Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Markus Kemmerling

Kritisieren, nicht denunzieren

Folgt mensch Heribert Schiedel ist der typische Friedensdemonstrant, so er nicht gerade mit seinesglei­chen um die Wette betet, da­mit beschäftigt, Fahnen abzufackeln, um schon einmal das Verbrennen von Menschen zu üben; dies alles, um Saddam, dem Sprecher der arabischen Welt, wohlgefallen zu sein. Wie soll man auf solch einen Quatsch reagieren?

Heribert Schiedel will pro­vozieren und polemisieren, verwechselt aber Provokation mit Unsinn, Polemik mit De­nunziation. Hierfür greift er tief in die Mottenkiste von Klischees über die Friedensbe­wegung: grenzenlose Naivität; bar jeden historischen Bewusstseins; fremdgesteuert bzw. im Interesse einer frem­den Macht — früher „Moskau“, heute „Bagdad“; ... Seine Methode ist Dämonisie­rung (durch das Verwischen jedweden Unterschiedes zwi­schen Gewalt gegen Sachen, gegen Menschen und ihrer Ablehnung; durch das Aus­spielen des guten, weil grundsätzlichen gegen den bö­sen, weil konformistischen An­tikapitalisten; durch sein reflexhaftes „Auschwitz“ als Antwort auf jede Gewaltkri­tik; ...) und Beleidigung (irakische Oppositionelle, die sich nicht von der Anti-Kriegsbe­wegung distanzieren, seien kei­ne; die Friedensbewegung seh­ne sich geradezu nach Hun­derttausenden Toten; diese sei „widerlich“; ...). [1] Heribert schert nicht nur, trotz gegen­teiliger Beteuerung, Demon­strantInnen pauschal über ei­nen Kamm, er schert einfach alles über einen Kamm.

An den Manifestationen ge­gen den Irak-Krieg (ich ver­meide bewusst den Begriff Friedensbewegung — allerdings nicht, weil ich, wie Heribert den KriegsgegnerInnen un­terstellt, der Ansicht wäre, un­ter dem Ba’th-Regime habe im Irak Wohlstand und Frie­den geherrscht) ist sicherlich einiges zu kritisieren. Während beispielsweise irakische Fahnen mit einge­schriebenem Allah akbar ge­schwenkt wurden, ist mir nicht aufgefallen, dass von ir­gendwem in Österreich der Versuch unternommen wor­den wäre, die irakische Exil­opposition einzubinden. Oder: Während allseits Hai­ders Besuche bei Hussein Quelle hämischer Kommen­tare waren, ist Kritik an Ge­schäften österreichischer Fir­men ungefähr so verbreitet wie die Nadel im Heuhaufen. (Dies kann im übrigen auch als Beispiel für einen Unter­schied zur alten Friedensbe­wegung dienen, die Anfang der 80er Jahre massiv gegen die Lieferung von Noricum-Kanonen an den krieg­führenden Irak protestiert hat.) Der Verdacht liegt tatsächlich nahe, dass man­chen, die da demonstriert ha­ben, die Menschen im Irak — von dem sie vielleicht nicht viel mehr wissen, als wo auf der Landkarte er zu finden ist — reichlich egal sind.

Auch macht es sicherlich einen Unterschied, ob je­mand gegen die USA ist, weil er oder sie gegen diesen Krieg ist, oder umgekehrt ge­gen diesen Krieg, weil gegen die USA (gegen die USA meint natürlich die Politik der regierenden Administra­tion und nicht jedeN einzelne US-BürgerIn ad personam). Und wiewohl es unsinnig ist, Anti-US-Amerikanismus an sich zu kritisieren, so selbst­verständlich ist für mich, dass dieser Anti-US-Amerikanis­mus zu kritisieren ist, weil sich hinter ihm letztlich Antisemitismus verbirgt — hier stimme ich Heribert dezidiert zu. Fast allem anderen ist freilich zu widersprechen.

Zu widersprechen ist zunächst der denunzierten Annahme, Antisemitismus oder auch rechtsextreme Ka­pitalismuskritik bzw. eine grenzenlose Gewaltbereit­schaft sei der „Friedensbe­wegung“ irgendwie wesen­haft oder in einer besonde­ren Art und Weise einge­schrieben. Um dies zu sehen, reichte es aus, den Blick ein wenig über den kleinen öster­reichischen Tellerrand hinaus zu richten: Auffällig an der Bewegung gegen den Irak-Krieg war doch ihre Weltumspanntheit, weitgehend unabhängig von der Position der eigenen Regierung und jeweiliger spezifischer Histo­rie. Es ist doch eher so, wie Gaston Kirsche schreibt: „Aber die große Friedensbe­wegung ist nicht mehrheitlich prodeutsch, tendenziell anti­amerikanisch und teilweise antisemitisch, weil sie gegen den Krieg ist, sondern die Akteure nehmen ihre bür­gerlichen Ideologien mit in die Bewegung.“ [2]

In einem Land, in wel­chem nicht nur vereinzelte Rechtsextreme mit Befreiung den Abzug US-amerikani­scher Truppen assoziieren, kann es niemanden ernsthaft überraschen, wenn im Groß­deutschen und Antijüdischen fußende Ressentiments durchbrechen, sobald US-amerikanischer Politik Kritik entgegengebracht wird. Dies ist im übrigen auch nicht ir­gendwie sonderlich neu. Wer zum Beispiel den von Chri­stian Helbock vor einigen Jahren im Rahmen seines NOTO-Projekts geführten Interviews zur österreichi­schen Neutralität aufmerk­sam zugehört hat, konnte be­reits damals einen derart be­gründeten Anti-US-Ameri­kanismus bei NATO-GegnerInnen ausmachen. [3] Doch niemand wäre wohl auf die abstruse Idee gekommen, hieraus Wesen und Bedeu­tung der österreichischen Neutralität abzuleiten.

Doch ebensolcher Argu­mentation bedient sich Heri­bert, wenn er ausgerechnet (den von ihm ansonsten tref­fend charakterisierten) Ru­dolf Burger zum Sprecher ei­ner Friedensbewegung er­hebt oder behauptet, eine Antikriegsdemonstration könne schon deswegen nicht fortschrittlich sein, weil auch Freiheitliche gegen den Krieg seien. Diese Argumentation ist umso erstaunlicher, als er natürlich weiß, daß Rechtsextreme beispielsweise heu­te für die NATO sein können (weil sie Militaristen sind) sind und morgen dagegen (weil diese US-dominiert ist), oder heute gegen die eu­ropäische Integration (weil sie Rassisten sind) und mor­gen dafür (weil sie neue deut­sche Größe verspricht), und dass sie jede dieser Positio­nen in den vergangenen Jahr­zehnten auch vertreten ha­ben. Demgegenüber ist die von Heribert solcherart ver­unglimpfte Haltung der Ver­anstalterin einer Antikriegs­demo, Nazis auf keinen Fall zu dulden, die einzig ver­nünftige — und letztlich auch Beleg dafür, dass sich auf den Demonstrationen Anti­kriegshaltung und Rechtsex­tremismus keineswegs so untrennbar miteinander ver­banden, wie er glauben ma­chen will.

Das Problematische an Heriberts Ausführungen wird vielleicht am ehesten in der Bemerkung kenntlich, wer nach Interessen frage, stehe „am Beginn von Verschwörungsmythen“. Statt bestimmte behauptete oder imaginierte Interessen zu kri­tisieren, diskreditiert Heri­bert den rationalen Diskurs als solchen. Doch Verschwörungstheorien zeichnen sich ja gerade im Gegensatz dadurch aus, dass die Frage „cui bono?“ nicht gestellt wird, da dies ja von Anfang an fest steht (und zwar nur dieses, alles weitere ist sehr flexibel, s.o.). Ärgerlich wird es spätestens dann, wenn Heribert — wie manch andere auch — selbst einer Argu­mentation verfällt, die alles und jedes nur mehr auf das große Eine zurückführt, was immer dieses Eine auch sein mag, und alles nur mehr aus diesem eingeschränkten Blickwinkel wahrzunehmen in der Lage ist. Am konse­quentesten haben dies viel­leicht jene Antideutschen ge­trieben, die im Geiste mit den USA in den Krieg gezo­gen sind, nur um Deutsch­land zu schwächen. Auch so kann die Vernunft aus den Fugen geraten.

Solch eingeschränkte Sicht beraubt sich aber selbst der Fähigkeit zur Differenz und führt damit zu so grotesken Unterstellungen wie derjeni­gen, dass wer Fahnen verbrenne, in Gedanken bereits Menschen anzünde. Dahinter steht die unausgesprochene Gleichsetzung des Fahnen­verbrennenden mit dem bücherverbrennenden Nazi — ohne dass der Leser oder die Leserin von Heribert auch nur im Ansatz etwas über das wer, wann, wo und weshalb der Aktion erfährt.

Die Antikriegsbewegung zum „widerlichen Scheinauf­stand“ zu stilisieren, ihren ProponentInnen pauschal Gewaltphantasien zu unter­stellen und sie als fünfte Ko­lonne Saddam Husseins zu identiofiziern, ist schlichtweg zu dumm. Mit — notwendiger — Kritik hat es nichts zu tun.

[1Florian Markt bedient sich in seinem Beitrag „Blut für Öl“? ähnlicher Methodik, wenn er in Überspannung eines Diner’schen Zitats den „Kontext“ der Friedensbewegung durch platten Analogieschluß mit einem nationalsozialistischen Autor „zumindest andeutungsweise“ als einen ebensolchen nationalsozialistischen „zu erhellen“ behauptet. Um in Markl’scher Diktion, seiner Imagination der Antikriegsdemon­strationen als „chronisch gutem Gewissen“, welches sich ei­ner dunklen Masse gleich „durch die Straßen wälzte“, zu bleiben: Wenn dies nur die Andeutung ist, schreckt mich die Vorstellung vor dem, was sich ergießen wird, sollte Mar­kt deutlich werden.

[2Gaston Kirsche (gruppe demontage): Radikale Linke und Anti-Kriegs-Bewegung, Dank an Eva Krivanec, die Redak­tion auf diesen lesenswerten Text aufmerksam gemacht zu haben.

[3Markus Kemmerling: NATO neutral, ZOOM 1/1999.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 30
Autor/inn/en:

Markus Kemmerling:

Gelernter Physiker, EDV-Kundiger und Web-Entwickler bevor die Meisten „Internet“ buchstabieren konnten. Redaktionsmitglied, organisatorisches und moralisches Rückgrat von Context XXI, Fels in allen Brandungen vom mythologischen Anbeginn bis Mai 2003.

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