Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1997 » ZOOM 3/1997
Ilse Kilic

KEEP LEFT!

vom feuer in der hand und dem spatz auf dem dach

und dann vergebt mir, ich weiß selbst nicht, wie es kam, wir wurden älter und seriöser, wir bekamen einen haushalt und eine karriere, eine magenkrankheit und vielleicht eine auszeichnung, aber im tausch mußten wir die flammen in unseren händen erlöschen lassen.

(louis paul boon, eine straße in ter-muren)

1

das buch, aus dem dieser satz stammt, ist ein buch vom scheitern. ich gebe der versuchung nach, aus dem wort scheitern durch anagrammatische verdrehung das wort schreiten zu bilden und eine lose gedankenverbindung zwischen diesen beiden tätigkeiten zu konstruieren. auch das wort streichen läßt sich aus den buchstaben von scheitern und schreiten bilden.

eine andere durch buchstabenumstellung herstellbare wortverbindung ist die zwischen den beiden worten streben und sterben. das wort bersten hat zwar ebenfalls die gleichen buchstaben und ist als möglichkeit angelegt, zerstreut jedoch eher die beunruhigende buchstabengleichheit sterben und streben. manchmal kann es beunruhigend und irritierend, manchmal einfach lustig oder mehr als einfach lustig sein: das denken versucht die beiden begriffe zu verbinden und fühlt sich vom absurden kontext herausgefordert: gehirn = hering.

2

als ich den oben zitierten satz in diesem buch vom scheitern las, fühlte ich mich noch nicht und doch schon betroffen von dem ihm innewohnenden vorwurf: na klar, die schäfchen ins trockene zu bringen – wem ist das nicht bedürfnis oder notwendigkeit. dazu gehört auch: je weniger schäfchen eineR hat, umso blöder ist es, wenn eines naß wird, oder zwei, die dann vielleicht schon alle sind, die eineR hat!

ein slogan drückt das gleiche mißtrauen gegen den sieg der kleinen vernunft aus: trau keinem (keiner?) über dreißig: trau denen nicht, die einen haushalt haben, also „erwachsen“ sind und mit der welt der „erwachsenen“, aber auch der welt des kapitals zwar nicht übereinstimmen, aber ihre regeln akzeptieren: also miete zahlen, strom, „ein zimmer für sich allein“ und dergleichen: ja geht es denn anders?

magenkrankheit habe ich (noch?) keine. aus meiner bandscheibenoperation leite ich halb scherzhaft probleme mit dem aufrechten gang ab, der eine mehrbelastung des bewegungsapparats im vergleich mit vierbeinig durchs leben trottenden lebewesen bedeutet und gleichzeitig als metafer für etwas „psychisches“ herhalten muß, z. b. für eine stärke, die etwa wolf biermann für sich in anspruch nahm, wenn er sang: „so oder so, die erde wird rot/entweder leben rot oder tot/rot.“ mir war dabei immer schon unbehaglich zumute, mein damaliger freund summte mit und nippte an seinem weinglas, nein, er schüttete dessen inhalt in sich hinein, als ob er die verzweifelte aussichtslosigkeit dieser männlichen demonstration von stärke als bittere tablette von enormer größe hinunterschlucken müßte. (zu wolf biermanns rechtfertigung: sein text beinhaltet als mögliche lesart auch, das tot/rot als drohung zu sehen, drohung für den fall, wenn wir’s nicht schaffen, lebend rot zu werden.) mir lief eine gänsehaut des unverstandenen pathos die damals noch gesunde wirbelsäule hinunter: sozusagen dem staat/der obrigkeit/sich selber(?) mit dem vergießen des eigenen blutes zu drohen, unterschied sich für mich zuwenig vom militärischen jargon eben jener obrigkeit. obwohl, sozusagen, rein theoretisch, es natürlich ohne „unter“tanen auch keine „obertanen“ geben kann.

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„meine“ erste demonstration war das „zugrabetragen“ der alten arena: eine niederlage. demonstranten und demonstrantinnen in schwarz, viele weinten. dann kamen die demonstrationen gegen zwentendorf: kleine siege, gefolgt von einem großen sieg. die demonstrationen zur freigabe der abtreibung: gewonnen! würde es so weitergehen? beim kongreß über cannabis – ein offizielles „ereignis“ der stiftung kalksburg – dachten viele der teilnehmenden, daß in den nächsten jahren nicht nur eine entkriminalisierung, sondern auch die sogenannte freigabe zu erwarten wäre.

alles würde sich ändern! psychiatrische anstalten? basaglias erfolge mit der „offenen psychiatrie“ würden sie bald überflüssig machen. gefängnisse? heilen statt strafen, hieß die devise. die gesellschaftlichen verhältnisse mußten sich ändern, das war die wirksamste bekämpfung der kriminalität! die gesetze bedurften sowieso dringend einer überarbeitung. die kronen zeitung, vor allem „staberl“ war als gegner bereits halb besiegt: im antistaberlfest wurde der hoffnung ausdruck gegeben, daß seine reaktionären kolumnen demnächst nicht mehr erscheinen würden ...

sollte man noch „mitspielen“, war eine frage der stunde. sollte man, sollten wir (!) etwa irgendeinen studienabschluß anstreben? oder stand eine so grundlegende veränderung bevor, wo andere formen des lernens, des zusammenlebens, des vermittelns von wissen erarbeitet werden würden? war es nicht sinnvoller, daran zu arbeiten, wie etwa grundlegende veränderungen der gesellschaftlichen realität von uns bewältigt werden würden? wir würden so viel niederreißen und neu aufbauen, neu organisieren und überdenken müssen!

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heute kommen mir solche fragestellungen völlig absurd vor. sie sind quasi in den „mülleimer der geschichte“ (siehe auch buchtitel von greil marcus) hineingestopft worden. wer in diesem mülleimer stierlt, kommt sich meistens blöd vor. die geschichte und wie sie verlaufen ist (nicht: wie sie von uns gemacht wurde) macht aus notwendig utopischen vorstellungen weltfremde blödheit und uns noch im nachhinein zu dummköpfen.

ich selber kann mir kaum mehr vorstellen, daß irgendjemand wirklich an solche sachen geglaubt hat: aber ich erinnere mich, daß ich von freunden und freundinnen etwa den vorwurf erhielt, mein studium fertigzumachen sei verschwendung von energie, die ich besser dahingehend nützen sollte, an den mauern zu rütteln, deren steine zum tanzen gebracht werden sollten. außerdem, ich studierte auf der pädagogischen akademie: würden wir lehrerInnen im alten sinn überhaupt noch brauchen, dann, dann, dann? und mein damaliger freund, ein künstler, mußte sich mit den vorwürfen auseinandersetzen, er bleibe im „überbau“, ohne an der „basis“ zu arbeiten. ein freund erzählte mir, daß in seiner wohngemeinschaft ein „genosse“ ins gästebuch geschrieben hatte: „wo ich hintrete, wachsen rote fahnen“, und jemand gab als berufswunsch „revolutionär“ an.

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tatsächlich hatten aber die vorwürfe auch ihre innere logik und konsequenz: ich würde nicht mit herz, seele, haut und haaren für die große sache kämpfen. (zur erinnerung: entweder leben rot oder tot rot! oder: wir werden menschen sein, oder die welt wird dem erdboden gleichgemacht bei unserem versuch, es zu werden! HUCH, kann ich nur kommentieren vor so viel gewalt und selbstgerechter sicherheit, daß die ressourcen für die eigene entwicklung „empor zum menschen“ gefälligst zur verfügung zu stehen hätten.) ich hatte mich – wie so viele – der großen sache nicht ganz verschrieben: studierte, zahlte miete, benützte das zahlungsmittel geld und hatte sogar ein girokonto.

Fotos: Alexander Lehar

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mittlerweile komm ich mir aber vor wie auf einer rolltreppe, die nach unten fährt, während wir nach oben wollen (oben und unten sollten hier wertfrei stehen, nicht daß es so scheint, als wollten wir geradewegs in den himmel, obwohl auch diese vorstellung einiges für sich hat). wir laufen und treten und stapfen und SCHREITEN und schaffen es gerade noch oder nicht einmal, gegen die in die andere richtung fahrende rolltreppe auf der stelle zu treten.

ich muß zugeben, nicht einmal ich als zweiflerin dachte mir die gesellschaftlichen verhältnisse so sperrig und mit so viel beharrungsvermögen, beziehungsweise konnte ich mir schon gar nicht vorstellen, daß das beharrungsvermögen gegen änderungen nach „links“ stärker ausgeprägt ist als das gegen änderungen nach rechts, sodaß sozialabbau, verfall mühsam errungener kritischer denkansätze usw. scheinbar mühelos über die bühne gehen bzw. über die bühne gebracht werden.

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was nun?

würden die frauen die machtfrage stellen, würden sie die hände in den schoß legen. ... formuliert es gerburg treusch dieter, die in der feministischen kritik auch etwas sieht, das „die macht“ festigt. die macht funktioniert und ihre kritik stützt ihr funktionieren, so könnte man/frau es eben auch sehen. aber hände in den schoß legen geht nicht, sonst fahren wir mit der erwähnten rolltreppe nach unten und wir leben in einer schlimmeren zukunft, schlimmer, als wenn wir wenigstens die kleinen (= winzigen) möglichkeiten zur mitgestaltung nützen würden und uns abwurschteln, dagegenarbeiten? wir arbeiten dagegen, aber wir arbeiten mit. ein freund erklärt mir, links sein habe jetzt weniger mit realen veränderungsmöglichkeiten zu tun als mit innerer überzeugung.

warum wurschteln wir uns ab? wurschteln wir uns ab? wurschteln wir? wir: wurschteln?

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wir machen zeitungen, die dann oft nur „wir“ lesen, weil die meisten „anderen“ ja sowieso die eine zeitung lesen und keine weitere brauchen. dazu kommt, daß z. B. ich selber vieles schon nicht mehr lesen will = mich dazu zwingen muß: die berichte vom unrecht da&dort&dort&da und daß ich nichts dagegen tun kann, daß wir nichts dagegen tun können, wie machtlos wir sind ...

wir organisieren demos und hoffen immer, daß mehr demonstrantInnen kommen als polizei. ich krieg vom langen stehen meistens kreuzweh ...

wir schreiben flugblätter, planen „aktionen“, plattformen, diskussionen, gründen vereine, machen unbezahlte bis schlechtbezahlte arbeit, leben mehr oder weniger unglücklich oder vergnügt gegen das, was uns als mainstream tagtäglich um ohren, nasen und köpfe gewirbelt und geschlagen wird.

(wir kommen allealle in den himmel, weil wir so brav sind und so klein eben und kein anderes licht kennen als das eben ... oder die pfLICHT, die rolltreppe, den mülleimer?)

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wir können es auch so sehen: an der erweiterung der NISCHE = SCHEIN wird gearbeitet. vielleicht besser, wir sehen es so und nützen die behebung der pause zur besinnung darauf, das neu zu entwerfen, was uns als karotte vor der nase über die mageren jahre bringen kann. an dieser stelle könnte eine beschreibung des bildes der karotte vor der nase kommen: wozu sie dient, vor wessen nase sie hängt und wer sie dort hingehängt hat. diese bildbeschreibung erspare ich mir, der sowieso sehr gedämpfte optimismus bedarf keiner weiteren dämpfung. nicht alle, die der karotte hinterherschnüffeln, müssen zwangsläufig eseln sein, denen man sie als ansporn zu größerer fremdbestimmter arbeitsleistung hingehängt hat! wir machen uns unsere karotte selbst: anagramm aus karotte: akte rot!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
ZOOM 3/1997, Seite 4
Autor/inn/en:

Ilse Kilic:

Geboren 1958, lebt in Wien. Autorin, Filmemacherin, Comixzeichnerin. Redaktionsmitglied von Context XXI (ZOOM) bis März 1999.

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