Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2011 - 2020 » Jahrgang 2016 » Heft 66
Stephan Hochleithner
2000 Zeichen abwärts

Licht im Tunnel

Liest eins sich durch die Publikationen des vergangenen Jahres, scheint es, als wäre alles, was es zu Flucht und Vertreibung zu sagen gäbe, bereits in allen zur Verfügung stehenden Darstellungsformen abgedeckt worden. Viele der Texte zeichnen Bilder individueller Odysseen, von Gewalt und Tod, von unerträglichen Zuständen, vom Weglaufen und seinen schrecklichen Seiten, von Gnadenlosigkeit, aber auch von Solidarität. Doch viel zu selten, meist nur als Adjektiv oder in einem Nebensatz, kommt die Hoffnung zur Sprache, die in der Flucht liegt.

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo lernte ich Menschen kennen, für die Flucht zu einem Teil ihres Lebens geworden ist. Dies waren zum einen junge KongolesInnen, die seit ihrer Kindheit in den 1990er Jahren immer wieder vor unvorstellbar gewalttätigen Angriffen fliehen – sie konnten nie länger als ein paar Jahre an einem Ort bleiben, bevor sie abermals vertrieben wurden. Zum anderen waren es betagtere Menschen, die während der belgischen Kolonialherrschaft vor den brutalen Methoden der Force Publique flohen, dann vor den Wirren der „Unabhängigkeits“-Kriege, später vor den Schergen Mobutus, danach vor der Gewalt der Befreiungskämpfe und schließlich vor den noch heute aktiven Milizen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind fast immer erschütternd. Doch sie sind auch Ausdruck eines unbedingten Lebenswillens.

Flucht ist Zeitpunkt und Zeitraum, sie ist Manifestation einer Entscheidung, dehnt sich aus, von einem Knall in die unendlichen Weiten menschlicher Biographien. Die Entscheidung zu flüchten kann plötzlich getroffen werden, als Reaktion auf ein lebensbedrohendes Ereignis, aber sie kann auch pragmatisch sein, Zwischenergebnis eines langen Kampfes um ein Leben in Würde. Flucht ist Schock und Liminalität, aber sie ist auch Licht, nicht am Ende, sondern inmitten des Tunnels. Zu flüchten bedeutet, sich nicht der drohenden physischen, psychischen, intellektuellen, wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen Vernichtung zu ergeben. Flucht bedeutet vor allem Weitermachen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2016
Heft 66, Seite 4
Autor/inn/en:

Stephan Hochleithner:

Geboren 1984. Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, Dissertant an der ETH Zürich.

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