Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2001 - 2010 » Jahrgang 2008 » Heft 43
Franz Schandl
Unumgänglich

Jubeln, jauchzen, boomen

Wenn es nach den Wünschen der heimischen Politik und Wirtschaft geht, wird die Fußballeuropameisterschaft ein großer ökonomischer Erfolg. Euphorie ist Pflicht und die Werbetrommel wird kräftig gerührt. Der Tourismus, der jubelt, und der Handel, der jauchzt. Auch die Medien, die zur Zeit mehr als sonst Prospekten gleichen, ergehen sich in schwelgerischer Vorfreude, gilt es doch die Marke Österreich abseits der Kellermonster, Hackenmörder und Giftmischer zu positionieren. In den letzten Monaten war das Land ja vor allem aufgrund eklatanter, ja ominöser Kriminalfälle in die internationalen Schlagzeilen geraten – wohl nicht so ganz das, was sich der Kanzler als „Erlebnisfaktor“ Österreich so vorstellt. Kurzfristig dürfte Amstetten sogar nach Wien zur bekanntesten österreichischen Stadt aufgestiegen sein. Eine gründliche Imagepolitur ist daher Gebot der Stunde.

Da kommt die Euro 2008 gerade richtig. Fußball ist zu einem zentralen ökonomischen Faktor geworden, auch in der Alpenrepublik, da mögen die rot-weiß-roten Kicker noch so schwach spielen. Das Turnier dient als Konjunkturlokomotive. Die Wirtschaft, so ihr oberster Standesvertreter, der Chef der Bundeswirtschaftskammer Christoph Leitl, habe schon ihr erstes Tor geschossen. Auch Alfred Gusenbauer ist begeistert wegen der zu erwartenden Mehreinnahmen aus der Umsatzsteuer. Die Fans sollen kräftig gemolken werden. 150 bis 350 Euro pro Tag werden sie, je nach Kaufkraft, hier lassen. Immerhin wird das Krügel (=Halbe) Bier über 4 Euro kosten.

Natürlich wird die Euro 2008 zum Megaspektakel des Jahres. 16 Spiele finden in Österreich statt, die meisten davon in Wien, auch das Finale am 29. Juni. In trauter Eintracht, angeführt vom roten Kanzler und seinem schwarzen Vize, wird eine Nation in Fußballeuphorie versetzt, zumindest der männliche Teil. Schriftsteller werden Kommentatoren, Musiker Ballexperten und Auslandskorrespondenten Sportkolumnisten. „Alles Fußball! „, ist angesagt. Nicht nur am Rasen wird getanzt, sondern überall. Die ganze Stadt wird Bühne. Ein Teil der Innenstadt wird gesperrt und zur Fanmeile erklärt. Man feiert die Feste heute nicht mehr bloß, wie sie fallen, sie werden vielmehr seriell produziert. Ein Spektakel jagt das nächste. Die Gemeinde Wien etwa, die reiche Bundeshauptstadt, Standortsieger dank Ostöffnung, betreibt zweifellos eine Politik des „Brot und Spiele“. Reich und sexy sei die Hauptstadt, verkünden etwa die Wiener Sozialdemokraten in Anspielung auf einen Ausspruch Klaus Wowereits.

Zu sagen, dass einen Fußball nicht interessiert, geht gar nicht. De facto ist das verboten. Aber auch zu sagen, dass man mehr am Verlauf als am Ergebnis interessiert ist, wirkt verdächtig. Wichtiger als die sportliche Bedeutung des Sports ist die nationale und vor allem auch die kulturindustrielle. Die wiederum ist eine ökonomische Größe.

Die Euro erscheint als Zauberstab für das nächste Wirtschaftswunder. Von der Krise auf den Finanzmärkten hat man in Österreich vorerst recht wenig mitbekommen. Den Blessuren und Dellen ist man weitgehend entgangen. Selbst die skeptischen Konjunkturprognosen hat man vor einigen Tagen wieder nach oben korrigiert. Das Land boomt und seine Vertreter üben sich in demonstrativem Selbstbewusstsein. Das ist freilich noch mehr offizielles Programm als öffentliche Stimmung, aber es ist nicht auszuschließen, dass jenes auf diese durchschlägt.

Auch Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, nicht zu wenige und nicht nur kurzfristig. Ob die Ansagen auch langfristig halten, was sie versprechen, mag bezweifelt werden. Es gleicht eher einem zeitlich versetzten Nullsummenspiel verschiedener Standorte, wo letztlich die Anstrengungen größer sind als die nachhaltigen Effekte. Alle tun das Gleiche, wenn auch nicht gleich gut. Indes, aktuell sind die Jobs da und auch rascher Gewinn wird durch solche Großereignisse gewährleistet, begeht man in der Planung keine gravierenden Fehler. Das große Kapital zieht, den Events folgend, flanierend durch die diversen europäischen Sonderwohlstandszonen. Wien hat zweifellos aufgrund seiner geographischen Lage zwischen Ost und West einen außerordentlichen Bonus.

Wenn man etwa von der Zweidrittel-Gesellschaft spricht, dann darf man nicht vergessen, dass es ein in jeder Hinsicht gesättigtes oberes Drittel gibt. Diese Wohlhabenden und Gutversorgten werden, zumindest was Wien betrifft, nicht weniger, sondern eher mehr. Die Innenstadt oder besser das Innenstädtische wächst nach außen. Der fünfte Wiener Gemeindebezirk, Margareten, in dem ich wohne, war früher ein traditioneller Arbeiterbezirk. Doch das Erscheinungsbild hat sich in den letzten Jahren geändert, mit ihm auch Publikum und Bewohner, Geschäfte und Gaststätten. Augenfällig ist das vor allem durch einen regelrechten Bauboom. Die Bundeshauptstadt liegt im Renovierungsfieber. Teure Dachausbauten in stilsanierten Häusern gehen weg wie die warmen Semmeln (=Brötchen). Es sind nicht nur reiche Russen, die sich das leisten können.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2008
Heft 43, Seite 44
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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