Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2021 - 2030 » Jahrgang 2021 » Heft 82
Hermann Engster

Ja heißt Ja und Nein heißt Nein

1771 unternimmt der 21-jährige Goethe zu Pferd Streifzüge durch das Elsass und sammelt alte Volkslieder, die, wie er schreibt, „ich aus denen Kehlen der ältesten Mütterchens aufgehascht habe“; dazu hat er vermutlich auch schriftliche Vorlagen eingesehen. Er hat zwölf Lieder gesammelt, darunter auch das Heidenröslein. Es ist ein schlichtes Gedicht, eine Volksballade. Was ist eine Ballade? Einfachste Definition: eine spannende Geschichte, erzählt in Versen. So eine Geschichte liegt hier vor. Die Volksballade hat Goethe, sei es aus mündlicher, sei es aus schriftlicher Quelle, fast wortgleich übernommen, jedoch nicht veröffentlicht. Dies unternahm sein Mentor Johann Gottfried Herder 1779 in seiner Sammlung Volkslieder. Der Begriff Volkslied ist von ihm selbst geprägt worden. Es sind Lieder aus Dänemark, Estland, Litauen, Schottland und anderen Ländern, die Herder übersetzen ließ. Dabei kam es ihm nicht darauf an, ob es tatsächlich echte Volkslieder waren, denn er übernahm auch Texte von Shakespeare, sofern sie irgendwie liedhaft klangen. Da Goethes Fassung nahezu mit dem ursprünglichen Volkslied identisch war und Herder die Vorlage vermutlich kannte, hat er sie ohne Nennung von Goethes Namen als „deutsches Volkslied“ gedruckt. Hier nun das Gedicht in Herders Sammlung und in Goethes nur geringfügiger Bearbeitung, noch mit dem alten Titel (und in der originalen Schreibung):

Röschen auf der Heide.
Deutsch.
Es sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Haiden:
Sah, es war so frisch und schön.
Und blieb stehn es anzusehn,
Und stand in süssen Freuden:
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Haiden!
 
Der Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Haiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Daß ichs nicht will leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Haiden!
 
Doch der wilde Knabe brach
Das Röslein auf der Haiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Aber er vergaß darnach
Beim Genuß das Leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Haiden!

Es ist klar, worum es hier geht: Das Röslein steht metaphorisch für eine junge Frau. Ein junger Mann begegnet ihr auf der Heide, also einem einsamen Ort, und will Sex von ihr. Sie sagt entschieden Nein, wehrt sich gegen die Gewalt mit der Wehr, die ihr zur Verfügung steht – stach – und wird trotz ihrer Gegenwehr vergewaltigt. Als ob das nicht schon Verbrechen genug wäre, folgt noch ein zynisches Abwägen, dergestalt dass der Mann für den schmerzhaften Stich immerhin reichlich belohnt wurde: Aber er vergaß darnach / Beim Genuß das Leiden.

Vielleicht ist Goethe im Lauf der Jahre diese männliche Vergewaltigungsphantasie – von ihm zwar schon vorgefunden, aber einverständig übernommen – selbst peinlich geworden. Denn er hat das bislang noch nicht unter seinem Namen veröffentlichte Gedicht sich wieder vorgenommen – da war er mittlerweile vierzig Jahre alt – und es in aufschlussreicher Weise verändert. Diese Fassung von 1789 lautet so:

Heidenröslein
 
Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
 
Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Dass du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
 
Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Musst’ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Diese Version ist im Duktus weniger holprig als die erste, dem Mündlichen noch verbundene Fassung; sie ist stilistisch ebenmäßiger, behält gleichwohl den Volksliedton bei; und das Sprachjuwel morgenschön – eine Goethe’sche Schöpfung – leuchtet gleich einer Perle auf dem schlichten Volksliedkleid.

Aufschlussreich ist die Veränderung, die Goethe in der dritten Strophe vorgenommen hat: Schon in der Volksliedfassung klingt die Brutalität der Vergewaltigung verhalten durch, wenn der Knabe/Mann als wild bezeichnet wird. Und das bedeutet nicht bloß, wie heute, „ungestüm“, sondern nach dem Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts bezeichnet das Attribut wild sog. exotische Völker wie Schwarzafrikaner, Indianer: als grausame Wilde, sittenlose Barbaren. Schwingt hier, wenn auch sehr verhalten, womöglich ein Mitgefühl mit dem Opfer mit?

Goethe wird in diesem Punkt nun sehr deutlich. Die zynischen Verse Aber er vergaß darnach / Beim Genuß das Leiden werden durch zwei neue Verse ausgetauscht. Im ersten Vers wird der Schmerz der Vergewaltigten ohne Beschönigung benannt: Half ihm doch kein Weh und Ach. Erhellend ist ein Blick ins Grimm‘sche Wörterbuch: Ach wird hier als ein einfacher Ausruf des Schmerzes definiert. Gravierender verhält es sich mit der Interjektion Weh, die ebenfalls als Klageruf geläufig ist, aber über diesen hinaus auch eine tiefere Bedeutung enthält: Sie gehört dem Sprachgebrauch der Bibel an (eines Buches, mit dem die Menschen des 18, Jahrhunderts wohlvertraut waren!) und „dient damit von haus aus zur verwünschung“, wie das Wörterbuch feststellt. Diese Fluch-Dimension ist noch lebendig in den Versen im III. Akt von Schillers Braut von Messina:Aber wehe dem Mörder, wehe, / Der dahingeht in törichtem Mut! – und das Wehe beschwört die Erinnyen, die, wie im folgenden drohend verkündet wird, rühren und mengen die schreckliche Rache. So handelt es sich bei dem Weh-Ausruf des Rösleins nicht nur um einen Klagelaut, sondern um die Verfluchung des Missetäters.

Noch etwas Entscheidendes kommt hinzu: Dem Gedicht ist auch der Gedanke der Schuld eingeschrieben. Der tritt nun, im Unterschied zum Volkslied und zu Goethes erster Fassung, pointiert hervor. Die junge Frau warnt den Mann: Röslein sprach: ich steche dich, / Dass du ewig denkst an mich. Ewig – das bekommt in diesem Kontext eine folgenschwerere Bedeutung gegenüber der frühen Fassung: Was du, Mann, mir jetzt antust, das wird dich dein Leben lang peinigen. Der Stachel der gebrochenen Rose wird zum Stachel im Gewissen des Mannes. In den Reimen der letzten Strophe sind Gewalt, Gegenwehr und Leid kristallisiert: brach – stach – Ach: Form als Ausdruck. Was zuvor noch als krudes, gleichsam „alltägliches“ Verbrechen erschienen ist, enthüllt sich hier als schuldbehaftete Missetat und wird fortan in der Goethe’schen Dichtung zum Thema des schicksalhaften und schuldbeladenen Verhängnisses sich ausweiten, so in den Verstrickungen der Paare in den Wahlverwandtschaften und in der Verblendung des alten Faust am Ende der Tragödie.

Franz Schubert hat das Gedicht vertont. Auch bei ihm kommt es im heiteren Volksliedton daher, den der muntere Refrain noch verstärkt, und als Vortragsweise schreibt Schubert lieblich vor. Auch nach der letzten, tieftraurigen Strophe ist der Refrain in derselben Weise wie zuvor komponiert – Schubert schreibt vor wie oben – und so wird dieser letzte Refrain auch oft gesungen: unbeschwert, munter. Es obliegt nun dem Sänger oder der Sängerin, wenn sie das Gedicht in richtiger Weise verstanden haben, dies angemessen umzusetzen – auch gegen Schuberts Vorgabe. Der letzte Refrain müsste ein Ritardando erfahren und, in Gesangs- und Klavierstimme, schwebend, klagend im pianissimo ausklingen. Die Musik müsste, wie

Adorno es einmal ausgedrückt hat, in den für Schubert charakteristischen Gestus münden: Der Mensch lässt resigniert die Hände in den Schoß sinken, wissend: So geht es zu in der Welt.

Gehen wir noch einmal zurück in der Zeit. 1602 veröffentlichte Paul von der Aelst ein Liederbuch, in dem sich das Gedicht eines unbekannten Verfassers findet, das ebenfalls das Motiv des Rösleins auf der Heiden behandelt. (Nota: Das Wort Röselein wird hier verkürzt und, in der nicht normierten Schreibweise dieser Zeit, als Rößlein geschrieben; das –ö– muss also lang gesprochen werden.) Es ist ein Liebesgedicht, in dem es heißt:

Sie gleicht wol einem Rosenstock
drumb geliebt sie mir im hertzen (…)
sie blüet wie ein Röselein
die Bäcklein wie das Mündelein.
Liebstu mich, so lieb ich dich,
Rößlein auff der Heyden.

Auch hier wird – als Symbol für den Verlust der Jungfräulichkeit – die „Rose gebrochen“, aber nicht in einem Gewaltakt, sondern in liebendem Einvernehmen beider. Und wenn die Frau nicht mehr will?

Wann mich das Mägdlein nit mehr wil,
Rößlein auff der Heyden,
so wil ich weichen in der still
vnd mich von jhr thun scheiden (…)

Und am Ende des Lieds heißt es:

Beut mir her deinen rothen Mund,
Rößlein auff der Heyden.
Ein küß gib mir auß hertzen grund,
so steht mein hertz in frewden (…)
Küß du mich, so küß ich dich,
Rößlein auf der Heyden.

Ja heißt Ja und Nein heißt Nein.

Irmgard Seefried bringt in ihrer Aufnahme des Schubertlieds den Schluss angemessen zum Ausdruck: YouTube

Unbeschwert-munter Peter Schreier: YouTube

Zum Schluss: Dank an Franz Schandl für hilfreiche Impulse.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2021
Heft 82, Seite 39
Autor/inn/en:

Hermann Engster:

Geboren 1942. Lebt in Göttingen, Studium der Nordistik und Germanistik, war u.a. in der Erwachsenenbildung im Bereich Fremdsprachen tätig, zzt. Dozent an der Universität des dritten
Lebensalters der Univ. Göttingen, Seminare zu Literatur und Opern, Vortragstätigkeit zum Thema „Wagner und der Antisemitismus“, seit 25 Jahren Fan der Wertkritik bei der Krisis und im Trafoclub
der Streifzüge.

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