Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 8/2004
Johanna Oberhuber

Kritik und Entlastung

Wenn sich ein respektabler Journa­list wie Hans Rauscher, seriös und Meinungsbildner, mit Antisemitis­mus auseinandersetzt, so ist das zunächst einmal ein Grund für Zu­versicht, hat er doch gute Chancen damit auch gehört zu werden.

Mit dem im Oktober 2004 erschienen Buch Israel, Europa und der neue Antisemitismus, möchte der Autor Klarheit schaf­fen: wo verläuft sie, die Grenze zwischen le­gitimer Kritik an Israel und Antisemitismus? Doch die angestrebte Klarheit kann Rau­scher nicht gelingen, ist doch die Fragestel­lung mit der dahinterliegenden Annahme, es sei nur ein quantitativer Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment, selbst schon Teil des Problems. Bei keiner anderen Regierung, kei­nem anderen Land wird diese Frage je ge­stellt. Die Geschichte hat ein normalisiertes Verhältnis zwischen Israel und den NS-Nachfolgestaaten unmöglich gemacht. Und da ak­tuelle Ereignisse immer wieder den Fortbe­stand dieser Unmöglichkeit belegen, kann europäische, österreichische, deutsche „Kritik“ an Israel niemals nur Kritik sein. Im Gegenteil, sie ist immer (auch) Entlastungsversuch.

Das aktuelle Handbuch, so der Untertitel des Buches, gliedert sich in drei Abschnitte: Es beleuchtet die neuesten Studien über An­tisemitismus in Europa, widmet sich dann der Geschichte Israels und dem Nahostkonflikt und beschäftigt sich in einem ausführlicheren dritten Teil mit dem neuen Antisemitismus, also jenem Antisemitismus, wie er derzeit in Allianzen zwischen Linksextremen und Isla­misten sowie in deren diskursiver Querfront mit Rechtsextremen aktuell in Erscheinung tritt.
Es gibt positive Aspekte in Rauschers Buch. Erfreulich eindeutig werden jene Verschwörungstheorien rund um 9/11 behandelt, die ja selbst in akademischen Kreisen ernst ge­nommen werden. Erfreulich ist auch die ex­plizite Forderung nach Empathie für die Be­wohnerInnen Israels, die tagtäglich mit der Terrorgefahr leben müssen.

Positiv ist weiters, dass sich Rauscher nicht scheut, die von der EU finanzierten palästi­nensischen Schulbücher zu erwähnen, in de­nen Israel auf der Landkarte nach wie vor nicht existiert, weiters den Antisemitismus in arabischen Gesellschaften sowie die Hass­predigten in Moscheen weltweit. Problema­tisch ist allerdings, dass er die islamistischen TrägerInnen des neuen Antisemitismus als „junge(n) Muslime(n) nordafrikanischer Her­kunft“ charakterisiert und damit als Fremde konstruiert, das Problem auf ein importiertes reduzieren will. Jene „jungen Muslime“, die laut EUMC-Studie mit dem Ansteigen anti­semitischer Übergriffe in Frankreich zwischen 2002 und 2003 in Verbindung gebracht wer­den, agieren nicht im luftleeren Raum, son­dern inmitten einer Gesellschaft und eines politischen Klimas, das dem Ressentiment die Tore öffnet.

Im Israelteil des Buches wird der Bau des Sperrwalls verurteilt — er trage „nicht dazu bei, die Neigung der palästinensischen Bevölke­rung zu einer Friedenslösung mit den Israe­lis zu verstärken“ — und das Faktum der da­durch drastisch verringerten Anschläge aus­gelassen. Das Vorgehen der israelischen Ar­mee in Jenin wird als „Exzess der militäri­schen Gewaltanwendung“ bezeichnet, ohne die Erwähnung, dass das Verstecken von Ter­roristInnen in Wohngebieten zu deren Stra­tegie gehört.

Rauschers Selbstentlastungsversuch zeigt sich besonders hier: Er zitiert zustimmend den israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery. Auf die Frage, ob Israel mehr zu kritisieren ist als andere Länder, antwortet letzte­rer, die Israelis hätten nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs eben höheren Stan­dards zu entsprechen. Besonders problema­tisch ist: Der Antisemitismus der Hamas wird nicht erwähnt und — nicht zuletzt — Sharon wird unterstellt, die Errichtung eines Staates Palästina grundsätzlich hintertreiben zu wol­len.

Skandalös ist der Abschnitt über Antise­mitismus in Russland. Die laut Rauscher geradezu „idealen“ Voraussetzungen für „tra­ditionellen Antisemitismus“ werden u.a. da­mit begründet, dass sich dort einige wenige Juden und Jüdinnen den Reichtum teilen.

Es sind solche „Analysen“ und „Beobach­tungen“ Rauschers, die sein Werk in gewis­ser Weise gefährlich machen. Gefährlich, weil eine sehr spezifische LeserInnenschaft statt Reflexion auf die eigenen Verstrickungen in das Gemisch aus Schuldgefühl und Entlas­tungsversuch vielmehr die Anleitung zu sehr fragwürdiger „Israelkritik“ daraus ableiten kann. Ja mehr noch: das Buch selbst und die sich damit identifizierenden LeserInnen sind Teil des neuen Antisemitismus.

„Weniger Gedanken um die Ursachen ma­chen, sondern energisch vorgehen“ empfiehlt Rauscher gegen Ende seines Buches. Eine Empfehlung die so gut gemeint, wie über­flüssig ist. Ist doch das Problem die Unfähig­keit, (auch den eigenen) Antisemitismus als solchen zu erkennen. Wie zum Beweis dafür zitiert Rauscher am Schluss noch Joschka Fi­scher: „Wenn uns eines in den 30er Jahren gefehlt hat, dann Zivilcourage.“

Hans Rauscher: Israel, Europa und der neue An­tisemitismus. Ein aktuelles Handbuch. Molden Verlag: Wien 2004, 250 Seiten, Euro 22,80.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2004
Heft 8/2004, Seite 32
Autor/inn/en:

Johanna Oberhuber: Studierte Soziologie in Wien.

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