Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 8/2002 — 1/2003
Eva Krivanec

Körper & Geschlecht

Feministische Körper-Konzeptionen anno 2002

Spätestens seit Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) und der teils heftigen Reaktionen anderer feministischer Theoretikerinnen darauf, ist der Körper ins Zentrum feministischer Theoriebildung gerückt und bildet einen zentralen Fluchtpunkt der Trennungen und Kontroversen zwischen den von ihren KritikerInnen als „Essentialistinnen“ gekennzeichneten Feministinnen und jenen, die einer dekonstruktivistischen Position folgend, die Binarität der Geschlechterdifferenz zu subvertieren versuchen.

Mehr als zehn Jahre später wird diese Kontroverse vielfach als „sinnlose Opposition“ (K.Pewny, 53) wahrgenommen. Dennoch sind die Fragen, was den „vergeschlechtlichten Körper“ ausmache, wie er zu fassen sei, welche kulturellen Imaginäre sich aus ihm speisen und wie aus feministischer Sicht auf die verschiedensten gesellschaftlichen – administrativen, rechtlichen, medizinischen, technologischen – Zugriffe auf den (weiblichen) Körper zu reagieren sei, keineswegs einheitlich beantwortet. Im letzten Jahr sind im deutschsprachigen Raum eine ganze Reihe von Büchern – Sammelbänden und Monographien – zu feministischen Körperkonzeptionen erschienen, deren Autorinnen gerade in Detailfragen ausgesprochen spannende Ansätze entwickeln, die vielleicht insgesamt zu einer Weiterentwicklung materialistischer Theorien symbolischer Ordnungen und semiotischer (die Bedeutung analysierender) Theorien des Materiellen beitragen können.

Die Herstellung von Körpern

Karin Ludewig fasst die oben angedeutete Debatte innerhalb der feministischen Theorie in „Die Wiederkehr der Lust. Körperpolitik nach Foucault und Butler“ in Form einer Diskursanalyse zusammen, bevor sie selbst zu einem Vermittlungsversuch ansetzt, der m.E. gerade durch die völlige Ausblendung psychoanalytischer Theorieangebote nicht aufgeht, aber hierzu später. Ihre Synopsis jedoch geleitet uns ein Stück des Weges durch wesentliche theoretische Annäherungen an jene „Körper von Gewicht“, an bedeutungsvolle, durch Bedeutung konstituierte und Bedeutungen konstituierende Körper. „Alles ist Text – dieses Motto des Dekonstruktivismus fasst – etwas verkürzt – die theoretischen Bemühungen zusammen, das Gegebene, Naturhafte, das An-Sich-Seiende, das einfach Vorhandene als Produziertes, als Ergebnis kultureller Überformung und als menschliche Interpretation zu erweisen.“ (K.Ludewig, 38) Dem formelhaften dieser Darstellung steht jedoch eine weit genauere und das Materielle keineswegs einfach ver- und unterwerfende Analyse des Körpers gegenüber, wie sie etwa Foucault 1971 im Bezug auf die Methode der „Genealogie“ formuliert: „Als Analyse der Herkunft steht die Genealogie also dort, wo sich Leib und Geschichte verschränken. Sie muß zeigen, wie der Leib von der Geschichte durchdrungen ist und wie die Geschichte am Leib nagt.“ Gleichzeitig spricht Foucault von dem Körper, der, von ihm als „menschlicher“ bezeichnet, sich aus seinen Untersuchungen heraus aber schnell als „männlicher“ entpuppt. Körper von Frauen unterliegen nicht denselben disziplinierenden Institutionen wie jene von Männern, der gesellschaftliche Zugriff auf Frauenkörper – gerade im Bezug auf Reproduktion – ist jedoch in einer Weise machtvoll und unmittelbar, die Disziplinierung über seine Sexualisierung, seine wissenschaftliche Objektivierung, die Technisierung von Schwangerschaft und Geburt, die Verhaltensmaßregelung zum „Schutz des Kindes“ so wirkungsvoll, dass Foucaults Ansätze – trotz aller Kritik an seiner „Geschlechtsblindheit“ – einen außerordentlich wichtigen Impuls in der feministischen Patriarchats- und Gesellschaftskritik gesetzt haben.

Sehr konkret und höchst anschaulich zeigt Felicia Heidenreich in dem Aufsatz „Der offene Körper – Körperbilder im Lebenszyklus von Seereer-Frauen“ [1] was die diskursive und praktische, jedenfalls durch und durch soziale, Herstellung der „weiblichen Körper“ bedeutet, so wie sie die Autorin über Gespräche und teilnehmende Beobachtung bei mehreren Aufenthalten in einem kleinen Seereer-Dorf in Senegal kennengelernt hat. „Frauen haben viel Arbeit zu erledigen, jonglieren zwischen Haushalt, Markt, Kindern und der Feldarbeit.“ (F.Heidenreich, 145) Dennoch ist ihr Körperbild sehr eng an die Rolle als Gebärerin und Mutter und an dessen „Funktionieren“ gebunden. „Unfruchtbarkeit wird meist mit Waschungen oder Reinigungsritualen behandelt, weil eine Verunreinigung des Frauenkörpers als Grund gilt.“ (147) Während der Empfängnis, während der Menstruation, während der Schwangerschaft und unmittelbar nach der Geburt gilt der Frauenkörper als „offen“, das heißt (v.a. schädlichen) Einflüssen von außen ausgesetzt. Daraus ergeben sich eine Fülle von Verhaltensregeln und Verboten für die Frauen in diesen Zeiten, z.B. was das unterwegs sein betrifft. „Zur Mittagszeit sind bestimmte Geister aktiv und können in den Bauch der Frau eindringen und dort das Kind austauschen; [...]“ (148) „Geburt wird als ein Übergang von einem Zustand in einen anderen, als das Überschreiten einer Grenze gesehen, [...]“ (149) Erst nach dem siebenten Tag nach der Geburt dürfen das Kind und die Mutter aus dem Haus, an diesem Tag findet auch die Namensgebung, und somit die „soziale Geburt“ statt. Die Muttermilch wird in diversen Verfahren geprüft, ob es sich auch tatsächlich um „gute Milch“ handelt. Auch das Abstillen erfolgt in ritualisierter Form: „Opfer an die Ahnengeister der Familie, Gebete in die Ohren des Kindes geflüstert, geknotete Schnüre um den Hals des Kindes. Um es dem Kind zu erleichtern, die Brust der Mutter zu vergessen, werden abschreckende Dinge auf die Brustwarzen der Mutter gegeben.“ (151) Der gesellschaftliche Zugriff auf die Körper der Frauen, auch im internalisierten „Körperwissen“ der Frauen selbst ist offensichtlich, dennoch sind es die Frauen, die dieses Wissen generieren und transformieren – etwa im Kontakt mit europäischen medizinischen Techniken – und es ist ein Wissen, das die Weise „den Körper zu leben“ unmittelbar bestimmt. „Das Wissen ist praktisch und es wird praktiziert.“ (155).

Das Verschwinden der Körper

Das Dilemma, dem Frauen in westlich geprägten patriarchalen Gesellschaften unterliegen, nämlich zum einen auf ihren Körper - in naturalisierter oder sexualisierter Weise - reduziert zu werden und zum anderen an einer androzentrischen Kultur der Verdrängung und Verleugnung des Körperlichen zu partizipieren, trifft auch die feministische Theoriebildung. So geraten Versuche, das „Weiblich-Leibliche“ in den Vordergrund zu rücken - es gegen die „geschlechtslose Subjektivität“ der Männer zu (ver)wenden, leicht in das Fahrwasser einer Übernahme patriarchaler Bestimmungen des „Weiblichen“. Auf der anderen Seite spielen allzu optimistische Verweise auf die „soziale Konstruiertheit“ von Körpern und der an ihnen sich manifestierenden Geschlechterdifferenz und damit ihrer vermeintlich „einfacheren“ Subvertierbarkeit das Spiel einer technizistischen Logik der beliebigen Eingriffsmöglichkeit in materielle Bedingungen mit und können in der Praxis letzten Endes einer Rhetorik des „Was wollt ihr denn noch? Ihr könnt doch alles erreichen.“ den Weg bereiten.

Katharina Pewny greift auf die feministische Rezeption der Psychoanalyse, insbesondere ihrer strukturalistischen Variante (Lacan) zurück, um Theorien von Subjektivität auf ihre „geschlechtliche“ Dimension zurückzuführen. Sie zitiert Luce Irigaray: „Jede bisherige Theorie des Subjekts hat dem ‚Männlichen’ entsprochen. [...] Die schweigende Ergebenheit des (der) einen garantiert die Selbst-Gefälligkeit, die Autonomie des anderen, solange keine Notwendigkeit besteht, diese Stummheit als Symptom - einer historischen Verdrängung - zu prüfen. Wenn nun aber das ‚Objekt’ zu sprechen anfinge? Und zu sehen etc.? Bedeutete das nicht eine Zersetzung des ‚Subjekts’?“ Eine solche (männlich gedachte) „Subjektwerdung“ ist durch den Eintritt in die symbolische Ordnung, die - so Lacan - dem „Gesetz des Vaters“ untersteht, markiert. „Dabei muß etwas zurückgelassen werden: die allzu mächtig scheinende Gebundenheit an den mütterlichen Körper.“ (K.Pewny, 31) Diese - als Subjektkonstituens imaginierte - Abtrennung vom Körper der Mutter produziert zum einen jenes Verschwinden des Körperlichen aus der Sphäre der „Subjektivität“, zum anderen die Zertrennung von weib-weiblichen Verbindungen und Genealogien, wie sie Katharina Pewny für eine feministische Praxis - gerade im wissenschaftlichen Raum - fordert. „Die politische Praxis einer affirmierenden Konstitution weib-weiblicher Genealogien [...] ist auch aktuell nach wie vor notwendig. [...] Ob als Alltagspraxis von gegenseitiger Vermittlung an Expertinnen, als Bezugnahme aufeinander im Denken oder als Zusammenarbeit mehrerer Initiativen, Projekte oder Künstlerinnen, immer geht es in diesem Entwurf um Herstellung und Sichtbarmachung von weiblicher Autorität und Freiheit [...]“ (36) Der akademische Raum ist nicht zufällig bis heute so männlich dominiert. „Als Frau in dieser Welt zu sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit. Als Wissenschafterin schon garnicht [...]“ (61) „Symbolische und reale Verdrängung von Körperlichkeit aus dem Bereich des Geistes, der Linearität und der Askese des Forschers (ganz zu schweigen von den Reproduktionstätigkeiten) konstituieren die ‚hehren Herrenwissenschaften’“ (61) Interessant im Zusammenhang mit dem Verschwinden der Körper ist auch die Frage von Monika Klinkhammer in dem Aufsatz „Der weibliche Körper in der akademischen Arbeit und Welt - Bericht über einen Workshop“, [2] nach der - konkreten, praktischen - Beziehung von Wissenschafterinnen zu ihrem Körper, mit der These, dass eine Vielzahl von Wissenschafterinnen ein funktionales bzw. überforderndes, zur Erschöpfung führendes Verhältnis zu ihrem Körper entwickelt haben.

Veruneindeutigungen

Während Karin Ludewig den Begriff der „Natur“ im Sinne eines „Durch-sich-selbst-sein des Materiellen“ (K.Ludewig, 217) gegen eine vermeintliche „Virtualisierung“ des Körpers, einer „Auflösung ins Begriffliche“ durch poststrukturalistische Theoretikerinnen wie Judith Butler wiedereinführen will und sich damit in eine ganze Reihe von problematischen und widersprüchlichen Aussagen verstrickt - „Das sexuelle Begehren kommt, wie der Hunger und der Schlaf, von sich aus auf uns zu“ (224), „Der Körper, sein Sex, seine Gelüste sind, so wie sie sind und wie sie oft genug als Zumutung ans Bewusstsein [...] herantreten, natürlich.“(225) - versuchen die meisten Theoretikerinnen mit Begriffen wie „Repräsentation“, „Mimesis“, „Maskerade“ - interessanterweise alle dem Bereich des Theaters entlehnt - Spielräume eines Verschiebens von Geschlechtergrenzen oder der Auflehnung gegen Hierarchien auszuloten.

Antke Engel zeichnet in „Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation“ die zentralen Motive der „queer theory“ nach und entwickelt sie mit dem Ziel einer VerUneindeutigung und Destabilisierung von geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, womit sie eine Alternative zu den ebenfalls innerhalb der „queer theory“ verhandelten Strategien der Auflösung oder Vervielfältigung von Geschlechtern bieten möchte. „Eine Auflösung der Kategorie Geschlecht ist deshalb problematisch, weil damit deren analytisch-herrschaftskritische Funktion verloren geht. Es ist jedoch möglich die Notwendigkeit der Binarität in Frage zu stellen, und zugleich die fortdauernde Relevanz binär-hierarchischer Geschlechter- und Sexualitätsdiskurse für die Organisation von Kultur, Gesellschaft und Subjektivität anzuerkennen.“ (A.Engel,14) Eine wichtige und präzise Kritik an Judith Butler formuliert Antke Engel mit Verweis auf die Filmtheoretikerin Chris Straayer, die darauf hinweist, dass Butler in ihrer Fassung des Intelligiblen - jene Körper, die sich innerhalb einer heteronormativen, binären Matrix befinden - die zentrale Grenze zwischen dem Repräsentierten und dem Nicht-Repräsentierbaren zieht, während das - historisch oder aktuell - Nicht-Repräsentierte und damit der Prozess des „zur Repräsentation komm[ens]“(25) bzw. dessen Verhinderung nicht zur Sprache kommt. Gerade die Fragen, „wie die Prozesse der Herstellung sozialer Intelligibilität und produktiver Repräsentationen politisch zu wenden sind“ bezeichnet Antke Engel als zentralen Fokus ihres Textes. Ein wesentlicher Schritt ist dabei die grundsätzliche Kritik an Identitätslogiken und identitärer Politik. „Mit dem Begriff queer/feministisch möchte ich nicht nur auf die Verschränkung der Regime normativer Heterosexualität und hierarchisierter Geschlechterbinarität verweisen, sondern auch das feministische Anliegen aufgreifen, eine irreduzible Komplexität struktureller Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu erfassen.“(41) Das Konzept der „Repräsentation“ „im Sinne einer Materialisierung von Signifikationsprozessen in kulturellen Produkten und Praxen“(127) soll es ermöglichen, die Opposition zwischen Materialität und Diskurs zu unterlaufen und eine „Verflochtenheit semiotisch-materieller Formen und Prozesse zu denken“(128). In der konkreten Ausformulierung „queerer Politik der Repräsentation“ greift sie zum einen auf Ansätze der Birmingham Cultural Studies (insb. Stuart Hall), aber auch auf Teresa de Lauretis zurück, die die – psychoanalytisch gefasste – „Phantasie“ als zentralen Artikulationsmodus zwischen dem Sozialen und dem Psychischen herausarbeitet und für eine feministische Filmtheorie nutzbar macht. Als ein Beispiel für Repräsentationspolitiken beschreibt Engel Formen der Aneignung und Umarbeitung von „Maskulinität“ in lesbischen/transgender- Subkulturen und Lebenspraxen. „Es wird Abschied genommen von der Verabsolutierung eines imaginären Frauenkörpers, dessen Einheitlichkeit aufgebrochen und der nicht mehr bereitwillig als Norm akzeptiert wird.“(185).

Das visuelle Regime

Die enge und „überaus beladene“ (S.Fuchs, 47) Beziehung des Körperlichen und des Visuellen wird in vielen Texten benannt und behandelt. Im Aufsatz „Lesbische Repräsentation und die Grenzen der ‚Sichtbarkeit’“ [3] scheint Sabine Fuchs „direkt“ an Antke Engel anzuschließen. Sie kritisiert an einem Großteil der lesbischen/queeren Analysen – und darunter fiele wohl auch Antke Engels Repräsentationsbegriff – dass die – wie wir noch sehen werden als androzentrisch interpretierbare – Privilegierung der visuellen Repräsentation einfach übernommen wurde und „Verkörperungen, die keine visuelle Evidenz für ihre geschlechtliche/sexuelle Devianz liefern, ignoriert oder marginalisiert“ wurden. So benennt Sabine Fuchs die femme als „lesbische Verkörperung von Feminität“(49) als jene, der man die lesbische Identität nicht ansieht, als blinden Fleck von lesbischer Theorie und Subkultur und sie beginnt die Suche nach „Alternativen zu verkürzten und verkürzenden visuellen Repräsentationsmodellen“(52) – dabei könnte eine Vervielfältigung und Verschiebung der sinnlichen Wahrnehmungsformen, eine Betonung auch der taktilen Aspekte von Er- und Anerkennung – des Tastens und Suchens - nicht die Sichtbarkeit ersetzen, wohl aber ihre Ausschließlichkeit angreifen und Mehrdeutigkeiten zulassen, die das Regime des Visuellen tendenziell zu vereindeutigen sucht.

Eine besonders interessante Analyse der „visuellen Apparate“, der „Techniken des Betrachtens“ , im speziellen der „Zentralperspektive“, innerhalb der westlichen Kultur entwickelt Linda Hentschel in dem Aufsatz „Pornotopische Techniken des Betrachtens – Gustave Courbets ‚L’origine du monde’ (1866) und der Penetrationskonflikt der Zentralperspektive.“ [4] Ausgehend von Courbets skandalträchtigem Bild, das einen weiblichen Akt, besser gesagt den Torso, mit gespreizten Beinen zeigt, den Blick auf das Geschlecht der Frau „freigibt“ und damit die Grenzen zwischen Kunst und Pornografie überschreitet, zeigt Linda Hentschel, dass sich hier ganz anderes, nämlich „die verdeckten Voraussetzungen des Kunstsystems“(65) enthüllen. „Der zentralperspektivische Apparat dachte sich selbst als unsichtbar und transparent, denn er gab vor, ein Abdruck des Netzhautbildes und damit Analogon des Auges zu sein.“(66) Es sollte ein einheitlicher, ganzer, vollkommener Raum im Bild repräsentiert werden, der sich dem distanzierten Auge des Betrachters öffnet. „Für die Fragestellung nach der Überlagerung von Körperkonstruktionen und Raumwahrnehmung bietet es sich an, den zentralperspektivischen Apparat als eine visuelle Raumpenetrationsmaschinerie zu beschreiben.“(67) Die Lust am perspektivischen Sehen in die Tiefen des Raumes bezeichnet Linda Hentschel als „pornotopisch“, als Ausgleich für einen Mangel, den der sexualisierte weibliche Körper beim männlichen Betrachter hervorruft: „[D]as weibliche Geschlecht gibt nichts zu sehen, genau dadurch aber repräsentiert es die ‚Wunder einer nie gesehenen Welt’.“(69) „[D]ie Zentralperspektive arbeitet an dem geheimnisvollen Ort weiter, an dem die pornografische Lust an der visuellen Penetration an ihre Grenzen stößt.“(71).

Auch Antonia Napp lotet den Grenzbereich zwischen Pornographie und Kunst in ihrem Text „Dilemma Pornografie: Ohnmacht und Macht der feministischen Kunstgeschichte und Kunstkritik“ [5] aus. Sie beschreibt anhand mehrerer (zeitgenössischer) Beispiele bildlicher Repräsentationen des weiblichen Körpers, die – wenn auch zögerlich – in den künstlerischen Kanon aufgenommen wurden, dass was pornografisch ist oder nicht, sich nicht aus dem Objekt selbst ergibt, sondern sehr stark kontextabhängig ist. Auch „[u]rsprünglich subversive Intentionen können verloren gehen, bestimmte Kontexte verhindern subversive Lesarten.“(A.Napp, 311). „In diesem Zusammenhang ist wesentlich, dass sich die bildlichen Repräsentationen an eine kollektive Öffentlichkeit richten, deren Individuen die Repräsentationen in Bezug auf die herrschende symbolische Ordnung lesen.“ (313) Die Entscheidung, ob ein Bild, das sich im Grenzbereich von Pornografie und Kunst bewegt, Geschlechterhierarchien hinterfragt oder affirmiert, wird viel eher über den kontextuellen Rahmen, in dem es öffentlich wird als über das Bild selbst zu fällen sein.

„Körper der Nation“

Bilder des weiblichen Körpers haben aber noch ganz andere Funktionen in einer Vielzahl von kulturellen Imaginären oder – expliziter und bewusst eingesetzt – im Kontext von Ideologie und Propaganda. Eine zentrale Funktion ist die „weibliche Ikone der Nation“, wie sie von Figuren wie Britannia, Columbia, Germania oder Marianne eingenommen wird. Sumathi Ramaswamy beschreibt dieses Phänomen sehr präzise und pointiert für den tamilischen Nationalismus in Indien. Ihr Aufsatz „Körpersprache: Die Somatik des Nationalismus im tamilischen Teil Indiens“ [6] beginnt mit der zentralen Feststellung, „dass die Nation nicht nur eine politische, ökonomische und ideologische Größe, sondern auch, und dies ist von entscheidender Bedeutung, eine somatische Formation ist, in der der Körper der Frau, und vor allem der Körper der schutzbedürftigen, geschändeten Frau, eine wesentliche Rolle spielt.“(S.Ramaswamy, 209) Gerade typisch „weibliche“ Körperflüssigkeiten wie Blut, Milch und Tränen, aber auch die Gebärmutter, der „Mutterleib“ werden als Bilder einer gemeinschaftsstiftenden und vor allem gegen „feindliche Angriffe“ zu schützenden „nationalen Identität“ im tamilischen Teil Indiens verwendet. Es handelt sich dabei namentlich um Tamilttay, „Mutter Tamil“ – „Apotheose der tamilischen Sprache als Gründungsmutter und Schutzgottheit der tamilischsprachigen Gemeinschaft“(212), diese entsteht Ende des 19. Jh. im Kontext eines gegen den aufkommenden indischen Nationalismus gerichteten tamilischen Nationalismus. Tamilttay macht jedoch im Zuge ihrer Popularisierung einen – keineswegs untypischen – Wandel durch: von der hohen Göttin oder souveränen Königin zur schwachen und bedrohten Mutter. Die Missachtung der tamilischen Sache und Sprache wurde als Missachtung der Mütter, ja als Muttermord bezeichnet. Seinen Höhepunkt erreichte der tamilische Nationalismus während der Anti-Hindi-Proteste Mitte des 20. Jahrhunderts als die ‚indische nationale Kongresspartei’ die Einsetzung von Hindi als künftiger Nationalsprache Indiens vorantrieb. „[D]ie Tamilisch Sprechenden wurden daran erinnert, wo und in welchem Zustand sie sich auch immer befinden mochten, nicht zu vergessen, dass sie ‚Kinder ein und desselben Schoßes’ seien.“(214) Tamilttay wurde als Jungfrau, ihr Leib aber gleichzeitig als unermesslich fruchtbar imaginiert. „Für die Nationalisten war Tamilttays Milch für das Projekt der Konstruktion einer nationalen Körperpolitik und der Einverleibung der tamilischsprachigen Bürger ebenso bedeutsam wie ihre Gebärmutter.“ Die Tränen Tamilttays waren aber „das deutlichste Zeichen für ihren gegenwärtigen Notstand.“(215) - die tränenüberströmte „Mutter“, deren „Söhne“ zu Hilfe eilen mussten. Interessant ist auch Ramaswamys Ergänzung, dass es im Kontext dieser nationalistischen Ideologie zu einer allgemeinen „Aufwertung“ der „Gebärfunktion der Frau“ kam – die Erhöhung der „Mutter Nation“ parallel zu einer Funktionalisierung der Frauen innerhalb der Gesellschaft lief – und diese „Mutterbilder“ aber von den Frauen, „die ihre Stimme für die tamilische Sache erhoben“, dafür auf die Straße und teilweise ins Gefängnis gingen, nicht kritisiert, sondern im Gegenteil als „ermächtigend für die tamilischen Frauen, die vereint mit ihren männlichen Mitbürgern für den Machtzuwachs ihrer Sprache, Gemeinschaft und Nation arbeiteten“(218), begrüßt wurden. Ramaswamy folgert aus der Häufigkeit und Beständigkeit solcher „weiblicher Ikonen der Nation“: „Sie tragen die Tiefe und die Macht des konkret Unmittelbaren mit sich und liefern hochgradig sichtbare und visuelle Merkzeichen schwer fassbarer Abstraktionen wie ‚Sprache’, ‚Nation’ oder ‚Gemeinschaft’.“(220).

Einschreibungen

In allen diesen Texten erweisen sich Körper, und gerade Körper von Frauen, als Oberflächen, die geeignet scheinen – ähnlich den Seiten eines Buches – eine Fülle von Einschreibungen „auf sich zu nehmen“. Deshalb ist das Nachdenken über Körper nie „nur“ ein Nachdenken über Körper, sondern eine Perspektive, die in die Gesellschaftstheorie „einzuschreiben“ ein ganz besonderes Verdienst der feministischen Theorie ist.

[1Felicia Heidenreich: Der offene Körper – Körperbilder im Lebenszyklus von Seereer-Frauen. – in: KorpoRealitäten. S.142-158.

[2Monika Klinkhammer: Der weibliche Körper in der akademischen Arbeit und Welt – Bericht über einen Workshop. – in: KorpoRealitäten. S. 100-119.

[3Sabine Fuchs: Lesbische Repräsentation und die Grenzen der ‚Sichtbarkeit’. – in: Körper und Repräsentation. S.47-54.

[4Linda Hentschel: Pornotopische Techniken des Betrachtens – Gustave Courbets L’Origine du monde (1866) und der Penetrationskonflikt der Zentralperspektive. – in: Körper und Repräsentation. S.63-71.

[5Antonia Napp: Dilemma Pornographie: Ohnmacht und Macht der feministischen Kunstgeschichte und Kunstkritik. – in: KorpoRealitäten. S.300-316.

[6Sumathi Ramaswamy: Körpersprache: Die Somatik des Nationalismus im tamilischen Teil Indiens. – in: Körper und Repräsentation. S.209-221.

Rezensierte Literatur

  • Insa Härtel, Sigrid Schade (Hg.innen): Körper und Repräsentation. – Opladen: Leske & Budrich 2002. 250 S. € 22,50
  • Body Project (Hg.): KorpoRealitäten. In(ter)ventionen zu einem omnipräsenten Thema. – Königstein/T.: Ulrike Helmer Verlag 2002. 448 S. € 29,90
  • Antke Engel: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. – Frankfurt, N.Y.: Campus Verlag 2002. 256 S. € 34,90
  • Karin Ludewig: Die Wiederkehr der Lust. Körperpolitik nach Foucault und Butler. – Frankfurt, N.Y.: Campus 2002. 280 S. € 34,90
  • Katharina Pewny: Ihre Welt bedeuten. Feminismus – Theater – Repräsentation. – Königstein/T.: Ulrike Helmer Verlag 2002. 274 S. € 22,90

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2003
Heft 8/2002 — 1/2003, Seite 37
Autor/inn/en:

Eva Krivanec:

Geboren 1976 in Wien. Studierte Philosophie, Politologie, Theaterwissenschaft und Germanistik, lebt in Berlin. Von Juli 2001 bis 2006 Redaktionsmitglied, von September 2001 bis August 2003 koordinierende Redakteurin von Context XXI.

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