FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 397/398
Günther Anders

Lieber Helmut

beinahe hätte ich begonnen: „Ach, lieber Helmut!“ Denn wie können wir zwei Alten in solcher Welt einander noch gratulieren und Glück wünschen? Wir, denen es ja um ein ganz anderes als das nur persönliche Glück geht, um ein ungleich größeres Glück, mindestens um die Verhinderung des großen Unglücks?

Angst vor dem Lebensende hast Du vermutlich so wenig wie ich — Angst haben wir vor dem Ende des Lebens auf der Erde. Und wenn wir zwei quicken Alten noch so lebendig sind, so einfach deshalb, weil es sich, solange alles in Gefahr schwebt, einfach nicht schicken würde, zu demissionieren.

Ob unser Beitrag unentbehrlich ist, das weiß ich nicht; aber wir beide haben uns so zu benehmen, als wäre er es. Invertierten Selbstmördern gleichen wir: während die das Leben fortwerfen, obwohl sie eigentlich noch weiterleben könnten, halten wir das Leben eisern fest, auch wenn wir es zuweilen nur schwer können.

„Wir“, sage ich, Helmut. Denn das gilt wohl von uns beiden. So ähnlich sind wir wohl. Deshalb hab’ ich Dich ja neulich versehentlich geduzt — nein: das war eben kein Versehen; und deshalb hast Du das Du ja auch aufgenommen — was unter Methusalems nicht gerade alltäglich ist.

Wann hätte es das gegeben, daß zwei: Ein Christ und ein Jude, ein Gläubiger und ein Glaubensloser, ein Hoffender und einer, der sich Hoffen verbietet; daß diejenigen, die früher einander verbrannt oder mindestens bekämpft oder mindestens ignoriert hätten — daß die heute auf diese Differenzen pfeifen? Und daß sie einander trauen? Und Freunde sind? Schön ist das. Aber zugleich ist es doch ein erschreckendes Zeichen für die Schlimmheit der Zeit; dafür, daß wir vielleicht keine Zeit mehr haben.

Hoffen wir — dies ist die einzige Hoffnung, die ich Nichthoffender auszusprechen wage — daß wir zwei unrecht behalten.

Ich grüße Dich von Herzen, Dein Günther

Aus: Ulrich Kabitz, Friedrich-Wilhelm Marquardt (Hrsg.), Begegnungen mit Helmut Gollwitzer (zu dessen 75. Geburtstag), Chr. Kaiser Verlag München 1984, S. 14 f.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1987
, Seite 51
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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