Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 6
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Instruktionen für eine Parade

Wenn es etwas Lächerliches dabei gibt, von der Revolution zu sprechen, dann natürlich deswegen, weil die organisierte revolutionäre Bewegung aus den modernen Ländern, in denen gerade die Möglichkeiten zu einer entscheidenden Gesellschaftsveränderung konzentriert sind, seit langem verschwunden ist. Noch viel lächerlicher aber ist alles Andere, da es sich um das Bestehende handelt und um die verschiedenen Formen seiner Duldung. Das Wort „revolutionär“ konnte so weit entschärft werden, dass es in der Werbung die kleinste Veränderung der ständig modifizierten Warenproduktion bezeichnet, weil die Möglichkeiten einer wünschenswerten zentralen Veränderung nirgends mehr ausgedrückt werden. In unseren Tagen erscheint das revolutionäre Projekt als Angeklagter der Geschichte: ihm wird vorgeworfen, dass es schlechten Erfolg gehabt und eine neue Entfremdung mit sich gebracht hat. Das läuft auf die Feststellung hinaus, dass die herrschende Gesellschaft sich auf allen Gebieten viel besser wehren konnte, als die Revolutionäre es vorausgesehen hatten; und nicht, dass sie annehmbar geworden ist. Die Revolution ist aufs neue zu erfinden — das ist alles.

Das stellt mehrere Probleme auf, die in den nächsten Jahren theoretisch und praktisch bewältigt werden müssen. Man kann kurz auf einige Punkte hinweisen, bei denen eine Übereinstimmung dringend ist.

In der Tendenz einer Neugruppierung, die bei verschiedenen Minoritäten innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung dieses Jahres erscheint, ist nur die radikalste Strömung bemerkenswert, die sich zunächst um den Begriff der Arbeiterräte zusammenschließt. Es darf auch nicht vergessen werden, dass rein konfusionistische Elemente in dieser Konfrontation Platz zu nehmen versuchen (vgl. z.B. die vor kurzem entstandene Verständigung zwischen den „linken“ philosophisch-soziologischen Zeitschriften verschiedener Länder).

Für die Gruppen, die es versuchen, eine revolutionäre Organisation neuen Typs zu schaffen, ist die größte Schwierigkeit die Aufgabe, neue menschliche Beziehungen innerhalb einer solchen Organisation herzustellen. Gewiss übt eine Gesellschaft einen allgegenwärtigen Druck gegen diesen Versuch aus. Man kann aber nicht aus der spezialisierten Politik herauskommen, wenn man es nicht durch noch auszuprobierende Methoden schafft. Dann sinkt die Forderung nach der Beteiligung aller von einer unbedingten Notwendigkeit der Verwaltung einer wirklich neuen Organisation und späteren Gesellschaft auf die Ebene eines abstrakten und moralisierenden Wunsches. Wenn die Militanten nicht mehr die einfachen Ausführenden der Beschlüsse der Apparatschicks sind, laufen sie Gefahr, auf die Rolle von Zuschauern beschränkt zu werden, gegenüber denen von ihnen, die in der als Spezialisierung aufgefassten Politik am besten qualifiziert sind und die Beziehungen der Passivität der alten Welt damit wieder herstellen.

Mitwirkung und Teilnahme hängen von einem kollektiven Projekt ab, dass ausdrücklich alle Aspekte des Erlebten betrifft. Das ist auch der einzige Weg, um „das Volk in Zorn zu bringen“, indem man den schrecklichen Gegensatz zwischen möglichen Konstruktionen des Lebens und dessen gegenwärtigem Elend sichtbar werden lässt. Ohne die Kritik des alltäglichen Lebens bleibt die revolutionäre Organisation eine getrennte Sphäre, die so konventionell und schließlich so passiv ist wie diese Feriendörfer als das Spezialgebiet der modernen Freizeitgestaltung. Soziologen — wie Henri Raymond im Fall Palinuro — haben den Mechanismus des Spektakels deutlich herausgestellt, der dort die in der globalen Gesellschaft herrschenden Beziehungen von neuem auf der Spielebene einführt. Naiv haben sie sich aber z.B. über die „Vielfältigkeit der menschlichen Beziehungen“ gefreut, ohne einzusehen, dass sie durch eine bloß quantitative Vermehrung genauso seicht und unecht wie überall sonst blieben. Sogar in der am stärksten anti-hierarchisch gesinnten und libertärsten revolutionären Gruppe kann das gemeinsame politische Programm keineswegs für die Kommunikation unter den Mitgliedern sorgen. Wie zu erwarten befürworten die Soziologen einen Reformismus des alltäglichen Lebens und die Organisation der Kompensation in der Ferienzeit. Das revolutionäre Projekt kann aber die klassische Idee des in Raum, Zeit und quantitativer Tiefe begrenzten Spiels nicht akzeptieren. Das revolutionäre Spiel, die Schaffung des Lebens, ist jeder Erinnerung an vergangene Spiele entgegengesetzt.

Um ein Gegenstück zu dem während 49 Arbeitswochen geführten Leben zu bilden, berufen sich die Feriendörfer des „Club Méditerrannée“ auf eine polynesische Schundideologie, so etwa wie die große französische Revolution mit altrömischer Verkleidung stattfand oder wie heutige Revolutionäre sich selbst so sehen und dadurch definieren, dass sie die Rolle des Militanten im bolschewistischen oder sonstigen Stil spielen. Und die Revolution des alltäglichen Lebens kann ihre Poesie unmöglich der Vergangenheit, sondern nur der Zukunft entnehmen.

Gerade für die Kritik des marxistischen Gedankens einer Erweiterung der Freizeit bringt natürlich die Erfahrung der leeren Freizeit im modernen Kapitalismus eine zutreffende Berichtigung: es stimmt, dass die vollständige Freiheit der Zeit zuerst die Umwandlung der Arbeit voraussetzt, sowie deren Aneignung für ein Ziel und unter Bedingungen, die sich vollkommen von der bisher vorhandenen Zwangsarbeit unterscheiden (vgl. die Aktion der Gruppen, die Socialisme ou Barbarie in Frankreich, Solidarity for Workers Power in England und Alternative in Belgien herausgeben). Diejenigen aber, die von dieser Feststellung ausgehend den ganzen Akzent auf die Notwendigkeit legen, die Arbeit selbst zu verändern, sie zu rationalisieren, die Menschen für sie zu interessieren, indem sie dabei die Idee des freien Lebensinhalts vernachlässigen (sagen wir einer materiell ausgerüsteten schöpferischen Macht, die sowohl über die — modifizierte — klassische Arbeitszeit als auch über die Erholungs- und Unterhaltungszeit hinaus entwickelt werden soll), laufen Gefahr, eine Harmonisierung der aktuellen Produktion, eine größere Leistungsfähigkeit zu überdecken; ohne dass das Erlebte selbst bei dieser Produktionsweise, die Notwendigkeit dieses Lebens auf der elementarsten Ebene der Infragestellung angetastet wird. Die freie Konstruktion der gesamten Raum-Zeit des individuellen Lebens ist eine Forderung, die gegen jede Art von Harmonieträumen der Managerkandidaten für die nächste Gesellschaftsordnung geschützt werden muss.

Die verschiedenen bisherigen Momente der situationistischen Tätigkeit können nur in der Perspektive einer neuen Erscheinung der nicht nur kulturellen, sondern sozialen Revolution verstanden werden, deren Anwendungsbereich sofort breiter als bei allen vorigen Versuchen sein soll. Die S.I. hat es also nicht nötig, Schüler bzw. Anhänger zu werben, sondern Leute zusammenzubringen, die sich mit allen Mitteln und ohne Rücksicht auf das Etikett in den folgenden Jahren mit dieser Aufgabe zu beschäftigen fähig sind. Was nebenbei bedeutet, dass wir die Überbleibsel der spezialisierten Politik und besonders den so vielen Intellektuellen auf diesem Gebiet eigenen nachchristlichen Masochismus genau so stark ablehnen müssen wie die Überbleibsel der spezialisierten künstlerischen Verhaltensweisen. Wir erheben keinen Anspruch darauf, ein neues revolutionäres Programm allein zu entwickeln. Wir sagen, dass dieses im Entstehen begriffene Programm die herrschende Wirklichkeit eines Tages praktisch angreifen wird und dass wir an diesem Angriff teilnehmen werden. Was aus uns auch individuell werden mag, wird die neue revolutionäre Bewegung nicht aufgebaut, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was wir zusammen versucht haben und was als der Übergang von der alten Theorie der begrenzten permanenten Revolution zur Theorie der generalisierten permanenten Revolution definiert werden kann.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1976
Numéro 6, Seite 3
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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