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Alicia Allgäuer

Juchitan und ihre Frauen

„Mucho macho y borracho“ (durch und durch Macho und immer betrunken) — die oft gehörte Charakteristik des mexikanischen Mannes. Wer kennt sie nicht, die klischeehaften schnauzbärtigen Mexikaner mit Sombrero und Tequila, die ihre Frauen wie die Hemden wechseln?

Doch gerade im Land des Machismo gibt es eine Kultur, in der die Frauen zwar Röcke tragen, aber trotzdem die Hosen anhaben. „Es gibt Geschichten über eine matriarchale Gesellschaft, in der die Frauen wie Amazonen über ihre bezirzten Männer regieren [...]“ [1]

Die Rede ist von den Zapotekinnen des Isthmus von Tehuantepec, der Landenge zwischen Pazifik und Atlantik im Süden Mexikos. In dieser Region liegt Juchitán. Die Frauen Juchitáns sind selbstbewußte, angesehene Personen in der juchitekischen Gesellschaft und leben nicht in Unterdrückung und Knechtschaft wie Millionen andere Frauen. Vielfach wird deshalb gesagt, in Juchitán herrsche „das Matriarchat“. Tatsächlich gibt es Strukturen und Bräuche, die diese These unterstüt­zen.

Die Ökonomie Juchitáns ist aufge­baut auf dem Prinzip der Subsistenzwirtschaft. Die Männer produzieren in der Landwirtschaft, durch Jagd und Fischfang die Grundnahrungsmittel, die die Frauen für den Eigenbedarf oder Verkauf auf dem Markt weiterverar­beiten. Die Frauen produzieren also einen Mehrwert durch ihre Arbeit und erhalten den Erlös aus dem Verkauf, mit dem sie den Erhalt der Familie sichern. Geschlechtliche Arbeitsteilung ist vorherrschend, bedeutet aber nicht, daß die Arbeit der Frauen minder bewertet wird als die des Mannes, denn jede Arbeit ist notwendig und daher ange­sehen.

Profitdenken ist ihnen fern; wichtig ist, das Notwendige für den Tag zu erwirtschaften und dabei genug Geld für die zahlreichen Feste zu ersparen, denn Überschüsse werden in Feste investiert und damit stetig umverteilt. Feste zu feiern gehört fast zum Alltag und ist wichtig für die loka­le Ökonomie, da dort heimische Produkte und Dienstleistungen Verwendung finden. Auch leben alte Traditionen in den Festen weiter und zeigen die rituelle Bedeutung der Frau und Mutter. Die größten öffentlichen Feste, die velas, finden in der Regel zur Ehrung von Heiligen statt und stehen in Verbindung mit dem natürlichen Lebenszyklus, Saat, Ernte und Fruchtbarkeit. Wenngleich diese Tatsachen immer mehr aus den Augen verloren werden, sind Feste doch der öffentliche Raum der Frauen, in dem sie das Sagen haben. Sie bereiten Essen im Überfluß zu, verteilen es und inszenieren damit ihre eigene Fruchtbarkeit.

Gegenseitigkeit und Kooperation sind wesentliche Bestandteile der Gesellschaft. Beim Organisieren von Festen, beim Hausbau, bei der Kindererziehung und in Notsituationen wird alles gemeinschaftlich gemeistert. Personen sind nur dann angesehen, wenn sie auch ihren Teil zur Reziprozität leisten. Prägend für das Leben der Juchitecas/os sind die gegensei­tigen Verpflichtungen, die tagtäg­lich durch viele Handlungen ein­gegangen werden. Damit ist gesichert, daß niemand auf sich alleine gestellt ist. Sozioökonomische Daten bewei­sen, daß ihnen dieses Prinzip zugute kommt, denn die Juchitecas/os weisen deutlich weniger Unterernährung auf als die BewohnerInnen des restli­chen Mexiko.

Die Juchitecas/os zeichneten sich im Laufe der Geschichte durch ihren Widerstand gegen Unterdrücker aus. Auch in neue­rer Zeit fielen sie durch ihre Proteste auf, nämlich, als sie es nach zahlreichen Kämpfen mit der Regierungspartei PRI schaff­ten, die linke Bewegung COCEI in den Gemeinderat zu wählen. Frauen waren bei allen
Aufständen maßgeblich beteiligt und leisteten einen wesentlichen Beitrag zu allen erreichten Zielen. Obwohl sie in öffentlichen und politischen Ämtern nur spärlich vertreten sind, machen die Frauen ihre Politik selbst. Sie set­zen ihre Interessen gegenüber den Politikern durch, indem sie sich aktiv gegen das wehren, was ihnen nicht paßt.

Die bloße Tatsache, daß Frauen viel arbeiten, ist keine hin­reichende Erklärung für die Stärke und das Selbstbewußtsein der Juchitecas. Frauen haben auf der ganzen Welt das Schicksal, viel arbeiten zu müssen. Ohne ihre harte Arbeit und ihre Überlebenskunst sähe die Emährungssituation in vielen Ländern noch viel schlim­mer aus. Doch führt dies keinesfalls zu einer mit den Juchitecas vergleichbaren Position. Vielmehr verrichten sie ihre Arbeit quasi als „unsichtbare Frauen“ ohne entsprechende Anerkennung.

Die Stellung der zapotekischen Frau muß also gesell­schaftliche und historische Wurzeln haben.

Gegenseitigkeit und Kooperation, von Göttner-Abendroth als wichtige Merkmale der matriarchalen Gesellschaften defi­niert, prägen zweifels­ohne die juchitekische Gesellschaft, aller­dings gilt dies nur für die ärmere Schicht. Umverteilung des Reichtums und Unterstützung findet nur unter der ärmeren Bevölkerung statt. Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, auch in Juchitán.

Die häufigste Aussage in Bezug auf die Matriarchatsfrage ist, daß sich die Macht der Frau über die Ökonomie defi­niert. In Familien, in denen der Mann Bauer, Fischer oder Gelegenheitsarbeiter ist, haben die Frauen das Sagen. Sie verfügen über die Nahrungsgrundlagen und betreiben den Handel. Auch diese Merkmale sind laut Göttner-Abendroth typisch matriarchal. Möglicherweise ist das der Grund dafür, daß die Ernährungssituation in Juchitán um so vieles besser ist als im restlichen Mexiko.
Einige Forscherinnen stellen diese Strukturen als allge­meingültig dar und vergessen dabei, daß auch in Juchitán Entwicklungen durchgemacht werden, die teilweise das Aufweichen alter Strukturen bewirken. Denn durch die all­mähliche Zerstörung der landwirtschaftlichen Grundlagen und den Einfluß anderer Kulturen bzw. der voranschrei­tenden (Nord-) Amerikanisierung verändern sich die ursprünglichen Gesellschaftsmuster, sodaß sich in der Stadt Juchitán die unterschiedlichsten Lebensformen fin­den und die Bevölkerung keine homogene Gruppe mehr darstellt.
Der Machismo als vorherrschende Kultur der Region, wenn nicht ganz Lateinamerikas, nimmt auf Kosten matriarchaler Strukturen stetig zu. Diese Entwicklung wird durch den Verlust der landwirtschaftlichen Grundlagen und der traditionellen geschlechtlichen Arbeitsteilung begünstigt.

Meiner Meinung nach gilt die Zuschreibung matriarchaler Strukturen in erster Linie für die Marktfrauen in Juchitán bzw. für Frauen in den umliegenden Dörfern, die noch nach traditionellen Mustern leben.

Allerdings erfahren die Juchitecas und die von ihnen ver­richtete Arbeit eine ganz andere Wertschätzung als Frauen in unserer Gesellschaft. Die Frauen in Juchitán haben wichtige Rollen in allen Lebensbereichen inne und sind angesehen. Sie verfügen über die Nahrungsgrundlagen für den Erhalt der Familie, was sich auf den Lebensstandard der Bevölkerung insgesamt positiv auswirkt.

Das Gesellschaftsmuster der Isthmus-Zapoteken unterscheidet sich deutlich von unserem patriarchal geprägten Leben. Ihre Kultur basiert auf anderen Wertvorstellungen als die unsere. Eine der wichtig­sten und Grundlage der Gesellschaftsordnung ist die Wertschätzung der Frauen.

Matriarchate kennen laut Göttner-Abendroth und anderen MatriarchatsforscherInnen keine Herrschaftskonstrukte und Erzwingungsstäbe (z.B. Polizei); sie leben nicht von der Unterdrückung des einen Geschlechts durch das andere. Frauen und Männer haben beide wichtige ökonomische und rituelle Rollen inne.

In manchen Bereichen kann Juchitán trotz vieler wider­sprüchlicher Entwicklungen als nicht-patriarchale, herr­schaftslose Gesellschaft bezeichnet werden.

Die Juchitecas/os leben ihr Leben nach ihren Vorstellungen, ohne es als etwas Besonderes zu empfin­den.

Benito Valencia, Lehrer aus Juchitán, formuliert es folgendermaßen: „Es gibt das Matriarchat in Juchitán, man sieht es nur nicht, wie Gott. Die Leute nennen es auch nicht so und empfinden es als normal, es ist das täg­liche Leben.“

[1Instituto Nacional de Bellas Artes: Del Istmo y sus mujeres — Tehuanas en el Arte Mexicano. México D.F. o.J. S. 24.

  • vgl. Bennholdt-Thomsen, Veronika (Hg.): Juchitán — Stadt der Frauen. Hamburg 1994
  • Chi§as, Beverly Newbold: The Isthmus Zapotecs. A Matrifocal Culture of Mexico. Case Studies in Cultural Anthropology. 2. Aufl. Orlando 1992
  • Göttner-Abendroth, Heide und Derungs, Kurt (Hg ): Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften. Bern 1997
  • Holzer, Brigitte: Subsistenzorientierung als wider­ständige Anpassung an die Moderne in Juchitán, Oaxaca Mexico, Frankfurt am Main

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1999
Nummer 2, Seite 3
Autor/inn/en:

Alicia Allgäuer:

Alicia Allgäuer ist Diplomsozialarbeiterin und Mitarbeiterin der im Irak tätigen Hilfsorganisation Wadi. Sie studiert Politikwissenschaft in Wien.

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