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Markus Wilhelm

Ist Österreich auch von strategischem Wert?

Oder liegt Österreich abseits der wehrgeographisch wichtigen Räume? Hat die NATO da, wo Österreich ist, ein Loch? Fehlt den beiden feindlichen Blöcken hier ein Stück Front in der Linie Norwegen — Türkei? Es ist behauptet worden, wer Tirol habe, habe Österreich. Stimmt das noch ? Ist es noch wichtig, das Land im Gebirge zu kontrollieren? Wichtiger als früher?

Um auf diese Fragen antworten zu können, müssen wir uns in der jüngeren Geschichte umschauen. Als im Jahre 1955 über das Schicksal Österreichs entschieden wurde, fiel helles Licht auf die geostrategische Lage unseres Landes. Die Sowjetunion sah die Chance, durch ein neutrales Österreich einen tiefen Keil in die NATO-Flanke hineinzutreiben. Die Bedeutung Westösterreichs für die westliche Allianz wurde ganz offensichtlich.

So schrieb denn die ›Tiroler Tageszeitung‹ wenige Wochen vor der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages: „Schon vor längerer Zeit haben namhafte alliierte Militärs darauf hingewiesen, daß eine totale Räumung Österreichs von allen Besatzungstruppen in Verbindung der von Moskau geforderten und durch verschiedene Erklärungen der österreichischen Regierung bereits weitgehend konzedierten Neutralisierung des Landes, unzweifelhaft einen strategischen Gewinn für die Sowjets darstellen würde. In der Tat käme eine Blockierung der über Tirol und Salzburg führenden wichtigsten Nachschublinien einer Abtrennung der im süddeutschen Raum stationierten NATO-Verbände von ihren italienischen Versorgungshäfen gleich. Die praktische Auswirkung dieser Neuordnung würde dazu führen, daß selbst die Verlegung der kleinsten NATO-Einheit aus München nach Bozen oder jeder aus dem amerikanischen Versorgungshafen nach Bayern rollende militärische Nachschubtransport künftig über Frankreich geleitet werden müßte. Die neutrale Schweiz und das neutralisierte Österreich würden unter dieser skizzierten Voraussetzung wie ein Keil in die europäische Verteidigungsfront hineinragen und deren wichtige Südflanke von dem Mittel- und Nordteil abtrennen.“ (TT, 26.März 1955)

Und die ›Tiroler Nachrichten‹ schrieben wenige Tage später in einem Seite-1-Kommentar: „Ein hoher amerikanischer Offizier hat einmal in einem Gespräch gemeint, daß das Rumer Lager (amerik. Militärlager in Rum bei Innsbruck; Anm.) der wichtigste Posten zwischen Frankfurt und Neapel sei. Das mag übertrieben sein, aber es ist in den letzten Wochen im Ausland oft und deutlich genug auf die Wichtigkeit des Brenners für die NATO-Verbindung zwischen Westdeutschland und Italien hingewiesen worden. (...) Also: Die Westmächte legen größten Wert auf Nordtirol als NATO- Verbindung. Selbst Italien, das sich wegen seiner Behandlung der Südtiroler schämen sollte, erklärte sich nach einer Agenturmeldung gegen die Neutralisierung Österreichs.“ (TN, 5. April 1955)

Auch der damalige Botschafter Österreichs in den USA und vormalige Außenminister unseres Landes, Dr. Karl Gruber, widerspricht in seinen Memoiren der Legende, wonach der Westen im Kampf gegen den Osten uns die Neutralität errungen habe. Er schreibt: „Für mich war — im Gegensatz zu den meisten anderen Politikern — der Schlüssel zur Lösung der österreichischen Frage vor allem in Washington zu suchen und nicht in Moskau. Moskau konnte ja bei einer Räumung Österreichs kaum etwas verlieren. Die westliche Allianz hingegen würde bei Abschluß des Staatsvertrags ihre militärische Lage durch die Räumung des Brennerpasses beträchtlich erschweren.“ (Karl Gruber, Ein politisches Leben, Wien 1976, S. 136)

Am 25. April 1955 lesen wir in der ›Tiroler Tageszeitung‹: „Am brennendsten erscheint in Washington zunächst das militärische Problem. Mit der Räumung Österreichs durch die Besatzungstruppen entsteht für den Westen eine schlauchförmige Verteidigungslücke, die sich von der ungarischen Grenze durch ganz Österreich und die Schweiz bis an den Westrand der Alpen erstreckt. Sie ist nicht von NATO-Verbänden ausgefüllt. Der unmittelbare, militärische Verbindungsweg zwischen Deutschland und Italien ist unterbrochen. Von dieser neuen Situation ist vor allem Italien betroffen.“ Und die ›New York Times‹ schreibt noch 14 Tage vor der Staatsvertragsunterzeichnung: „Es ist ein offenes Geheimnis, daß die amerikanischen Militärstellen den österreichischen Staatsvertrag nicht begrüßen, und zwar aus offensichtlichen Gründen. Die Souveränität Österreichs würde nicht nur die Verbindungen der NATO zwischen Westdeutschland und Italien über den Brenner unterbrechen, sondern der amerikanischen Armee auch den Grund für ihren Verbleib in ihrem italienischen Hauptnachschubpunkt Livorno nehmen.“ (›New York Times‹, 2. Mai 1955)

Die Räumung Österreichs und hier vor allem Westösterreichs war keine Frage der Humanität oder Freundschaft dieses oder jenes Volkes mit dem österreichischen Volke, sondern eine beinharte Machtfrage. Nicht nur in Rom und Washington, sondern auch in Frankfurt und Bonn sorgte man sich um das Zwischenstück zwischen den Abschnitten Süd und Mitte der durch den eben erst erfolgten Eintritt Westdeutschlands noch stärker gewordenen NATO. „Muß es die sowjetischen Militärs und Politiker nicht reizen, der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft einen Knüppel vor die Füße zu werfen — in Gestalt eines von den Großmächten, eventuell sogar den Vereinten Nationen garantierten neutralen Österreichs?“ — fragte damals die ›Frankfurter Allgemeine Zeitung‹. „Das bedeutet doch: Unterbindung der für die europäische Verteidigung so wichtigen Verbindungswege von Süddeutschland über den Brenner nach Italien, aber auch über die Tauernbahn nach Jugoslawien. Nicht einmal das Überfliegen des österreichischen Territoriums würde dann erlaubt sein! Amerikanische Transporte aus Bayern müßten dann den Umweg über Straßburg, Südfrankreich und die französisch-italienischen Alpen machen, um nach Italien zu kommen. Das gesamte Alpensystem vom Genfer See bis zum Neusiedler See wäre eine unübersteigbare Mauer für die Verbündeten der europäischen Armeen.“

Botschafter Gruber berichtet, daß in den USA täglich Delegationen aus Staaten eintrafen, die durch die Räumung Österreichs ihre eigene militärischen Interessen bedroht sahen. „Eine westdeutsche Parlamentsdelegation unter der Führung eines Generalleutnants hatte zum Beispiel beim amerikanischen Verteidigungsminister Wilson vorgesprochen, um ihn auf die Folgen einer Trennung des NATO-Gebietes in einen Nord- und Südsektor aufmerksam zu machen.“ (Gruber, S. 154)

Westösterreich war bald nach dem Zweiten Weltkrieg bereits fix in das westliche militärische Bündnis eingeplant. Der Chef der französischen Truppen in Österreich (Besatzungszone: Tirol und Vorarlberg), General Bethouart, etwa skizzierte 1948 in einer geheimen Note seinen Plan bzgl. des österreichischen Alpengebietes: „Die Zone, die für die Verteidigung des europäischen Kriegsschauplatzes hauptsächlich intakt gehalten werden muß, ist die der österreichischen Alpen, die Italien und das Mittelmeer decken; sie gibt dem Apparat Tiefe, indem sie Flankenaktionen gegen den Norden gestattet; sie gewährleistet die Anwesenheit der Alliierten in Mitteleuropa und bildet im Herzen des Donaubeckens eine ständige Bedrohung des Feindes und eine ständige Hoffnung für das unterdrückte Volk. Nun sind die Alpen leicht zu verteidigen, denn sie sind ein natürliches Hindernis und gestatten dem Angreifer nicht die Verwendung von Panzern, Artillerie oder Luftwaffe in großen Massen.“ (›Über die Verteidigung des Westens‹, 21. Dezember 19481)

In einer weiteren Analyse schrieb derselbe eineinhalb Jahre später: „Es ist klar, daß, solange die Alliierten den Alpenbogen halten werden, 1) das Mittelmeer gedeckt sein und die Verbindungen mit dem Nahen Osten möglich sein werden; 2) die Rote Armee sich nur gegen den Atlantischen Ozean ausbreiten kann, wenn sie diesen drohenden Stachel in ihrer Flanke läßt. Man kann also ohne Übertreibung sagen, daß die Verteidigung der österreichischen Alpen ein wesentliches Element der gleichzeitigen Verteidigung des Nahen Ostens, des Mittelmeers, Westeuropas und der Britischen Inseln ist.“ (E. Bethouart, ›Note über die Rolle der österreichischen Alpen bei der Verteidigung Europas‹, Wien, 19. Juni 1950)

Die zentrale geographische Lage und die natürliche Beschaffenheit des Landes im Gebirge waren zu allen Zeiten Ursache seines hohen militärischen Wertes. Das Bergland ist relativ leicht zu verteidigen und schwer zu erobern. Man muß es besitzen. Schon für die Habsburger lag der Anschluß Tirols (1363) im Interesse ihrer Machtpolitik. Kaiser Max bezeichnete die Grafschaft Tirol als „das Herz Deutschlands“ und der römisch-deutsche Kaiser Karl V. nannte Tirol „den Schlüssel zu Welsch- und Deutschland“ und „die Brücke des Reiches nach Italien“.

Die Idee einer Alpenfestung, wie sie der französische Hochkommissär im besetzten Österreich vertrat, war eine Erfindung des tiroler Gauleiters Hofer, der diese Gebirgsregion 1944/45 den an allen Fronten geschlagenen Truppen der Wehrmacht als Rückzugsgebiet anbot. Durch eine uneinnehmbare Verschanzung wollte er hier den vorwärtsdrängenden Alliierten einen Separat-Frieden abringen.

Die ›Dolomiten‹ berichten sechs Jahre nach Kriegsende von amerikanischen Überlegungen bezüglich einer neuen Alpenfestung in den Bergen Tirols nach denen „Österreich oder zumindestens Tirol ein Vorfort der neuen alliierten Verteidigungslinie werden soll. Im alliierten Oberkommando in Österreich halte man den Ausbau Tirols zu einer riesigen Bergfestung für wahrscheinlich. Diese Idee habe während der letzten sechs Monate große Fortschritte gemacht, nachdem bereits das Thema der gemeinsamen amerikanisch-französischen Herbstmanöver die Verteidigung eines solchen tirolischen Bergreduits gewesen sei. Die Region des Reduits würde sich weitgehend mit jener Gegend decken, in der Hitler hoffte, seinen letzten Kampf zu liefern. Während aber der deutsche Generalstab nach der Eroberung Italiens durch die Alliierten keine Nachschubmöglichkeiten für die Alpenfestung gehabt hätte, glauben die Anhänger dieser neuen strategischen Konzeption, daß ihr tirolisches ›Reduit‹ über Triest außerordentlich lange versorgt werden könnte.“ (Dolomiten, 30. Jänner 1951)

Und heute?

Dieser zwischen Deutschland und Italien eingeklemmte Teil Österreichs ist ein äußerst neuralgisches Stück Land. Der strategischen Bedeutung des Alpenbogens verdankt Österreich seine Neutralität und hier ist sie am stärksten gefährdet.
Der aus dem Dienst geschiedene italienische NATO-General Nino Pasti erklärte 1982 ganz offen: „Es ist absolut unvermeidlich, daß sich die NATO des Brennerpasses bemächtigt, der unseren Informationen nach von Österreich nicht zur Verteidigung vorbereitet ist.“

Für General Emil Spanocchi, den Verfasser des österreichischen Verteidigungskonzeptes, ist Tirol eines der drei erstrangigen Angriffsziele in Österreich. In einem Geheim-Bericht kamen im Vorjahr auch österreichische Generalstäbler zu dem Schluß, in einem Konflikt zwischen NATO und Ostblock „könnten außerdem Entwicklungen der operativen Lage für die NATO das Erfordernis bringen, zumindest Teile von Westösterreich einzubeziehen und so die Verbindung zwischen Süddeutschland und Oberitalien herzustellen“. (›Wochenpresse‹, 30. April 1985)

Österreich, wie’s da liegt im Zentrum des Kontinents, reicht mit seiner östlichen Hälfte in die Westfront des Ostblocks hinein und reißt mit seinem dünnen langen Westteil die NATO-Ostfront auseinander. Der Osten, den diese Delle im Frontverlauf schmerzt, ist ständig verführt, diese Einbuchtung auszumerzen und damit gleich über den neutralen Korridor ganz tief in das NATO-Gebiet vorzupreschen. Der Westen wiederum sieht in diesem nicht unter seinem Kommando stehenden Österreich ein Hindernis in der Koordination der Frontabschnitte und ist ständig verleitet, dieses auszuräumen und damit gleich über diesen neutralen Brückenkopf weit in den Ostblock vorzustoßen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1987
Heft 9, Seite 22
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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