Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 1-2/2005
Walid Al-Khalily

Kindheit unter Saddam Hussein

Im Jahr 1973 kam ich als zweitgeborener Sohn eines relativ gut situierten Ehepaares in Bagdad auf die Welt. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter waren damals berufstätig und es mangelte uns an nichts Wesentlichem. Ich tollte in unserem Garten herum, war stolzer Besitzer eines Bonanza-Rades und wir lebten, so ließen sie mich glauben, ein unbeschwertes Leben. Ich erinnere mich an nichts Politisches während meiner frühen Kindheit im Irak.

Meine Eltern hatten die Politik spätestens seit 1968 ruhen lassen. Aus Überlebenstrieb und purer Angst - wie so viele andere auch. Ich war weder in einer Jugendorganisation der Ba’th-Partei, noch musste ich mir zuhause Freudengesänge über unseren großen Führer anhören. Im Gegenteil. Ich wurde verschont - meine Eltern sorgten dafür, soweit es ihnen möglich war.

Als 1980 die Massenvertreibungen des Saddam-Regimes begannen, entschlossen sich meine Eltern in aller Eile zur Flucht. Nach einigen Monaten landeten wir schließlich im Libanon und begannen dort ein neues Leben. Ich war damals sieben Jahre alt und angesichts des bisher Geschehenen noch immer ganz schön unpolitisch. Eineinhalb Jahre später sollte sich dies ändern. Ich belauschte ein Gespräch zwischen meiner Mutter und meinem Bruder und schnappte Wortfetzen auf, deren Bedeutung ich nicht sofort zu erfassen wagte. Das einzige Gefühl, zu dem ich fähig war, war tiefes Entsetzen. Es schnürte mir den Hals zu. Ich war geschockt, und wusste noch gar nicht um den Grund meiner Aufregung. Noch in der darauf folgenden Nacht wurde mir klar, worüber die beiden sprachen. Es ging darum, dass unser großer Führer Saddam Hussein kein Ebenbild Gottes war. Kein gütiger Übervater. Es ging darum, was er unserer Familie und unseren Freunden angetan hatte und wie er das ganze Land zugrunde gerichtet hatte. Als Jüngster der Familie hatte ich davon keine Ahnung.

Walid Al-Khalily

Ich liebte Saddam Hussein

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich doppelt verraten. Einerseits durch das Geheimnis, das vom Rest meiner Familie unter Verschluss gehalten worden war und das ich nur durch einen Zufall entdeckte. Und auf der anderen Seite durch den Verrat an unserem großen Führer. Es kam aber noch ein Gefühl hinzu. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich über meine Reaktion überrascht war. Es war mir gar nicht bewusst, was Saddam Hussein für mich bedeutete. Obwohl ich nicht tagtäglich Loblieder hören und singen musste und sogar seit über einem Jahr nicht mehr im Irak gewesen war, hatte er scheinbar dennoch einen festen Platz eingenommen. Das überrascht mich heute noch.

Saddamisierung und Militarisierung

Im Irak wuchsen Kinder in einem Klima der permanenten Militarisierung auf. Kinderbücher und Magazine verherrlichten von der ersten bis zur letzten Seite den Krieg und Saddam. Fast drei Jahrzehnte lang hämmerte das Regime diese Botschaften in die Köpfe irakischer Kinder. Jeder ist Soldat. Jeder ist bereit, jederzeit sein Blut und sein Leben für Saddam zu geben. Als besonders effektive Werkzeuge zur Indoktrination entdeckte das Regime die Lehrpläne an den Schulen. Bereits mit sechs Jahren waren die Schulbücher voll mit Panzern, Maschinengewehren, Granatwerfern und Illustrationen von Kindern als Soldaten, die über amerikanische und israelische Fahnen fuhren — natürlich alles im Namen des Antiimperialismus und Antizionismus.

Sobald jemand den Klassenraum betrat, mussten alle Kinder aufstehen und „Lang lebe Saddam Hussein“ rufen. Die Erwähnung der Allgegenwart dieser Botschaften in den Medien erübrigt sich wohl. So wie Kinder ausdrücklich an regimefreundlichen so genannten „Demonstrationen“ teilzunehmen hatten, war ihre Anwesenheit auch bei öffentlichen Hinrichtungen erwünscht.

Kinder als Waffe

Volksschulkinder wurden in paramilitärische Organisationen gedrängt, wo sie auf ihre späteren Pflichten vorbereitet wurden und ihnen der nötige Gehorsam und vor allem Treue gegenüber dem Führer eingedrillt wurde. Die frühe und intensive Militarisierung der Kinder fand in den „Ashbal Saddam“ (Saddams junge Löwen) einen weiteren grausamen Höhepunkt. Die Kinder kamen im Alter von etwa sieben Jahren zu dieser militärischen Einheit. Sie erlernten dort den Umgang mit Waffen, die Errichtung von Straßensperren, einfache militärische Manöver, Guerillataktiken und wurden zu Scharfschützen ausgebildet. Ihnen wurden physische Qualen zum Zwecke der „Abhärtung“ zugefügt. Und es fand sich im Rahmen ihres täglichen 14 Stunden langen Trainings genug Zeit für die politische Indoktrination und das Einschärfen unbedingten Gehorsams dem Führer gegenüber. Kinder und Jugendliche, die von einem solchen dreiwöchigen Sommercamp zurückkehrten, waren für ihre Eltern oft nicht mehr wieder zu erkennen.

Die Ashbal Saddam dienten dem Regime als perfekte Nachwuchsschmiede für die Fedayeen Saddam. [1] Viele der Mitglieder der Ashbal Saddam waren Waisenkinder, deren Eltern vom Regime eingekerkert oder hingerichtet wurden. Auf diese Weise wurde die „Brut“ der Oppositionellen nicht nur durch den Verlust eines oder beider Elternteile geschädigt sondern auch noch gewinnbringend in eine bedingungslos loyale militärische Einheit eingegliedert. Die Ausbildung sah den Umgang mit scharfer Munition ab zwölf Jahren vor. Mit zunehmendem Alter durften die Kinder immer größere Tiere erschießen. Dabei gebührte demjenigen Jungen der Titel „Saddams Held“, der ein Tier erschoss, es häutete und mit den bloßen Zähnen zerfleischte.

Das Ziel war unter anderem eine tiefe Desensibilisierung der Jugendlichen gegenüber Gewalt und Demütigung. Diese sollte auch nicht vor deren Eltern, Verwandten oder Nachbarn halt machen.

Nicht erst 1998 entdeckte Saddam Hussein die geheimdienstlichen Qualitäten von Kindern und lernte sie zu schätzen und zu fördern. Hierzu folgendes Zitat aus einer Rede im Jahr 1977:

To avoid parents being a retrograde force in the home, we must arm the child with an inner light so that he can repel this influence. Some fathers have escaped our hold for various reasons, but a young boy is still in our hands... The family unit must comply with centralised customs, ruled by revolutionary positions and traditions. Teach him to stand up to one or other of his parents... And also teach the child that he must also be wary of strangers... a student adept at moving within different yet perfectly organised structures will, when the time comes, be able to stand in the sun, bearing arms day and night, without flagging [...] and when asked to confront the imperialists or to charge in attacks in this troubled region, will do so because, from childhood, he has developed the habit of doing everything in an orderly way. [2]

Kinder wurden dazu ermutigt, jedes Zeichen von Opposition oder Regung einer Kritik gegen das Regime zu melden. Auch wenn es sich hierbei um die eigenen Eltern handelte. Und so verstummten die Erwachsenen sogar in ihren eigenen vier Wänden.

Fear is the cement that holds together this strange body politic in Iraq, [...] This fear has become a part of the psychological constitution of citizenship. [3]

[1Fedayeen Saddam: 1995 von Saddams ältestem Sohn Uday gegründete paramilitärische Miliz bestehend aus 18.000 bis 40.000 Schergen, die unzählige Bluttaten verübten (Enthauptungen von mehreren hundert vermeintlichen „Prostituierten“, öffentliche Hinrichtungen, Zungenamputationen von Regimegegnern, ...). Sie waren ausschließlich dem Präsidenten unterstellt und außerhalb jeglicher Gerichtsbarkeit und militärischen Kommandostrukturen.

[2Al Dimuqratiyya masdar quwwa li’l-fard wa’l-mujtama: Speeches. Published by El Thawra, 1977.

[3Zit.n. Kanan Makiya, Republic of Fear, S. 275.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2005
Heft 1-2/2005, Seite 8
Autor/inn/en:

Walid Al-Khalily:

Walid Al-Khalily, Exil-Iraker, flüchtete mit seiner Familie vor den Massenvertreibungen 1980 aus dem Irak und lebt seit 1983 in Österreich.

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