Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 2/2002
Thomas Schmidinger • Jutta Sommerbauer

(Keine) Bilder einer Ausstellung

Der alte Mann läuft aufgebracht die Wendeltreppe des Semperdepots hinunter. „So ein Blödsinn, so ein Blödsinn, was die zeigen“, ruft er uns zu. - Ein Rundgang in der neuen Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“.

Liegen Wendeltreppe, Kassa und Büchertisch hinter einem, sind bereits alle thematischen Abschnitte der in nüchternem Weiß gehaltenen Ausstellung zu sehen. Der erste Eindruck: Man befindet sich in einer Bibliothek, oder im Inneren eines Buches. Texte dominieren; großformatige Bilderflächen oder Schautafeln — wie in der alten Version der Ausstellung — gibt es nicht.

Angst vor Bildern

Um bildliche Darstellungen von Deportationen, Erschießungen und Strafgefangenenlagern erkennen zu können, muss man ganz nahe rangehen. Die neue “Wehrmachts-Ausstellung” ist schon aufgrund der Art der Darstellung weniger (an)greifbar als die erste. Das ist zugleich ihr Problem: Wer nichts von den Gräueltaten wissen will, der kann nun einfach drüber hinweglesen. Es hat den Anschein, als hätte der Medienrummel um ein paar falsch datierte bzw. beschriftete Fotografien den AustellungsmacherInnen eine Angst vor Bildern eingeflößt. Daran leidet vor allem die Vermittelbarkeit der Schau. Kein Foto ist größer als eines aus dem Kriegsfotoalbum von Großvater. Wären da nicht die Hörbeispiele und Filmausschnitte, die Ausstellung wäre ihr eigener Katalog im Großformat. Die Angst vor Bildern drücken auch die bemühten Rechtfertigungen der AustellungsmacherInnen aus, denen die alte Ausstellung manchmal fast peinlich erscheint. Der Hinweis auf die Entstehung der wenigen Fehler der ersten Ausstellung ist zwar hilfreich, erscheint aber innerhalb der Schau überproportional ausgebreitet.

Völkerrechtliches Tribunal

Bei den Texten dominiert eine distanzierte, nüchterne Darstellung. Das liegt auch an den Quellen: “Subjektive” Kriegswahrnehmungen wie Feldpostbriefe, die in der früheren Version integraler Bestandteil des Konzepts waren, sind nun in einer Ecke abseits zu hören bzw. an Bildschirmen abzulesen. Gerade diese Quellen aber bringen eindringlich die zustimmende Haltung der Wehrmachtsangehörigen zur nationalsozialistischen Ideologie und den Wehrmachts-Verbrechen zum Ausdruck. In der neuen Ausstellung aber ist dies ein Randbereich — zu “subjektiv”, zu provokant? Da verlässt man sich eher aufs Völkerrecht und führt in dessen Namen ein Tribunal. Statt eines deutlichen Eingangsstatement, wie bei der ersten Ausstellung, das klarstellt, dass die Wehrmacht selbst eine verbrecherische Organisation war, empfängt einen am Eingang zur Ausstellung ein Text über die Entwicklung des Kriegsvölkerrechtes. Fast bekommt man den Eindruck, der Krieg im Osten wäre nicht so schlimm gewesen, hätte er sich nur an diese kriegsvölkerrechtlichen Normen gehalten, die etwa im Krieg gegen Frankreich eingehalten worden wären. Zwar ist es zugleich eine Stärke der Ausstellung, den Unterschied zwischen dem Krieg im Westen und dem Vernichtungskrieg im Osten herauszuarbeiten und aufzuzeigen, dass der Krieg gegen die Sowjetunion für die Führung der Wehrmacht kein “normaler” Krieg war, sondern ein “Weltanschauungskrieg”, der durchaus auch die Vernichtung von Teilen der Zivilbevölkerung inkludierte; zugleich wird damit aber der Fokus von der Rolle der Wehrmacht im NS-Regime weg zu Detailfragen gelegt. Diese sind interessant und bei aller Textlastigkeit auch didaktisch vielseitig dargestellt, lassen aber den Gesamtzusammenhang zu schnell vergessen.

Von den Verbrechen der Wehrmacht ...

Zwar wird immer wieder auch auf die Rolle der Wehrmacht bei Massakern an Jüdinnen und Juden hingewiesen, es fehlt aber ein klares Statement, dass nur die Wehrmacht das Vorrücken der BefreierInnen von Auschwitz behinderte, dass die Wehrmacht letztlich für die Aufrechterhaltung der NS-Vernichtungsindustrie, der Shoah kämpfte. Der klare Hinweis darauf, dass ohne die Wehrmacht auch die industrielle Massenvernichtung des Mittel- und Osteuropäischen Judentums nicht stattfinden hätte können, mag für den/die LeserIn überflüssig erscheinen, für viele BesucherInnen der Ausstellung wäre er aber notwendig. Der Mangel an solch deutlichen Statements wird umso eklatanter, als in einem Teil der Ausstellung, insbesondere die Schautafeln zum Pogrom an den Jüdinnen und Juden in Lwow ausführlich die “Vorgeschichte” — als Massaker des NKDW — dem späteren Pogrom gegenübergestellt wird. Dem “Massaker” des NKDW wird dabei nicht nur gleich viel Raum eingeräumt, sondern auch noch der Eindruck erweckt, das Pogrom an den Jüdinnen und Juden, das auf die Eroberung der Stadt durch die Wehrmacht folgte, wäre irgendwie doch eine Antwort darauf gewesen. Dass die vom NKDW exekutierten “Ukrainischen Nationalisten” zum Großteil NazikollaborteurInnen waren, wird genauso wenig erwähnt, wie der Unterschied zwischen der Hinrichtung politischer Gegner und der Vernichtung um der Vernichtung willen.

... zu Verbrechen an der Wehrmacht

Den Hauptteil der Ausstellung ergänzt am Eingang ein Raum zum Thema “Handlungsmöglichkeiten”, der Spielräume innerhalb der Wehrmacht aufzeigen soll, sowie ein Abschnitt zu den Reaktionen auf die erste Schau. Es ist auffällig, dass hier die Scheu von Bildern deutlich abgenommen zu haben scheint. Dieser Teil ist von der Aufbereitung her wesentlich aufgelockerter als der begehbare Ausstellungskatalog der Hauptausstellung. Wenn auch das Bedürfnis nach Rechtfertigung weiterhin sichtbar ist, so sind die Reaktionen, auch jene der BefürworterInnen der Ausstellung - gewollt oder ungewollt -, sehr vielsagend. Vor allem die TV-Ausschnitte der Debatte im Deutschen Bundestag zeigen den Charakter der gegenwärtigen Diskussion als “nationale Aussprache”. Wer sich das Gespräch zwischen den Generationen — Vater (CDU/CSU), Tochter (Grüne) - anhört, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier zwar gestritten wird, das eigentliche Thema aber nicht sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden und einige Millionen tote OsteuropäerInnen sind, sondern die armen kriegstraumatisierten Soldaten, die “danach” nicht darüber geredet hätten.

Wenn die Ausstellung “Verbrechen der Wehrmacht” nicht Teil einer nationalen Gruppentherapie werden will, muss sie konfliktiv bleiben und klare Statements hervorbringen. Für alte Nazis stellt sie zwar auch so eine Provokation dar; für aufgeklärte Nachkommen des TäterInnenkollektivs bietet sie aber durchaus die Möglichkeit, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen, sie zu historisieren und sich schließlich mit ihr auszusöhnen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2002
Heft 2/2002, Seite 26
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

Jutta Sommerbauer:

Geboren 1977 in Wien, Studium der Politikwissenschaft Wien und Huddersfield (GB), 2002 bis 2007 Auslandslektorat in Plovdiv und Veliko Tarnovo (beides Bulgarien), seit 2008 Mitarbeiterin der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ in Wien, Ressort Außenpolitik. Recherchereisen in die Ukraine, Belarus, Armenien, Aserbaidschan und Kasachstan. Redaktionsmitglied von Context XXI von April 2001 bis 2006, Internet-Herausgeberin ab Juli 2001.

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