Zeitschriften » Context XXI » Print » EKG & ZAM » EuropaKardioGramm » Jahrgang 1995 » EKG 5-6/1995
Norbert Mappes-Niediek
Jugoslawien

Krieg den Hütten, Friede den Palästen

In den letzten Wochen des Krieges kann keine der Parteien sich mehr Sentimentalitäten leisten. Jetzt muß schnell miteinander abgemacht werden, was abzumachen ist. Wenn dabei auf allen Seiten die eigentlichen Absichten unerwünscht deutlich zu Tage treten, muß man das halt in Kauf nehmen.

Drei Regime teilen den größten Teil der Konkursmasse des ehemaligen Jugoslawien unter sich auf. Sie könnten das auch friedlich tun. Sie hassen einander nicht, und zu Kompromissen sind sie durchaus bereit. Krieg aber ist die einzige Möglichkeit, im erforderlichen Ausmaß Menschen zu bewegen. Es sollen sauber abgegrenzte Territorien mit möglichst kurzen Grenzen und einer leicht beherrschbaren Bevölkerung dabei herauskommen; die herrschenden Eliten haben die ethnisch abgezirkelten Kompromisse aus den Zeiten der jugoslawischen Föderation satt. Weil aber kein Bauer freiwillig von seinem Grund geht, muß die Aufteilung als Massenvertreibung organisiert werden. Nationalismus ist dabei nur Mittel zum Zweck. Alle drei führen Krieg gegen die Zivilbevölkerung, gleich welcher Nationalität.
Die kroatischen Vormärsche Mitte September gelangen kampflos. Der Grund dafür war nur vordergründig die Schwächung des serbischen Militärpotentials durch die NATO-Luftangriffe. Ginge es um Leben oder Tod, so hätten die Serben sich mit der tausendfach geübten Partisanentaktik verteidigt, in der es die frühere Jugoslawische Volksarmee zur Meisterschaft gebracht hat. Aber die Eroberungen der anderen Seite waren im Gegenteil willkommen. Sie erlauben es dem Regime in Pale, sich sein künftiges Reich so zurechtzuschneidern, wie es das gegenüber dem eigenen Volk niemals durchsetzen könnte: Von jeher rein serbische Gebiete, wie es sie gerade in Westbosnien gibt, kriegt man nur mit Gewalt leer. Die Herrschenden in Pale und Belgrad marschierten in den kroatischen Reihen mit; daß dabei in Donji Vakuf 6.000 ZivilistInnen zwischen die Fronten gerieten und vielleicht schon tot sind, schert sie sowenig wie die Morde in der Krajina. Es geht ihnen um Land und um Macht. Absprachen mit der anderen Seite sind überflüssig: Man hat gemeinsame Interessen, tut einander nicht weh und läßt geschehen, was geschehen muß.

Nicht nur die serbische Führung opfert ihre Zivilbevölkerung ihren Machtansprüchen. Kroatiens Präsident Franjo Tudjman, der in der Krajina die bisher intelligenteste Massenvertreibung organisierte, hat schon im letzten Januar die künftigen serbisch-kroatischen Beziehungen mit der deutsch-französischen Freundschaft verglichen; nur mußte vor deren offener Ausrufung rasch noch etwas erledigt werden. Schon 1993 lieferte Zagreb mit der Abspaltung der territorial günstig gelegenen Herzegowina die viel zahlreicheren KroatInnen in Zentralbosnien den Muslimen aus. Die berühmte Speisekartenskizze von London bildet Tudjmans Haltung getreu ab; jetzt wird auch die Landkarte Bosniens ihr immer ähnlicher. Sein Kollege Alija Izetbegovic ließ mehrmals Sonderabkommen für Sarajewo platzen, um die Stadt als Menetekel für die Welt zu erhalten. Die ständigen Einschränkungen der Bewegunggfreiheit innerhalb der muslimisch-kroatischen Föderation beruhen in Wirklichkeit nicht auf der Unfähigkeit der Führungen zum Kompromiß. Vielmehr schaffen es die muslimischen Behörden anders nicht, die männliche Jugend zum Kämpfen im Land zu behalten.

Die internationale Gemeinschaft, die in diesem Krieg der (oft hilflose) Anwalt der Zivilbevölkerung war, hat im Frühsommer die Seiten gewechselt und hilft jetzt den Palästen im Kampf gegen die Hütten. Das Bombardement gegen die Serben hat Sarajewo nicht einmal befreit; der halbherzige, jederzeit umkehrbare Abzug der Serben nach zwei Wochen NATO-Luftschlägen geht nicht über die immer wieder gebrochenen und widerrufenen Abkommen von 1994 hinaus. Der eigentliche Effekt dieser späten Militärintervention war das Einläuten der letzten Runde, des großen Showdowns. In Fachzeitschriften, also quasi hinter vorgehaltener Hand, kommt nach dreieinhalb Jahren Krieg und „ethnischer Säuberung“ in Bosnien der „freiwillige Austausch der Bevölkerung“ als Lösung daher. Als historisches Vorbild gilt der sogenannte „Friede von Lausanne“, den Griechenland und die Türkei 1923 schlossen; damals wurden 1,35 Millionen TürkInnen und 430.000 GriechInnen zwangsweise umgesiedelt. Die internationalen Advokaten des Großreinemachens in Bosnien räumen ein, daß alles sehr bedauerlich sei. Aber leider sei die „Bildung der letzten Nationalstaaten auf dem Balkan durch neue Grenzen“ wohl unvermeidbar. In Deutschland hat der Rundfunkredakteur Eckehard Rondholz die traurige Pflicht des „Tabubruchs“ übernommen. Um die blutige Grenzziehung „etwas weniger unmenschlich“ zu machen, meint er in einem Beitrag für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“, müsse man sie beschleunigen. Aber die humanitäre Pose ist nur gestellt: Seit in Srebrenica der Endkampf begann, sind die bislang schlimmsten Verbrechen dieses Krieges begangen worden — angefangen mit dem Mord an wahrscheinlich mehreren tausend Männern durch die Soldateska des Ratko Mladic. An diesem Verbrechen zeigt die Welt kaum noch Interesse. Offenbar hat man sich endgültig auf die Version geeinigt, daß die Balkanvölker allesamt wild, grausam und undurchsichtig sind. Von den Massakern des September in Westbosnien werden wir erst nach ein par Monaten erfahren — wenn die Waffen schweigen. Dann, wenn die Amerikaner sich zurückgezogen haben, bleiben mitten in Europa drei mit Blut besudelte Regime zurück, die gerade noch von der Vormacht des Westens bescheinigt bekommen haben, „Werkzeuge des Friedens“ zu sein.

Der „Friede von Lausanne“ übrigens ist wirklich ein würdiges Vorbild für die „Friedensmission“ unserer Tage. Daß er nicht gerade der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wurde, ist allgemein bekannt — heute noch schützt die UNO auf Zypern die Waffenstillstandslinie nach einer weiteren Schlacht der Partner von damals. Aber der Vertrag vom Juli 1923 hat nicht einmal einen Krieg beendet: Der Waffenstillstand lag schon ein Dreivierteljahr zurück. In Lausanne kamen lediglich zwei Regime überein, Millionen Bauern zu verschieben. Im Balkankrieg der neunziger Jahre hingegen werden Vertreibung und Ende der Kampfhandlungen wohl zeitlich zusammenfallen. Wenigstens im Tarnen eines Menschenschachers als „Friedensschluß“ hat die Welt in diesem Jahrhundert dazugelernt.

Dieser Artikel ist der Zeitschrift für Antimilitarismus (ZAM) 6/95 entnommen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
EKG 5-6/1995, Seite 14
Autor/inn/en:

Norbert Mappes-Niediek:

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