Zeitschriften » FŒHN » Heft 16
Markus Wilhelm

Kindesmißbrauch

Kindesmißbrauch ist in Österreich nicht verboten. Kindesmißbrauch wird in Österreich nicht geächtet. Kindesmißbrauch wird in Öster­reich verordnet.

Kindesmißbrauch hat in Österreich Tradition.


An die Schulleitungen des Bez. Imst.
Der k.k. Landesschulrat hat mit Erl. vom 20. Oktober d. Js. Nr. 3195/1 folgendes er­öffnet:
Unser Vaterland, von allen Seiten vom Feinde bedroht, ruft neuerlich seine Bürger zur Teilnahme an der III. Kriegsanleihe auf. Die Schulleitungen werden daher nach allen Kräften auf die Schuljugend zur Beschaffung der Mittel für die Verteidigung des Vaterlandes einzuwirken haben. Insbesondere ist der Schuljugend nahe zu legen, daß sie ihre Eltern und Verwandte zur eifrigsten Teilnahme an der III. Kriegsanleihe bewege.
Der k.k. Bezirkshauptmann und
Vorsitzende des Bezirksschulrates:
Odenthal
Schulerlässe aus dem Ersten Weltkrieg (beide 1915)
Zwei Beispiele von Kinder-Dressur in der Dollfuß-Zeit
Kindesmißbrauch in der Nazizeit (1938)
Kindesmißbrauch März 1938: (aus einem Schulaufsatz)

Am Montag in der Schule wurde das Lied der Deutschen aufgeschrieben und gelernt Am Dienstag wurde der Deutsche Gruß „Heil Hitler“ gelernt. Am Mittwoch den 16. März kam deutsche Polizei nach Sölden. Wir Schüler mußten auf den „Adolf Hitler“ Platz hinunter gehen und sie mit dem Gruß „Heil Hitler“ empfangen. Einige von der Polizei gaben jedem Schüler ein(e) Schokolade. Nachher wurde gesungen.

Wenn sich nichts ändert, kann sich nichts ändern. Ein ähnliches System wird immer zu ähnlichen Mitteln greifen.

Ob über ein k.k. Kriegsbureau oder über die Propagandaabteilung im faschistischen Ständestaat, ob übers Reichsministerium für Volksaufklärung oder heute über Public Relation-Abteilungen, die Mächtigen suchen immer den direkten Zugriff auf das Denken der Menschen.

Heute wie damals werden Kinder benützt. Wird Ihnen Gewalt an­getan.

Wird das besondere Autoritätsverhältnis in der Schule brutal aus­genützt.

Die Vereinigung Österreichischer Industrieller rühmt sich in ihren internen Leistungsbilanzen: „Durch zahlreiche Vorträge, Veranstal­tungen in Schulen, durch Abhaltung von Lehrerseminaren sowie publizistische Tätigkeit wurde der notwendige Informations- und Meinungsbildungsprozeß in Sachen EG-Beitritt unterstützt.“ (VÖI- Jahresbericht 1990) Auch die Bundeswirtschaftskammer protzt damit, „Seminare für Lehrer über wichtige EG-Themen veranstaltet“ zu haben (T. Wirtschaft, 26.7.91).
Eine „Volkswirtschaftliche Gesellschaft“, die ihr Geld von verschie­denen Kapitalisten-Vereinen erhält, am meisten von der Industriel­lenvereinigung, hat ein mehr als 1,5 kg schweres „Medienpaket“ „EG — Über sich hinauswachsen“ an Österreichs Schulen verschickt. Bereits bei der zweiten Auflage dieser „Handreichung“, wie der Unterrichtsminister dieses tendenziöse Druckwerk nennt, kriecht der Staat vor den Lobbys zu Kreuze und läßt es „im Auftrag des Bun­desministeriums für Unterricht und Kunst“ erscheinen. Zur gebote­nen Ausgewogenheit nur soviel: Das Transitproblem kommt in der dicken Mappe vor lauter EG-Vorteilen praktisch nicht vor. Dafür ist aber Platz, um die Warner vor „dem Beitritt“ niederzumachen:

„Zu den EG-Kritikern in Österreich zählen nicht zuletzt linkssoziali­stische, linkskatholische sowie linksintellektuelle Splittergruppen, die in derzeit rund 12 Organisationen zu finden sind.“ (Seite 106) Die Industriellenvereinigung, die Geld wie Dreck hat, hat selbst ein 2,3 kg schweres „Medienpaket“ „Europa — unsere Chance / Unter­richtsmaterialien“ an die Schulen geschickt. Übrigens wurde auch diese Keule, zumindest in Teilen, vom Ministerium gutgeheißen.

„Handreichung“ der Industriellenvereinigung

Die Industriellenvereinigung, die das Geld hat, Politiker zu bezah­len, hat auch das Geld, einen reißerischen EG-Videofilm herumzu­verschenken.

Aber wehe, die Lehrer parieren nicht so, wie es die Industriellen (von den Politikern) gewohnt sind!

„Die Industrie ist von der mangelnden Ausrichtung des Unterrichtes auf ein geeintes Europa enttäuscht.“ berichtet der Standard von einer Pressekonferenz der Industriellenvereinigung. Das Problem liege „in einer nicht sonderlich weiterbildungswilligen und durch ‚Grün-Propaganda‘ mit Vorurteilen belasteten Lehrerschaft“. (Standard, 7.9.90) Mit Vorurteilen belastet, das ist gerade etwas, was die Industriellenvereinigung nicht ist. „Industrie kritisiert EG-Skepsis der Lehrer in Österreich“ übertitelt die Tageszeitung ein anderesmal eine Klage dieses Vereins. „Die Bereitschaft und das Engagement der Lehrer, die Jugend über die EG und die Chancen der euro­päischen Integration zu informieren, seien zuletzt deutlich gesunken. Es reiche nicht mehr aus, die Lehrer nur mit Unterlagen zu ver­sorgen. Das Unterrichtsministerium müsse mehr tun.“ (TT, 7.8.91)
Genau die, die hauptberuflich von Entstaatlichung reden, fordern — wenn’s um die Abrichtung des Nachwuchses geht — den Staat auf, zu handeln. Sie zeigen damit, daß sie den Staat halt als Werkzeug in ihren Händen betrachten. Und dieser zeigt durch seine Reaktion, daß er sich auch selbst nur als Werkzeug in ihren Händen betrachtet. Also rennt der Minister, wenn ihm gepfiffen wird. Eine „Öster­reichwoche“ in den Schulen (Erl. Z 16 950/12-25/91) wurde unter das Motto „Unser A in Europa“ gestellt: „unter Bezugnahme auf die aktuelle EG-Diskussion wird (...) insbesondere der Schuljugend Einblick in die wirtschaftlichen Zusammenhänge geboten“. Eine eigene „Publikation zum Schwerpunktthema“ für Lehrer und ein „Poster, der für den Aushang in den Schulen bestimmt ist“, wurde beigestellt, auch ein Computerspiel. Zudem wurde ein Auf­satzwettbewerb abgeführt und eine fünfteilige Schulfunksendung „Wo ist Europa?“ ausgestrahlt.

Minister-Empfehlung zum „EG-Medienpaket“ der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft
Bilder des Widerstands 4

„Für den schulischen Bereich besteht zwischen dem Bundeskanzler­amt und dem Bundesministerium für Unterricht und Kunst ein enger Informationsaustausch“, bestätigt das Staatssekretariat im Bundes­kanzleramt, das für die flächendeckende EG-Propaganda zuständig ist. „Für den Herbst sind eine Reihe von Aktionen in Planung.“ (Schreiben vom 27.8.91)

1938 haben die staatlichen Kinderverzahrer die Schülerinnen und Schüler eingespannt, um bei der Volksabstimmung über den bereits vollzogenen Anschluß Österreichs an das Dritte Reich das gewünschte Ergebnis zu erzwingen. „So wurden die Kinder ange­lernt, den Erwachsenen beim Begegnen zuzurufen ‚Stimmts mit Ja!‘“ (Pfarrchronik Längenfeld/Ötztal).

Heute werden die Kinder wieder benutzt, um die Volksabstimmung über den EG-Anschluß Österreichs zum richtigen Ausgang zu führen.

Der Geschäftsführer der Werbeagentur Grey Austria, die üblicher­weise Corega Tabs Plus, Natreen und Frolic anpreist, rät den mit der EG-Kampagne befaßten Branchenkollegen: „Da muß Basisarbeit geleistet werden. Von den Lehrern zum Beispiel, dort, wo das Wissen nach Hause getragen wird.“ (a3 boom!, Aug. 91)

Auf eine Demokratie fehlen auch heute Kilometer.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1992
Heft 16, Seite 25
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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