat sich Haider ausgeliehen. Ihm gelingt es, Vertrauen zu gewinnen, indem er in verführerischer Weise die Bedürfnisse und brennendsten Nöte der Massen anspricht. Zu meinen, jemand, der so mies ist wie Haider, spekuliere auf die miesesten Gefühle der Menschen, ist komplett falsch. Er spekuliert natürlich auf die besten Gefühle der Massen. Das ist das Schlimme! Nicht, daß er eine Million Stimmen hat. Sondern daß er die wunderbare, wertvolle Wut dieser Leute abschleppt. Um die Dinge zu ändern, wird diese Wut über die Dinge gebraucht. Wir dürfen nicht zurückschrecken vor ihr. Sie ist ein zu kostbares Gut, als daß wir jemand damit durchbrennen lassen könnten. Es ist Energie. Es ist unsere Energie. Die Haiderwähler verdienen etwas viel Besseres als Haider. Er ist weit unter ihrem Bedarf. (Ja, Haider kehrt die Wut der Leute ganz im Sinne des Systems gegen sie selber. Ihre Ablehnung der Flüchtlinge ist nichts anderes als die Ablehnung der eigenen sehr positiven Freiheitskräfte. Mit dem Haß auf Arbeitslose, Sozialrentner usw. bekämpft er bei seinen Anhängern deren revolutionäre leistungshemmende Sehnsucht nach weniger Arbeit, anderer Arbeit, gerechtem Anteil am Erarbeiteten — ganz nach Wunsch der Besitzenden.)

Einen Teil der Haiderwähler zeichnet auch Gewaltbereitschaft aus. Auszeichnen meine ich wörtlich: im Sinne von hervorheben, adeln. Wie oft hört man: „Dia do oben miaßat man ...!“, „Dia ghearatn ja alle ...!“, „Den sollt man sofort ...!“ Die Gewaltbereitschaft an sich ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wo sie geblendet wird, haut sie freilich voll daneben.

Gewalt ist die allernatürlichste Reaktion auf die Gewalt, die u.a. auf dem Lohnzettel steht, im Mietvertrag oder auf dem Kassabon des Supermarktes. Daß wir sie als negativen Kraftüberschuß z.B. im Sport verheizen, im Straßenverkehr Unheil anrichten oder im familiären Infight gegen uns selber losgehen lassen, scheint uns normal. Aber der Ort, wo sie hingehört, ist der, wo sie herkommt. Die Gewalt, die aus vielen Haiderwählern zu brechen nicht: droht, sondern: verspricht, ist im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig. Ohne sie ist die Gewalt, die herrscht, nicht umzubringen. Um das leisten zu können, muß die in den Unterdrückten systematisch erzeugte Gewaltfähigkeit aber von der Form eines jähen Ausbruchs in die dauerhafter Stärke übergeführt werden. Die individuelle Abreaktion, zu der sie neigt, muß überwunden werden zugunsten organisierter Militanz.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1996
Heft 22, Seite 77
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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