Zeitschriften » FŒHN » Heft 18
Markus Wilhelm

In dieser Demokratie entscheidet die Mehrheit des Geldes

Die Macht der Großkapitalisten muß freilich breiter abgestützt werden als nur auf ein paar Parteifunktionäre und etwas Regierungspersonal. Um diese Macht zu wahren, bedarf es der Absicherung durch die Medien, der Beihilfe durch die Kirche, der Zuhilfenahme des gesamten Staatsapparates.
Das bestehende Unrecht braucht, um bestehen zu können, massiven Schutz. Stell dir vor, wir hätten alle das gleiche Auskommen, hätten alle angemessene Wohnungen, alle entsprechenden Anteil an politischen Entscheidungen usw. — wie wenig medialer, klerikaler, staatlicher Aufwand wäre da nötig! Aber reden wir nicht von morgen und von wäre, reden wir von heute und von ist.
Über Ausführen und Abfüttern von Journalisten auf Spesenrechnung der Industriellenvereinigung war allerhand im vorigen Heft zu lesen, ebenso über Redakteure, die ‚Honorar für journalistische Mitarbeit‘ von den Industriellen beziehen und vieles andere mehr. Wundert es, daß die Industriellenvereinigung Jahr für Jahr den Ehrenpreis für das ORF-Skirennen spendiert? Wundert es, daß der Meinungsindustrielle J. St. Moser (Tiroler Tageszeitung u.a.) Mitglied der Industriellenvereinigung ist und dort im Beirat des Präsidiums hockt — und die TT so ausschaut? Wundert es, daß die VÖI sich einerseits vom Kurier den Redakteur Krejci geholt hat und andererseits den Sekretär ihres Präsidenten Igler, G. Laudon, dort als Geschäftsführer eingesetzt hat, daß in jener Zeitung heute ein Herr Th. Faulhaber, der aus der Presseabteilung der VÖI kommt, und ein Herr C. Lenhardt, der aus der Stabsstelle Generalsekretariat der VÖI kommt, schreiben? Wundert jemanden, was in den Zeitungen steht oder was nicht? Wundert jemanden, daß in über tausend mit Skandälchen randvollen Profil-Nummern noch kein wahres Wort über die Industriellenvereinigung gestanden ist? Nach einer vom Sekretär des VÖI-Präsidenten, G. Laudon, angefertigten und unterzeichneten Notiz gibt es zwischen der Industriellenvereinigung und dem Profil ein ‚Gentlemen’s Agreement‘ (zu deutsch: Gepackel), ‚durch das die VÖI (Vereinigung Österreichischer Industrieller) aus dem Schußfeld von Profil-Recherchen herausgehalten wird‘ (AZ, 3.2.81).

Um ihre Besitzstände zu sichern, braucht es das alles. Und es braucht noch viel mehr, siehe Heft 17 und siehe hier: Die Zuneigung des Großkapitals zu den Kirchenfürsten hat weniger mit der dadurch im Jenseits erhofften Vergebung seiner Räubereien zu tun als mit der erhofften und erhaltenen Unterstützung und Rechtfertigung seiner Räubereien im Diesseits. R. Stecher, Bischof von Innsbruck, vor der ‚Vereinigung Tiroler Schotter-, Beton- und Transportbetonwerke‘: ‚Eine menschengerechte Wirtschaft braucht den Unternehmer.‘ — ‚Es kommt die Stunde des Unternehmers!‘ — ‚Der Unternehmer ist ein Beruf, der unabdingbar ist für den Aufbau einer Welt mit Lebensqualität.‘ (Tirols Wirtschaft, 25.9.92)

Wir wollen die Unterstützung des Klerus durch die Industriellen als Dank für die Unterstützung der Industriellen durch den Klerus nicht nur platt feststellen, sondern auch ein wenig illustrieren. Wenn die Plansee Werke dem evangelischen Pfarrer von Reutte zum Einstand 50.000 Schilling zukommen lassen, so darf sich die Fabrikantenfamilie erwarten, daß er ihre Lohnhackler mit einigem Erfolg auf eine Zeit vertröstet, wo sie bereits im Erdacker verfaulen.

Wenn der Swarovski-Prokurist der Industriellenvereinigung regelmäßig empfiehlt, an verschiedene kirchliche Stützpunkte in der Swarovski-Region ‚Zahlungen durchzuführen‘, so ist auch das eine kluge Investition in die Zukunft des Unternehmens. Ganz bestimmt wird der Herr Pfarrer von Wattens, der z.B. im September 1977 mit 48.000, in den Monaten Oktober und November 1977 und seitdem viele weitere Male mit jeweils 24.000 Schilling auf einen Wink Swarovskis hin gesponsert wurde, den Wattenern vom Swarovskiarbeiter-Kind bis zum Swarovskipensionisten einschärfen, daß sie nicht zu begehren haben ihrer Nächsten Güter, z.B. die zusammengerafften Bauerngüter der Swarovskis in Gnadenwald. Wenn dem Generalvikar der Diözese persönlich immer wieder im Abstand von einigen Wochen im VÖI-Büro 12.500 Schilling in die Hand gedrückt werden, darf mit Erfolg erwartet werden, daß diese nicht auf die Sünden der heimischen Konzernherren zeigt.

Die Religion, die uns in den Kopf gesetzt worden ist, noch bevor wir selbst zu denken angefangen haben, das ist schon wie ein Werksschutz in unserem Kopf!
Die Industriearbeiterinnen und Industriearbeiter bezahlen auch hier ihre Niederhaltung mit ihrer eigenen Hände Arbeit. Den Industrieherren ist diese religiöse Einnebelung so wichtig, daß die VÖI seit 1957 den katholischen und evangelischen Klerus sogar mit der Zeitschrift ‚Informationen für Theologen‘ und einem sogenannten ‚Pfarrerbrief‘ bearbeitet!

Hundert Blaue für seine Exzellenz. Präsident und Geschäftsführer der Industriellenvereinigung bestätigen die Scheckübergabe.

Wie ist es möglich, daß der größte Teil der Bevölkerung dazu gebracht werden kann, für einen läppisch kleinen zu arbeiten, z.B. 3000 Plansee-Arbeiter in Reutte für die Familie Schwarzkopf. Mit religiöser Einschüchterung allein geht’s nicht und mit Steuerung durch die Massenmedien. Es braucht eine vieljährige Schule, die schon die Kinder in diese Verhältnisse einführt, es braucht massig Gesetze, die diese Mißordnung stützen (Politik), und es braucht Exekutive, die über deren Einhaltung wacht: Es braucht Staat, viel Staat.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1993
Heft 18, Seite 18
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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