Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1998 » Heft 2/1998
Franz Schandl

Kreislauf der Ignoranz

Eine Vivisektion obligater Werbesprüche von Gertraud Knoll erlaubt bei aller Freundlichkeit nur eine Diagnose: Rinderwahnsinn.

Was kaum jemanden auffällt, regt uns schon lange auf. Da stand auf den Plakaten wie auf den Flugzetteln unter anderem folgendes zu lesen (Hervorhebungen von F.S.):

„Die sicherste Zukunftsinvestition ist der Mensch selbst. Jede und jeder Einzelne braucht Gewißheit: Ich bin etwas wert! Jeder Mensch zählt, bevor er sich auszahlt. Das hat eine neue Wertorientierung zur Folge. Demokratie heißt Partizipation, heißt Rückgrat stützen. Demokratie erfordert Solidarität und Dialog.“

„Wirtschaftsdynamik ist eine notwendige Chance. Doch Arbeit kommt vor Kapital. Die Reichen dürfen nicht noch reicher und die Armen dürfen nicht noch ärmer werden! Wo Menschen ‚wegrationalisiert‘ werden, beginnt der Konkurs des sozialen Friedens. Arbeit und Einkommen müssen gerecht geteilt werden. Zwischen Frauen und Männern.“

Diese Wertorientierung ist nichts anderes als sie wirklich ist: eine Orientierung auf den Wert, auf Verwertung und Austausch, auf Geschäft und Vertrag als quasi natürliche Dimensionen der sozialen Kommunikation. Inklusive dem ganzen Brimborium von Demokratie, Gerechtigkeit und Sozialstaat. Neu an dieser Orientierung ist nichts! Das Gerede entstammelt dem Schwitzkasten der Marktwirtschaft: Der Mensch gilt als Investition, die sich auszahlen muß. Ein sozialer Frieden muß vor dem Konkurs gerettet werden, und das trotz all der Chancen der Wirtschaftsdynamik. Arbeit und Einkommen haben ganz selbstverständlich zu sein, nur eben gerecht geteilt. Wahrlich, die protestantischen Ausdünstungen riechen kilometerweit.

Kapital kommt von Arbeit, aber Arbeit ist Bestandteil des Kapitals Sie steht unter dem Kommando des sich verwertendenWerts (= Kapital), es kann gar nicht vor ihm kommen, weil es ihm substantiell untergeordnet ist. Und wenn — was ja sinnvoll wäre — die Menschen vor dem Kapital gehen sollen, dann ist das aber nur möglich, wenn sie dessen Herrschaft abschütteln. Alles andere ist letztlich ein frommer, und somit dummer Wunsch. Wer das so nicht haben will, muß dagegen sein, ohne dafür zu sein.

Reich und arm sind in allen ihren Ausformungen Resultate der affirmierten Wirtschaftsdynamik. Ein Mittel dieser Dynamik ist die Rationalisierung. In der kapitalistischen Ökonomie geht es stets um die Senkung des Kostpreises (c+v) bei der Herstellung einer Ware. Die Konkurrenz erzwingt den Abbau lebendiger Arbeit (von Arbeitskräften), um die Produktionskosten zu senken. Der Dynamo läuft so. Soll er laufen, muß er rationalisieren. Rationalisiert er nicht die Menschen weg, „rationalisiert“ er sich selbst weg, und alle seine Arbeitssklaven sogleich mit. Das Kapital mag grausam sein, aber es ist logisch. Und das Kapital hat recht: Durch Rationalisierung der Arbeitsplätze werden die Übriggebliebenen gesichert. Knoll und die Ihren sind zwar für den Dynamo, wollen aber sein Dynamit nicht wahrhaben.

Wirtschaftsdynamik ist heute weniger eine Chance, sie ist vielmehr die Destruktivität par excellence: ökologisch, ökonomisch, sozial. Der Sieg des Standortes ist nur im Krieg der Standorte zu haben. Ein Rückgrat muß nur gestützt werden, wo es permanent gekrümmt oder gebrochen wird. Die gute Gerti steht nicht für die Überwindung der, sondern für die Hilfe in Not. Zuerst huldigt sie den Notbringern, um sodann die gebrachte Not zu verabscheuen. Sie ist die Biederfrau. die die Brandstifter ins Haus bittet, und sich dann beschwert, wenn sie dieses anzünden. Denn: „Ich habe das Recht, meine Herren, überhaupt nichts zu denken.“ (Max Frisch)

Wohlan, kein Recht kultiviert die domestizierte Opposition so wie dieses. Das Immunsystem solcher Initiativen gegen die herrschende Ideologie ist gleich Null.Sie transportieren ideell stets das, gegen dessen reelle Folgen sie auftreten. Diese Art von Dummheit ist nichts anderes als das stinknormale Repetieren des Alltagsbewußtseins, der elende Kreislauf der Ignoranz. Dessen Charaktermasken sie auch sind, oft deutlicher als die Larven der Macht.

Es ist geradezu die Harmlosigkeit, die in ihrer Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden sollte. - Der Wert ist doch etwas wert, oder? Er heißt doch schon so, oder? Solch Alltagsquatsch darf nicht geduldet werden. Der gesunde Menschenverstand ist ein gemeiner. Er macht krank im Hirn.Was hier geboten wird, das ist geistiges BSE, die Sager sind Ausdruck des Rinderwahnsinns. Sie taumeln vor sich her, bevor sie fallen hin.

Sie ergeben sich willig der Definitionsallmacht, die sie vollmundig aufsagen. Sie wollen akkurat nur haben, daß alle entsprechen. Und da kumulieren alle Modalverben. Das Müssen hat ein Können zu sein, und das Sollen ein Wollen, das Dürfen schließlich ein (Zu)Lassen.Sie sind für die Verwertung, aber gegen die Entwertung. Das eine ist freilich ohne das andere nicht zu haben.

Daß der Mensch sich auszahlen muß, das ist auch für alle Knollis eine Selbstverständlichkeit. Kritisiert wird bloß, daß einige nicht ausgezahlt, weil beschäftigt werden können, nicht, daß die Zahlung eine conditio sine qua non des Lebens darstellt. Der Verwertungszwang, der bleibt nicht nur unwidersprochen, der Wert wird geradezu als ehernes Banner vorneweg getragen. Damit gibt die Frau Protestantin zu erkennen, daß sie den Menschen als ökonomisches Projekt sieht. Eine Investition eben, die sicherste noch dazu. Es ist ein erzkapitalistisches Credo, das aus solchen Texten spricht.

Schlimm ist primär nicht, daß der Mensch zu wenig wert ist, sondern daß er überhaupt etwas wert zu sein hat. Der Zwang zur Verwertung, der alles und jeden trifft, das soziale Apriori bürgerlicher Existenz, wird unhinterfragt vorausgesetzt. Die Knollis wollen ihn nun gar als eherne Gewißheit installieren. Sie schreien nach der politischen, somit staatlich organisierten Haftung der sachlichen Identität von Mensch und Wert. Sie wollen die Verdinglichung der Menschen nicht aufheben, sondern einen Sicherheitszaun um jene errichten.

Die Verwertung der Arbeitskraft soll nicht kritisiert, sondern garantiert werden. Die Opposition schreit nach einem Recht auf Ausbeutung. Die mündigen Bürger hören sich als hörige Bürger so an: Wir sind die Investition, wir wollen uns lohnen und auszahlen. Rationalisiert uns nicht weg, laßt uns arbeiten.Wir sind die Dynamik, die Chance, die Wirtschaft, die Arbeit, der Wert, der Profit, das Kapital. Wir verhindern den Konkurs. Unsere Werte sind euer Wert, der wir sein wollen. — So seufzt die protestantische Arbeitsseligkeit auf Knien. Ora et labora ist immer noch ihre Devise. Dieser Zweifaltigkeit opfern die Opfer sich in aller Einfalt täglich: Laßt uns uns verwerten, beten sie.

Während die Entwertung (von allen Waren bis hin zur Arbeitskraft) um sich greift und ob der Krise des Werts eine Kritik des Werts und seiner Werte (Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit) auf der Tagesordnung stünde, meinen Knoll und Anhang partout, daß doch nicht sein darf, was da gerade abläuft, und das r.och dazu (welch Pointe!), obwohl sie eigentlich dafür sind. Es stören nicht die Mechanismen, wohl aber einige Ergebnisse. Der platte Humanismus zeichnet sich dadurch aus, daß er nicht einmal einen eigenen Wortschatz hat: er plappert gedankenlos, aber inhaltsschwer vor sich hin. Er predigt, wo dem Glauben ein Feld nach dem anderen entzogen wird. Die geistige Barbarei ist in diesem Geschnatter schon ausgebrochen.

Diese Sprache ist nicht nur ökonomisch infiziert, sie ist im höchsten Grade durchseucht. Aus allen Poren tropft die Kostenrechnung. Da nützt dann auch die allgemeine soziale Liturgie, von wegen, daß die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, nichts. Uns ist der Positiv „arm“ negativ genug, wozu braucht man eigentlich die Steigerungsstufen? Wer zuviel mit den Steigerungsstufen hantiert, setzt sich zumindest demVerdacht aus, an der Ausgangsstufe nichts auszusetzen zu haben, verbliebe die soziale Diskrepanz nur in einem vernünftigen Rahmen.

Fairy-tales

Und immer wieder die Gerechtigkeit. Ist denn das Gesuder vom gerechten Einkommen noch erträglich? Ist da nicht selbst der blanke Komparativ, der unverkleidet und einfach Mehr schreit, sympathischer? Was ist denn nun gerecht zwischen Unternehmern und Arbeitern? Welche Niveauunterschiede dürfen (zwischen, aber auch innerhalb) denn nun sein, die die Löhne gerecht machen? Weshalb gibt es kein gleiches Einkommen für Putzfrauen und Primarärzte? Was ist der unterschiedliche Wert von Rechtsanwälten und Bäuerinnen? Warum ist der Preis eines Generalintendanten höher als einer Superintendentin? Und weswegen verdient Peter Michael Lingens mehr als Franz Schandl? Welche Wertigkeiten sind denn nun gerecht und welche nicht? Bitte sagt uns doch endlich, welche Gehälter (auch so Wort für den Wert) denn da sein sollen.

Was die gute Gerti uns bietet, ist, daß sie gleich der guten Fee die Frau Protektorin der „kleinen Leute“ sein möchte.Was Gerti Senger für den Sex, ist Gerti Knoll für das Herz. Eine schale Angelegenheit. Mit Gertraud Knoll hat sich für das Faire jedenfalls eine neue Fairy gefunden. Denn genau das ist die bürgerliche Gerechtigkeit in den Hirnen der allermeisten Linken: a fairy-tale, ein Märchen, wo ihnen warm ums Herz wird, eines, das sie daher aus jedem Anlaß stets aufs Neue aufwärmen, obwohl es doch schon längst angebrannt und ungenießbar ist. Doch der Geruch überzeugt. Da mag das Aroma noch so abgestanden sein. Daß Gerechtigkeit nur ein ideologischer Fortsatz des Werts ist, daß Gerechtigkeit gar herrscht, das kann doch nicht sein. In ihrem banalen Dagegensein smd sie also für das, was ist, ohne es zu wissen. Sie smd so nicht wirklicher Gegensatz, sondern weltanschaulicher Zusatz.

Neuerdings begegnen wir überhaupt wieder unzähligen Kampagnen, die den Fair-play und die Gerechtigkeit hochhalten. Fairteilen (Grüne) und Faire Marktwirtschaft (Haider) stehen hoch im Kurs. Diese Gerechtigkeitspropaganda ist letztlich regressiv und antiaufklärerisch. Zahlreiche fairytales unterstellen, daß der Kapitalismus regellos fünktioniert, daß die Willkür irgendwelcher Böser seine Gräßlichkeiten bestimmt. Nicht gerecht werde getauscht, sondern ungerecht. Schuldige sind schnell zur Hand: Neoliberale, Konzerne, Spekulanten, das Finanzkapital, dunkle Machenschaften, Politkriminelle etc. Jeder kann sich seine Feinde aussuchen. So werden die Blüten der Kapitalherrschaft mit dieser selbst verwechselt. Der Ausdruck wird zum Grund, wäre er weg, wäre die Ungerechtigkeit beseitigt. Ihr aller Sakrament ist der politische Wille.

Da lobt man sich direkt die Shakespeareschen Hexen aus Macbeth, die haben zumindest den Doppelcharakter der Gerechtigkeit erkannt: „Fair is foul,and foul is fair“. Gegen die demokratische Gerechtigkeitsfront von Derrida bis Stronach, von Haider bis Knoll, gilt es sich allerdings zu wehren. Dieser Sermon ist unerträglich geworden. Es geht perspektivisch nicht mehr um irgendwelche Gerechtigkeiten, sondern es geht um die Aufhebung der Gerechtigkeit schlechthin, nicht um gleichen Lohn, sondern um Kritik und letztendlich um die Abschaffung des Lohns. Die soziale Existenz hat sich von ihren bürgerlichen Bedingungen zu emanzipieren. (Vgl. dazu auch ausführlich: Franz Schandl, Jenseits der Gerechtigkeit, Weg und Ziel 2/97) Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit sind hohler Pathos, Leitwerte einer auslaufenden Epoche, nicht Kriterien einer gesellschaftlichen Aufhebungsbewegung gegen das Kapitalverhältnis. Soziale Gerechtigkeit ist kein emanzipatorisches Ziel mehr.

Herde und Horde

An Gertraud Knoll ist aber auch gar nichts von einem Aufbruch zu erkennen, es zelebriert sich bloß eines der unzähligen Kapitel des Zusammenbruchs der Reflexion. Es ist das regressive Treiben, das zum Auftrieb führt. Wer das nicht kapieren will, kann gleich nach der oder dem nächsten Knoll Ausschau halten, oder sie oder ihn sich von irgendeinem Andre Heller oder Pius Strobl vorsetzen lassen.

Was daher mehr ärgert, ist, daß ganze Haufen engagierter Personen alle paar Monate oder Jahre einen Anlauf nehmen, sich zum Fanclub scharen und gleich Schafen irgendwelchen Leithammeln und Leitziegen hinterherlaufen, so als wäre dies das non plus ultra oppositionellerTätigkeit gegen Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Rassismus. Der Modus ist das Anhimmeln von Promis und das Schnattern von Parolen.Vorherrscht die gedankenlose Ovation. Eine Opposition, die hinter solchen Stars und Sprüchen marschiert, hat für sich freilich nur eines gepachtet: den Superlativ der Erbärmlichkeit.

Doch seien wir sicher, es geht weiter. Sebastian Reinfeldt, der neugrüne Programmspatz pfeift es schon vom Dach. Ohnmachtsphantasie im Größenwahn liest sich: „Dieser herrschende Block kann unterminiert werden-jedoch weder von einer politischen Partei alleine noch über die Vision einer sanften Machtübernahme der Staatsapparate. Nur eine Allianz aus den Resten der „neuen“ sozialen Bewegungen, den „NGOs“, dissidenten Kirchenkreisen, selbstorganisierten Initiativen und gesellschaftlichen Minderheiten (insgesamt emphatisch als Zivilgesellschaft bezeichnet) mit den realen Oppositionsparteien Grünen und LIF wäre in der Lage, Widerstandslinien innerhalb der Gesellschaft gegen den sozialdemokratisch formierten Neoliberalismus auf Dauer zu besetzen.“

Da fehlt bloß noch die Feldherrin für den Stellungskrieg (um es in dieser gramscischenTerminologie gleich zu vervollständigen). Als Retterin ist Frau Knoll in Sicht: „Diese Linien benötigen zur „Vermittlung“, und um ihren symbolischen Zusammenhalt zu finden, eine links- populistische Charismatikerin: sie nehmen Abstand von der Phantasielosigkeit und den Einschränkungen technokratischer Politik, und sie formieren sich entlang der momentanen entscheidenden Bruchlinien: der sozialen.“ (Es ist möglich, Planet Nr. 5, Mai/Juni 1998, S. 8.)

Es ist endlich ausgesprochen: Der Populismus wird keiner prinzipiellen Kritik mehr unterzogen, es gilt ihn nut links zu wenden und anzuwenden. Da plaudert einer wirklich aus, was die linksliberale Opposition so gerne wäre: sein wie Haider. Was Peter Pilz bereits zehn Jahre (trotz tausender Aktenordner voll mit Skandalmaterial) vergeblich probiert, soll nun mit einer frischeren Person glücken.

Da diese Herden nun in wechselnden Zusammensetzungen schon Jahre in allgemeiner Erfolgslosigkeit weiden, ist hier doch auch angebracht, die vornehme Freundlichkeit fahren zu lassen. Anstatt vornehm zu sein, gilt es, sich diese Früchte vorzunehmen. Fanatisierte Linksliberale meinen ja stets, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben, obwohl man ihnen nur einen Schöpflöffel Scheiße reichte. Der reichte ihnen, und jetzt reichen sie ihn uns weiter. Doch wir fressen das nicht und raten auch allen davon ab, es wieder und wieder zu probieren.

Die animalischen Bezüge in diesem Beitrag sind nicht Zufall, sondern Absicht. Sie unterstreichen die Objekthaftigkeitdes bürgerlichen Subjekts. Dessen Realbild ist (wir wechseln das Tier) zweifellos das Rindvieh, das da trottet und trottet und trottet. Eingespannt in den Pflug, tut es, was es tut. Aber auch in die Freizeit ausgelassen, trottelt es dann durch die Gegend und füttert die kulturindustriellen Gräser in sich rein. Nichts fragend, was es da abgrasen darf, verschlingt es gierig, was es kriegt. Die Begeisterungsfähigen sind auf Entgeistigung trainiert. Ohne etwas zu unterstellen zu wollen, stellen wir fest: Der Umschlag der Herde in die Horde geht manchmal ganz einfach. Besonders die dumpfen Kühe neigen ja im Moment der Verhetzung, zu rasenden Ungetieren zu werden, die sodann alles niedertrampeln, ohne auch nur irgendwie zu erkennen, was unter sie kommt. Nachher wollen sie davon natürlich nichts gewußt haben.

Mensch als Wert

Der Zusammenhang von Wert und Mensch wird heute auch vielerorts, nicht verschämt, sondern unverschämt ausgesprochen. Helene Karmasin etwa, die berüchtigte Meinungsüberwachungsforscherin, meint in ihrem elitär-affirmativen Tonfall: „Natürlich ist Geld in unserer Gesellschaft noch immer ein Wertmaßstab für die eigene Person. (...) Der Kontostand gilt ja im professionellen Bereich noch als qualitative Aussage über einen Menschen.“ (Standard, 5.Jänner 1997)

Wie schlecht muß es da um die Wertigkeit vieler von uns bestellt sein. Da wird einem ganz übel, aber nicht aufgrund des Blicks auf den Bankauszug. Professionalität meint ja nichts anderes, als den vorgegebenen Bedingungen erfüllend zu entsprechen. Sie ist praktizierte Affirmation. Der Code der Professionalität ist nichts anderes als der Kot der Betriebswirtschaftslehre: Arbeit reinstecken, Geld ausscheißen. Was heute als professionell gilt, ist, den Zwang nicht nur hinzunehmen (wovon sich ja niemand ausnehmen kann), sondern ihm gar freiwillig zu folgen, ihm zu huldigen, für ihn zu beten, und ihn zu schützen.

Das Professionelle ins Ordinäre übersetzt: Arbeiter sind generell minderwertig, Textilarbeiterinnen im besonderen noch minderwertiger und ausländisches Dienstpersonal am allerminderwertigsten. Keine Lohnerhöhung, so sehr sie jedem und jeder individuell zu gönnen ist, kann diesem bürgerlichen Übel abhelfen. Soziale Diskriminierung hat ökonomische Gründe. Sie wird nicht mutwillig hergestellt, sie liegt am System.

Bürgerliches Selbstbewußtsein verläuft auf einer Skala der Ab- und Aufwertung am Markt. Einkommen ist die quantitative Zugangs- und Beteiligungsgröße, die auch über verschiedene Formen von Integration und Desintegration (Was haben? Wo sein? Wie viel dürfen?, Was darstellen?) entscheidet. Das hat schon seine bürgerliche Logik. Bereits ein gewisser Marx wußte,daß „im selben Maß, wie das Geld in seinen verschiednen Bestimmungen sich entwickelt, (...) der Reichtum als solcher der allgemeine Maßstab des Werts des Individuums wird.“ (MEW, Bd. 42: 157) Das Einkommen ist (weil löst) die Eintrittskarte, die über den Rang in der Gesellschaft befindet. Um irgendwo dazu zu gehören, bedarf es einer adäquaten Geldbörse, um sich in Realität und Symbolik anpassen zu können. Es ist das Einkommen (wo immer es auch herkommt), das über die Auslese des Minderwertigen bestimmt. Die sozial Schwachen (Arbeitslose, Hausfrauen, Mütter, Tagelöhner, Hilfsarbeiter) leiden an ihrer mangelnden Marktauglichkeit.

Viele wollen sich nun vor der Konkurrenz dahingehend schützen, indem sie andere Markt- und Sozialkonkurrenten (Ausländer, Sozialschmarotzer, Beamte, Politiker, Spekulanten, Juden) stigmatisieren und diese aus der Konkurrenz bzw. den sozialen Leistungen ausschließen oder doch abdrängen wollen. Sie möchten ihren sozialen Status sichern, indem sie nach politischer Abwertung anderer Gruppen schreien. Deren Möglichkeiten wiederum, sich zu wehren, sind gänzlich unterschiedlich, manche Konkurrenten sind so leichter erledigbar als andere. Nichtsdestotrotz verfolgen die Konkurrenzsubjekte andere Konkurrenzsubjekte als Sündenböckc, deren hauptsächliches (wenn auch nicht einziges) Kriterium zusehends das nationale Kennzeichen darstellt. Rassistische Faustregel: Je weniger ein Ebenbild, desto größer das Feindbild.

Dem Entwertungsdruck wird nicht entgegengetreten, es wird hingegen versucht, ihm auszuweichen und ihn weiterzureichen. Die Drangsalierten spielen Schwarzer Peter. Jene, denen etwas weggenommen wird, trachten permanent danach, jemanden anderen etwas wegzunehmen. Sie beherbergen somit eineTendenz, die restriktiv ist. Genau das ist der Punkt, wo reaktionäre Bestrebungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Daß Subjekte andere Subjekte, Teile andere Teile entwerten müssen und deshalb entwerten wollen — verschärft noch in der Krise — „demonstriert die ganze Tragik der Bedingungen, aber auch die Notwendigkeit, hier anders einzugreifen als dies bisher durch die moralische Entrüstung geschehen ist. Die Verhaltensweisen sind Folge der Verhältnisse, Ausgrenzung somit Folge von Demokratie und Marktwirtschaft. Sie ist deren Konsequenz. Wer sie nicht will, muß ihr die Grundlagen entziehen.

Die Ausgrenzung ist jedenfalls der Nucleus der Ausmerzung. Diese muß sich nicht automatisch aus jener ergeben, aber sie ist denn doch möglich. Sie ist die negative Folge des jeder Warenmonade inkorporierten Betriebssystems der Konkurrenz. Überflügeln, Wettmachen, Ausschalten, Erledigen. Damit soll nichts entschuldigt, aber doch einiges erklärt werden. Die Täter bleiben Täter, auch wenn sie zur Tat getrieben werden. Damit aber keine Tat mehr betrieben wird, reicht es nicht aus, gegen die Täter zu sein, sondern gegen das, was ihre Taten hervorbringt. Der Täter realisiert die Tat, er schafft sie nicht.

Vor dem Geld sind alle Menschen gleich, aber durch das Geld erhalten sie verschiedene Wertigkeiten. Natürlich ist die monetäre Differenz einer radikalen Kritik zu unterziehen. Aber eben einer radikalen, diese ist nur sinnvoll, wenn sie verlängert wird zu einer umfassenden Abrechnung mit der bürgerlichen Selbstverständlichkeit verschiedener Wertigkeiten menschlicher Tätigkeit. Bedingungen sind zu thematisieren, nicht bloß deren Auswüchse. Die Kritik an den Einkommensdifferenzen (etwa gar noch als unsägliche Privilegiendebatte) hat zu einer des Einkommens, ja zu einer Kritik von Arbeit und Geld aufzusteigen. Bleibt sie darunter, dann ist sie der Bodensatz, der es ermöglicht, die soziale Frage als populistische Veranstaltung zu inszenieren. Man denke bloß an Haider und all seine (auch linkspopulistischen) Nacheiferer. Das Spiel „Wem schneiden wir was weg?“ hat kannibalistische Züge. Doch alle spielen es.

P.S.: Die Nazis haben nur ausgesprochen, was das bürgerliche System hervorbrachte: den Unwert. Sie haben diese Rationalität in ihrem Sinne und auf ihre Weise personalisiert und hierarchisiert. Erschaffen haben sie jenen nicht. Unwertes Leben (analog dazu entartete Kunst) mußte ausgemerzt werden. Die Eliminierung des Unwerten ist kapitalistisches Programm, die Nazis haben das ganz wörtlich genommen, dem Markt noch durch den Staat (mit aller Brutalität) nachgeholfen. War es die Aufgabe aller Sozialreformer, den Kapitalismus immer wieder durch fürsorgliche Maßnahmen hin zur Unkenntlichkeit zu gestalten — darin liegt die große, doch unwiederbringliche Leistung der Arbeiterbewegung —, so die der Nazis, ihn zur Kenntlichkeit zu bringen. Zumindest gilt das für jenen Kapitalismus der Epoche der nationalstaatlich organisierten Form, für jene Zeit, als ökonomische Gesellschaftsformation und bürgerlicher Nationalstaat eine weitgehende Einheit bilden. Was heute diesbezüglich möglich ist, ist freilich schon eine andere Debatte. Aber auch die werden wir hier und woanders noch führen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1998
Heft 2/1998, Seite 1
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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