Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1999 » Heft 3/1999
Siegfried Beer

Laßt die Dokumente sprechen ...

Replik auf Fritz Molden

Zu den Stellungnahmen Fritz Moldens in der Tageszeitung Die Presse am 28. November 1998 („Ganz besondere Niedertracht. Widerständler, kein US-Agent“) und in der Zeitschrift ZOOM 1/99 („Das Märchen vom bezahlten Agenten Lindley“)

Ob der eklatanten Unfähigkeit zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem redlich um Wahrheitsfindung bemühten Wissenschafter, die der g’standene Journalist und langjährige Verleger Fritz Molden an den Tag legt, bin ich einigermaßen verwundert, ja empört. Stattdessen schlägt er wild um sich, verwechselt Meinung mit Faktum, zeigt eine verblüffende Ahnungslosigkeit im Umgang mit geheimdienstlichen Kategorien und ist darüber hinaus entweder nicht bereit oder eben unfähig, auf die von mir aufgeworfenen konkreten Fragen einzugehen. Man kann es nur als ein trauriges österreichisches Schauspiel bezeichnen, wie der große, wenn auch schon bei Zeitgenossen nicht unumstrittene Widerstandskämpfer seiner Jugendjahre fast ausschließlich um die Aufrechterhaltung seines selbstgeschaffenen Mythos bemüht ist.

Faksimile 1

Er hätte mir auch nicht die unzähligen, mir wirklich nicht unbekannten Zitate anderer Autoren vorrechnen müssen, denn ich selbst habe ihm in mehreren wissenschaftlichen Aufsätzen das Prädikat Patriot und Widerstandskämpfer keineswegs versagt, übrigens auch nicht in meiner ersten Stellungnahme in der Tageszeitung Die Presse vom 28.11.1998 oder in ZOOM 5/98. Leider aber zieht es Molden beharrlich vor, die seit dem Erscheinen der insgesamt eher selbstherrlich ausgefallenen Memoiren seiner Jugendzeit (Fepolinski und Waschlapski auf dem berstenden Stern) im Jahre 1976 mittlerweile mehrfach und variantenreich erweiterten Geschichten immer wieder zu wiederholen oder sie eben durch Freunde (z.B. Hans Thalberg, Wolfgang Pfaundler etc.) bestätigen zu lassen. Nun aber ist es tatsächlich so, daß einige dieser Berichtepisoden einer genaueren Untersuchung nicht immer standhalten können und daß Molden in diversen Interviews (darunter auch mit mir) zusätzlich Behauptungen aufstellt, die sich zumindest aus den Akten des amerikanischen Kriegs- und Nachkriegsgeheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) nicht wirklich aufrechterhalten lassen.

Faksimile 2

Dem explizit an mich gerichteten Vorwurf der mangelnden Recherche muß ich in diesem Zusammenhang vehement zurückweisen. Ich beschäftige mich nunmehr schon seit 1984 intensiv, kontinuierlich und unvoreingenommen mit dem Wirken und der Bedeutung des OSS für Österreich und kenne daher auch praktisch jedes von Fritz Molden handelnde Dokument in dem von der CIA seit 1983 sukzessive freigegebenen Aktenbestand Record Group 228 des National Archives der USA. Aus diesem Aktenpanorama wie auch aus meinen zahllosen Interviews mit Mitarbeitern des OSS ergibt sich ein durchaus ambivalentes, phasenweise sogar ablehnendes Bild des jungen Agenten K-28 aus der damaligen Sicht der amerikanischen Geheimdiensteliten insgesamt.

Faksimile 3

Von den britischen Geheimdiensten SIS (MI6) und SOE wurde er ohnedies als potentielle Gefährdung anglo-amerikanischer Interessen eingestuft. SOE hat die Berichte Moldens über POEN und O5 jedenfalls mit großer Skepsis betrachtet und als „von viel Wunschdenken“ getragen eingestuft (Gerald Steinacher, Verhängnisvolle Vorentscheidung? Südtirol und die alliierten Geheimdienste 1943-1945, geisteswiss. Diss. Innsbruck 1998, S. 139). Die Sowjets haben POEN/O5 schon im Frühjahr 1945 als ein Instrument des amerikanischen Geheimdienstes angesehen und daher weitgehend ignoriert (vgl. Shtemenko-Memoiren).

Faksimile 4

Ich möchte im folgenden die amerikanischen Dokumente (samt und sonders aus Record Group 226, Entry 199, Box 1) sprechen lassen und bleibe bei meiner ursprünglichen Frage: Wie erklärt sich Moldens Selbstverständnis als Patriot und ausschließlicher Verbindungsmann zur OSS, wenn er für seine Tätigkeit noch Monate danach und sogar der OSS-Nachfolgeorganisation SSU Spesenrechnungen in für die damalige Zeit nicht unbeträchtlicher Höhe gestellt hat?

Faksimile 5

Und weiters zu seiner Ablehnung der Bezeichnung „Agent“, wo er doch „nie einen Dollar oder einen Schilling“ genommen habe (Interview mit mir in Washington am Novemberwahltag 1996). Das journalistisch und umgangssprachlich so locker verwendete Wort Agent ist in der Tat ein leicht mißverstandener Begriff, der jedoch historisch gewachsen ist. Im Wortgebrauch der CIA wird „Agent“ folgendermaßen definiert: „an individual, usually foreign, who acts under the direction of an intelligence agency or security service to obtain, or assist in obtaining, information for intelligence or counterintelligence purposes and to perform intelligence functions.“ In einem OSS-Handbuch wird von einem Agenten als „an individual recruited in the field who is employed or directed by an OSS operative or by a field station“ gesprochen (siehe G.J.A. O’Toole, The Encyclopedia of American Intelligence and Espionage, New York 1988, p. 2/3). Es will mir scheinen, daß beide Definitionen ziemlich genau die Tätigkeit des Agenten K-28 während der letzten Kriegsmonate und in den ersten Nachkriegswochen umreißen. Fritz Molden war (trotz der amerikanischen Uniform) nie ein intelligence officer, also ein besoldeter Mitarbeiter von OSS, sondern eben ein Agent desselben, der seine patriotische Tätigkeit weitgehend den Interessen dieses alliierten Geheimdienstes untergeordnet hat, weil er verständlicherweise auf dessen Ressourcen angewiesen war. Aus diesem Titel hat er denn auch mehrere Wochen und Monate nach dem Kriegsende dem OSS bzw. der SSU Spesenrechnungen vorgelegt, die über durchaus ansehnliche Beträge ausgestellt waren und bisweilen nicht einmal eine genauere Auflistung der zu entlohnenden Leistungen beinhaltet (siehe z.B. Fak. Nr. 1). Sieben weitere solcher Rechnungen, allesamt mit November/Dezember 1945 datiert, hat die CIA bis heute zurückbehalten (siehe Fak. Nr. 2). Jedenfalls sind Molden alle diese Rechnungslegungen geflissentlich aus dem Gedächtnis entschwunden; wie sonst wäre es erklärbar, daß er beharrlich sich dem „Märchen vom bezahlten Agenten Lindley“ (ZOOM 1/99) entgegenstemmen will. Sein Pech also, daß die hier in Faksimile vorgelegten Leistungsverrechnungen eindeutig seine Unterschrift tragen. Daß weitere Belege von der CIA heute noch als „verschlossene Sache“ geführt werden, stellt nicht gerade eine Entlastung für ihn dar.

Faksimile 6

Und wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen dem, was Fritz Molden in seinen schon erwähnten Memoiren über seine kurze Karriere als Leiter des Sicherheitsbüros für Tirol schreibt und den dazu im amerikanischen Nationalarchiv in College Park, MD gefundenen Akten, welche die Tätigkeit dieses Büros als geradezu ausschließlich im Dienste der Amerikaner gelegen ausweist (siehe die Faksimiles 3-7)? Jedenfalls haben die namentlich angeführten Mitarbeiter und Agenten (immerhin explizit als solche geführt) dieses Sicherheitsbüros für die damaligen Verhältnisse nicht unbeträchtliche Salärs bezogen. Auch hier nimmt es Fritz Molden nicht ganz so genau mit den Fakten. In seinen Memoiren spricht er davon, das Amt des Sicherheitschefs in Tirol zehn Tage lang (!) ausgeübt zu haben (Fepolinski, S. 400). 22 Jahre später sind daraus drei Wochen geworden (Die Presse, 28.11.1998). Dem Tätigkeitsbericht vom 30. Juni 1945 (siehe Fak. Nr. 3) ist unschwer zu entnehmen, daß der Schwerpunkt der Tätigkeit dieses von Molden geleiteten Sicherheitsbüros für Tirol eindeutig amerikanischen Interessen untergeordnet war und dessen Funktionsperiode zumindest fünf Wochen lang angedauert hat, vermutlich sogar länger, nämlich bis zum Abzug der Amerikaner aus Tirol gegen Mitte Juli 1945, wie der Kostenvoranschlag für eben diesen Monat vermuten läßt (siehe Fak. Nr. 5).

Faksimile 7

Lieber Herr Molden! Es wäre vielleicht an der Zeit, das Selbst-Bedauern („ganz besondere Niedertracht“) und die Verteidigung des selbstgebastelten Mythos aufzugeben und sich einer dialogischen und seriösen Auseinandersetzung mit den aus den Dokumenten belegten Fakten zu stellen, auch wenn es sich hier zugegebenermaßen nur um Fragen von relativ geringfügiger welthistorischer Bedeutung dreht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1999
Heft 3/1999, Seite 20
Autor/inn/en:

Siegfried Beer:

Siegfried Beer ist Professor am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz.

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