Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 5-6/2005
Thomas Rammerstorfer

„Israelische Atomwaffenarsenale“

Bei diesem Werk dürfte es sich um einen so ge­nannten „Schnellschuss“ handeln: Ein Buch wird auf den Markt geworfen, ohne wirklich fertig zu sein, weil‘s grade passt, die Bedürfnisse des Marktes — und dessen Bedarf an antiamerika­nischer Literatur scheint ungestillt — diktieren das Erscheinungsdatum. So bringen Caglar/Bakar auf knapp 160 Seiten eine Sammlung von Aufsätzen zum Thema „Naher Osten“. Die Zielsetzung wird schnell klar: Es geht darum zu beweisen, dass ausschließlich die europäischen und vor allem die US-amerikanischen ImperialistInnen nebst ihren israelischen FreundInnen an den Problemen des Nahen Ostens schuld tragen. Historische Fakten werden zur Kenntnis genommen, wenn sie diese Behauptung untermauern; Widersprüchliches fällt unter den Tisch. Als Zeugen der Anklage dienen Edward Said, Noam Chomsky und sogar Michael Moore ...

Als Speerspitze des europäischen und amerika­nischen Imperialismus fungierten Caglar/Bakar zu Folge die christlichen Missionare, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ins Osmanische Reich drängten. Hier begann lt. Caglar/Bakar das Unheil, denn erst aufgrund dieser hinterhältigen Christianisierungsversuche kam es zu einer „Is­lamisierung des Islam“ als „Reaktion auf diesen Kulturimperialismus“ und in späterer Folge zu ei­ner Verhinderung einer Säkularisierung und zum Völkermord an den ArmenierInnen, der immer­hin mit einem Satz erwähnt wird. Die Behauptung ist natürlich schlicht Schwachsinn. Die meisten Missionare kamen nach den islamistischen Po­gromen 1894/95, bei denen zumindest 100.000 ChristInnen ermordet wurden, ins Osmanische Reich um sich der zigtausenden Waisenkinder anzunehmen. Ein Großteil der Missionare stammte im Übrigen aus der nicht gerade für Raubtierim­perialismus berüchtigten Schweiz.

Tief in den Sumpf von Verschwörungstheorien tauchen Caglar/Bakar auf S. 55, wo behauptet wird, die US-Administration hätte vom bevorste­henden Angriff auf Pearl Harbor seit 4. Dezember 1941 gewusst und dass sie „praktisch wissentlich ihre Flotte den erst am 7. Dezember 1941 begin­nenden Angriffen der Japaner opferten, um die US-Bevölkerung zum Kriegseintritt zu bewegen“. Diese — in rechtsradikalen Schmierheftchen im­mer wieder auftauchende Behauptung — ist falsch. Zwar ist es den US-Amerikanern am 4.12. ge­lungen, den diplomatischen Code der Japaner zu knacken, und sie wussten, dass Japan angreifen würde; wo allerdings nicht. Am ehesten rechnete man mit einem Angriff auf die Philippinen, der dann erst einige Wochen später erfolgte. Warum die US-Amerikaner Pearl Harbor und somit einen Gutteil ihrer Pazifikflotte hätten opfern sollen, können Caglar/Bakar natürlich nicht ausreichend erklären, denn angesichts des japanischen Groß­angriffs im Pazifik und der deutschen Kriegser­klärung an die USA hätten diese wohl ohnehin schwerlich weiter einen auf neutral machen kön­nen. Ein weiteres trauriges Exempel für den Einzug von revisionistischen Verschwörungstheorien aus der rechten Ecke in das Repertoire „linker“ AntiamerikanerInnen.

So richtig in Fahrt kommen Caglar/Bakar dann beim Thema Israel: Da verlässt man plötzlich nach dem Boden der Wissenschaft auch den des gesunden Menschenverstandes, und das hört sich dann so an: „Gezielt werden Führungspersön­lichkeiten der Palästinenser liquidiert, wahllos palästinensische Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer getötet, gefoltert und vertrieben“ und „Steine stehen gegen Panzer, Kalaschnikows gegen Raketen“ und „Den palästinensischen Menschen bleibt angesichts einer unendlichen Ungerech­tigkeit auf Erden durch eine hochmilitarisierte Übermacht nur noch der Ruf nach einer scheinbar größeren Macht: ‚Allah-u Akbar‘“ und so weiter.

Die ihrer Meinung nach „unendliche Anhäu­fung von Ungerechtigkeit“ durch Israel treibt Caglar/Bakar zu einer unendlichen Anhäufung antiisraelischer Ressentiments und palästinen­sischer Propagandalügen. Man hat das Gefühl, die beiden schreiben sich förmlich in Rage, etwa wenn Israel auf S. 150 erst „wahrscheinlich auch über Atomwaffen verfügt“, auf S. 153 es dann schon heißt: „Israelische Atomwaffenarsenale (sic!) sind heute auf alle arabischen Großstädte im Nahen Osten gerichtet“. Und seit Erscheinen dieses Buches sicherlich auch auf Münster, BRD.

Gazi Caglar/Hakan Ates Bakar: Die USA im Nahen Osten. Geschichte und Gegenwart einer imperialistischen Beziehung. (Unrast, Münster 2005)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2005
Heft 5-6/2005, Seite 30
Autor/inn/en:

Thomas Rammerstorfer:

Thomas Rammersdorfer war 2005 bis 2006 Redakteur von Context XXI.

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