Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1981 » Wurzelwerk 4
Hubert Maierwieser
Kommentar

Konsumsuchtsymptome

Die Maschine „freie Marktwirtschaft“ läuft perfekt, ja sie läuft sogar allein, es bedarf keiner Planung und Lenkung, die vielen einzelnen profitorientierten Interessen, sprich Veräußerungswünsche, fügen sich harmonisch zu einer anonymen Macht, die durch spezielle Mechanismen die große Konsumveranstaltung in Gang hält. Diese Mechanismen schalten auf mannigfache Weise das eherne Marktgesetz, wonach sich das Angebot nach der Nachfrage richtet, aus. All diesen Mechanismen liegt die Voraussetzung zugrunde, daß das menschliche Bedürfnisrepertoire flexibel und damit manipulierbar ist. Nachfrage kann gleich einer Ware produziert werden. Ich will nun versuchen, die Mechanismen und Methoden, die jeden einzelnen zum Konsumidioten machen, anzuführen.

  1. Der verselbständigte Apparat pumpt wertdurchtränkte Inhalte in alle zugänglichen Kommunikationskanäle, unausgesprochen wird die Anpassungsnotwendigkeit an einen gewissen Lebensstil und ein gewisses Wertsystem betont.
  2. Zusätzlich zum Gebrauchswert einer Ware wird das Versprechen auf einen sozialen Gebrauchswert gegeben:
    • durch den Besitz bestimmter Waren überwindet [man] Einsamkeit und sichert sich das Glück der Mannschaftszugehörigkeit zu einer sozialen In-group.
    • die Ware wird zum Mittel der Selbstdarstellung. Man kauft mit einer Ware auch Persönlichkeitsstärkung und -erweiterung. Die Ware wird zur Identitätshilfe.
    • durch die Vielfalt des Erscheinungsbildes der Waren wird die menschliche Selektionstendenz genützt, denn oft sind hedonistische und nonkomformistische Zielsetzungen für den Kauf einer Ware maßgebend.
    • zum Teil systembedingte Leiden, wie Kontaktarmut, Sinnkrisen, Langeweile und durch Errichtung von Normen und Tabus erzeugtes Unbehagen können wiederum nur durch Konsum bestimmter Dinge überwunden werden.
  3. Die Verdinglichung im Produktions- und Konsumprozeß, die systembedingte Entfremdung, das Vorherrschen von Warenbeziehungen führen dazu, daß man sich sein Selbstwertgefühl nicht aus dem Urteil anderer über seine sozialen Qualitäten bezieht, sondern daß der Grad der Reichtumshäufung als Bewertungsskala des Einzelnen angesehen wird. Die Beziehung zu den Mitmenschen und der Umwelt als primäre Art menschlichen Seins — wird abgelöst durch Beziehungen zu Objekten, seien dies Waren oder lediglich als Arbeits- oder Kaufkraft gesehene Menschen.

Ein weiteres Phänomen unserer Konsumgesellschaft, das eben diese im Gange hält, ist die Tatsache, daß sich heteronom gesteuerter Einfluß von außen zum Erlebnis autonom erfolgter freier Wahl von innen ummünzen läßt. Das heißt: die manipulative Verhaltenssteuerung wird vom Manipulierten als autonomer, eigener Willensentschluß empfunden.

Auch die absurdesten Bedürfnisse, so verschwenderisch und luxuriös sie auch sein mögen, können als faktisch bestehend etikettiert werden.

Ein Grund von vielen für das grundsätzlich falsche Ernährungsverhalten in unserer Zeit ist, daß die Produzenten zwecks Profitmaximierung mit verschiedenen Tricks den Konsum diverser Nahrungsmittel propagieren. Und zwar mit Tricks, die beim Konsumenten den Wunsch nach sozialen Gebrauchswerten und Formschönheit ansprechen. Man trinkt Cola, um einer sozialen In-group anzugehören, die Hausfrau serviert nach dem Essen farbschönes Eis, um die ganze Familie in eine heile Welt zu versetzen, und der kleine Franzi braucht unbedingt einen in buntes Stanniolpapier verpackten Schokoladehasen. — Die Frage nach der biologischen (es müßte ökologisch heißen) Qualität und dem Wert im Sinne einer gesunden, natürlichen Ernährung wird meist völlig außer Acht gelassen.

Mangelnde ernährungswissenschaftliche Kenntnisse unter der Bevölkerung sind nur bedingt als Gründe dieser Mißstände anzusehen, die Ursache dafür liegt sicherlich in unserem falsch konzipierten Marktsystem, wo nur meßbarer Profit zählt, und ökologische Kriterien keinen Platz. haben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1981
Wurzelwerk 4, Seite 5
Autor/inn/en:

Hubert Maierwieser:

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