Zeitschriften » Streifzüge » WWW-Ausgabe » Jahrgang 2016
Franz Schandl

Kann Kern können?

Schon zu Studienzeiten, wo wir uns Mitte der Achtziger peripher begegneten, war der Arbeiterbub aus Simmering, damals Mitglied des Verbands Sozialistischer Studenten (VSStÖ), konsequent und zielstrebig. Er wusste vielleicht noch nicht, was er wollte, aber dass er wollte, wusste er. Er wirkte dabei nicht unsympathisch und verbissen, sondern recht umgänglich.

Seit der Quereinsteiger nun Kanzler und Parteivorsitzender ist, tut seine Partei geradewegs so, als sei sie nicht wiederzuerkennen. Christian Kern ist es binnen weniger Tage gelungen die Stimmung merklich zu heben. Auf einmal schaut alles ganz anders aus, obwohl sich nichts verändert hat. Zweifellos hat die von Kern übernommene SPÖ mit dem Wechsel ein Bravourstück an medialem Regietheater abgeliefert. Mit dem neuen Mann sind die Genossen glücklich: Sie fürchten sich nicht vor ihm, sondern ohne ihn. Die Politik bleibt zwar grosso modo gleich, aber sie kommt nun ganz anders rüber.

Professioneller verkauft wird sie allemal. Was ist schon die die Lage gegen die Laune? Und so steigen, weil die Stimmung sich bessert, die Umfragewerte wieder an. Man glaubt es kaum, aber man kann es messen. Es ist dieses Gieren nach dem Schein, die Kraft der Simulation, die sich hier inszeniert. Und ankommt. Definitiv. Robert Misik freut sich gar, dass Kanzler Kern alleine mit zwei Auftritten den Vorsprung der FPÖ zur SPÖ von 16 auf 8 Prozent halbiert hat. Aber was heißt das? Doch nur, dass die Leute schwer beeindruckt, also leicht beeindruckbar sind. Wir haben ein formatiertes Publikum, das gut abgerichtet, in Serie reinfällt. Was im konkreten Fall aber auch meint: Eine kleine Erschütterung und diese Leute sind wieder bei Strache und Hofer. Die Dialektik von Selbsttäuschung und Enttäuschung wird perpetuiert.

Könner und Macher sind heute in. Politik darf gar nicht mehr auftreten ohne großspurig zu verkünden: „Yes we can“ oder „Wir schaffen das“. Die Einfalt erblickt darin eine Offenbarung. Angaben der Politik mutieren in pure Angeberei, aber solange die serielle Illusion regiert, regiert auch jene. Leute aus den Parteiapparaten gelten als verpönt, als Apparatschiks und Bürokraten, Manager hingegen haben etwas geleistet und sind deswegen sakrosankt. Hört man das Wort „Wirtschaftskompetenz“ werden alle ganz devot. Dass die großen Krisen gerade in der Ökonomie ihren Ausgang nehmen, wird völlig verdrängt.

Der Kanzler ist so eine modische Mischung aus Public Relations und John Maynard Keynes. Wird das Eloquente verlangt, dann hat Kern den Vorteil eloquenter zu sein, ja zur Zeit ist er am politischen Parkett der Eloquenteste. „Christian Kern wurde vergangene Woche nach seiner ersten Rede wie der Messias empfangen“, schreibt der ins Schwärmen geratene Florian Klenk, Chefredakteur des linksliberalen Falters. Beten ist angesagt.

Selten hat ein Politiker soviel an Vorschusslorbeeren erhalten wie der neue Kanzler aus Wien. Wäre nicht so einer auch was für uns? Selbst internationale Medien fühlen sich von diesem Hype gewerbsmäßig angezogen. Gut angezogen ist auch der Vorstandsvorsitzende, die Anzüge, die er trägt, sind natürlich vom Feinsten. Geschmack hat er schon, von Kunst versteht er auch was, und einschlägige Bücher sind ihm bekannt. Und wirft er dann noch den Begriff „Hegemonie“ ins Mikro, sind auch die Gramscianer aller linken Zeltlager ganz hingerissen. Der ist kein Ignorant, kein Banause. Wirklich nicht.

Allerdings ist das Können in der Politik ein Vermögen, das immer weniger verfügbar und somit einsetzbar ist. Zumindest real. Ihre Autonomie nimmt ab und ihre Potenz erschlafft zusehends. Das traut man sich aber nicht zu sagen, müsste man doch dann über die strukturellen Zwänge und die objektive Herrschaft eines Systems sprechen. Die Wahrheit ist viel grausamer: Geld lenkt, Politik schwenkt. Ungefähr so läuft es ab. An der Finanzierung verunglücken sodann die schönsten Vorhaben, und jenseits davon traut man sich nichts vorzustellen. Das Können verlegt sich mittlerweile zusehends auf Fiktion und Imagination. Kern tut so, als gäbe es kein bürgerlich-kapitalistisches Gehäuse der Politik, er tut so, als könnten freie Akteure freie Politik in einer freien Gesellschaft machen. So als seien Verwerfungen und Verwüstungen primär auf schlechtes Personal und deren Fehlkalkulationen, vor allem aber auf unzureichende Performance und Kommunikation zurück zu führen.

Kann Kern können? Und vor allem auch: was? Welcher Natur ist dieses Können? Welche Kunst wird uns hier nahe gebracht? Weniger wichtig ist, was abgeht, sondern was ankommt. Oder eigentlich gar nicht so sehr was, sonst stets wie. Das Was indes ist ein Irgendwas und geht so und so in den einschlägigen Phrasen von „Investitionsklima verbessern“ und „Wirtschaft ankurbeln“ auf und unter. Derlei gehört zum Standardrepertoire. Dort, wo die Inhalte zusehends monolithisch und monologisch werden, ist die Form entscheidend. Der Unterschied liegt nicht darin, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Und Kern ist ein Meister des Sagers. Und die Sager sitzen wie Sakko und Krawatte.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

FORVM unterstützen

Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5822 Beiträge veröffentlicht. 9878 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2016
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

Lizenz dieses Beitrags:
LFK
Diese Seite weiterempfehlen