Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Thomas Schmidinger

Jura Soyfers Werkausgabe

Der Deuticke-Verlag hat vor kurzem eine neue Werkausgabe Jura Soyfers herausgebracht.

Lied des einfachen Menschen

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden’s eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen,
Aber sind wir heute Menschen? Nein!
 
Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls,
 
Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tiefentmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!
 
Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.
 
Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt’s dafür ein Mittel nur allen:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien,
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!
 
Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

Jura Soyfer, der 1912 als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie in der Ukraine geboren wurde, die 1920 über Istanbul nach Wien geflüchtet war, ent­wickelte sich Anfang der Dreißigerjahre zu einem der bedeutendsten linkssozial­demokratischen Autoren und Autorinnen Österreichs. Seine kurzen Theaterstücke wurden auf Kleinkunstbüh­nen in Wien und Budapest aufgeführt, seine Lyrik und Prosa erschien in öster­reichischen, deutschen und britischen Zeitschriften. Ju­ra Soyfers Werk ist jedoch nicht nur von der Arbeite­rInnenbewegung, sondern insbesondere von einem revolutionären Humanismus geprägt, den er Faschismus und Nationalsozialismus entgegenstellte. Dieser Huma­nismus Soyfers war nicht nur eine moralische Kategorie, sondern eng mit einer mar­xistischen Analyse verbun­den. Nach seinem Bruch mit der österreichischen Sozial­demokratie wurde Soyfer nicht zum Parteisoldaten ei­ner neuen Partei, sondern zum unabhängig denkenden Kommunisten, dessen Über­zeugung auch in seinen Wer­ken nach dem gescheiterten Februaraufstand der öster­reichischen ArbeiterInnen ihren Niederschlag findet. Seine Werke sind damit nicht nur literarische Doku­mente ihrer Zeit, sondern darüber hinaus literarische Verarbeitungen eines antifaschistischen Kommunis­mus, der nichts an seiner Ak­tualität eingebüßt hat. Seinen persönlichen Kampf gegen den Nationalsozialismus soll­te Jura Soyfer nicht überle­ben. Er wurde am 13. März 1938 bei seiner Flucht in die Schweiz widerrechtlich von österreichischen Zöllnern verhaftet. Im Konzentra­tionslager Dachau schrieb Soyfer seinen heute bekann­testen Text, das Dachaulied. In der neuen vierbändigen Werkausgabe sind neben sei­ner Prosa, Lyrik und Drama­tik auch seine Briefe von 1931 bis zu seinem Tod am 16. Februar 1939 im Kon­zentrationslager Buchenwald vereint.

Jura Soyfer: Werkausgabe Wien / Frankfurt am Main, Deuticke 2002, ISBN 3-216-30658-5 bis 3-216-30661-5, EUR 74,90

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 43
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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