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Stefan Meretz
Immaterial World

Information

Nach dem Logischen (Streifzüge Nr. 43/2008) und dem Allgemeinen (Nr. 44/2008) soll es nun in der kleinen Serie über Grundbegriffe der „immaterial world“ um die Information gehen. Man sollte annehmen, dass die Informatik die berufene Disziplin ist, eine genaue Fassung des Begriffes zu liefern, handelt es sich bei der Information doch um jenen Begriff, der Informatik als Wissenschaft konstituierte. Dem ist jedoch nicht so.

In der Informatik und verwandten Disziplinen wetteifern einige Dutzend Ansätze um alleinige Geltung. Die Lage ist so verwirrend, dass sich die bundesdeutsche „Gesellschaft für Informatik“ auf eine bloß pragmatische Definition zurückgezogen hat: Information ist das, was wir auf dem Computer verarbeiten. – Aus Platzgründen muss ich die Kritik der gängigen Informationsauffassungen hier auslassen und komme daher gleich zur Skizze eines aus meiner Sicht angemessenen Begriffs der Information.

Information ist nichts Dingliches [oder: kein Ding], sondern stets eine Beziehung, ein Verhältnis zwischen einem Informanten und einem Informierten. Nur in diesem Verhältnis existiert die Information, oder noch deutlicher: Sie besteht nur aus diesem. Streng genommen ist also die Rede von einem „Etwas“ als Information unzureichend. Aber in Verhältnissen zu sprechen ist schwierig. Es sei im Folgenden versucht.

Etwas ist dann ein Informant, wenn es das zu Informierende informiert. Das zu Informierende wird dann informiert – die Information wird also realisiert bzw. etwas ist tatsächlich ein Informant –, wenn aus der Information für den Informierten etwas folgt. Eine Folge kann eine Aktivität oder ein Prozess sein, der umgesetzt wird, wenn die Information vorliegt, wenn also die Beziehung von Informant und Informiertem realisiert wird.

So hat eine Gensequenz die Synthese eines Proteins zur Folge, die allerdings nur durch eine entsprechende Biomaschinerie der Proteinsynthese realisiert werden kann, die die Gensequenz liest und in Synthese-Prozesse umsetzt. Die Information besteht also nur im Verhältnis von Gensequenz und korrespondierender biotischer Proteinsynthese-Maschinerie. Ein isolierter Genbaustein hingegen ist bloße chemische Struktur, aber kein Informant und damit keine Information.

Der Verhältnis-Charakter der Information wurde etwa beim Human Genom Project „übersehen“, als man nach der kompletten Sequenzierung des menschlichen Erbgutes feststellte, dass man trotz vollständiger „Information“ noch gar nichts wusste, da die jeweils zuständigen und zugeordneten Syntheseprozesse im Dunkeln lagen. Schnell trat zu Tage, dass die Zuordnungen von Informant und Informiertem wesentlich komplexer sind als bloße Eins-zu-eins-Abbildungen.

Eine Information hat also drei Bestandteile: Informant, Informiertes, Folge. Die Folge ist nun nicht als bloße Wirkung aufgrund einer Ursache zu verstehen, sondern als Anstoß, der eine ganze Kette von weiteren Prozessen auslöst. Diese Prozessketten treten nicht zufällig auf, sondern sind systematisch mit der Information verbunden. Sie dienen auch der Reproduktion des Dreiecks von Informant, Informiertem und Prozessfolge. Solche Formen strukturidentischer Selbstreproduktion sind ein notwendiger Bestandteil biotischer Prozesse, also des Lebens.

Daraus folgt, dass Formen nicht-biotischer Realität keine Information kennen, da sie keine Informant-Informiertes-Prozessfolge-Verhältnisse bilden können. Ein Stein „informiert“ keinen zweiten Stein, auf den er fällt, selbst wenn danach eine Lawine abgeht. Ursache-Wirkungs-Relationen sind kontingent und nicht systematisch und nicht selbstreproduktiv.

Information ist also an das Leben gebunden – eine Information, die zumeist bestritten wird. So wie sich das Leben historisch ausdifferenziert hat, so auch die Information. Als weitere qualitative Entwicklungsstufen können hier nur kurz benannt werden: das Psychische als signalvermittelte Lebenstätigkeit; das Individualgedächtnis als Speicherung von Individuum-Umwelt-Relationen; das Soziale als Informanten-Informierte-Beziehungen zwischen (tierischen) Individuen; das Gesellschaftliche als hergestellte Vermittlungsstruktur zwischen Mensch und Welt.

Auf der Stufe der signalvermittelten Lebenstätigkeit, also des Psychischen, wird aus der Folge die Bedeutung als Aktivitätsrelevanz. Das Informationsverhältnis wird damit erweitert: Ein Signal oder Informant wird als Bedeutung nur dann realisiert (und also zur Information), wenn sich der Organismus in einem bedeutungsbereiten Zustand befindet. Zwischen Organismus und Umwelt-Signal tritt nun als weitere Vermittlungsinstanz der innere Zustand – gefasst als Emotionalität – hinzu.

Über die weiteren Stufen der Entwicklung lässt sich nun zeigen, dass die Vermittlungsdistanz und die inhaltliche Vermittlungskomplexität der Information systematisch zunimmt. Auf menschlich-gesellschaftlichem Niveau schließlich werden die Bedeutungen (mithin Informationen) nicht bloß vorgefunden, sondern in gesellschaftlicher Kooperation hergestellt. Bedeutungen werden so „in“ den Dingen vergegenständlicht und verweisen aufeinander. Ungegenständliche Symbolsysteme entstehen, die auf die hergestellten Bedeutungen verweisen und sich schließlich ihrerseits (als Sprachen, Mathematik, Ideologien etc.) historisch verselbstständigen.

Verarbeiten nun Computer Informationen? Nein, sie operieren ausschließlich auf der Ebene von Zeichen und können die Ebene der Information nicht erreichen. Sie können nur die Rolle des Informanten einnehmen, der den Nutzer dann informiert, wenn das Ergebnis diesem etwas „sagt“. Auch hier wird die Information nur im Verhältnis von Computer-Output und Nutzer realisiert.

Entwickelt sich der Kapitalismus zu einem informationellen Kapitalismus? Jeder Kapitalismus basiert wie jede andere gesellschaftliche Form auf Informationen. Insofern präzisiert ein zusätzliches Prädikat den besonderen Charakter der gegenwärtigen Entwicklungsetappe des Kapitalismus nicht. Allerdings verändert sich die Rolle der Nutzung und Verwertung von Informationen qualitativ: Waren die Informationen zuvor Teil der alltäglichen Vermittlungsverhältnisse, so werden diese nun separiert, privatisiert und kommodifiziert – sei es in Form von Beratung (die richtigen Informationen an der richtigen Stelle) oder von digitalen Informanten (Software, Musik etc.) als privatisierte Universalgüter.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2009
Heft 46, Seite 38
Autor/inn/en:

Stefan Meretz:

Geboren 1962. Berliner. Informatiker. Schwerpunkte: Freie Software und Technikentwicklung. Aktiv u.a. bei Oekonux und Wege aus dem Kapitalismus; „Traforat“ der Streifzüge.

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