Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1996 » ZOOM 6/1996

Jenseits des Krieges

Ein Film von Ruth Beckermann und Peter Roehsler

Weißgekachelte Räume, Neonlicht: an den Wän­den Schwarzweißfoto­grafien der Ausstellung „Vernichtungskrieg“ über die Verbre­chen der Wehrmacht an der Ostfront. Vor diesem Hintergrund drehen Ruth Beckermann und Kameramann Peter Roehsler eine Anhörung ehemaliger Soldaten über ihre Erfahrungen und Erlebnisse jenseits des „normalen“ Krieges. In einer Mischung aus Hilflo­sigkeit, Ohnmacht, Scham, Opportu­nismus und ungebrochenem Fanatis­mus berichten die Zeugen dieser Zeit von Verbrechen wie den Erschießun­gen russischer Kriegsgefangener, der Ermordung der Juden und der Mißhandlung von Frauen. Die ver­schiedenen Versionen der Ereignisse zeigen, wie selektiv Wahrnehmung selbst im grausamsten Umfeld war.

Mit diesem Film wird nicht allein die Zerstörung des Mythos von der anständigen Wehrmacht vorangetrie­ben, sondern die Gründungsphase der Zweiten Republik erhellt und ei­ne Diagnose der Gegenwart gestellt.

Es werden die Väter gezeigt, die den Wiederaufbau des Landes leisteten, die unsere heutige Gesellschaft form­ten und die nicht zuletzt ihre Vorstel­lungen an ihre Söhne und Töchter weitergaben — und die nach mehr als fünfzig Jahren endlich zu sprechen versuchen.

Die Bilder dieses Krieges in den „talking heads“ — sie entstehen so ein­dringlich wie selten in historischen Dokumenten oder Spielszenen.

Szene aus dem Film

Ein ehemaliger Soldat: „Ich weiß nicht mehr, wo das war. Es war ein Dorf, da sind wir gelegen mit unserer Flugmeldestation, und da ist dann am Abend ein Unteroffizier gekommen und hat gesagt: ‚Wer geht mit freiwil­lig, da revoltieren polnische Gefange­ne. Wer geht mit, da gibt’s Eisernes Kreuz usw.‘ Und ich hab’ gesagt, ich gehe nicht mit, aber es haben sich ... einer hat sich gemeldet, das war ein Österreicher, und dann noch jemand, ich weiß nicht mehr ... Der Unteroffi­zier war ein ziemlicher Rowdy, ... ein Bayer, Kern hat er geheißen, den Namen werde ich nie vergessen. Und da sind die rein in die Schule, wo die Gefangenen waren, und der hat dort auf­geräumt mit ihnen sozusagen ... Er hat die Leute zu erschießen begon­nen. Er hat Deutschpolen aus Posen dabei ... Da waren Leute, die haben sich niedergekniet und geschrien: ‚Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter ist Deutsche.‘ Die sind alle er­schossen worden. Am nächsten Tag — es waren vielleicht 30 Leute, 30 Polen, die sie dort erschossen haben — haben sie Juden geholt zum Eingraben. Die mußten Gräber schaufeln, da war ein junger Jude dabei — das hat man mir dann erzählt —, 20 Jahre, der hat dem einen Faustschlag ins Gesicht gege­ben. Und daraufhin hat er ihn gleich mit dem Gewehr erschlagen ...“

Warum besuchen diese alten Männer die Ausstellung? Wie ero­tisch ist ihr Verhältnis zu diesen Fotos? Ihr geheimes Verhältnis, das, weil verboten, seinen Reiz nicht verliert. Was prägt die Men­schen wirklich? Warum waren es gerade sie? Das große Rätsel. Das deutsche Rätsel. Was sind das für Väter? Und was denken ihre Kin­der, wenn’s drauf ankommt? War­um höre ich mir das an? Die einzi­ge Filmform: Auftritt, Abtritt; ei­ne Serie. Eine Anhörung.
Ruth Beckermann
(aus dem Drehtagebuch)

Premiere im Rahmen der Viennale: Sonntag, 20.10.1996, 18 Uhr 15 Stadtkino

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
ZOOM 6/1996, Seite 23
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