Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 7-8/2005
Alexander Emanuely

Jazz Intim

In einem Keller in der Avenue Blaise Pascal in Algier gibt es fast jedes Wochenende ein oder zwei Jazzkonzerte. Es sind laute Gottesdienste, lärmende Bekenntnisse an ein Leben, das nicht mehr möglich ist - zumindest nicht unter Tags, wenn andere Bekenntnisse gefragt sind, Bekenntnisse, welche Schritte detonieren lassen, kleine Mädchen für große Brände verheizen und beim Anblick von Kotze und Blut nach Jubel verlangen. Die nächtens angebeteten Götter sind Louis Armstrong oder Sidney Bechet und die Liturgie der Kellermessen hat viel mit New Orleans und mit Rhythmen zu tun, die keine Kriege kennen wollen. In einer Zeremonie aus Eiswürfeln, Stimmen und Rauch erhellt der brennende Tabak von Luckys und Bastos die Lippen der Nachbarn, die lachend an ihrem als Cola getarnten Cuba-Libre nippen.

Der Keller ist in der Villa von Jean, mittendrin steht ein neues Gaveau Piano und am Abend des 4. Juli 1956 — am Independent Day eines anderen Kontinents — hat sich zu ihm eine Klarinette und ein Kontrabass gesellt. Der Keller ist nicht sehr groß und eng drängt sich das Publikum um die anklingende Egyptian Fantasy, die Schüsse des Nachmittags vergessend, abgefeuert von einem aus einem Schenkel gerissenen Kriegsgott — oder war es doch nur ein kaputter Auspuff gewesen? Einzig die Gendarmen, ihre Gegner und ein erschrecktes Schuldmädchen wissen, was wirklich passiert ist und haben die Gesichter der Erschossenen des Tages, die schon längst in Plastiksäcken verschwunden sind, gesehen. Verschwunden? Nicht alle Toten lassen sich einfach so in Plastiksäcke stopfen, vor allem, wenn sie Nachtschwärmer sind und das Leben, die Sonne und den Jazz lieben. Der Tod ist nur eine Einbildung, hat sich einer der Erschossenen gedacht und sich vor seinem Abtransport in die nächste Hölle gedrückt, um nun ganz hinten im Kellerraum in der Avenue Blaise Pascal zu sitzen, wo ihn niemand oder höchstens ein anderer Geist sieht, wo sein verstümmeltes Gesicht ungestört zur Musik knistern kann, wie ein noch im Kern grüner Ast im Kaminfeuer. Kein Schuss soll mir meinen letzten Tag auf Erden versauen — Mon homme.

Das Piano studiert Philosophie und liest gerne Bergson, die Klarinette ärgert sich, eben einberufen worden zu sein – zur Armee nach Deutschland, an den Rhein, weit weg von Jeans Keller und der Kontrabass ist eben Verkäufer für Herrenkonfektion in den Galeries de France geworden und wird sich bald seine erste, eigene Wohnung leisten können, unten, am Hafen. Den Nachmittag dieses 4. Juli haben sich alle drei frei genommen, um für ihren ersten gemeinsamen, ihren bedeutenden Auftritt, ihre Premiere zu proben. Das Piano hat noch bis 17h23 vor Aufregung gezittert, die Klarinette hat Freunden ihren Einberufungsbefehl vorgelesen und der Kontrabass ist um eine Stunde zu spät gekommen – Überstunden im Schlaf. Das Publikum kommt von der tobenden Siesta am Strand, wo es braun gebrannt wurde und die Schüsse und Motoren des Nachmittags überhört hat. Die jungen Männer haben lackiertes Haar und riechen nach Salz, sie sind die Wilden mit Krawatte, die von einer Harley träumen und einer Rallye ohne Heckenschützen und Straßenkontrollen. Die jungen Frauen kommen als Audrey Hepburn, Elizabeth Taylor oder Grace Kelly und tragen Röcke, die leicht die Knie bedecken, als wäre der Meniskusknöchel eine Perversion. Gleich geht es los, gleich können alle außer Atem geraten und schnaufend die Sitzbretter nieder drücken, bis hinab zur Grenze ihrer Zukunft, der staubigen Erde Algeriens. Die Instrumenten-Troika sieht etwas verlegen in die glänzenden Frisuren ihrer Zuschauer, als Jean, der Kellerherr alle freundlich willkommen heißt – es ist Zeit für Summertime.

Wie nervös war die Klarinette und noch vierzig Jahre nach ihrem ersten und einzigen Auftritt in der Band wird sie von dieser Nacht erzählen, als hätte sich dort ihr ganzes Leben abgespielt und sonst nirgendwo. Genau zwei Wochen nach dem Konzert wird die Klarinette Vater eines Mädchens, das Marie heißt. Da es keine Aufnahme von seinem einzigen Auftritt gibt, wird die Klarinette — begleitet von einer verstummten Mais Zigarette — seiner Tochter als kleine Nachtmusik Jahre lang die Lieder des Abends vor summen: Petite Fleur, Les oignons, Dans les rues d’Antibes, Promenade aux champs Elysées, Marchand de poissons, Mon homme, Egyptian Fantasy, After you’ve gone, Muskat ramble, Summertime, St. Louis Blues, September Song, Wild Cat Blues, Indian Summer, High Society, Jelly Roll, The Mooche, En attendant le jour, Si tu vois ma mère, Royal Garden Blues.

So lebt das Konzert des 4. Juli 1956 in Marie weiter und ihr Gedächtnis ist die einzige Aufnahme eines Jazz Intime mitten im Algerienkrieg — The Mooche. Marie hat es nach Tirol verschlagen, nach Kitzbühel und hat einen Mann geheiratet – Herrn Sprenger – mit dem sie ein großes Wellness Hotel betreibt. Jeden Abend summt sie Herrn Sprenger die Lieder der Klarinette vor. Beide leiden an Schlafstörungen und dieses Summen versetzt Herrn Sprenger meist in den Glauben, beruhigt einschlummern zu dürfen. Wenn Herr Sprenger schläft ist Marie alleine und es gibt keinen Jazz Intim, keinen 4. Juli 1956 mehr — En attendant le jour — sondern nur noch den Schrei der halbierten Spanierin, deren beleibter, alter Körper das dreijährige Mädchen vor den Splittern der Bombe geschützt hat. Nach der Detonation war es Marie ganz weiß vor den Augen geworden — so muss wohl Schnee ausschauen — Flocken aus kleinen Metallstücken und Körperteilen. Und jede Nacht, wenn sie diesen Schnee sieht und die sterbende Frau, übermalt sie weiß das Blut, das auf ihrem rosa Kleidchen klebt. Marie übermalt es Stunden lang, bis der Stoff wieder ganz ohne Flecken ist, dann erst kann sie schlafen. Über dem Kitzbühler Horn steht zu diesem Zeitpunkt dann schon die Sonne. Die Sonne ist überall die gleiche, dank ihr leuchten die Schneefelder, die Meere, die nackten Felsen und die Plastiksäcke für die Leichen — Indian Summer. Marie liebt den Schnee und wenn sie gut schläft, dann nur weil sie träumt, dass es in Algier schneit. Sie freut sich ihre Geburtsstadt, an die sie sich sonst kaum erinnern kann, wieder zu sehen. Sie freut sich, zu sehen, wie das Blut in den Straßen und Gassen gefriert und wie sich über dem roten Eis der Schnee legt, weiß und Meter hoch. Der Spanierin reicht das Weiß bis zu ihren riesigen Brüsten, ihre Wunden sind verschluckt, genauso wie die Bombensplitter — „Zitronen!" schreit das wiederbelebte Marktweib — After you’ve gone.

Das Piano wird nach diesem Abend noch öfters vor Publikum spielen. Es folgen Auftritte mit anderen Trios und in Orchestern an der Universität und in den großen Tanzhallen der Stadt — schöne Augenblicke — Jelly Roll. Es wird spielen und betrunkene Mädchen sehen, so wie sie Algier noch nie gesehen hat. Sind sie von der Musik oder vom vielen Alkohol berauscht? Er weiß es nicht und freut sich, sind diese jungen Frauen doch so schüchtern, so zurückhaltend und abweisend, so unter sich, doch wenn er spielt, dann fegen sie von ihren Sitzbänken und beginnen mit ihrer Cola, ihrem Crush oder Sélecto in der Hand zu tanzen. Alle trinken sich auf die andere Seite des Mittelmeers, nach Paris, in die Stadt der Familienausflüge, wo Jugendbanden keine Uniformen brauchen, um nicht zu wissen, was sie tun, wo es Bars, Tanzkeller und Clubs gibt, statt gepanzerter Fahrzeuge.

Eines Tages wird es laut um das Piano – nein, es ist nicht das übliche Publikum, trotzdem gibt es kurz ein Rampenlicht – laut ist es und während es immer lauter wird, denkt das Piano an seine Konzerte, an die tanzenden Mädchen, an den ersten Whiskey oder – noch aufregender – an den ersten Cuba-Libre, von José, dem Barkeaper des Otomatic gemixt. Wie gut hat der Banana-Split in der Caféteria geschmeckt, auf den das Piano nach einer Vorlesung über Bergson Claudia, eine Italienerin aus Tunis, eingeladen hat. Claudias Lächeln — so ruhig und friedlich, wie schön war es, wie groß war es, als sie sich mit ihm die kalte Banane geteilt hat. Das sind die letzten Bilder, die dem Piano durch den Kopf schießen, als er hinter einer Barrikade kauert und hilflos eine Handgranate festhält, scharf macht und vergisst zu werfen. Sind es arabische Kämpfer oder französische Gendarmen? Das Piano weiß nicht mehr, wen er da umbringen soll — September Song. Nach der Schrecksekunde der Detonation, dieser letzten Sekunde aus Knochen, Nerven und Fleisch, hat das Piano nur noch ein oder zwei Tasten — Wild cat blues. Jetzt bin ich wohl tot. Vielleicht besser so. Die Luft ist draußen und der Klavierstimmer arbeitslos. Alles ist so still und keine Kugel trifft mich mehr. Die anderen Toten versammeln sich schon vor dem Postgebäude und diskutieren. Einen von ihnen kennt das Piano vom Strand. Das ist doch der James Dean von Bab El Oued. Jetzt sieht er ganz anders aus und die toten Mädchen des Tages beachten ihn gar nicht. Noch will ich nicht gehen, denkt sich das Piano und schleicht sich davon. Die Toten bemerken es nicht, sie sind mit sich selbst beschäftigt und James Dean schimpft wild herum, während ein junger Araber seine Mutter sucht und ein durchlöcherter Gendarm verzweifelt versucht Kontakt zu seinen lebendigen Kollegen aufzunehmen. Doch wohin, wenn man tot ist? Das Piano geht zuerst ins Otomatic, doch da gibt es nichts mehr, außer Trümmer, dann geht er in den Maurétania-Club, wo eben erst — naja, eigentlich vor einigen Monaten schon — Le Middle Jazz Rythm seinen ersten Auftritt gehabt hat, dann in den Studentenclub, wo er selbst öfters gespielt hat, dann in die Salle Bordes, die Halle der Stars. Nirgendwo ist was los, was für ein Pech. Vielleicht im Keller? Im Keller von Jean, im Keller des ersten Auftritts? Auch der ist leer. Das Piano geht kurz durchs Haus und sieht Jean, wie er unruhig in seinem Bett schläft. Ob er sich noch an mich erinnert? Dann geht er wieder in den Keller — hier habe ich gesessen, mein Gott, habe ich gezittert. Wir waren nicht schlecht, ich meine, nicht schlecht für Anfänger. Mein Gott, hat sich die Klarinette oft verspielt und der Kontrabass erst! Oh, wäre ich gerne nach Paris, wie Martial Solal, der hat es geschafft. In San Remo wäre ich gerne aufgetreten oder in Newport. Warum bin ich nur hier geblieben? In dieser totalen Scheiße, wo jeder jeden umbringt. Heute schießen wir auf Gendarmen, morgen auf Araber, dann auf die eigenen Leute, wer hat sich das nur ausgedacht? Ich meine, ich bin jetzt tot. Kein Jazz mehr... Sidney Bechet ist auch gerade gestorben, vielleicht treffen wir uns. Nein, wohl eher nicht, denn er ist sicher im Himmel. Talent hatte ich schon, das hat mir sogar Martial gesagt, Martial ... Der Keller ist so leer, so tot — das Piano will schon gehen, da klopft ihm plötzlich jemand auf die Schulter. Das Piano erschreckt — das muss wohl ein anderer Geist sein.

- „He, bleib doch da!“ sagt der andere Geist.

- „Da bleiben? Das geht nicht, ich bin ja tot.“

- „Ich auch. Ich bin schon seit über vier Jahren tot. Habe schöne Abende erlebt. Obwohl, es war schon länger keine Party, keine Bouffa mehr ...“

- „Vier Jahre? Das ist eigenartig, vor vier Jahren bin ich hier aufgetreten!“

- „Aufgetreten ... aufgetreten ... Hier?“ der Geist aus dem Keller überlegte „Ah! Jetzt weiß ich, woher ich dich kenne ... du bist das Piano! Wahnsinn! Das war doch der 4. Juli 1956! Genau. Normalerweise kann ich mich nicht an solche Sachen erinnern, aber irgendwer hat mich an diesem Tag erschossen und so was prägt ... Hast du mich damals glücklich gemacht! Ihr ward ein Trio, nicht? Du, eine Klarinette und ein Kontrabass ... ich kann mich noch genau erinnern. Mein Gott ... Ihr habt Bechet gespielt ... Lalala ... War das schön. An dem Abend habe ich glatt vergessen tot zu sein. Seitdem habe ich mich übrigens nur selten daran erinnert. Weißt du, dass vor ein, zwei Jahren hier sogar Reweiliotty und seine Leute aufgetreten sind? Auf der Trompette Gaston Balengtrow und Gilles Thibaut, Pummy Arnaud am Schlagzeug, Yanik Saingery am Gaveau und Zozo Hallwin am Bass. War das ein toller Lärm! Wahnsinn!“

- „Ja, ja, damals ist auch Sid gestorben.“

- „Oh ... das hab ich nicht mitgekriegt. Bechet ist tot?“ danach sagten beide nichts und wurden ganz andächtig.

- „Willst du eine Lucky?“

- „Immer ...“

Friedlicher Zigarettenrauch und kurze Glut aus Geistern — Muskat Ramble.

- „Du wirst lachen. Wegen Django Reinhardt habe ich den Krieg überlebt. Ja!“ sagte plötzlich der Geist aus dem Keller lachend.

- „Wie ... Welchen Krieg?“

- „Na welchen, den Krieg, den großen … Das war am Monte Cassino. Irgendwann im Mai ’44. Der Sergeant, ein Araber aus Oran, ein Teufelshund, hatte einen Plattenspieler mit und eine einzige Platte. Hot Club de France — Der hat das Ding immer mit gehabt, sogar bei der Landung, so verrückt war der, sag ich dir. Er war der Chef und so haben wir die ganze Nacht die Platte hören können, immer wieder. Wir haben nur selten geschlafen, ob es die Musik oder die Angst vor dem Kämpfen war, kann ich dir nicht sagen ... einmal, da mussten wir am nächsten Tag angreifen ... die Deutschen ... keine Ahnung. Auf jeden Fall haben der Sergeant und ich nicht geschlafen und stattdessen Django gehört. Als wir dann angriffen, war ich so müde, dass mich die erste Druckwelle umgehauen hat. Und als ich wieder aufgewacht bin, da waren sie alle tot. Und ich hatte Kopfweh, sag ich dir. Am Abend war dann noch Mal der Sergeant zu mir gekommen ... der war da auch schon ein Geist. Zuerst hatte ich irgendwie Angst — naja, das ist vielleicht übertrieben — aber unheimlich war es. Er wollte noch Mal seine Platte hören. Haben wir geweint und gelacht ...“

- „Wahnsinn!“

- „Das kannst du laut sagen. Das kannst du laut sagen ...“

- „Und wieso, wieso sind wir jetzt tot?“

- „Keine Ahnung, wieso bist du tot?“

- „Ich ... ich habe vergessen die Handgranate über die Mauer zu werfen, ich habe an meine Auftritte gedacht und so, und dabei vergessen ... vergessen, dass Krieg ist ...“

- „Ha! Mich hat der Jazz gerettet und dich hat er umgebracht. Lass uns das feiern!“ - Royal Garden Blues.

Wie wild hat er gezupft, der Kontrabass. Die vier Saiten waren überspannt, wie der Hafen, wenn die Luxusdampfer mit den Soldaten anlegen - Petite Fleur. Gleich am Hafen ist auch das Konservatorium, das zweite Zuhause vom Kontrabass, wo er immer ist, wenn er nicht gerade im Kaufhaus arbeiten muss oder im Clubraum der spanischen Sozialisten Karten spielt. Zu den Sozialisten geht er, weil sein Vater aus Valencia ist. No passaram! Im Clubraum hat der Kontrabass Esperanza kennen gelernt. Sie geht noch in die Schule, ins Delacroix, gleich gegenüber vom Café Otomatic, wo sie mit ihren Freundinnen in der Mittagspause Paris Match Hefte nach aufregenden Photos durchwühlt. Dort lachten sie ihre Freundinnen aus, wenn sie behauptet, dass ihr Kontrabass aussieht wie Elvis Presley. Und dort lacht sie ihr Kontrabass aus, wenn er behauptet, dass alles gut wird. Doch wie soll bei so vielen Verrückten etwas gut werden können!

Esperanza sitzt am Abend des 4. Juli 1956 mit ihrem Vater im Keller der Avenue Blaise Pascal. Sie ist aufgeregt, so wie der Geist hinter ihr, der sie gerne berührt hätte. Er hat es auch versucht und tatsächlich hatte sie einen leichten Luftzug gespürt.

Alle schwitzen und Esperanza genießt die wilden Bilder der Musik und des befremdenden Ortes. Sie hat auch ganz vergessen, dass ihr Vater neben ihr sitzt, mit dem sie noch vor drei Stunden furchtbar gestritten hat, weil sie nicht wollte, dass er mitkommt. Doch ist ihr Vater nicht mit, um auf sie aufzupassen, sondern wegen der Musik, dem Jazz. Er ist ebenfalls aus Valencia, wo er republikanischer Briefträger gewesen ist. Er hat mit dem Vater vom Kontrabass vor Madrid und vor Murcia gekämpft. Die Pyrenäen haben sie gemeinsam überquert, damals, als alles vorbei war, die Hoffnung, der Kampf und die schönen Stunden in den Ohren der Freiheit. Er versteht seinen Freund — den Vater vom Kontrabass — nicht, weil dieser nichts vom Jazz hält und den Konzerten seines Sohnes fern bleibt.

- "Warum soll dein Sohn ein zweiter Pablo Casals werden?“ Esperanzas Vater sitzt neben seiner verliebten Tochter, um seinen geliebten Jazz zu hören. Schon als Flüchtling in Paris hatte er seinen letzten Hilfsarbeiterlohn im Cinéma Normandie, im Bagatelle, im Don Juan oder im Bricktop’s hingelegt, um im Jazz aufzugehen, um sich in Valaida Snow zu verlieben. Er plaudert gerne mit dem Kontrabass und seinen jungen Freunden, denn dann kann er immer damit prahlen, dass der junge Hubert Rostaing, 1941, kurz bevor die Welt wieder einmal untergehen sollte, mit seinem Saxophon direkt vor der Nase gesessen und ihn um eine Zigarette angeschnorrt hatte — St. Louis Blues.

Esperanza bekommt eine Gänsehaut, als das Zupfen, Blasen und Hämmern beginnt. Die gleiche Gänsehaut, die sie bekommt, wenn der Kontrabass sie im Vorraum des Clubs der spanischen Sozialisten küsst. Drei Stunden lang will sie wegen dem Zigarettenrauch husten, hält sich aber zurück, da sie sich zu sehr schämen würde, die schöne Musik zu stören. Ein Jahr später ist der Kontrabass in Uniform. Esperanza ist tot und obwohl sie von einem Auto überfahren wurde, ist der Kontrabass fest davon überzeugt, dass eine der Bomben im Café Otomatic oder in der Cafétéria sie zerfetzt hat. Der Unfall war in einer ansonsten ruhigen Seitengasse passiert, an einem Sonntag, nicht weit weg von den Cafés. Ein nagelneuer Peugeot 403 war heran gerast gekommen, hatte Esperanza erfasst, fünfzehn Meter mit ich gezerrt und dann entzweit links liegen lassen. Das Gesicht des Fahrers war kreidebleich, als die junge Frau in den Plastiksack eingepackt wurde.

Seit diesem Tod ist der Kontrabass nackt. Nackt jeder Erinnerung, jeden Bewusstseins und er friert. Sein Blut aber ist heiß. Eine Bombe hat sie zerfetzt, nur daran kann er sich erinnern — Les Oignons. Der Kontrabass will seit Esperanzas Tod nur noch eines: Soldat werden, eine Uniform tragen, sich für die Nacktheit, die Kälte und die Hitze rächen. Hätte er nicht Araber ermorden können, er hätte Franzosen ermordet. Sie alle sind schuld, sie alle sollen sterben. No passaram! Und als er seinem ersten Opfer den Bauch mit Wasser füllt, macht er dies mit dem Genuss eines Wahnsinnigen.

Rahid Amarni ist ein Mann von 50 Jahren und man hat ihn an einen Stuhl gefesselt. Das muss alles ein Irrtum sein, denkt er sich, sagt er. Er ist doch kein Terrorist, hat mit keiner der vielen Bomben in Caféhäusern, mit keiner der brutalen Hinrichtung von nominierten Verrätern und Kollaborateuren, mit keinem Massaker und keinem Gefecht im Bled etwas zu tun. Armee der Nationalen Befreiung? Nicht einmal in den Streitgesprächen mit seinen Nachbarn, Verwandten oder mit dem korsischen Trafikanten nimmt er diese Worte in den Mund. Das muss alles ein Irrtum sein. Ein Irrtum, natürlich! Es kann doch irgendetwas nicht stimmen, wenn man von einem Kontrabass, wenn man von halben Kindern verschleppt und gefoltert wird. Wie gut hat es bis zu diesem Augenblick Rahid Amarni geschafft, nichts mit diesem zweiten Krieg seines Lebens zu tun zu haben. Nach dem großen Krieg, wo er drei Jahre lang Zwangsarbeiter in einer unterirdischen, deutschen Giftgasfabrik in St. Georgen gewesen ist — Grünkreuz- und Gelbkreuzgas — hatte er sich fest vorgenommen, nie wieder Teil eines Massakers zu sein. Ihm hat ein Mal Soldat sein gereicht. Das muss ein Irrtum sein, die einzige Armee, in der ich war, ist die französische, damals 39-40. Ein Irrtum? Wohl kaum, denn Massaker kennen keine Irrtümer. Für vier oder fünf Halbstarke in Uniform, in der gleichen Uniform, die er selbst einmal getragen hat, bietet Rahid Amarni zwei Nächte lang die Gelegenheit, alle möglichen Toten und Lebenden zu rächen. In Herrn Amarnis Mund steckt ein dicker, öliger Schlauch, durch den zwei Liter, drei Liter, fünf Liter Wasser und mehr in seinen Bauch gepumpt werden, bis er das Gefühl bekommt, dass sein Körper gleich platzt. „Wo ist die Bombe? Sag, wo ist sie? Du Schwein!“ Gerne würde Herr Amarni sagen, dass das ein Irrtum ist, doch kann er nicht mehr – er spürt nur noch die Krämpfe und weiß nicht mehr was geschieht, wo er ist, was das soll. Dann schlägt ihn der Kontrabass ins Gesicht, dann in die Hoden und er wacht kurz wieder auf. „Für Esperanza!“ Für welche Hoffnung? Dann lassen die vier oder fünf kurz von ihrem Opfer ab — sie machen wohl wieder ihre Zigarettenpause. Immer wieder machen sie ihre Zigarettenpause, zwei Nächte lang, als gäbe es nichts mehr, als bestünde die Welt, das Leben nur noch aus Rauch, Folter und Leid — High Society. Im Keller riecht es nach nassen Steinen — immer ist es unter der Erde, wo Herr Amarni leiden muss. Doch diesmal wird es keine Jahre dauern, diesmal bringen sie mich sicher gleich um. Kinder ... Was wohl aus meinen wird? Ob die auch so verrückt werden? Wahrscheinlich ... Sicher sogar. Wahrscheinlich quälen sie gerade einen anderen armen Hund. Was für Betonherzen. Unter der Erde ist immer alles so feucht ... Plötzlich kommt einer der Soldaten auf Herrn Amarni zu und steckt ihm eine Zigarette in den Mund, eine Celia. Die Zigarette färbt sich rot und versinkt in einer der Platzwunden auf Rahid Amarnis Unterlippen. Aus dem Keller ist kein Schuss zu hören, wenngleich einer fällt. Der Kontrabass hat seinen ersten Menschen ermordet — Marchand de poissons — und nicht seinen letzten. Als der Kontrabass Jahre später — lange nach dem Krieg — wieder an seinen Saiten zupfen will, bewegen sie sich nicht. Sie sind erstarrt, vor ewiger Zeit erstarrt, erstarrt, als sie Menschenfleisch zersägt haben ... — Si tu vois ma mère.

Esperanzas Vater rückt unruhig auf dem Sitzbrett hin und her. Am liebsten würde er aufspringen, zum Tanzen anfangen, komplett durchdrehen, so wie 1941 im Bricktrop’s — Tanzen, schwingen und untergehen im Rhythmus der Bouffa. Und das Gaveau hört nicht mehr auf, als sei es Martial Solal, als spiele es außer Atem in einem Film. Es spielt und in den Strassen und Gassen von Algier kotzen alt gewordene Mädchen die Mischung aus Coca-Cola, Rum und Sélecto aus, alles dreht sich, klickt sich aus, verlässt den Abgrund, verlässt die verlorene Welt. Es ist ihr erster Rausch und sie haben Angst vor den Eltern, die schon ungeduldig warten und vor den Brüdern, die unheimlich wütend werden können, wenn die Schwestern behaupten, sie seien bei einem harmlosen Geburtstagsfest gewesen. Auf den Pflastersteinen breitet sich die Sorglosigkeit der letzten Stunden aus — Promenade aux Champs Elysées — sie stinkt, die Kotze und breitet sich aus, wie ein schwarzer Stern. Und in dieser Milchstrasse sitzen die Götter mit ihren Instrumenten, haben nichts verstanden und spielen Jazz, spielen Rock’n Roll und rauchen Metall, Gummi, Glas und Holz. Die Nacht ist schwarzweiß, genauso wie der Tag, genauso wie die Gedanken der bewaffneten Kameraden Algiers. Ein Knall, eine Schrecksekunde verstummt zwischen der Million Einwohner Algiers und das Konzert ist zu Ende. Das Piano zittert, die Klarinette hustet und der Kontrabass schnalzt mit der Zunge. Jean springt auf die kleine Bühne und umarmt die drei jungen Musiker, küsst sie fest auf die Wangen und ist glücklich — Dans les rues d’Antibes.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2005
Heft 7-8/2005, Seite 13
Autor/inn/en:

Alexander Emanuely:

Seit Juni 1999 Redakteur und von September 2001 bis 2006 geschäftsführender Redakteur, seither Vorstandsmitglied von Context XXI. Vorstandsmitglied des Republikanischen Clubs — Neues Österreich, Sprecher der LICRA-Österreich. Freier Autor in Wien.

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