Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 6-7/2003
Mary Kreutzer (Übersetzung) • Esther Shabot

Jüdische Frauen im mexikanischen Exil

Es ist so, als hätten wir mit unseren Famili­en Teile unserer Ge­sichtszüge, unsere Gesichter verloren.

(Su­sana Kon de Szydlo)

Obwohl Mexiko das Image eines den Flücht­lingen und Verfolgten des Fa­schismus der 30er und 40er Jahre wohlgesinnten und of­fenstehenden Landes genießt, belegen neue Forschungser­gebnisse die Tatsache, dass die mexikanische Gast­freundschaft eine selektive war. SpanierInnen im Exil fanden hier ohne Frage be­dingungslos eine rettende Oase: 22.123 spanische Flüchtlinge wurden dank der Solidarität der mexikanischen Regierungen, in erster Linie jener Lazaro Cardenas’ (1934-1940), aufgenommen. [1] Be­treffend der jüdischen Immigration jener Zeit jedoch war die mexikanische Haltung ei­ne der systematischen Ver­weigerung: Man schätzt, dass zwischen 1934 und 1940 le­diglich zwischen 1.850 und 2.250 Jüdinnen und Juden in Mexiko Aufnahme fanden, [2] die meisten davon nur dank der Bemühungen von bereits im Land lebenden Familien­angehörigen.

Diese Abwehr stand in der Kontinuität der in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre eingeführten restrik­tiven Einwanderungspolitik, die sowohl in Mexiko als auch in den USA und ande­ren amerikanischen Staaten die jüdische Immigration er­schwerte, und die mit den Problemen der Wirtschafts­krise noch verschärft wurde. Die vom aufsteigenden Na­tionalsozialismus bedrohten europäischen Jüdinnen und Juden mussten mit zusätzli­chen Nachteilen bei ihren Asylanträgen in Mexiko kämpfen. Sie wurden nicht als Flüchtlinge anerkannt, sondern als einfache Emi­grantInnen. Nicht einmal als solche erfüllten sie die erfor­derlichen Bedingungen, da eine Reihe von offiziellen Do­kumenten ihre Einreise, un­geachtet der jeweiligen Na­tionalität, von Beruf oder zur Verfügung stehenden Geld­mitteln, ausdrücklich unter­sagten.

„Schändliches Parasiten­tum“

Die mexikanische Regierung gab verschiedene Gründe für die Abweisung der jüdischen Immigration an. Vom wirt­schaftlichen Standpunkt aus argumentierte man mit dem Schutz der lokalen ArbeiterInnenschaft, man wolle die „unredliche Konkurrenz von fremden Elementen“ vermei­den, welche mexikanische ArbeiterInnen verdrängen und ein „höchst schädliches Parasitentum“ fördern könn­ten. Diese protektionistischen Forderungen diverser Händ­lervereinigungen und der na­tionalen Mittelschichten, die vor den angeblichen Schäden warnten, welche die Wellen von ausländischen (jüdi­schen) ArbeiterInnen verur­sachen würden, fanden Zu­stimmung bei der cardenistischen Regierung, die Angst vor einem Popularitätsverlust hatte und die Unterstützung der Massen wegen der Kon­flikte der Ende der 1930er Jahre durchgeführten Ver­staatlichung des Erdöls US-amerikanischer und britischer Firmen dringend benötigte.

Juden und Jüdinnen wur­den im Zusammenhang mit den bevölkerungspolitischen Maßnahmen der mexikani­schen Regierungen als in die mexikanische Nation „nicht assimilierbare Elemente“ an­gesehen, denn sie entspra­chen nicht dem rassischen und kulturellen Ideal des „mestizaje“ [3] und der ethni­schen Fusion, die für eben diese nationale Integration notwendig wären. Die Aus­länder würden nur dann ak­zeptiert, wenn sie sich inner­halb der mexikanischen Be­völkerung assimilierten, was Juden im Gegensatz zu spa­nischen Flüchtlingen aus­schloss. [4]

Als der Krieg vorbei war, konnten sich einige Hundert Holocaustüberlebende, wiederum ausschließlich mit Hil­fe von im Land ansässigen Familienangehörigen und jü­dischen Organisationen in Mexiko, die zu diesem Zweck gegründet wurden, niederlassen. Für diese Jü­dinnen und Juden wurde das Exil eine schwere und schmerzvolle Erfahrung und zugleich die einzige Mög­lichkeit um zu überleben. Für die meisten jener, die es trotz der unzähligen Hürden schafften, gilt Mexiko als ein unglaublich großzügiges Land. Tatsächlich kam es trotz der staatlichen Wider­stände gegen die jüdische Immigration und deren subti­lem antisemitischem Hinter­grund in Mexiko nie zu ei­nem aggressiven Antisemitis­mus, der mit jenem des mo­dernen Europa vergleichbar wäre. Nach dem Krieg fand dank der Gleichheit vor dem Gesetz für alle Staatsbürger­Innen, der Religionsfreiheit und der Strukturen eines laizistischen Staates, der in Me­xiko fast ungebrochen seit der Unabhängikeit existierte, eine Normalisierung des Le­bens statt, die gravierende Einschränkungen für Jüdin­nen und Juden ausschloss.

Erinnerungen jüdischer Frauen

Im Jahr 2002 erschien in Me­xiko das Buch „El rostro de la verdad. Testimonios de sobrevivientes del Holocausto que llegaron a Mexico.“ („Das Gesicht der Wahrheit. Zeugnisse von Holocaustü­berlebenden, die nach Mexi­ko kamen.“) Dieses Buch entstand aus den Bemühun­gen eines Vereins namens „Memoria y Tolerancia“ (Gedächtnis und Toleranz), der mittels persönlicher Inter­views, die zwischen 1997 und 2001 geführt wurden, die Zeugnisse von 79 Überle­benden in Mexiko, 37 Män­ner und 42 Frauen, zusam­mentrug. Das Hauptziel die­ser Publikation besteht da­rin, die biografische Erfah­rung jedes einzelnen dieser Menschen zu dokumentieren, um mittels der Stimme, die erinnert und erzählt, der Ab­sicht der nationalsozialisti­schen Maschinerie entgegen­zutreten, die die Spuren der Barbarei gelöscht sehen möchte. Die Zeugnisse in die­sem Buch bieten einen re­präsentativen Ausschnitt der Diversität der Lebenserfah­rungen der Opfer des Natio­nalsozialismus im Schatten des Terrors. Sie beleuchten Aufstieg und Verlauf des NS-Regimes, den Horror der Ghettos, Deportationen, Konzentrations- und Ver­nichtungslager, Flucht, Ver­steck, moralischer Nieder­gang, bewaffneter und unbe­waffneter Widerstand, er­staunliche und wundersame Solidarität einiger weniger, unzählige heroische Akte des Widerstands und die Schwie­rigkeit, sich an die Welt und das Leben nach dem Krieg in Mexiko zu gewöhnen.

Nach der Analyse dieser Zeugnisse kann bestätigt wer­den, dass es betreffend der Erfahrung jener Jahre des Terrors keine großen Unter­schiede zwischen Frauen und Männern gibt. Die Versuche der Entschmenschlichung, die die NS-Juden-Politik charakterisierte, erreichten ne­ben der Vernichtung ihrer persönlichen Identität, Name, Biografie, familiäre Bin­dungen, Wort, Würde und Besitz auch jene der geschlechtlichen Unterschiede. Was blieb, war der Kampf ums Überleben, um Nahrung, Verstecke, sich und die Familie vor physichen Übergriffen zu retten. In dieser Si­tuation schmolzen Männer und Frauen als ununter­scheidbare Menschen zusammen, und ihre Erfahrun­gen sind sehr ähnlich.

Die Herkunft der 42 be­fragten Frauen ist unter­schiedlich: sie kamen aus Po­len, Litauen, Rumänien, Un­garn, der Tschechoslowakei, Griechenland, Deutschland, Frankreich, Belgien, Weiß­russland, Italien und Öster­reich. Sie wurden zwischen 1906 und 1938 geboren und ihre Erfahrungen auf dem Weg ins mexikanische Exil sind sehr unterschiedlich. Ei­nige wurden als junge Mädchen in Klöstern am Land versteckt, andere über­lebten nur durch ein Wunder die Konzentrations- oder Vernichtungslager; einige schlossen sich dem Wider­stand an und andere konnten unter großen Gefahren und Risiken während des Krieges nach Amerika flüchten. Die meisten der Frauen verloren entweder einen Teil, die Mehrheit verlor die gesamte Familie durch die Shoah.

Plan des Frauen-KZ Ravensbrück
Zeichnung von France Audoul

Von besonderer Bedeu­tung ist für alle die Tatsache, ihrer Abstammung Konti­nuität zu verleihen: eine Fa­milie gegründet zu haben und somit der Absicht der Nazis, ihre Vergangenheit auszuradieren, zunichte ge­macht zu haben. Vierzig der zweiundvierzig Frauen haben Kinder, die meisten nach dem Krieg geboren, und vie­le von ihnen interpretieren diese Tatsache als die größte Rache an ihren Henkern.
Wenngleich in allen Zeug­nissen Beschreibungen von intensivem Leid in stark emotionalen Tönen ausgedrückt werden, gibt es je nach Bil­dungsgrad Unterschiede be­züglich der Komplexität, mit der das Erlebte evaluiert und Schlüsse daraus gezogen wer­den. Die Dankbarkeit ge­genüber Mexiko, dem Land, in dem ein Leben in Freiheit neu aufgebaut werden konn­te, ist eine weitere Gemein­samkeit in allen Inteviews. Agnes Braun Kruasz, eine 1920 in Budapest geborene Widerstandskämpferin, drückt das folgendermaßen aus: „Die Erfahrung in Me­xiko ist die eines Transplan­tats eines Baumes, der seine Früchte verbessert. Es kam zu einer Integration, zum ge­meinsamen Lernen.“ [5] Flora Botton kam 1933 in Saloni­ki, Griechenland, zur Welt: „In Mexiko fand ich eine neue Heimat, die mir die Möglichkeit gab, Wurzeln zu schlagen, welche noch stär­ker werden, wenn der erste Familenanghörige hier stirbt und du ihn auf mexikani­schem Boden begräbst, und die sich mit dem Wissen um Kunst, Geschichte und Kul­tur dieses Landes vertiefen.“ [6]

In fast allen Interviews findet sich die Betonung der Notwendigkeit der Erinne­rung als Mittel zur Wieder­erlangung von Würde und Bestätigung der eigenen Identität als auch als Mittel gegen die Versuche der Na­zis, ihre Verbrechen zu ver­schweigen und die Spuren der Vernichtungspolitik zu beseitigen. Fast alle Frauen fragen sich irgendwann „Warum habe ich überlebt?“ und geben sich zwei Ant­worten. Während einige an Gottes Wille glauben und ih­re Religiosität dadurch ver­stärkten, sehen die anderen einfach den Zufall und glück­liche Umstände, die sie zu Menschen führten, die trotz des hohen Risikos Hilfestel­lung leisteten.

In vielen Erzählungen scheint trotz des artikulierten Willens, die Traumata der erlebten Katastrophe der Ver­gangenheit überwinden zu wollen und sich in das Leben zu integrieren, unvermeidbar die Bitterkeit über all das Verlorene durch, etwa auch der eigenen Jugend. So be­endet Lola Gersztein de Lasman, 1920 im polnischen Wilno geboren, ihr Zeugnis mit den Worten: „Ich fühle, dass wir unsere gesamte Ju­gend verloren haben. Die besten Jahre verbrachten wir im Konzentrationslager, da­nach arbeiteten wir unser ganzes Leben lang, und nun, da wir genießen könnten, sind wir bereits alt.“ [7]

Allgemein lässt sich sagen, das Rationalisierungen der traumatischen Erlebnisse, die oft als Quelle einer besonde­ren Stärke gesehen werden, überwiegen, wenn auch Aus­drücke von Gefühlen der Verstümmelung immer wie­der durchscheinen. Susana Kon de Szydlo flüchtete als 10-jährige aus Frankreich mit dem Schiff Serpa Pinta: „Ob­wohl ich hier eine wunder­bare Familie aufgebaut habe, ist die erste Reaktion, wenn etwa meine Tochter mich um die Gästeliste der Bar-Mitzva meines Enkels bittet: wel­che Liste? Ich habe doch kei­ne Onkel mehr, keine Cousins, sie wurden doch alle er­mordet. Das kann ich nicht vermeiden, auch wenn schon soviele Jahre vergangen sind und ich doch so viele schöne Dinge besitze. Aber was passierte, hätte nie passieren dürfen, man kann einfach nicht resignie­ren. Mich beschäftigt dies ständig, obwohl ich damals ein Kind war. Wie muss es erst für meine Eltern gewe­sen sein? Es war wie eine le­benslange Trauer. Soviel man auch rationalisiert, die Ge­fühle sind präsent als wäre gestern heute. Es ist so, als hätten wir mit unseren Fami­lien Teile unserer Gesichts­züge, unsere Gesichter verlo­ren.“ [8]

Erst in den letzten Jahren kam es zur Überschneidung zwischen der Bereitschaft der Überlebenden des Holocaust, über ihre Erfahrungen zu sprechen, und des Interesses einer neuen Generation, ih­nen zuzuhören. Die meisten hatten mehrere Jahrzehnte lang geschwiegen. Das Er­lebte lag weit hinter der Mög­lichkeit, es in Worte zu fas­sen. Sich einer noch frischen und schrecklichen Vergan­genheit zuzuwenden, bedeu­tete, sich dem Risiko auszu­setzen, die spärlichen Hoff­nungen, die man in die fragi­len Drähte zum Leben setz­te, aufs Spiel zu setzen. Zurückzublicken auf die Zer­störung könnte eine Lawine an Emotionen auslösen und die Überlebenden begraben. So wartete etwa der politi­sche Gefangene und Bu­chenwald-Überlebende Jor­ge Semprún vier Jahrzehnte, bis er sein Buch „La escritura o la vida“ (Die Schrift oder das Leben) veröffentlichte. Heute kennen wir bereits ei­nige dieser Zeugnisse und wissen durch die historische Forschung, wie sich die Ka­tastrophe anbahnte. Unsere Aufgabe ist es nun, die Leh­ren und entsprechenden Konsequenzen daraus zu zie­hen.

[1vgl. Dirección General de Estadistica. Mexico 1937-1948.
Zitiert nach Clara E. Lida: Los espanoles en Mexico, población, cultura y sociedad. in: Guillermo Bonfil Batalla (Hg.): Simbiosis de culturas. Los inmigrantes y su cultura en Me­xico. Mexico 1993, S. 434

[2Judith Bokser de Liwerant: Imagenes de un encuentro. La presencia judta en Mexico durante la primera mitad del siglo XX. Mexico 1992, S. 223

[3Mestizaje beschreibt die (gewaltsame) „Mischung” von lndigenas und Spaniern. (Anm. der Übersetzerin)

[4Vgl. Daniela Gleizer Salzman: Mexico frente a la inmigración de refugiados judios 1934-1940. Mexico 2000

[5El rostro de la verdad. Testimonios de sobrevivientes del Holocausto que llegaron a Mexico. Mexico 2002, S. 54

[6ebd., S. 36

[7ebd., S. 142

[8ebd., S. 107

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2003
Heft 6-7/2003, Seite 25
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

Esther Shabot:

Esther Shabot ist Soziologin und unterrichtet an verschiedenen mexikanischen Universitäten und Privateinrichtungen Internationale Politik mit Schwerpunkt Naher Osten und Judaistik.

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