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Markus Wilhelm

Lob der Haiderwähler

Haiderwahlkampf: Kufstein 1994, Imst 1995

Wahlen in der kapitalistischen Demokratie haben auch den Zweck, die Bevölkerung gezielt, immer wieder, an der falschen Stelle zu spalten. In Wahrheit gehören 95 Prozent der Haiderwähler und 95 Prozent der Vranitzkywähler, ja überhaupt 95 Prozent der Wähler und 95 Prozent der Nichtwähler zusammen. Sie haben miteinander mehr zu tun als mit irgendeinem Parteichef. Daß sie’s nicht wissen, ist schlecht, ändert aber nichts an dieser Tatsache.

Nun ist es aber doch so, daß es sich bei der Haiderwählerschaft um die in ihrer Unzufriedenheit mit diesem System am weitesten fortgeschrittene Bevölkerungsgruppe handelt. Das, und nicht, daß sie Haider wählen, macht sie so beachtenswert. Der Begriff Haiderwählerschaft ist überhaupt schlecht, weil diese Menschen ihr Leben ja nicht als Haiderwählerinnen und Haiderwähler zubringen, sondern z.B. als Lkw-Lenker, Landwirtin, Handelsvertreter, Liftangestellter oder Sekretärin, und weil dieser Begriff seine Wählerschaft gar so fest an Haider bindet. In Wahrheit macht jener sie ja nur sichtbar als Zahl. Er ist sozusagen der Zählautomat. Es ist auch nicht eigentlich er, der sie vermehrt hat, sondern doch wohl die kapitalistische Wirklichkeit. Wenn seine falsche Propaganda sie aus der SPÖ und aus der ÖVP richtigerweise herauslöst, so ist das zuallererst einmal gut und nicht schlecht.

Schlecht ist, daß er mit ihnen abpaschen will.

Die Haiderwähler sind sehr interessant. Haider selber ist vollkommen uninteressant. Nichts liegt mir ferner, als ihm am Zeug zu flicken. Ganze Batterien von Journalisten und Wissenschaftern reden pausenlos auf ihn ein und versuchen, ihn umzustimmen. Er habe einmal das gesagt und sage jetzt jenes, tragen sie ihm ganze Buchstapel voller Zitate nach. Ob er das eine nicht zurücknehmen wolle und endlich das andere von sich geben? Als ob man Haider vor sich selber erschaudern machen und bekehren könnte — oder auch nur sollte! Die uns von diesen Haider-Kritikern aufgenötigte Frage „Was tun gegen Haider?“ verdient als Antwort die Frage „Was tun mit den Haiderwählern?“

Haider ist soetwas von wurscht. Der Aufwand, der hier am falschen Ort getrieben wird, kann unmöglich Zufall sein. Als ginge es darum, das Kreuz einen Zentimeter ober der FPÖ oder einen Zentimeter unter der FPÖ — und nicht etwa über die Lebensverhältnisse selbst! — zu machen. Mit soviel Blindheit kann doch z.B. ein ganzes Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes prallvoll mit Wissenschaftern gar nicht geschlagen sein. Diese Haider-Entrüster sind für eine Politik, die den Kapitalismus wegputzt, wohl viel weniger zu haben als die Haiderwähler. Wie rückwärtsgedreht diese ganz auf den einen Haider, statt auf die Massen von Haiderwählern fixierten Meinungsmacher sind, zeigen sie auf das Dümmste mit ihrer oftmaligen Gleichsetzung Haiders mit Hitler. Mit welcher Perspektive sollte denn so eine Anschauung verknüpft sein, frage ich, wenn nicht mit der der Schicksalhaftigkeit, der Opferrolle und der Flucht?

Viele der lautesten Haider-Gegner sind vor allem Haiderwähler-Gegner. Z.B. haben die Medien bloß Verachtung für die Haiderwähler übrig (News: „Underdogs“, „Nicht-Gebildete“). Ich kann mir auch lebhaft vorstellen, wie es Haider innerlich geradezu vor Ekel beutelt, wenn er es im Wahlkampf mit seinen unaufgeräumten, vom Leben deutlich ramponierten Sympathisanten zu tun hat, sodaß er wie in Panik zwischendurch dreimal unter die Dusche eilt und im Halbstundentakt komplett von oben bis unten mit Duftwasser neu eingelassen werden muß. Wenn es zwei Seiten gibt, auf denen man politisch stehen kann, dann stehen die Haiderwähler auf der Haider gegenüberliegenden Seite. Und die erwähnten Haider-Gegner stehen auf der den Haiderwählern gegenüberliegenden.

Selbst dann, wenn die Haiderwähler selber Reaktionäre wären, läge nichts näher, als um sie zu kämpfen, und nichts ferner, als sie aufzugeben. Denn die „feindlichen Truppen“ sind, wie der erfolgreiche chinesische Heerführer Mao Tse-Tung sagt, „nicht nur unsere Hauptquelle von Waffen und Munition, sondern auch eine wichtige Quelle unseres Soldatenbestands“. Darum muß auch noch derjenige Haiders breite Anhängerschaft positiv sehen, der sie als Bataillon des Feindes betrachtet: Die Armee unserer Gegner ist so groß! So viele Kämpfer können wir für unsere Sache gewinnen!

Dabei ist es aber schon so, daß die Haiderwähler in der überwiegenden Zahl unsere Leute sind. Auch wenn sie’s nicht wissen! Auch wenn wir’s nicht wissen! Wer diese Leute wegwirft, wirft seine eigene bessere Zukunft weg. In ihren Köpfen ist mehr los als in den Köpfen der meisten Vranitzky- oder Schüssel-Wähler! Daß ihr Leiden nirgendwo hinfindet als zu solchen wie Haider, ist mehr uns vorzuwerfen als ihnen. Wir müssen sie abholen gehen dorthin, wo sie recht haben. (Und das haben sie wahrscheinlich in 80 Prozent der Sachen.) Dort müssen wir sie treffen (nicht im Sinne von abschießen, sondern von in Empfang nehmen). Kritik an Haider ficht sie nicht an. Kein Lächerlichmachen, kein Niederschreien, keine Auflistung seiner Sager. Die Haiderwähler sind in erster Linie nicht von Haider aufgeschaukelt, sondern von den Verhältnissen. Sie haben alles Recht der Welt, unverhohlen unzufrieden zu sein. Nicht sie sind, wie man uns weismachen will, das Problem, sondern die Zustände. Auch die Schuhe werden für gewöhnlich den Füßen angepaßt, und nur im Märchen vom Aschenbrödel ist es umgekehrt.

Von ihrer Lebenssituation her ist der überwiegende Teil der Haiderwähler wie geschaffen dafür, die herrschenden Verhältnisse umzustoßen. Keinen einzigen dürfen wir verachten. Zum Entsetzen der BSAler-Söhnchen und -Töchterchen (BSA = „Bund Sozialistischer Akademiker“), denen die Journalisten den Arsch lecken, wenn sie auf die Haiderwähler pfeifen, sei es gesagt: auch die Bullen nicht, die Haider wählen. Mehr noch. Wo — vielleicht am Rande einer Haider-Kundgebung — Bürgerkinder und Polizisten aneinandergeraten, haben wir es, wie der kommunistische italienische Filmemacher und Schriftsteller P.P. Pasolini gesagt hat, eher mit den letzteren zu halten, „weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind“. Ihnen steht es besser an, so unwissend, so verhetzt sie vielleicht sein mögen, den Sturz aller Herren zu wollen.

So wenig ich z.B. an einem ehemaligen SPÖ-Wähler zu kritisieren wüßte, daß er heute FPÖ wählt, so viel an jenen, die ihm dies vorwerfen. Als die Million Menschen, die ihm inzwischen ihre Stimme gibt, sich noch vor wenigen Jahren mehrheitlich für SPÖ oder ÖVP entschieden hat, hatte bezeichnenderweise noch niemand etwas auszusetzen an ihnen. Wer Haider als Faschisten bezeichnet, „der den Menschen nach dem Mund redet“, der sagt nichts anderes, als daß seine Wähler Faschisten sind. Wenn der ein Antifaschist ist, der einen anderen Faschisten nennt, ist folglich der am meisten Antifaschist, der am meisten Faschisten nennt. In dieser ungeheuerlichen Verleumdung von einer Million Österreicherinnen und Österreicher treffen sich die Haider-Kritiker gar nicht zufällig punktgenau mit Haider, der einmal gemeint hat: „Die FPÖ ist keine Nachfolgeorganisation der NSDAP, denn wäre sie es, hätte sie die absolute Mehrheit.“ Die Frage, ob die, die Haider wählen, einen Faschisten wählen, ist eine ganz andere als die, ob die Haiderwähler Faschisten sind. Um diese Unterscheidung geht es die ganze Zeit. Selbst das schwarze Meinungsforschungsinstitut Fessel hat zugeben müssen, daß bei den Haiderwählern die „nationale Grundtendenz der FPÖ mit 2% an letzter Stelle aller Motive stand“. Wie weit fortgeschritten die Verwirrung mancher Haiderwähler-Gegner schon ist, führt uns Thomas Maurer in seinem aktuellen Bühnenprogramm am eigenen Beispiel vor (Bericht der Tiroler Tageszeitung vom 4.1.96): „Was Jörg Haider betrifft, stellt der Kabarettist fest, daß der lediglich deshalb eine ‚ernsthafte Bedrohung der Demokratie ist, weil ihn so viele wählen‘. Folgerichtig müsse man zur Verteidigung von Toleranz und Liberalität den ‚Modernisierungsverlierern, die blau wählen, das Wahlrecht aberkennen‘.“

Haiderauflauf in Innsbruck (1994)

Haider ist, wenn wir wollen, nur der nützliche Trottel, der uns das Potential vorführt, das vorhanden ist. Alles, was auf ihn abstellt, ist falsch. Was auf seine Wähler abstellt, ist richtig. Ja, Großkapital, den kannst du haben. Nein, seine Sympathisanten nicht. Zwischen Haider und die Haider-Anhänger müssen wir hinein. Sie von ihm abkoppeln. Sie werden im Gegensatz zu ihm noch gebraucht, um die Dinge wirklich zu ändern.

Wenn man den Haiderwählern sagt, ihr lauft dem Falschen nach, muß man sofort, ohne dazwischen zu schnaufen, dazusagen, daß es keinen Richtigen gibt, dem man nachlaufen sollte. Das Schlechte, das oben über die FPÖ gesagt wurde, kann im wesentlichen auch über SPÖ, ÖVP, LIF, Grüne, KPÖ usw. gesagt werden. Wie auch das Gute, das über die meisten FPÖ-Wähler zu sagen ist, im wesentlichen auch über die meisten Nichthaiderwähler zu sagen ist. Nur viele von ihnen allen zusammen, wenn auch vielleicht mit einem Teil der Haiderwähler an der Spitze, können diese ungerechte Gesellschaftsordnung zu Fall bringen.

Dem, dem diese Menschen nicht gefallen, ist zu sagen, daß es nur die Menschen gibt, die es gibt. Und nicht die in Bücher hineingedichteten und die irgendwo aufgemalten. Es hat keinen Sinn, auf andere zu warten. Solange solche Zustände herrschen, wird es immer nur solche abgeben und nicht die, die wir gerne hätten. Ganz gewiß ist an ihnen viel auszusetzen. Aber, auch wenn sie 100mal Unrecht hätten, müßte man mindestens 101mal um sie kämpfen. Die Leute, die den Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte werfen können, existieren. Aber sie sind nicht in dem Zustand, es zu tun. Was liegt näher, als sie zu verbessern? Das ist genau die Arbeit, die ansteht.

Am blinden Veränderungswillen der Haiderwähler ist das Blinde das Schlechte und der Veränderungswille das Gute. Sie wählen das scheinbar Radikalste, das im Angebot ist. (Ein Nichtwählen oder Ungültigwählen kommt ihnen besonders falsch vor.) Wo denn sollten diese Leute hingehen als zum Haider? Es ist nirgendwo etwas da, was leuchtet. Und von nichts wird halt gar niemand angezogen. Von der wirklichen Alternative zur FPÖ, die gar nicht existiert, muß keiner erst abgelenkt werden, um nicht hinzugehen. Daß es Sauereien gibt, wissen die Leute. Nur, wie sie ihnen entkommen, nicht. Solange es keine Agitation gibt für ein Gemeinschaftssystem, das diesen Namen verdient, nutzt die ganze Aufdeckungsarbeit (auch des FÖHN) nichts. Oder eben (schlimmer): Haider. Solange kein Bezugspunkt außerhalb dieses Systems der Kapitalverbrechen sichtbar (gemacht) wird, haben die auch über noch soviele einzelne Kapitalverbrechen Aufgeklärten keine Wahl. Bis dahin ist unsere Arbeit soviel wert wie die, einem Verhungernden alles über die Schädlichkeit seines Hungers zu erzählen.

Daß die Masse nicht an die Notwendigkeit, noch gar an die Möglichkeit eines Umsturzes der Verhältnisse denkt, geschweige denn glaubt, ist zum einen der herrschenden Propaganda zuzuschreiben, zum anderen uns. Wer, wenn nicht wir, sollte dem abhelfen? Die Menschen sehen sich zwar als Opfer der Gesellschaft, aber — und da wirkt die lückenlose Dressur von der Kinderkrippe an — nicht zugleich auch als ihre Gestalter. Unsere eigene ununterbrochene Anklage des Kapitalismus (FÖHN 1-21) nimmt sie auch vorwiegend in ihrer unpassenden Rolle als Opfer der Verhältnisse wahr und nicht auch in der ihnen auf den Leib geschriebenen als Produzenten der Verhältnisse.

Wie weit ist es doch zum allernächsten! Dahin, daß die Menschen bei ihren Leisten bleiben, das heißt, ihre Sache selber in die Hand nehmen. In den 20er-, 30er Jahren konnte man, denke ich, wenn man auf etwas Hoffnungsvolles zeigen wollte, auf KPD, KPÖ, KPI usw. zeigen.

Heute können wir den Finger nirgendwohin richten — als auf uns selber.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1996
Heft 22, Seite 70
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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