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Petra Ziegler

Keine Panik?

Es geht also wieder aufwärts. Schon im vergangenen Herbst überholte der weltweite Containertransport das Vorkrisenniveau von Anfang 2020. Alles was schwimmen kann, ist hochauf beladen zu Wasser unterwegs, auf den Autobahnen reiht sich endlos LKW an LKW. Waren aller Art, in sämtlichen Fertigungsstufen, stauen sich aus China kommend. Der CO2-Ausstoss ist auch längst wieder auf Vorcoronaniveau. Die Rohstoffpreise spiegeln das Wiederaufleben der Weltwirtschaft. Fiel der Ölpreis mit der ersten Welle noch in den Keller, liegt er heute wieder jenseits 68 Dollar pro Barrel, dem Stand vom Januar 2020. Auch die Lieferanten anderer Rohstoffe dürfen über kräftig angezogene Preise jubeln. Der Dax – nur um das noch zu erwähnen – hat Anfang Juni mit 15.732 Punkten ein neues Allzeithoch erreicht. Und gebaut wird derzeit überhaupt an jeder Ecke. Die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützen diesen Eindruck: Das Bauhauptgewerbe in Deutschland hat im April dieses Jahres neue Aufträge im Wert von 7,9 Milliarden Euro erhalten. Das ist der höchste jemals registrierte Wert für einen April. Es wäre sogar noch mehr gegangen, wenn nicht „der Materialmangel viele Baufirmen ausgebremst hätte“, bedauert der Vizepräsident Wirtschaft des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Aber von derlei kleineren Widrigkeiten abgesehen – dem Kapitalismus geht es gut!

Da mag zwar noch so mancher, sowieso längst untote Betrieb von der Bildfläche verschwinden, fest steht jedenfalls: Die Starken werden erstarken. Das Virus und die fittesten der Surviver finden sich in schönster Koexistenz. Gut platziertes Investment zahlt sich eben aus, die Vermögen der Reichen dieser Welt sind seit Februar des Vorjahres „um fast eine halbe Billion Dollar auf 1,12 Billionen Dollar gestiegen“, berichtet uns Oxfam. Freilich wird jetzt auch der Ausschuss in Massen sichtbar. Die, die schon vor der Pandemie arm waren wurden völlig überraschend noch ärmer.

Damit das so nicht bleibt, braucht es eben mehr Wachstum. „Grünes“ Wachstum! Dem Klimawandel sei dank, wird es in Zukunft auch wieder jede Menge neuer Jobs geben. Folgen wir den Worten Joe Bidens, dann habe die Wirtschaft längst erkannt, dass der Klimawandel nicht nur eine Gefahr darstelle, sondern auch eine riesige Möglichkeit sei, um Arbeitsplätze zu schaffen. Eine riesige Möglichkeit! Klimaschutz ist überhaupt der Zukunftsmarkt. Am besten wird sein, wir machen weiter so, nur eben noch viel innovativer und hinterher reparieren wir es wieder. Das Kapitalozän (©Moore/Altvater) hat uns schließlich erst soweit gebracht und zweifellos, es wird sich alles zum Guten wenden.

Einzelne Stimmen aus dem globalen Süden sind da hellsichtiger: „Ein typisch kapitalistisches Arrangement“ will etwa der brasilianische Umweltaktivist Ailton Krenak im Global Green New Deal erkennen, „da es die Aufgabe hat, die zunehmend gefährdeten Ökonomien und deren Märkte zu retten, und nicht das Klima oder irgendeine andere sozioökologische Realität auf dem Planeten. Ich sehe eine ernsthafte Besorgnis der globalen Leader, die das Risiko für die Grundlage ihrer Volkswirtschaften erkennen. Doch worum geht es dabei? Um eine weitere Wiederaufnahme des Wirtschaftswachstums und wenig Aufmerksamkeit für die Wiederherstellung des Planeten.“

Dem Vertreter der indigenen Bewegung ist kaum zu widersprechen: „Aber für viele innerhalb der westlichen Erkenntnistheorie ist die Vorstellung einer anderen Welt schlicht die einer in Ordnung gebrachten kapitalistischen Welt: Man nehme die Welt, bringe sie in die Werkstatt, tausche das Fahrgestell aus, die Windschutzscheibe, richte ein bisschen die Achse und bringe sie wieder zurück auf die Straße. Eine alte, verkommene Welt in neuem Gewand. Ich bin definitiv nicht bereit, meinen Beitrag zur Begleichung dieser Rechnung zu leisten: Für mich lohnt sich keine Reparatur mehr.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
2021
Streifzüge, Seite 44
Autor/inn/en:

Petra Ziegler:

Geboren 1969. Mitglied im Kritischen Kreis.

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