Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 6-7/2004
Cordula Behrens-Naddaf

Jenö war mein Freund

Unterrichtsthema: deutsche Toleranz und Vernichtung

Und dann haben sie sie eines Tages doch abgeholt: die ganze Bande; auch Jenö war dabei. (...) Ich war nur traurig, daß Jenö jetzt weg war. Denn Jenö war mein Freund. [1]

Was erfahren SchülerInnen in deutschen Schulen über die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma und die nach 1945 ungebrochen fortgesetzte Diskriminierung? Welche Klischees, Vorurteile und Stigmata werden nach 1945 tradiert und kolportiert? Wie die Geschichte des Antisemitismus, wird auch die des Antiziganismus in der Schule kaum thematisiert, obwohl beide Ideologien zum Kern- und Mittelpunkt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zählen. Der Schulbesteller Jenö war mein Freund von Wolfdietrich Schnurre, eine Kurzgeschichte aus dem in den Sechzigerjahren erschienenen Band Als Vaters Bart noch rot war bleibt nach wie vor die am stärksten verbreitete und häufig einzige Schullektüre zum Thema Sinti und Roma. Das bleibt sie ungeachtet einer kritischen Analyse von 1983. [2] Als Begründung für die weitere Verwendung dieser Lektüre in der Schule führt Heinz-Jürgen Kliewer 2003 an: „Jenö muss als ärgerlicher Text akzeptiert werden und bietet gerade dann die Möglichkeit, an die verscharrten Vorurteile heranzukommen“. [3]

Wird diesem Appell in der gegenwärtigen Schulrealität nachgekommen? Leiten LehrerInnen die Diskussion der Kurzgeschichte mit den SchülerInnen mit der Bemerkung ein, dies sei ein „ärgerlicher Text“? Wird die Interpretation von Schnurres Erzählung zur Offenlegung und Beseitigung „verscharrter Vorurteile“ gegenüber Sinti und Roma genutzt oder verwenden LehrerInnen Jenö war mein Freund nicht vielmehr als Beispiel einer vorbildlichen und hochgelobten deutschen Toleranz gegenüber einer Minderheit, die aufgrund ihrer Lebensweise unhinterfragt weiter als „undeutsch“ gilt?

Welch angeblich „nachhaltige moralpolitische Erziehung“ [4] von LehrerInnen bis heute mit diesem Schulklassiker favorisiert und transportiert wird, soll hier kritisch untersucht werden. Nicht nur romantische wie diskriminierende Vorurteile werden in dieser und in anderen Geschichten weitergegeben. Die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von bis zu 500.000 Roma und Sinti überdauerten nicht nur subjektive Vorurteile, sondern vor allem antiziganistische Stigmata, die sich sowohl in Jenö war mein Freund als auch in den administrativen Strukturen und im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland zeigen.

Als verwahrloster, wie ein „Wiedehopf“ riechender, unzuverlässiger, rauchender, Igel essender Dieb wird der Roma-Junge Jenö in Schnurres Geschichte vorgestellt. Warum gerade Jenö zum Freund des sich als Neunjährigen imaginierten Erzählers wird, bleibt nicht unverborgen aber unausgesprochen. In der Vorstellung der „lustigen Lebensweise der Zigeuner“, die sich über alle gesellschaftlichen Verbote scheinbar hinwegsetzen dürfen, begegnet der Autor der Personifizierung seiner heimlichen Wünsche und unterdrückten Triebvorstellungen seiner Kindheit. Unbewußt projiziert er gesellschaftlich historisch geprägte Imaginationen auf das Kind einer diffamierten Minderheit. Gerade nach einem Misserfolg in der Schule bewundert er das Leben des scheinbar von gesellschaftlichen Zwängen und Benimmregeln Befreiten. Was dem deutschen Jungen von der Gesellschaft versagt und verboten wird, sieht er bei dem anderen als Lebensweise. Mein „Freund“ sagt er zu dem, der er gern sein möchte. Denn in ihm regt sich Abwehr gegen den deutschen normierten Alltag. Sie scheint nach Theodor W. Adorno das „Glück der Machtlosen“ zu sein.

Warum der „Zigeunerjunge“ für den Heranwachsenden eine besondere Attraktion ausübt, liegt aber gerade im Repertoire antiziganistischer Stereotypenbildung. „Der Rassismus projiziert auf die (...) ‚andere Rasse’ (...) eine idealisierte Natur, triebhafte Sexualität und starke Körper, dazu Faulheit, Leistungsunfähigkeit und -unwilligkeit, eine niedrigere Intelligenz und ungehemmte Emotionalität, schließlich Irrationalität und Kriminalität. Im Ersatzobjekt wird die Angst vor dem drohenden Rückfall des disziplinierten und sich selbst disziplinierenden Subjekts in den Naturzustand symbolisiert und bekämpft.“ [5]

Diese Einsicht versucht die Gattin Wolfdietrich Schnurres zu romantisieren. In einem Klappentext schreibt Marina Schnurre, ihr Mann erzähle über Sinti und Roma „ohne Beschönigung, aber voller Toleranz und kenntnisreicher Nächstenliebe, die eine unsentimentale Wehmut nicht ausschließt; eine Wehmut, die dem Nomadenleben einer Zigeunertruppe am Rande unserer hochtechnisierten Zivilisation innewohnt.“ [6] Ahistorisch hält Schnurres Gattin an den vornationalsozialistischen Vorurteilen fest, als ob sie den Nationalsozialisten nicht zur Begründung der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma dienten.

Antiziganismus: Disziplinierung und Verfolgung

Die Ursprünge der antiziganistischen Ideologie gehen auf die Zeit der Industrialisierung zurück. Die Umwälzung der Gesellschaftsform durch die veränderte Produktionsweise verursachte gesellschaftliche Antagonismen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Entwicklung eines nationalen „freien“ Arbeitsmarktes führte zum „Herumziehen“ von einem großen Bevölkerungsanteil. Darin entdeckten die Regierenden des sich etablierenden deutschen Nationalstaats eine Gefahr für die politische und soziale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft. „Indem diese Gefahr auf die Sinti und Roma projiziert wurde, entstand der Eindruck, vermeintliche Ursachen für ‚Unordnung’ könnten durch die Ausweisung der (ausländischen) Roma exportiert werden.“ [7] Im Nationalsozialismus wurde das Nomadenhafte mit Kriminalität zu einem imaginierten Kollektivcharakter der Sinti und Roma verbunden, der zur propagandistischen und administrativen Begründung der Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma avancierte.

Rassistisch motiviert weiteten die NationalsozialistInnen unter den Stigmata Asozialität und Kriminalität die „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ mehr und mehr aus. Auf den so genannten Asozialenerlass [8] folgte mit dem Erlass vom 26. Januar 1938 die „Aktion Arbeitsscheu Reich“, infolge derer mehrere tausend „Arbeitsscheue“ in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau verschwanden. Den Grund seiner Festnahme habe er als 17-Jähriger nicht erfahren, berichtet der Sinto Martin H. Mit über hundert Sinti aus Norddeutschland musste er im Frühjahr 1938 das Lager in Sachsenhausen aufbauen, bevor er 1940 nach Mauthausen deportiert wurde.

Kontinuitäten

Forderungen nach „Wiedergutmachung“ wurden nach 1945 mit den gleichen amtlichen Begründungen abgewehrt, die für die Deportation und Ermordung der Sinti und Roma angeführt wurden. Dies verdeutlichen Richtlinien in der Zeitschrift Kriminalistik, die der Kriminalamtmann Hans Eller, der im Nationalsozialismus an der Deportation der Sinti und Roma aus Bayern beteiligt war und Mitorganisator der Landfahrerzentrale im Jahr 1954 war, verfasste: „Während des Dritten Reiches wurde eine Anzahl zigeunerischer Personen wegen ihrer teils asozialen, teils kriminellen Lebensweise als polizeiliche Vorbeugungshäftlinge in KZ-Haft genommen. Erst im Jahre 1943 wurde auch die familienweise Einweisung von Zigeunern in KZ-Lager verfügt. Inwieweit und unter welchen Umständen hierbei Zigeuner ihr Leben lassen mußten, kann mangels konkreter Unterlagen nicht festgestellt werden. Soweit jedoch bekannt, wurden auch viele Zigeuner ein Opfer von Seuchen, die (...) zum Teil (...) auf die persönliche und angeborene Unsauberkeit der Betroffenen selbst zurückzuführen ist. Eine rassische Verfolgung schlechthin muß (…) im Gegensatz zu der Judenverfolgung verneint werden.“ [9]

Im Januar 1956 lehnte der Bundesgerichtshof die Ansprüche einer Überlebenden mit der Begründung ab, ihre Deportation sei als eine „Umsiedlungs“-Aktion zu bewerten, „die keine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme im Sinne des §1 des Bundesentschädigungsgesetzes darstelle.“ In der Urteilsbegründung hieß es: „Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.“ [10] Die Diskriminierung und Inhaftierung von Sinti und Roma vor 1943 wurde so bis zum Jahre 1963 nicht als rassistische Verfolgung anerkannt.

Seit der Gründung des deutschen Nationalstaates ersetzt das gesellschaftliche Vorurteil, institutionell fixiert, das individuelle Urteilsvermögen. Es schuf und schafft für den Zusammenhalt der Volksgemeinschaft ein gemeinsames Feindbild. Sind bei Straftaten „Zigeuner“ in der Nähe, sind sie wie selbstverständlich die ersten Verdächtigen. Straftaten werden ihnen als Kollektiv angelastet. Sie konnten und können sich dazu meist weder äußern oder verteidigen noch ein rechtmäßiges Urteil erwarten.

Wie dem Roma-Jungen in Schnurres Geschichte haftet dem Sinto oder Rom bis heute von Geburt an das „Zigeunerhafte“ an, das ihn als Mitglied eines Verbrecherkollektivs ausweist und unter dem Nationalsozialismus seine Ermordung begründete. In dieser Tradition muss eine Veröffentlichung des Kölner-Express von 2002 gesehen werden. Dort wurden unter der Überschrift „Die Klau-Kids von Köln“ über 50 Polizeifotos von Kindern aus Roma-Flüchtlingsfamilien gezeigt. Ein weiteres Beispiel: Der Spiegel führte 1992 die Motivation der Deutschen für das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen auf die angebliche Unhygiene und Kriminalität von Roma-Flüchtlingen zurück: „Roma und Sinti, meist aus Rumänien, sind in Deutschland zur Zeit die meistgehaßten Ausländer. Wohin sie auch kommen, flackert Antiziganismus auf, klagen Bürger über Diebstähle, Belästigung, Radau, Bettelei, Chaos.“ [11]

Der mit den Stereotypen Nichtsesshaftigkeit, Unhygiene und Kriminalität verbundene von Deutschen halluzinierte Kollektivcharakter der „Zigeuner“ wird SchülerInnen bis heute in der Geschichte Jenö war mein Freund vermittelt. Dabei lässt der Autor den deutschen Freund und die LeserInnen diesen Kollektivcharakter heimlich bewundern und die SchülerInnen mit Vater und Sohn sympathisieren, die das unangepaßte Verhalten des Roma-Jungen – zumindest zeitweise – tolerieren. Warum der Vater seine Erlaubnis zu einer gesellschaftlich verpönten Beziehung gibt, erscheint auf dem ersten Blick in seinem liberalen und antiautoritären Erziehungsstil begründet. „Versteh mich recht“ sagte er, „ich hab nichts gegen Zigeuner; bloß...“ „Bloß-?“ fragte ich. „Die Leute-“ sagte Vater und seufzte. Er nagte eine Weile an seinen Schnurrbartenden herum. „Unsinn“ sagte er plötzlich; „schließlich bist du jetzt alt genug um dir deine Bekannten selbst auszusuchen.“ [12] Schnurre erzählt ausführlich, was sich die „Leute“ unter dem „Zigeuner“ und „Zigeunerhaftem“ vorstellen. Gegenstände verschwinden nach jedem Besuch des „Zigeunerjungen“. „Ich war bestürzt, Vater nicht so sehr“ (...) „Sie haben andere Sitten als wir“ rechtfertigt der Vater ohne nachzufragen, wer der Dieb überhaupt ist. Alles wird vom Vater entschuldigt und geduldet, selbst das, was seinem Sohn nach kindlichem Rechts- und Unrechtsempfinden bedenklich erscheint. Statt den LeserInnen nahezulegen, dem Verdacht nachzugehen, das Verschwinden der Gegenstände zu erklären und den Täter zu ermitteln, um ihn zur Rede zu stellen und zu urteilen, welche Strafe angemessen wäre, geht der Autor wie selbstverständlich davon aus, daß gemäß deutscher Überzeugung allen klar ist: Nur der „Zigeuner“ kann der Dieb sein, denn sein Wesen ist das Stehlen. Schnurre knüpft damit an ein antiziganistisches Hauptstereotyp, das seit der Reichsgründung die polizeiliche Verfolgung und Erfassung der Sinti und Roma wegen angeblicher Kriminalität motivierte. Schon 1899 wurde die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens eingerichtet, deren Aufgabe in „kriminalpolizeilichen Vorbeugungsmaßnahmen“ bestand. [13] Dass mit dem Erlass vom 14.12.1937 zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung gerade Sinti und Roma wegen ihrer angeblichen Asozialität in die Konzentrationslager eingeliefert wurden, konnte der neunjährige deutsche Freund der Kurzgeschichte vielleicht nicht wissen, der aber so nachgiebige Vater hätte es wissen müssen. Doch er schwieg. Der gesamte Kontext der Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus kommt in der Erzählung nicht vor, die gesellschaftlichen Hintergründe werden vollkommen ausgeblendet, obwohl das Ende keinen Zweifel läßt, daß sich die Deportation nur im Dritten Reich ereignet haben kann.

Die LeserInnen könnten meinen, es handle sich um eine fiktive Geschichte. Doch Wolfdietrich Schnurre betont, Jenö war mein Freund sei eine autobiographische Geschichte. Im Rückblick auf die eigene Kindheit und Jugend schreibt er 1968: „Mit elf hatte ich Karlchen Munkacz zum Freund, einen Zigeunerjungen, der einer der besten Meerschweinchendresseure war, die es gab. Wir kannten uns vier Monate, da sah ich, wie die SS die bunten Wohnwagen an ihre Lkws hängte. (...)“ [14] Der Autor sieht als Kind zu, wie sein „Freund“ abgeführt wird. Nichts Bedrohliches will er damals erkannt haben. Auch zwanzig Jahre nach der Deportation „seines Freundes“ sinniert Schnurre nicht über das, was passierte sondern schaut weg, als es darum geht, die Vergangenheit in der Gegenwart zu erkennen. Warum recherchiert Schnurre nach 1945 nicht über die Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte seines Freundes und dessen Verbleib?

Stigmatisierende Toleranz

„Wie beurteilt ihr das Verhalten des Vaters?“, werden SchülerInnen in einem Lesebuch der 6. Klasse gefragt. Eine Antwort von SchülerInnen könnte lauten: Der Vater ist vorurteilslos oder „duldsam gegenüber anderen Meinungen, großzügig: ein toleranter Mensch.“ [15]

In Wirklichkeit demonstriert die Geschichte die schreckliche Scheinheiligkeit deutscher Toleranz. Ahnungslos schaut der Protagonist zu, wie sein Freund abgeführt wird. Über dessen Schicksal habe er ja nichts gewusst, erzählt er dem Leser entschuldigend. Galt sein Bedauern dabei dem Spielkameraden „Jenö“ oder eher dem unwiederbringlichen Verlust seiner verbotenen und ungezwungenen Kindheitserlebnisse? Warum griff sein alles tolerierender Vater nicht ein? Ein Blick auf lexikalische Definitionen des Begriffes „Toleranz“ kann weiterhelfen: Während im Englischen „Tolerance“ als „freedom from bigotry or from racial or religious prejudice“ [16] gilt, wird der deutsche Begriff „Toleranz“ abgeleitet aus dem lateinischen tolerare nur passiv mit „ertragen“ oder „gewähren“ übersetzt.

Diese Definition lässt erahnen, warum der Protagonist der Geschichte noch nicht einmal auf die Idee kommt, zu fragen, warum sein „Freund“ abgeführt wird oder seinen toleranten Vater auffordert, die Deportation zu verhindern.

Die Wiederholung von Stigmata bedeutet nach der deutschen Gewohnheit ‚Nichts-Machen-zu-Können‘, keinen Einspruch zu erheben oder Widerstand zu leisten. Duldung und gewähren lassen beinhaltet nach dem common sense der deutschen Bevölkerung Toleranz. Eine Toleranz, die bewußt übersieht, wie den ohnehin Stigmatisierten selbst die Grundlebensbedingungen von der Gesellschaft verweigert werden, zielt auf nichts anderes als Toleranz vor sich herzutragen und zur Entschuldigung des eigenen Verhaltens heranzuziehen. Die Beschränktheit solch einer deutschen Toleranz offenbart folgende Aussage des Bürgermeisters der Kleinstadt Lebach in Bayern von Anfang der Neunzigerjahre: „Die Lebacher Bevölkerung hat in den über 30 Jahren seit Bestehen der Landesaufnahmestelle Verständnis, Aufnahmebereitschaft und Fremdenfreundlichkeit bewiesen. Insbesondere das asoziale, unzivilisierte und kriminelle Verhalten einer auf weit über 1000 Personen angewachsenen Gruppe von Zigeunern rumänischer Herkunft hat dazu geführt, daß die Geduld der Lebacher Bevölkerung derzeit permanent überstrapaziert wird. Als gewählte Vertreter dieser Lebacher Bevölkerung sind wir nicht bereit, solche Mißstände länger hinzunehmen.“ [17]

Beinhaltet Toleranz somit nach deutscher Auffassung, auch den Mord an einem Freund billigend in Kauf zu nehmen? Rühren den Erzähler nicht eher verlorene Kindheitserlebnisse als die Deportation und der Verlust seines „Freundes“ Jenö? In der Dialektik der Aufklärung heißt es: „Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es der Ausrottung dient.“ [18] Dieser Satz gibt den Schlüssel für die Interpretation von Jenö war mein Freund und die Projektionen auf Sinti und Roma, die die Erzählung von Schnurre durchziehen. Das vermeintlich Naturhafte und Zügellose, das nomadenhafte Umherziehen, das Aneignen fremden Eigentums ohne Arbeit, das Rauchen von Tabak u. a. sind Triebe und Wünsche, die jedes Kind faszinieren. Als in der deutschen Erziehung „verpönt“ muss Schnurre das Ausleben dieser Triebe und Wünsche auf den Roma-Jungen, Jenö, projizieren. Der kindliche Ich-Erzähler kann sich ein solches Ausleben selber nicht zugestehen, ihm bleibt nur, es zeitweise am Anderen, dem „Zigeuner“ zu bewundern und einen schüchternen Einblick in dessen geheimnisvolle verrufene Welt zu nehmen. Letztlich muss sich ein jede/r deutsche Staatsbürger/in jedoch disziplinieren und verbotene Triebe und Wünsche unwiderruflich unterdrücken. Nachdem sie zuvor abgespalten und projiziert wurden, verschwinden sie in Schnurres Kurzgeschichte gänzlich aus dem Leben des Ich-Erzählers. Ein Protest gegen diese Triebunterdrückung erfolgt ebensowenig wie Widerstand gegen den Abtransport des „Freundes“. Er verschwindet einfach aus dem Leben. Das von Schnurre beschriebene „tolerante Verhalten“ des deutschen Erzählers, das die Deportation des Roma-Jungen widerspruchslos akzeptiert, kann auf deutsche SchülerInnen nur eine fatale, entpolitisierende Wirkung haben.

In Schnurres Geschichte wird schließlich das Rechtsbewusstsein in Toleranz verkehrt. Statt dem Dieb das Recht auf Strafe zuzugestehen, bleibt nur der Verdacht, das Gerücht, das offene Geheimnis.

Am Ende benennt der Schriftsteller, was er schon vorher über seinen Freund wußte: „Und dann haben sie sie doch abgeholt: die ganze Bande.“ In der Bezeichnung „Bande“ liegt das Verständnis des Autors. Jenö ist nicht als eine eigenständige Person zu betrachten, sondern als Mitglied einer kriminellen Vereinigung bzw. laut Brockhaus als Teil einer „Gruppe von Verbrechern“. [19] Mit dieser Wortwahl zählt Schnurre auch im Nachhinein „den Freund“ Jenö explizit zu den „Verbrechern“. Die unreflektierte Vorverurteilung, nach der Roma und Sinti so sind wie vom Autor beschrieben, wird von SchülerInnen bei der Lektüre bewusst oder unbewusst übernommen. Damit bleiben sowohl die zum rassistischen Stigma neigende Gesinnung der Nachkriegsbevölkerung als auch die bis in die Achtzigerjahre bestehenden antiziganistischen administrativen Strukturen der Polizei wie der Gerichte unhinterfragt. Dass „hinter der angeblichen Toleranz sich bereits die Art Gesetzgebung vorbereitet, die nicht mehr erwiesene Verbrechen bestraft, sondern alle die irgendeiner Theorie zufolge ‚rassisch’ vorbelastet sind, ausrottet“, erkannte treffend Hannah Arendt. [20]

Die Geschichte von Wolfdietrich Schnurre reproduziert alle pathischen Projektionen des sich von seinen Kindheitsbedürfnissen geläuterten Deutschen. Die Klischees über „asoziale und kriminelle Zigeuner“, mit denen die Deutschen im Nationalsozialismus den gemeinschaftlich begangenen Massenmord begründeten, werden in Schnurres Geschichte nicht in Frage gestellt, sondern unter dem Mantel angeblicher Toleranz tradiert und manifestiert. „Ist Jenö ein Dieb, ein Tagedieb, ein nutzloses Glied seiner Gesellschaft? Ist er faul, dumm unbegabt? Hat er nichts gelernt, kann er nichts?“ sind die entsprechenden Fragen eines Schulwerkes noch von 1971!

Folgerichtig wird zum Schluss die Frage gestellt, ob „die Geschichte eine Lösung“ beinhaltet oder „der Schluß offen“ bleibt und „was die“Lösung„, das Erzählziel“ ist! Toleranz oder das „Programm zum Pogrom“?

[1Biermann Heinrich / Schurf Bernd (Hg.): Deutschbuch 6. Cornelsen, Berlin 1997, S. 18.

[2Vgl. Böhmer Torsten: Gutachten zur Behandlung der Geschichte und aktuellen Situation von Sinti und Roma im Unterricht der Mittel- und Oberstufe sowie als Gegenstand der Lehrerfortbildung, eine Bestandsaufnahme und Vorschläge zur Weiterentwicklung, erschienen im Auftrag des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Darmstadt 1983. Bereits 1981 legte Torsten Böhmer eine Studie, „Die Sinti und Roma in heutigen Schulbüchern“ vor. Darin stellte er fest: „Als Resultat der Schulbuchbefragung im Fach Geschichte läßt sich festhalten: bis auf wenige Ausnahmen verschweigen Geschichtsbücher die an Sinti und Roma vollführten Massenermordungen ebenso vollständig wie die Vielzahl von Zwangsmaßnahmen, die an ihnen ausgeübt worden sind.“ Die Gesellschaft weiche noch immer „der Berührung mit dem angerichteten Unheil“ aus. „In der mangelhaften Anerkennung verfolgter und mißhandelter, der Angehörigen beraubter Zigeuner als Geschädigte des Nationalsozialismus vor deutschen Gerichten ist diese auf Verdrängung gestützte Haltung für die Betroffenen praktisch folgenschwer geworden.“ Dokumentation. Evangelischer Pressedienst 26. Oktober 1981.

[3Heinz Jürgen Kliewer: „Jenö war mein Freund“ – Zur Wirkungsgeschichte einer Erzählung von Wolfdietrich Schnurre. In: Awosusi Anita: Zigeunerbilder in der Kinder und Jugendliteratur. Heidelberg 2000, S. 57.

[4Adelhoefer Mathias: Er bleibt dabei: Schnurre zum 75. Erinnerungen und Studien. Hrsg. von Ilse-Rose Warg, Paderborn 1995, S. 276.

[5Haury Thomas: Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus. In: Léon Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Freiburg 1992, S.130.

[6Marina Schnurre: Klappentext zu Wolfdietrich Schnurre: Zigeunerballade. Gütersloh 1988.

[7Katrin Reemtsma: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. München 1996, S. 86.

[8Vgl. Wolfgang Ayaß: „Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin“. Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938. In: Götz Aly u.a.: Beiträge zur Nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik: 6. Feinderklärung und Präventation. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung und Asozialenpolitik. Berlin 1988, S. 46ff.

[9Karola Frings / Frank Sparing: „Regelung der Zigeunerfrage“. In: konkret 11/93, S. 27ff.

[10Romani Rose: Bürgerrechte für Sinti und Roma. Heidelberg 1987, S. 53.

[11Spiegel 31.08.1992. Zit. Aus: Joachim Bruhn: Das Programm zum Pogrom. In: konkret 10/92, S.11.

[12Deutschbuch 6 (...), a.a.O., S. 15.

[13Reemtsma 1996.

[14Wolfdietrich Schnurre: Tintenfisch. Zit. aus: Hans Jürgen Kliewer: „Jenö war mein Freund (...)“ a.a.O., S. 50.

[15Der Sprach-Brockhaus. Wiesbaden 1984, S.697.

[16Funk & Wagnallis Standard College Dictionary. Library of Congress Catalog Card No.63-17360, Funk & Wagnalls Company 1963, S. 1408.

[17Zit. nach Reemtsma1996, S. 168.

[18Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969, S.165.

[19Vgl. dazu: Der Sprach-Brockhaus 1994, S.83.

[20Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1986, S. 157.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 6-7/2004, Seite 41
Autor/inn/en:

Cordula Behrens-Naddaf:

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