Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1999 » Heft 4-5/1999
Uli Krug

Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg

Eine Kritik der geomaterialistischen Erklärungsversuche für die NATO-Aggression inklusive einer Replik auf Hannes Hofbauers Beitrag „Die Folgen des NATO-Krieges gegen Jugoslawien“ in der Nummer 3/99 von Context XXI

Die klassische Aufklärung hielt Ideologie für das Werk „lügender Priester“. Diese manipulierten ihre Schäfchen, auf daß diese ihre unmittelbaren Interessen hintanstellten und stattdessen die Kaste dieser Lügner weiter an der Macht bleiben ließen, womit das Interesse zumindest der Lügenden gewahrt wurde. Daß die Form der Ideologie selber ex negativo die Wahrheit über die Ohnmacht der Menschen gegenüber dem selbsttätigen Mechanismus ihrer Reproduktion, der Funktionsweise ihrer Gesellschaft, ausspricht, war dem klassischen Aufklärer so fremd wie seinen Nachfahren im Geiste, den „materialistisch“ sich gebärdenden Kriegsanalysten. Mit einem Handstreich wischt er die Lügen der modernen Priester vom Tisch, um hinter diesem Trugbild die wahren, d.h. auf Bereicherung abzielenden „Interessen“ aufzudecken.

Dabei macht es offenbar nichts, daß „Interessen“ dieses Typs weit und breit nicht zu entdecken sind — schon gar nicht auf dem Balkan, geschweige denn im Kosovo. Ein Gedanke, auf den eben jene „materialistischen“ Aufklärer selber kommen müßten, wendeten sie nur einen Bruchteil der Energie, mit der sie geostrategische Tischgespräche amerikanischer Außenminister belauschen, dafür auf, die Plausibilität ihrer ach so brisanten Funde zu überprüfen. Da gelingt es beispielsweise pars pro toto Hannes Hofbauer in der letzten Nummer dieser Zeitschrift aus Artikel 1, Absatz 4a des Rambouillet-Abkommens, der die Marktwirtschaft für eine zukünftige Kosovo-Ordnung festschreibt, ein „Kolonisierungs“-Interesse des Westens herauszulesen, das unter dem Tarnnamen „Osterweiterung“ von EU bzw. NATO bereits seit zehn Jahren auf Krieg drängte. Daß der ehemalige RGW-Raum nach gängigen ökonomischen Kriterien des Weltmarktes nichts zu bieten hat, dessen Sanierungskosten nicht jede zukünftige Profithoffnung ad absurdum führen würde, ignoriert Hofbauer souverän. Die Ankündigung, sich einen Haufen derartig hoffnungsloser Sanierungsgebiete ans Bein zu binden, stammt nicht aus dem Reich der betriebswirtschaftlichen Kalkulation, sondern aus dem tröstlicher Propagandaversprechungen: Die Osterweiterung wird Osteuropa nicht aufgedrängt, sondern dieses lechzt nach ihr wie ein Verdurstender nach der Oase; für den Großteil wird sie eine Fata Morgana bleiben.

Ebenso ignoriert Hofbauer, daß der Weltmarkt nicht mehr gegen irgendwelche ihm entzogene „integrierte wirtschaftliche Räume“ durchgesetzt werden muß — denn das ist er bereits seit allerspätestens 1989. Es gibt nichts zu erobern, was die nach Devisen — gleich ob Euro oder Dollar — lechzenden postsozialistischen Regime, einschließlich Jugoslawiens und Rußlands, nicht auch extrem preisgünstig und freiwillig vor die Türen der Aggressoren im Kosovokrieg tragen würden. Daß also der „stumme Zwang der Verhältnisse“ (Marx) einen viel billigeren Zugang zu benötigten Rohstoffen vorstellt als jeder Kolonialismus, ist Hofbauer entgangen: Nichts als der bloße Wille des Analytikers, einen direkten Zusammenhang zwischen stofflichem und monetärem Reichtum zu entdecken, kann von einer Neuauflage des Kolonialismus phantasieren. Denn, wenn es einen direkten Zusammenhang gibt, dann nur den zwischen dem säkularen Verfall der Rohstoffpreise und der ebenso säkularen Dekolonialisierung: Wer auch immer Territorien beherrscht, in denen Gas, Öl etc. gefördert werden können, wird gezwungen sein, dieses auf dem Weltmarkt abzuliefern, um wenigstens die notwendige Infrastruktur seiner Herrschaft (und sei’s nur die seiner Armee) noch bezahlen zu können: Ob diese Bittgänger des Weltmarktes nun russische Provinzfürsten oder deren grausamere Regressionsform, islamische Stammesfürsten, sein werden, ist dabei von untergeordneter Wichtigkeit. Nun würden Hofbauer und Co argumentieren, daß der Kosovo-Krieg doch auch ein Probelauf für den unwahrscheinlichen Fall gewesen sein könnte, daß der Machtkampf zwischen ersteren und letzteren tatsächlich die westliche Ölversorgung ins Stocken bringen würde. Aber noch nicht mal mit einem derartig weit hergeholten Argument läßt sich die Rede vom knallhart geostrategischen „ökonomischen Interesse“ hinter dem Menschenrechtsgerede noch retten: Denn im hier imaginierten Falle ginge es um die Einrichtung einer funktionstüchtigen Herrschaft und nicht wie in Jugoslawien um deren Zerstörung: Einen Milosevic kann man noch mit Luftangriffen erpressen; diejenigen, die nach den Milosevics kommen, die Clans- und Bandenführer sind so kaum erreichbar.

Vom tatsächlichen Zustand der Welt im postkolonialen Zeitalter völlig unbeeindruckt, verweist der Geomaterialist auf Quellen amtlich bestallter Geostrategen und solcher, die es werden wollen, die ihn in seinen Annahmen bestärken. Auf die Idee, daß die Abwegigkeit und Wolkigkeit dieser von Einflußräumen und Interessenzonen schwadronierenden Insiderexpertisen damit zusammenhängt, daß solche Räume und Zonen nach gängigen ökonomischen Kriterien des Weltmarktes gegenstandslos sind, kommt der Geomaterialist nicht. Ebensowenig darauf, daß er sich dem Typus solcher Experten ohne Not anähnelt, die genau wie er das Kapitalverhältnis für ein nützlich Ding halten, für einen durch politische Messerschnitte zu teilenden Kuchen, und in dem es keinen Unterschied zwischen stofflichem und abstraktem Reichtum, zwischen Erdöl und Geld gibt. Daß der antiimperialistische Materialist damit mit Marx nichts, mit Keynes aber umso mehr zu tun hat, sollte ihm zu denken geben. Wie letzterer nämlich verkündet er: Geld ist sozusagen die gleiche Sache wie Grünkäse, wobei Grünkäse hier als Synonym für Bodenschätze zu verstehen ist. Und so legt er die Maßstäbe, die für die Produktion von Grünkäse fürs einfache Bedürfnis im ebenso einfachen Warenverkehr gelten, umstandslos auf die Produktion von Tauschwert aus Tauschwert, das geldheckende Geld in Form von Kredit und Anlagefonds, an. Daß die materielle Gestalt der Ware, der Grünkäse also, nur eine dem Wert durchaus gleichgültige Durchgangsstation seiner selbsttätigen, subjekt- wie stofflosen Bewegung, ist; daß er die sogenannte ökonomische Attraktivität einer Sache setzt oder verwirft; daß also der Besitz von Kohlerevieren vor 100 Jahren rentabel sein konnte, es heute aber nicht mehr sein muß; all das ist am Materialisten vorübergegangen.

Die sinkenden Gewinnmargen der Roh- und Grundstoffindustrien, die nur begrenzt rationalisierbar sind, waren schon zu Spätzeiten des RGW nicht mehr konkurrenzfähig mit den auf den freien Kapitalmärkten möglichen Zinsgewinnen. Nicht, daß das Finanzkapital am Untergang des Produktivkapitals schuld ist: Der Preisverfall der geologischen wie humanen Rohstoffe des Kapitals ist Resultat der Produktivitätssteigerung der Arbeitskraft dank des Kapitals stets wachsender organischer Zusammensetzung (nicht aller empirischen Kapitale, sondern im weltgesellschaftlichen Durchschnitt). Die dritte industrielle Revolution hat dabei Bedingungen geschaffen, die aus in Schwer- und Grundstoffindustrien fix angelegtem Kapital einen Bittgänger des fluiden Anlagekapitals machen.

Letzteres zieht es stets vor, in die Sparten der höchsten Zusammensetzung zu fließen, weil diese den Surplus aufgrund des Produktivitätsvorsprungs realisieren. Der unmittelbare Besitz von Grundindustrien wird so zunehmend zu einem Risiko, gar einer Last und nicht zu einer sicheren Quelle des Gewinns, völlig unabhängig davon, ob Öl oder Braunkohle nützliche Gegenstände sind oder nicht. Wie der „stumme Zwang der Verhältnisse“, des vollendeten Marktes, die Besitzer von Arbeitskraft nicht nur „freiwillig“ zur Arbeit gehen, sondern sich gegenseitig unterbieten läßt in der Ablieferung ihrer zunehmend wertlosen Ware, so ergeht es auch den Besitzern der geologischen Rohstoffe. Je weniger das Kapital unmittelbar für die Erhaltung der einen bzw. die Förderung der anderen aufkommen muß, desto besser.

Politische Ökonomie der Interesselosigkeit

Pazifistische Bomber
aus Bahamas 29/1999

Die Gewissenskriege werden nicht um des Objektes, des Feindes willen geführt. Die Ideologie der Interesselosigkeit, die die westlichen Aggressoren sich noch mit Stolz an die Brust hefteten, ist also bitter ernst zu nehmen. Sie hat ebenso wie die new labour-Rede von der „Eigenverantwortung“ mit dem globalen Wertverfall der Arbeitskraft zu tun. Mit dem geologisch-sachlichen Wertverfall steht die sogenannte „Diktatorendämmerung“ in Zusammenhang. Daß man meint, den einen oder anderen dieser Diktatoren, wenn sie überhaupt welche sind, stürzen zu müssen, liegt weniger in der Ökonomie im Hofbauerschen Sinn begründet, sondern in der kollektiven seelischen Ökonomie derer, die freedom and democracy exekutieren.

Gerade die Gleichgültigkeit des Restes der Welt für die Reproduktion und Akkumulation des abstrakten Reichtums revitalisiert bei den sogenannten Eliten der westlichen Welt dieselben urbürgerlichen Ängste, die ein Bettler oder Flüchtling beim Sozialstaatsbürger hervorruft: Die Angst vor dem Spiegel, in dem der einzelne seine potentielle Überflüssigkeit anschaut, die Angst vor dem Spiegel, in dem das Ende sozialstaatlicher Elendsverwaltung sich abzeichnet.

Genauso wenig wie der Mord an einem der gehaßten Ausländer aber die eigene Überflüssigkeit tatsächlich bannt, genausowenig gelingt die Erbringung des Beweises, daß durch den freien und gleichen Tausch in den postsozialistischen Zusammenbruchsökonomien irgendetwas wie Entwicklung statt Zerfall erreicht werden kann. Genauso wie das Einzel- projiziert auch das Kollektivsubjekt: Wie dem einen sinistre Mächte die Früchte der eigenen Arbeitswilligkeit und staatsbürgerlichen Loyalität vorenthalten, der reiche Schmarotzer und der arme Flüchtling nach bekanntem antisemitischem Muster in eins verschmelzen, so durchkreuzt dem anderen der Schurkenstaat die Entwicklung einer Region, oder es ist eben jener korrupte Diktator, der das Land ins Elend treibt — niemals dürfen es die Grundlage der Menschenrechte, das Eigentum und der Tausch selber sein, die das Elend hervorrufen. Die Unmöglichkeit der Schaffung von freiheitlich-friedlichen Spielwiesen nach westlichen Spielregeln nötigt zur Erfindung des Störenfriedes, nach dessen Eliminierung alles so sein soll, wie es niemals sein kann. Dazwischen pendelt die Wahrnehmung des Balkans. Daß Milosevic nichts mit dem Subventionsloch Bosnien zu tun hat, ist uninteressant: Denn die Welt — und damit der Balkan — bestehen allein noch aus Wille und Vorstellung, die man sich von keiner noch so naheliegenden Überlegung zunichte machen lassen will. Die Errichtung von Protektoraten wie Bosnien und Kosovo dienten natürlich auch der sogenannten Flüchtlingsrückführung. Ihre Existenz erklärt sich aber nicht daraus; denn hätte man Jugoslawien nicht parzelliert bzw. die lokalen Nutznießer eines „eigenen“ Staates nicht zur Gründung der selben ermutigt und militärisch-logistisch dazu befähigt, hätte man „Flüchtlingsprobleme“ wie im bosnischen Falle überhaupt nicht auf den Plan gerufen.

Der Krieg in Jugoslawien ist Teil eines endlosen, niemals zu gewinnenden Krieges der Verteidiger der Marktwirtschaft gegen deren höchst eigenen Krisencharakter; einer der Klientel des Kapitals gegen dessen eigene Wirkungsweise. Als materiell zielloser wird er aus einem nicht befriedigbaren Selbsterhaltungstrieb geführt, der an nahezu beliebigen Projektionsobjekten geführt wird und deshalb niemals zu gewinnen ist und eben deshalb auch niemals aufhören kann.

Ziellos bleibt er, auch wenn die westlichen Mächte miteinander konkurrieren, denn es ist eine Konkurrenz ohne Objekt: Das Streben nach Macht und Einfluß bei irgendwelchen Desparadobanden zeitigt keinen unmittelbaren ökonomischen Effekt. Um so mehr hofft man auf einen mittelbaren, der da wäre, Anleger und Fonds durch Beweis der eigenen militärischen Stärke eine Investitionssicherheit vorzugaukeln, die mit der Fähigkeit der jeweils anderen, Bomben abzuwerfen oder völkische Banditen aufzuwiegeln, nichts zu tun hat. Derselbe Zusammenhang, der von Anfang an „Interesse“ und Projektion zusammenschmiedete, regiert auch hier: Als ob die Krise, die die Angst für den Anleger wie für jedes auf Tausch angewiesene Subjekt so konstitutiv macht, durch militärische Stärke und die Fähigkeit weltweit einzugreifen, gebannt würde. Allerdings mag sich in ihr bereits der Potlatsch ankündigen, der im Wahn bereits vorweggenommene Zusammenbruch des Weltmarktes, der erst Eroberungs- bzw. Zerstörungsökonomie wieder auf den Plan setzen würde. Vorerst aber gelten noch die Kriterien des globalen Tausches, der Eroberungen aller Art zu toten Kosten des auf dem Markt um Anleger stattfindenden Konkurrenzkampfs macht.

Ob und wann imperiale Mächte stellvertretend für ihre Währungen dann doch aufeinander einschlagen oder Rußland in Schranken verweisen zu müssen meinen, in denen es sich ohnehin befindet, läßt sich schlechterdings nicht voraussagen: Und das gerade, weil klassisch imperialistische Argumentationen nur noch zur oberflächlichen Rationalisierung des Vorgehens gegen jeweils ausgespähte Feinde des Freihandels und der Demokratie vorgebracht werden — wenigstens von seiten der Amerikaner; der reine Idealismus Deutschlands weist „Interesse“, gar merkantiles, von sich. Nicht der klassische Imperialismus tarnt sich ethisch, sondern der imperialistische Firnis über der reinen Ethik ist dünn geworden.

Am Balkan durchgesetzt: westliche Wertegemeinschaft
Ansichtskarte aus der Serie Pozdrav iz Novog Sada / Greetings from Novi Sad © Action against war and destruction of the Ekumenical Humanitarian Organization and the civil weekly of Vojvodina Nezavisni

Postnationale Gewissenskriege

Diese Interesselosigkeit an den Orten und Zielen der Kriegseinsätze, mit der sich die Aggressoren im jüngsten Jugoslawienkrieg auch noch brüsten, zeigte mit aller Deutlichkeit der Somaliaeinsatz. So schnell die humanitären Interventionisten vor Ort waren, so gleichgültig ist ihnen diese Gegend heute. Diese materielle Gleichgültigkeit betrifft zunächst einmal alle an dieser und der jetzigen widersinnigen Expedition beteiligten NATO-Mächte.

Dennoch stand am Beginn der new world order eine Konstellation in der Wahl der Feinde, in der die Rolle Deutschlands einerseits und die der Westallierten andererseits wie eh und je verteilt zu sein schienen. 1991 schützten die USA im Golfkrieg nicht zuletzt Israel, während Deutschland sich an die ethnische Parzellierung Südosteuropas machte — mit den gleichen Verbündeten gegen den gleichen Feind. Zur selben Zeit als Präsident Bush Milosevic als den „Lincoln des Balkans“ würdigte, hievten Mock und Genscher dessen Gegenspieler, den Ustascha-Häuptling Tudjman auf die diplomatische Bühne. Erstaunlich ist dabei weniger die Tatsache, daß die USA nach dem beschriebenen Muster der rearchaisierten Konkurrenz, in der militärische Stärke gerade deswegen gezeigt werden muß, weil es durch sie nirgendwo auf der Welt noch irgendetwas zu gewinnen gibt, Deutschland dessen frisch erschaffene Verbündete abspenstig zu machen bemüht ist — so geschehen bei der ethnischen Säuberung der Krajina wie bei der Verteidigung der Ergebnisse des Itzetbegovic-Putsches.

Viel erklärungsbedürftiger bleibt die quasi instinktiv erfolgende kollektive Feinderklärung Serbiens durchs gerade wieder vollständig souverän gewordene Deutschland. Daß allein das von Deutschland projizierte Serbien den Grund dafür abgibt, das reale zu bombardieren, läßt sich schon an dem grotesken Widerspruch zwischen Realität und Projektion leicht demonstrieren. Für die Rolle des Nazideutschlands der 90er Jahre eignete sich der andere von der Größe her erwähnenswerte Nachfolgestaat der SRFJ besser als die Bundesrepublik Jugoslawien. Was Serbien vorgeworfen wird, daß ein ethnisch sich reinigendes Volk von Chauvinisten sich hinter einen skrupellosen Diktator stellt, trifft hier weniger zu als beispielsweise in Kroatien; und obwohl Deutschland nichts unversucht läßt, das wirkliche Jugoslawien der Projektion gleich zu machen (Jugoslawien ist mit einem monatlichen Pro-Kopf-Einkommen von 75 Dollar mittlerweile das ärmste Land Europas, noch hinter Albanien), ist dort Seselj immer noch nicht Staatspräsident, die Tschetnik-Ideologie nicht nationaler Gründungsmythos. Wie anders dagegen das „prowestliche“ Kroatien mit seiner Ustaschafahne, seiner Jasenovac-Lüge und dem antisemitischen Großkroaten Tudjman an der Spitze.

Die (groß)deutsche Serbenfresserei hat nicht nur jeden betriebswirtschaftlichen Grund für ihre Existenz, sondern auch jede mehr oder weniger plausible historische Begründung überlebt. Nicht als Partisanenhort wird Serbien heute thematisiert, sondern in vollendeter Infamie als Mischung aus KZ und Gulag. Die Feindschaft gegen den Serben ist Feindschaft um ihrer selbst willen. Sowohl die innere Widersprüchlichkeit als auch die Unbedingtheit dieser deutschen und österreichischen Idiosynkrasie erinnern nicht zufällig an den Antisemitismus, der ebenfalls zwei kraß unterschiedliche Momente im Wahn synthetisierte, die Wall-Street und den Bolschewismus. Die Funktion, die der Schurkenstaat Jugoslawien und mehr noch das Anti-Volk Serbien in der deutschen und österreichischen Projektion einnimmt, ist keineswegs wesensgleich, aber artverwandt, eben in der Funktionsweise: War einst der Jude dafür verantwortlich zu machen, daß der autoritäre Volksstaat die Krise nicht zu bändigen vermag, so ist’s Serbien, dessen abgrundtiefe Schlechtigkeit daran schuld ist, daß der balkanische Völkerfrühling ein Horrorszenario des Verfalls und keine blühenden Landschaften nach sich zog. Nicht der Weltmarkt darf die Welt ruinieren, sondern eine sich diesem verweigernde, nicht dessen Gesetzen gehorchende Macht muß projiziert werden. Darin vertritt „Serbien“ einerseits den verhaßten Sozialismus; andererseits büßt es für die unmöglich gewordene Liebe der Deutschen zum NS-Volksstaat.

Mit antisemitischen Mitteln entledigt sich Deutschland damit des historischen Nationalsozialismus, um ihm gerade darin treu zu bleiben, daß projizierender Wahn und Staatsräson voneinander nicht zu scheiden sind. Daß die neugewonnene deutsche Souveränität mit verblüffender, schlafwandlerischer Sicherheit sich die gleichen Freunde und den gleichen Feind wie vor 50 Jahren suchte, hat nichts damit zu tun, daß Deutschland den tatsächlichen zweiten Weltkrieg wiederholen möchte, sondern damit, daß der Feind, gegen den Deutschland diesen Krieg führte - der abstrakte, krisenhafte Charakter der Akkumulation, der Selbsterhaltung und Selbstvernichtung in eins setzt — stärker denn je ist. Wie diese Krise permanent bleibt, indem man ihren zyklischen Ausbruch aufzuschieben versucht, so wenig vergänglich ist der subjektive Zwang zum Projizieren. Nur diese Nicht-Vergänglichkeit der handlungsleitenden Wahnvorstellungen erklärt, warum die Vergangenheit nicht vergeht, sondern in Gestalt des Serbenhasses zombiesk wiederaufersteht — diesmal ohne zu versuchen, den „Drang“ mit den Erdölquellen von Ploesti oder dem Volk ohne Raum zu rationalisieren. Der letzte Weltkrieg ist der Prototyp der aktuellen postnationalen Gewissenskriege: Wie dieser darum geführt wurde, die eigene kapitalistische Reproduktion von deren notwendigem Krisencharakter zu befreien — durch die Auslöschung des „jüdischen Prinzips“ — so ist auch der „Gewissenskrieg“ gegen den je aktuellen Schurkenstaat in Wirklichkeit einer gegen den verdrängten Zwangszusammenhang von Tausch und Elend, von dem man weiß, daß seine Zerstörungsdynamik sich nicht mit der zweiten und dritten Welt bescheiden wird. Dieser Verdrängungsmechanismus treibt mittlerweile nicht mehr nur Deutschland um, wiewohl er Deutschland so umtreibt wie kein zweites Land der ersten Welt. Es ist schon allein deshalb der überzeugteste Vertreter des „Gewissenskriegs“, weil sein Rechtsvorgänger ihn nicht nur als erster über die Welt brachte, sondern ihn auch gleich als den grenzenlosen und entgrenzten Exzeß führte, der er seinem Begriff nach ist. Daß ein ehemaliges Opfer — Serbien — dieses Gewissenskrieges auch heute wieder der Bösewicht ist, an dem die verfolgende Unschuld Deutschlands sich austoben darf, macht es als deutsche Projektionsfläche so unwiderstehlich. Aber Deutschland ist eben auch nicht mehr der einzige Vertreter des projektiven, hysterischen Erstschlags gegen die Dysfunktionalität der eigenen Vergesellschaftungsform des Marktes, die man gegen Gegner verteidigt, deren Unglück darin besteht, daß man ihrem politischen und sozialen Elend diese Dysfunktionalität so deutlich ansieht — wie beispielsweise Somalia. Und nachdem es gerade aufgrund Deutschlands tatkräftiger Mithilfe gelungen war, die ökonomische Krise der SFRJ in Bürgerkrieg umschlagen zu lassen, sozusagen somalische Zustände zu schaffen, waren auch die Bedingungen für ein anderes Umschlagen gegeben: Das der anfänglichen Unlust der ehemaligen Westalliierten am Jugoslawienkrieg in das hysterische Kriegsgeheul Tony Blairs.

Klar wie nie gestehen die, die diese Kriege führen wollen und müssen, ein, daß es sich um reine Projektionskriege handelt: Kriege, die man logischerweise nicht nur nicht gewinnen kann, sondern die man stets aufs neue führen muß. Statt aber zu bemerken, daß das Schreckliche gerade in der von den Aggressoren stolz ausposaunten Abwesenheit materieller Interessen, gerade im zwanghaften moralischen Rigorismus besteht, der sich um die Folgen seines Tuns nicht mehr kümmert, verschließt ausgerechnet der linke Kritiker die Augen ganz fest davor. Als ob er aus einem unerfindlichen Grunde an den Beweis der Nützlichkeit des Äquivalententausches sein Seelenheil geknüpft hätte, versucht er das stoff- wie subjektlose Kapital, das offenherzig wie kaum je zuvor seine Gleichgültigkeit gegenüber den Stoffen wie den Subjekten herauskehrt, mit Arbeitskräften und Rohstoffen anzufüttern. Wie sehr er auch das Kapital anfleht, doch bitte konkret zu sein und nicht abstrakt, doch bitte nützlich statt gleichgültig, doch bitte zu funktionieren statt zu kollabieren — es wird ihn bitterlich enttäuschen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1999
Heft 4-5/1999, Seite 4
Autor/inn/en:

Uli Krug:

Uli Krug ist Redakteur der Berliner Zeitschrift Bahamas.

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