Zeitschriften » radiX » Nummer 4
Thomas Schmidinger

Instanzen der Ohnmacht

Das neue Buch von Doron Rabinovici schildert die Situation der Wiener Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft von 1938 bis 1945 mit akribisch zusammengetragenem Material und einer Fülle von Einzelbeispielen. Die verschiedenen jüdischen Istitutionen werden dabei – sofern sie nicht sofort mit dem Anschluß aufgelöst worden waren – in ihren sehr unterschiedlichen Überlebensstrategien geschildert.

Klar herausgearbeitet wird auch, daß Wien der erste Ort war, „an dem die sogenannte ‚Lösung der Judenfrage‘ in Angriff genommen wurde. Hier fand der ‚Probelauf‘ statt.“ Und während im März 1938 von einem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich gesprochen werden kann, so kann die folgende Entwicklung durchaus auch als Anschluß der deutschen an die ostmärkische „Judenpolitik“ charakterisiert werden. Nirgendwo stieß diese nationalsozialistische „Judenpolitik“ auf solche Begeisterung und so geringen Widerstand wie in Österreich und genau deshalb konnte hier ausprobiert werden, was in der Folge im gesamten Reichgsebiet umgesetzt werden sollte.

Doron Rabinovici schildert in diesem Zusammenhang auch jenen begeisterten österreichischen Antisemitismus, der bereits in der Nacht vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich zu ersten pogromartigen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden und zu solch einem Ausmaß „wilder“ Arisierungen führte, daß sich vorerst sogar die neue NS-Staatsgewalt genötigt fühlte, dem wilden Treiben des antisemitischen Mobs entgegenzutreten. Die Pläne der Nationalsozialisten sahen nämlich eine geordnete, beinahe legalistisch anmutende „Lösung der Judenfrage“ vor, die schließlich von einem Beamtenstab um den Wiener NS-Beamten Adolf Eichmann, dem Referat II-112 des Sicherheitsdienstes der SS koordiniert wurde.

Die von Adolf Eichmann in Wien eingeübte Politik der Vertreibung, die schließlich zu einer akribisch beamtenhaft durchgeführten industrielle Massenvernichtung mündete, wurde angesichts der „Erfolge“ der Eichmann-Männer auf das gesamte Reichsgebiet ausgedehnt.

Diese Entwicklung und die aussichtslose Lage der jüdischen Institutionen, die in verzweifelten Versuchen einer taktischen Zusammenarbeit mit den Behörden versuchten, möglichst viele Menschen zu retten und dabei zu „Instanzen der Ohnmacht“ wurden, wird in Rabinovics Buch detailiert beschrieben.

Die Strategie der NS-Behörden, jüdische Institutionen — um jüdische Menschen retten zu können — zu zwingen, andere Jüdinnen und Juden selbst für den Abtransport in die Konzentrationslager selektieren zu müssen, ging schließlich nach 1945 erneut auf, als jüdische Kollaborateure, die unter ständiger Bedrohung ihres eigenen Lebens, dieses durch eine Zusammenarbeit mit den Nazis retten wollten, erneut wesentlich strenger bestraft wurden als die eigentlichen Täter, die sich oft auf „Befehlsnotstand“ berufen konnten.

Doron Rabinovici:
Instanzen der Ohnmacht
Wien 1938 – 1945, Der Weg zum Judenrat

Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main, 2000

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2000
Nummer 4, Seite 16
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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