Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2001 - 2010 » Jahrgang 2005 » Heft 33
Maria Wölflingseder
Dead Men Working

Lebenslänglich!

Dead Men Learning

Von Tag zu Tag wird’s beklemmender. Egal wohin man blickt, von überall schlägt einem der Appell entgegen: Lass dich coachen! Lies Ratgeber! Besuche Kurse! Lass dich umschulen! Mache eine Weiterbildung! Nütze die Zeit der Arbeitslosigkeit für eine Ausbildung! Komme zur BeSt, zur Berufs-und Studieninformationsmesse! Lerne lebenslänglich! Solche Aufforderungen haben längst Zwangscharakter. Willst du in der gnadenlosen (Arbeits-)Welt überleben? Die Bedingungen kannst du nicht ändern, ändere dich! Stärke dich! Werde widerstandsfähiger! Werde härter und besser als die anderen! Baue „Kraft und , Nervenspeck’“ auf! Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was nicht gegen gutes Geld als Ausweg aus den (arbeitslosen) Nöten angeboten wird: „Umfassende Lebensqualität“; „Lassen Sie Ihre Seele wieder lachen“; „Verjüngungscoaching“; „Berufserfolg durch Auflösung von selbstbehindernden Denkmustern. Ganzheitsphilosophisches Training“.

Von Elfriede V. Gerdenits, der legendären Coach des „Bewerbungsimpulstags“, der Massenveranstaltungen des Arbeitsamtes im Wiener Prater, [1] gibt es den ersten Bewerbungsratgeber für Jugendliche. Das Cover ziert das Portrait eines kampfbereit blickenden Mädchens – mit schmalen, schrägen Augen, großer Nase und wulstigen Lippen, mit einem roten Boxhelm und roten Boxhandschuhen, die die Hälfte des Bildes einnehmen. Der Titel ist Programm: „Survival Kit für junge Jobfinder – Dein persönlicher Bewerbungscoach“. Purer Sozialdarwinismus spricht aus dem Vorwort (siehe www.survivalkit.at).

Aber die wahre Fundgrube an Gruseligkeiten stellen die Volkshochschulen dar – jene traditionellen Bildungseinrichtungen, die viel Konkurrenz bekommen und sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert haben. Ein Wiener VHS-Inserat zum Thema „Kommunikation“, das eine flatternde rot-weiß-rote Fahne darstellt, liefert so die Botschaft von der nationalen Notwendigkeit einer „Standortsicherung“ via Bildung gleich mit. Ein Auszug der aufgelisteten Angebote: „Nie mehr sprachlos; Professionelles NLP; Abwehren unfairer Rhetorik; Smalltalk; Stressmanagement; Work-Life-Balance; Change Management im Alltag; Mentale Wellness: Wohlfühlen beginnt im Kopf; Erfolg beginnt im Kopf: Zielcoaching für Frauen; Energycoaching; Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? ; Mein Wunsch sei Dir Befehl; Humor – eine Lebenseinstellung; Horse-Meeting: Persönlichkeitstraining mit Pferden“.

Ich frage mich: Fallen diese flächendeckenden Anpassungsexzesse sonst niemandem auf? [2] Wo bleibt der Aufschrei? Die Wiener Linke, so sie sich noch regt, ist ja mit Wichtigerem beschäftigt, sie ortet das zu Kritisierende unbeirrt in der schwarz-blauen Regierung – kürzlich demonstrierte sie anlässlich deren fünften Jahrestages. Was würden diese Unbeirrbaren bloß in Deutschland tun? Gegen Rot-Grün demonstrieren? Fundierteres als Farbkritik fällt ihnen jedenfalls nicht ein.

Dagegen ist es ein geistiges Labsal das druckfrische schulheft zu lesen: „Pädagogisierung – Die Kunst, Menschen mittels Lernen immer dümmer zu machen!“ [3] Endlich wird das „lebenslange Lernen“, das heute als „universelles Fortschrittsprogramm“ gefeiert wird, entlarvt – und zwar überwiegend von honorigen Universitätsprofessoren. Die Erfolgsstory der Bildung verorten Karlheinz Geißler und Frank Michael Orthey in ihrer Tradition von Aufklärung und Emanzipation. Sie ist sakrosankt, ähnlich wie Gerechtigkeit oder Liebe. Bildung ist in der Krise besonders attraktiv: Sie wird zum „schnell verfügbaren Sinnersatz“, sie macht immer wieder „neuen Sinnersatz zugänglich – und dies lebenslänglich.“ Der reale Erfolg (z. B. eine Jobchance) wird immer dürftiger, Bildung gerät so immer mehr zum Selbstzweck. Klar, es gibt immer wieder Beispiele, die belegen, dass eine Umschulung etc. jemanden „gerettet“ hat, genauso wie immer wieder Lotteriegewinne jemanden vor dem sicheren Ruin bewahren. Deshalb „glauben“ alle an die Bildung und an das Glücksspiel.

Gesellschaftliche Probleme werden nicht gelöst, sondern individualisiert und pädagogisiert. Bildung ist ein „lebenslänglicher Standardausweg“, ein Ausweg mit einer starken Zukunftsorientierung. Die Vorstellung, die Zukunft sei anders, „besser“ und gestaltbar, lenkt von der Gegenwart und ihren Problemen ab. Lernen birgt eine Defizitorientierung: „Misserfolg beflügelt die , Mehr-Desselben-Dynamik‘ eher als dass er sie entlarvt.“ (Orthey) Wenn trotz Bildung der Erfolg ausbleibt, habe ich falsch oder das Falsche gelernt. Zurück an den Start!

Karlheinz Geißler analysiert treffend: „Erwachsenenbildung, insbesondere in ihrer Institutionalisierungsform , Volkshochschule‘, fungiert heute als Arrangement für personale Innenausstattung und als Orientierungsmedium innerhalb der Pluralität von Lebensstilen und Wertvorstellungen. Sie wird immer mehr zur zentralen, relativ unverbindlichen Bindung in einem weitgehend bindungslosen Lebenskonzept. Sie ist zum attraktiven Ersatz für ein Leben jenseits von Familie und sozialer Tradition geworden. Primär klärt sie nicht über die Realität auf, sondern produziert Realität, die vom Schein – u. a. auch dem der Aufklärung – lebt. Denn die Glücksversprechen – auch die der Aufklärung – werden in einer Marktgesellschaft (speziell in einer kapitalistischen) nicht erfüllt, da ja in dieser an den Versprechungen und nicht an der Erfüllung dieser Versprechungen verdient wird.“ Geißler zählt Illusionen auf, die die „Erwachsenenbildung neben dem Fernsehen zur größten Illusionsveranstaltung in unserer Republik macht.“

[1Vgl. Maria Wölflingseder: „Eine Umschulung Richtung IT… „, in: Ernst Lohoff u. a. : Dead Men Working, S. 104ff. , Münster 2004.

[2Vgl. Maria Wölflingseder: „Je mehr Magenschmerzen… „, in: Dead Men Working, a. a. O. , S. 153ff. und auf S. 137, sowie in Streifzüge 31, S. 15 und Streifzüge 32, S. 5.

Vgl. Erich Ribolits: Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen, in: Dead Men Working, a. a. O. , S. 124ff.

[3schulheft Nr. 116/2004: Pädagogisierung – Die Kunst, Menschen mittels Lernen immer dümmer zu machen. Siehe auch die Buchbesprechungen auf S. 13f. in diesen Streifzügen sowie den Artikel von Erich Ribolits auf S. 10ff., der aus diesem schulheft stammt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2005
Heft 33, Seite 9
Autor/inn/en:

Maria Wölflingseder:

Geboren 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädogogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitherausgeberin von „Dead Men Working“ (Unrast-Verlag, 2004). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

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