Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2002 » Nummer 2
Robert Foltin

Immaterielle Arbeit, Empire, Multitude, neue Begrifflichkeiten in der linken Diskussion. Zu Hardt/Negris „Empire“

Das Buch „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri ist im Jahr 2000 erschienen, geschrieben wurde es in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, zwischen dem Golfkrieg 1991 und der Bombardierung Jugoslawiens 1999. Im Jahr 2001 wurde das Buch zu einem Bestseller („Empire war ein Schläfer. So heißt im amerikanischen Verlagsjargon ein Buch, das lange in den Regalen liegt – und plötzlich die Bestsellerlisten stürmt.“ NZZ 10./11.11. 2001), inzwischen wird dieses Buch nicht nur in der Linken diskutiert, sondern es wird im akademischen Bereich rezipiert und selbst Konservative sehen sich gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. [1]

Es gibt verschiedene Erklärungen für den Erfolg dieses Buches. Es mag daran liegen, dass ein amerikanischer Literaturprofessor gemeinsam mit einem Theoretiker der italienischen „Autonomen“, der noch dazu des Terrorismus beschuldigt wurde, ein Buch schreibt, das das europäische Wissen von Spinoza über Marx bis zur Postmoderne versammelt; wo radikales Denken mit europäischer Wissenstradition und angloamerikanischem Wissenschaftsstil verbunden wird. Ein zusätzliches Argument ist, dass in der globalen Protestbewegung ein Hunger nach Theorie herrscht, der auf eine fundierte, aber auch begeisternde Weise befriedigt wird. Im folgenden werde ich einige Grundzüge der Theorie vorstellen, auf denen dieses Buch aufgebaut ist.

Die Theorie, auf die sich „Empire“ bezieht, wird oft als „Postoperaismus“ bezeichnet. Sie bezieht sich auf eine Strömung im Italien der sozialen Bewegungen in den Sechziger- und Siebzigerjahren, die als Operaismus [2] bezeichnet wurde. Die Grundthese (wo sich diese Theorie von den anderen linken Strömungen unterscheidet) besteht darin, dass die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse als der Motor der kapitalistischen Entwicklung gesehen werden. Im Zusammenhang mit den damals aktuellen Kämpfen wurden auch Veränderungen der kapitalistischen Organisation beobachtet und zwar in dem Sinne, dass sich die Fabrik in die Gesellschaft ausdehnt, aber auch die Gesellschaft in die Fabrik eindringt. Ein Analysekriterium, mit dem das erfasst wird, ist das der realen Subsumption (Unterordnung) im Gegensatz zur formalen Subsumption. Formale Subsumption bedeutet Unterordnung nichtkapitalistischer Produktionsweisen unter den Kapitalismus, reale die Organisation der Ausbeutung durch den Kapitalismus. Die vollkommene Unterordnung aller gesellschaftlichen Teile ist typisch für das Empire, die aktuell sich entwickelnde Herrschaftsstruktur des Kapitalismus. Die Nationalstaaten haben einen großen Teil ihrer Funktion zur Integration sozialer Gruppen und Bewegungen verloren, sodass eine neue Konstitution zur Organisation von Unterdrückung und Ausbeutung notwendig wurde. Diese ist informeller, internationaler und netzwerkartiger als die nationalstaatliche Organisation. Die Entwicklung Richtung Empire ist verbunden mit einer Veränderung der Arbeitsverhältnisse. Im Fordismus ist die industrielle Fabrikarbeit im Zentrum gestanden. Diese hegemoniale Funktion hat jetzt die immaterielle Arbeit übernommen, die Produkte (und Waren) dieser Arbeitsverhältnisse sind Wissen und Kommunikation, aber auch Gefühle und Beziehungen. Diese Veränderungen werden manchmal als Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft beschrieben, was aber die neuen Arbeitsverhältnisse nur begrenzt erfasst. Was die Entwicklung der Gesellschaft, den Kapitalismus in Richtung Empire vorangetrieben hat, ist die Vielfalt der Wünsche und Bedürfnisse der Menschen, die sich in (individuellen und kollektiven) Revolten ausdrücken und von Negri/Hardt als Multitude [3] bezeichnet werden. Dieser Begriff wird in Abgrenzung zu nationalistischer oder sonstiger Identitätsbildung, aber auch zum Begriff der ArbeiterInnenklasse der traditionellen sozialistischen und kommunistischen Parteien festgelegt. Der Kapitalismus, das Empire kann nur weiterexistieren, indem es die emanzipatorischen Elemente der Kämpfe der Multitude in sich aufgenommen hat. Einerseits wird erkannt, dass alle Kämpfe ins herrschende System integriert werden, andererseits wird immer offensichtlicher, dass das System vom Wissen, von der Kreativität, den Gefühlen und der Lebendigkeit der Multitude abhängig ist. Die Multitude ist Teil des Empire, und zugleich revoltiert sie immer dagegen. Um die herrschenden Strukturen zu überwinden, sollte jeder Widerstand gleich auch als Aufstand und konstituierende Macht gedacht werden. Unter konstituierender Macht sind Elemente einer konkreten Utopie zu verstehen, die sich in den Auseinandersetzungen der Multitude mit dem Empire, mit dem Kapitalismus herausbilden.

Operaismus

In Abgrenzung von der traditionellen Linken, aber auch in Zusammenhang mit so genannten „Arbeiteruntersuchungen“ wurde von italienischen Theoretikern eine neue Interpretation der Texte von Marx gesucht. [4] Dabei wurde die ArbeiterInnenklasse als Subjekt ins Zentrum gestellt im Gegensatz zu anderen marxistischen TheoretikerInnen, die eine Weiterentwicklung des Kapitalismus nur als inneres Moment — in der Konkurrenz der KapitalistInnen — des Kapitals sehen. Als eine Initialzündung kann ein Artikel von Panzieri 1961 (Panzieri 1985) über die Beziehung der ArbeiterInnen zur Maschine gelten. Dabei wird die Unterordnung der lebendigen Arbeit (die menschliche Arbeitskraft) unter die tote (das konstante Kapital, die Maschine) beschrieben, der Einsatz der Maschinerie gegen die (lebendige) Arbeit [5] (vgl auch Grundrisse S. 582-592). Mario Tronti erweitert in seiner Analyse den Blickwinkel auf die Entwicklung der Produktivkräfte im Allgemeinen (Tronti 1974). Die Verkürzung des Arbeitstages wird als Ergebnis der Arbeitskämpfe wie der sozialen Auseinandersetzungen im Allgemeinen beschrieben (Tronti 1974, S. 165ff ,vgl. MEW 23, S. 245-330): Wenn der Arbeitstag verkürzt wird, der Profit für die KapitalistInnen aber gleich bleiben soll, kann das nur durch die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit passieren. Insofern ist die logische Folge sowohl die Umstrukturierung der Organisation der Arbeit wie auch der Einsatz von neuen technologischen Möglichkeiten. So werden die Klassenkämpfe als der Motor der kapitalistischen Entwicklung interpretiert (Tronti 1974, S. 173). Solange der Kapitalismus (und der Klassenkampf) besteht, stellt sich die Frage von Sieg und Niederlage in einer Schlacht nicht. Eine Niederlage der ArbeiterInnenklasse bedeutet auch eine Niederlage für das Kapital, weil es in Passivität verharrt, und ein Sieg der ArbeiterInnenklasse ist eigentlich eine Niederlage, weil das Kapital die Produktivkräfte weiterentwickelt und die Ausbeutung verbessert (Tronti 1974 S. 174). Die Entwicklung der Produktivkräfte, getrieben von der ArbeiterInnenklasse, führt in der Konsequenz zur Selbstauflösung des Kapitals und zur Befreiung der Arbeit. „Als das rastlose Streben, nach der allgemeinen Form des Reichtums treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen der Notwendigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint, in der das Naturnotwendige in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist.“ (Grundrisse S. 231). Die Produktivität der lebendigen Arbeit, die zuerst dem Kapital äußerlich ist, geht sukzessive auf das Kapital über. „Die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit wird als Arbeiterklasse gesellschaftliche Produktivkraft des Kapitals. Die Arbeiter treten als Arbeiterklasse ins Kapital ein und werden als solche auf ein Teil des Kapitals reduziert. Das Kapital aber hat jetzt seinen Feind im Inneren.“ (Tronti 1974, S. 107). Der Antagonismus der ArbeiterInnenklasse drückt sich jetzt in totaler Separation aus, im „Kampf gegen die Arbeit“ als Streik, Sabotage, mit individuellen Formen der Arbeitsverweigerung. Im Fordismus wurde erkannt, dass die Entwicklung des (Gesamt)kapitals von diesem Antagonismus abhängig ist. Die Nicht-Arbeit wird in der Form des Konsums in die Form des geordnten Klassenkampfes einbezogen: hohe Löhne, Produkte, die sich die ArbeiterInnen leisten können, „New Deal“ (vgl. unten).

Krisen sind Antworten des Kapitals auf Kampfzyklen der Multitude. Die EinzelkapitalistInnen haben nur ein Interesse an der Profitmaximierung, darum ist die erste Antwort des kapitalistischen Staates, der als Gesamtkapitalist agiert, die Repression. Erst in der Krise und durch die Krise ist es für den Gesamtkapitalisten in Form des Staates möglich, die gesamtgesellschaftlichen Strukturen zu verändern, so dass die Ausbeutung auf einer neuen Ebene funktioniert (über die Rolle des Staates bei der Entwicklung des Sozialstaates als Antwort auf den Kampfzyklus, der in den weltweiten Kämpfen und Auseinandersetzungen nach der Oktoberrevolution 1917 gipfelte vgl. Negri 1972a, 1972b, 1973, 1977). Von den operaistischen Theoretikern wurde der Marx´sche Satz von der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen ernst genommen. [6]

Was Tronti und andere (z.B. auch Toni Negri) im Diskurs der operaistischen Linken für die Beziehung zwischen ArbeiterInnenkämpfen und Kapital beschreiben, lässt sich auf andere gesellschaftliche Entwicklungen ausweiten. In diesem Zusammenhang wird auch der ambivalente Charakter der kapitalistischen Umstrukturierungen stärker betont: Es geht nicht nur um die Repression durch die Umstrukturierung. Um die ArbeiterInnen (oder die Multitude) zu disziplinieren und zu kontrollieren, ist es auch notwendig, die emanzipatorischen und positiven Elemente der Kämpfe aufzunehmen, das was im der linksradikalen Jargon als „Reformismus“ bezeichnet wird. [7] Im folgenden werde ich Beispiele für soziale Bewegungen und die kapitalistische Antwort darauf bringen.

Die Oktoberrevolution 1917 in Russland, verbunden mit den Kämpfen und revolutionären Bewegungen in der ganzen Welt, oft als „kommunistische Bedrohung“ bezeichnet, hat zur Anerkennung der ArbeiterInnenklasse (Multitude) als Subjekt geführt, zu einen „New Deal“ in den Metropolen des Westens (vgl Empire S. 240-244, aber z.B. auch Negri 1972a). In der Zwischenkriegszeit war der Kapitalismus in der Krise, ist an die Grenze seiner Möglichkeiten gekommen. Die egoistischen Einzelinteressen der Kapitalien führten zur Depression nach 1929 und eine Überwindung der Krise durch eine verschärfte Ausbeutung war durch die Stärke der ArbeiterInnenbewegung und der sozialrevolutionären Aufstandsbewegungen von den USA und Deutschland über China bis Spanien unmöglich. In Deutschland und Italien führte das zum Nationalsozialismus und Faschismus, nur die USA führten den „New Deal“ ein. [8] Die Anerkennung der Subjektivität der Klasse drückte sich in der Anerkennung sozialer Kräfte und durch deren Teilnahme (besonders der Gewerkschaften) an staatlichen Institutionen aus, aber auch in wirtschaftlichen Maßnahmen und Regulierungen: Die ArbeiterInnen wurden als KonsumentInnen anerkannt, Hochlohnpolitik und Wohlfahrtsstaat erhöhten die Nachfrage nach Produkten. Nach dem Sieg über die Achsenmächte wurde der „New Deal“ nach Europa und Japan getragen und bildete dort die Basis für das Wirtschaftswunder der 50er Jahre. Die weltweite Umstrukturierung in Richtung Sozialstaat (und Empire) wurde erst nur durch Krise und Krieg möglich. [9] Dieses Regime des modernen Wohlfahrtsstaates besteht aus der Trinität von Taylorismus, Fordismus und Keynesianismus. Taylorismus ist die Organisation der Arbeit durch die Aufteilung der Arbeitsschritte, typischerweise am Fließband. Der Fordismus beruht auf der Erzeugung von Massenprodukten (meist Konsumgüter wie Autos oder Fernseher), die sich die „Massen“ leisten können und der Zahlung hoher Löhne. Der Keynesianismus ist die makroökonomische Theorie, die die Gesellschaft sowohl innerhalb der Staaten wie auch international reguliert. In der Konferenz von Bretton Woods wurde ein internationales Währungsregimemit dem Dollar als Leitwährung festgelegt, um ein Chaos durch die Egoismen der Einzelkapitalien zu vermeiden. Dieser „New Deal“ als Antwort auf Klassenkämpfe und kommunistische Bedrohung ist ambivalent. Er enthält die positiven Elemente der geregelten Arbeitszeiten, der hohen Löhne und eine relativ gesicherte Existenz eines Großteils der Bevölkerung (der Metropolen). Dieses Regime reguliert aber nicht nur das Kapital, sondern es diszipliniert auch die Menschen: 40 Stunden Wochenarbeit bedeutet Stechuhr, Taylorismus ist die Zerlegung der Arbeit in die Einzelteile, Sozialleistungen werden nur unter bestimmten Bedingungen (mit dem „sanften“ Druck zur Arbeit) vergeben. In der Gesellschaft bestehen Institutionen, die eine Normalisierung durchsetzen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung und die patriarchale Unterdrückung funktioniert durch die Institution Kleinfamilie, es besteht ein sozialer Zwang für Männer zur lebenslangen Arbeit, für Frauen zum Hausfrauendasein, es gibt einen Druck in Richtung einer normalisierten Sexualität. Die Dominanz dieser disziplinierenden Institutionen bedeutet aber nicht, dass die Wünsche nach einem befreiteren Leben der Multitude verschwunden wären, sondern nur, dass sie in die Unsichtbarkeit und an den Rand gedrängt wurden.

Gegen diesen Zwang der Disziplinargesellschaft entsteht eine Reihe von Revolten, die in den Aufständen von 1968 einen Höhepunkt gefunden haben (vgl. Empire S 260-276). Unter Ausnützung des Wohlfahrtsstaates ist es den ArbeiterInnen gelungen, die Löhne in die Höhe zu treiben, einerseits in einem organisierten Rahmen durch Gewerkschaften und linke Parteien, andererseits durch Arbeitsverweigerung (von Streiks bis zu individuellem Widerstand z.B. durch Krankfeiern). Die Vollbeschäftigung erlaubt auch die Erhöhung des Druckes mit der Drohung eines Arbeitsplatzwechsels. Zur gleichen Zeit geht der Kolonialismus der alten europäischen Staaten zu Ende und die Kämpfe und der Widerstand im Trikont verhindern, dass (Lohn)-Konflikte durch imperialistische Maßnahmen abgeschwächt werden, Konflikte können nicht nach außen verlagert werden. Diese Auseinandersetzungen fallen mit dem Widerstand gegen die disziplinäre Ordnung im Allgemeinen zusammen. In den Metropolen sieht ein großer Teil der Jugendlichen keinen Sinn mehr darin, 40 Stunden sein Leben lang zu arbeiten und dann in Pension zu gehen. Sexualität wird „entdeckt“ und außerhalb der Norm gelebt. Frauen sind immer weniger bereit, in normalen Familienbeziehungen zu leben und ihre Männer zu ernähren und dafür zu sorgen, dass sie ordentlich und sauber in die Arbeit gehen können. Die politisch linken und feministischen Bewegungen sind dabei nur die sichtbare Spitze eines allgemeinen Angriffs der Subjektivität auf die damalige kapitalistische Gesellschaft. Die Antwort des Systems ist zwar in einer Anfangsphase die Unterdrückung der aktiven Minderheiten, aber im Laufe der nächsten Jahrzehnte eine massive Umstrukturierung der gesellschaftlichen Strukturen und der Arbeitsverhältnisse. Viele Projekte, die aus dem subjektiven Wunsch nach Veränderung gegründet wurden, z.B. Alternativbetriebe und feministische Initiativen werden von staatlichen Institutionen aufgegriffen und bestätigen als Institutionen die Veränderungen in der Gesellschaft. Damit wird die Ausbeutung und Unterdrückung perfektioniert. Der Wunsch nach freier Arbeitszeiteinteilung wird zur flexiblen Arbeitszeit, der Wunsch nach Selbstverwaltung wird zur Selbstorganisation in Projektarbeit, die Kontrolle durch MeisterInnen und VorarbeiterInnen wird in selbstkontrollierte Teamarbeit umgewandelt. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung von Kollektiven und Individuen hat sich in „freies“ UnternehmerInnentum verwandelt. War in der (fordistischen) Disziplinargesellschaft die „affektive“ Arbeit (vgl. unten) der sozialen, emotionellen und kommunikativen Zuwendung zu einem großem Teil in der Institution der Familie konzentriert, wird das jetzt in die Gesellschaft verlagert, was die geschlechtliche Verteilung zwar aufweicht, aber im Großen und Ganzen nicht ändert. [10] Die Bewegung vor und nach 1968 und die darauf folgende feministische Bewegung sind die Quelle für die Revolution in Richtung der Strukturen, die im herrschenden Diskurs „Dienstleistungsgesellschaft“ genannt werden. Die Durchsetzung der „immateriellen Arbeit“ und die (teilweise) Auflösung der Fabrik in die Gesellschaft (reale Subsumption) ist die kapitalistische Antwort auf die Revolte gegen die Disziplinargesellschaft.

Reale Subsumption und Biomacht

Anhand von Beispielen habe ich dargestellt, dass die Entwicklung des Kapitalismus in Richtung Empire durch die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse/Multitude vorangetrieben wird. Ein weiteres Kennzeichen des Kapitalismus ist seine Tendenz zur sukzessiven Ausbreitung, zuerst in alle Regionen der Erde, dann aber auch in alle gesellschaftlichen Formen, die neben der kapitalistischen Ausbeutung existieren (vgl. Empire S.220-234). [11] Zu Beginn des 20. Jh war die ganze Welt unter den imperialistischen Mächten aufgeteilt, revolutionäre TheoretikerInnen (z.B. Lenin oder Luxemburg) hielten die kapitalistische Produktionsweise bereits für gescheitert, was aber offensichtlich nicht der Fall war. Zwei Erklärungen gibt es dafür (vgl. Empire S. 271-272): (A) Der Imperialismus hat zwar alle Territorien aufgeteilt, aber noch keineswegs alle Möglichkeiten der Ausbeutung von Arbeitskraft und der Natur ausgenützt. Erst jetzt seien die Grenzen der Ausbeutung der Natur erreicht [12] (B) Die Expansion des Kapitals erfolgt nach innen, was durch den Übergang von der formalen zur realen Subsumption erklärt wird. Die soziale und technologische Organisation des Kapitals erobert alle Bereiche der Gesellschaft: Wurden in der industriellen Revolution maschinengemachte Konsumgüter und Maschinen erzeugt, so gibt es jetzt maschinenerzeugte Rohstoffe und Nahrungsmittel. Natur und Kultur werden von der Maschine erzeugt. [13]

Die Marxsche Intuition der Unterscheidung zwischen formaler und realer Subsumption bezieht sich auf die Form der Ausbeutung in Zusammenhang mit der Entstehung kapitalistischer Produktionsverhältnisse (Negri/Hardt 1997, S. 77-78). Formelle Subsumption bedeutet die Unterordnung eines Arbeitsprozesses unter das Kapital, ohne die Zerstörung der existierenden (meist vorkapitalistischen) Produktionsverhältnisse. Das Kapital fungiert nur als Verwalter oder Aufseher, ist eine „importierte fremde Kraft“ (Negri/Hardt 1997, S. 78). Bei der realen Subsumption der Arbeit unter das Kapital werden die Bedingungen nichtkapitalistischer Produktionsweisen zerstört, die Arbeitsverhältnisse werden durch das Kapital selbst hervorgebracht. Beispiele für formelle Subsumption sind HandwerkerInnen oder freie BäuerInnen, die aber auf dem kapitalistischen Markt existieren müssen und dadurch indirekt zur Produktion von Reichtum der KapitalistInnen beitragen. Werden ihre Produktionsgrundlagen zerstört und werden sie dann gezwungen, als freie ArbeiterInnen auf Plantagen oder in Agrarfabriken zu arbeiten, ist die Arbeit dem Kapital real untergeordnet. Marx hat die reale Subsumption nur in der großen Industrie gesehen, in einem kleinem Teil der damaligen Ökonomie. Zu Beginn der 20. Jahrhunderts hat allerdings das Proletariat in einem Teil der industrialisierten Welt bereits eine dominierende Stellung. Aber erst in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts sind sowohl ein Großteil der feudalen Strukturen wie auch der bäuerlichen Produktionsweisen verschwunden und auch im Trikont massiv reduziert. [14] In der Phase der formalen Subsumption erscheint das Kapital außerhalb der lebendigen Arbeit, es ist die äußere Gewalt und wird in der Zirkulationssphäre gesehen. Für die antikolonialistischen Revolutionäre, die sich meist auch KommunistInnen nannten, ist es so erschienen, als ob die Arbeit am Gebrauchswert nur vom Kapital befreit werden müsste und alles wäre gut (vgl. Foltin 2002, S. 47). Die reale Subsumption erzeugt ein anderes Bild: die lebendige Arbeit ist in das Kapital integriert, sie ist Teil des Kapitals, das wie eine Maschine funktioniert, die die Arbeitskraft organisiert. Der antagonistische Kampf findet dort als Kampf gegen die Arbeit, als Separation statt.

Die Unterordnung gesellschaftlicher Formen lässt sich aber nicht auf die Lohnarbeit beschränken. Im Fordismus steht die industrielle Fertigung unter Fabrikdisziplin im Zentrum. Daneben besteht das „Leben“, das in Nicht-Arbeits-Strukturen organisiert ist, das, was als Zivilgesellschaft bezeichnet wird, soziale Zusammenhänge außerhalb der Fabrik (Vereine, soziale Treffpunkte in Lokalitäten), Familien, aber auch Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften und sonstige Interessenvertretungen. Über diese Zivilgesellschaft wird die Verbindung zwischen Kapital/Fabrik und Staat hergestellt. Der bürgerliche Staat hat nicht nur die Aufgabe des Gesamtkapitalisten, sondern die bürgerliche Demokratie hat auch die Aufgabe, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen herzustellen und sie so in den (National)staat zu integrieren. Es gibt also eine Trennung zwischen Fabrik und Gesellschaft. „Die bürgerliche Gesellschaft ist also der Ort, an dem sich der Staat als Repräsentant des Allgemeininteresses die seiner Ordnung äußerlichen oder fremden Einzelinteressen unterordnet. In diesem Sinne stellt die zivile Gesellschaft den Raum der formellen Subsumption dar, in dem der Staat die gegenüber seiner Herrschaft fremden gesellschaftlichen Antagonismen vermittelt, diszipliniert und befriedet“ (Negri/Hardt 1997, S. 116). Der neoliberale Diskurs tritt für die Reduktion des Staates ein, in Wirklichkeit ist es aber so, dass die zivilgesellschaftlichen Institutionen verschwinden, weil sie Teil der kapitalistischen und staatlichen Organisation werden. Die reale Subsumption der Gesellschaft unter den Staat ist die Antwort auf die Kämpfe gegen die Disziplinargesellschaft. Die Fabriken werden durch Auslagerungen in Kleinbetriebe bis hin zu Alternativbetrieben aufgelöst. Durch Flexibilisierung dringt auch das „Leben“ in die Fabrik ein. Flexible Arbeitszeiten verhindern, dass die ArbeiterInnen die genormte Arbeitszeit für ihr „Leben“ benutzen. [15] Die Autonomie des Privaten wird aufgelöst (von der Überwachung der Menschen bis in die intimsten Bereiche und der Verwandlung von Intimität in eine Ware in Reality Shows wie Taxi Orange), die Schule wird zu lebenslangem Lernen. Über die Dienstleistungsgesellschaft gewinnt das Kapital Zugriff auf alle Lebensbereiche, über Reproduktionstechnologie reicht der Zugriff bis in die Körper (besonders der Frauen). Das Verschwinden der Zivilgesellschaft drückt sich in der Reduktion der demokratischen Politik auf ein Spektakel aus. Die Bindung von Parteien und anderer Organisationen an bestimmte soziale Gruppen hat aufgehört. Über Meinungsforschung, durch die Massenmedien, über Populismus wird nicht mehr ein Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen gesucht, sondern hauptsächlich werden WählerInnen produziert. Die Politik ist nur mehr Simulation von Politik (Negri/Hardt 1997, S. 131-134).

Die reale Subsumption der Gesellschaft ist verbunden mit der Verschiebung von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft (vgl. Deleuze 1992). Die Machtausübung in der Disziplinargesellschaft funktionierte, indem die Individuen in Institutionen (Schulen, Gefängnisse) festgehalten und geformt wurden, Abweichungen von der Norm wurden ausgeschlossen. In der Kontrollgesellschaft wird im Gegensatz dazu die Subjektivität der Individuen produktiv genutzt. Wurden in der Disziplinargesellschaft die Kommunikation, die Körperlichkeiten, die Gefühle geordnet und gelenkt, werden sie in der Kontrollgesellschaft produziert. Die Organisation der Macht produziert das Leben, sie wird biopolitisch (Empire, S. 24) Ein gutes Beispiel dafür ist die Sexualität: War sie vorher in die Familie, oder zumindest in die Privatheit einer Beziehung eingesperrt und normiert auf die Heterosexualität ohne Varianten., ist jetzt eine Vielfalt verschiedener Praxen möglich und darf auch in der Öffentlichkeit – zumindestens bei bestimmten Anläßen wie der Love Parade – gezeigt (oder zumindest angedeutet) werden.

Das Ziel ist nicht mehr die Disziplinierung, sondern die Ausnutzung der Kreativität und Vielfalt der Multitude. Durch die immaterielle Arbeit wird dieses Kontrollsystem für die Produktion benützt. Es geht darum, dass das Kapital seine Möglichkeiten der Ausbeutung der Arbeit erweitert hat. Es produziert soziale Beziehungen (z.B. Heiratsvermittlungen und SexarbeiterInnen, aber auch das Lächeln der KellnerInnen, in den Büros, in der Werbung), Gefühle (Kultur, Unterhaltung, Freizeit), Kommunikation (Telekommunikation, Seminare und Therapien). Das Kapital verwischt die Trennung von Arbeit und Freizeit. Arbeit wird als Vergnügen definiert, bei der Freizeit ist häufig die Anstrengung wichtig. Das Kapital produziert das ganze Leben, ist eben Biomacht. [16]

Immaterielle Arbeit

Hatten im Fordismus die IndustriearbeiterInnen in der Herstellung von Konsumgütern eine hegemoniale Stellung im Produktionsprozess, hat sich das im Postfordismus in Richtung der immateriellen Arbeit verschoben. Das bedeutet keineswegs, dass die industrielle Fertigung verschwunden ist, es ist nicht einmal so, dass sie zahlenmäßig abgenommen hat, teilweise besteht sie auch noch in den Metropolen, teilweise wurde sie in den Trikont verlagert. Auch die Landwirtschaft und die Gewinnung von Rohstoffen sind durch die Industrialisierung nicht verschwunden, sondern wurden nur abgewertet. Allerdings hat sich in großen Teilen die Produktionsweise in der Landwirtschaft verändert, sie wurde industrialisiert. Die Verschiebung in Richtung immaterieller Arbeit drückt sich in zwei großen Veränderungen aus: Durch die Informatisierung, die sich eben auch in den Fabriken durchsetzt und durch die Verschiebung in Richtung Dienstleistungsgesellschaft: Auch die Produktion von materiellen Gütern wird in Dienstleistungen an den KundInnen verwandelt. Was immaterielle Arbeit ausmacht, ist Kommunikation auf sprachlicher, aber ebenso auf körperlicher, sozialer gefühlsmäßiger etc. Ebene. Wurde im Fordismus die Konsumtion in den Zyklus der Kapitalreproduktion integriert, so integriert der Postfordismus die Kommunikation (Lazzarato 1998b, S. 53).

Die Produkte der Arbeit im Postfordismus sind immer mehr immateriell, eben nicht Schuhe oder Autos, sondern Information, Wissen und Kommunikation, symbolische Verknüpfungen (am Computer), Beziehungen und Gefühle (Spannung, Aufregung, Wohlgefühl). Das „Leben“ selbst wird zum Produkt, wie die Reality Shows und die zukünftigen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin zeigen. Die Voraussetzung und das Resultat der immateriellen Arbeit ist die Produktion und Reproduktion von Subjektivität (Lazzarato 1998b, S. 53) In dieser höchsten Form der kapitalistischen Ausbeutung verliert die Marxsche Unterscheidung von Basis und Überbau an Bedeutung, weil „Leben“, Subjektivität, Gesellschaft und Produktion zusammenfallen. In diesem Zusammenhang wird das im Abschnitt über die reale Subsumption beschriebene Wegfallen der Zivilgesellschaft verständlicher. Es ist keine vermittelnde Instanz mehr nötig, das Leben ist total dem Kapital untergeordnet. Umgekehrt ist das herrschende System viel abhängiger von der lebendigen Arbeit der Multitude.

Hardt/Negri (Empire S. 289-294, vgl. aber auch Hardt 2002) beschreiben drei Aspekte der immateriellen Arbeit. Der erste Aspekt betrifft den Informationsfluss zwischen der Fabrik und dem Markt. Im fordistischen Modell gibt es eine „stille“ Kommunikation mit dem Markt. Es wird eine große Anzahl gleicher Produkte produziert, die dann auf dem Markt abgesetzt werden müssen. Das toyotistische Modell baut auf der Informatisierung der Fabrik auf. Es gibt nicht die Wahl zwischen einem schwarzen Ford T und einem schwarzen Ford T, sondern ich kann einen Toyota in den verschiedensten Formen, Farben und Ausstattungen kaufen. Im Idealfall gibt es keine Lagerbestände, sondern das Produkt wird erst produziert, wenn es der Kunde gekauft hat. Es gibt also in der Fabrik eine Verschiebung weg von der Produktion in Richtung Marketing und Werbung. Entscheidend ist eine schnelle Kommunikation zwischen Produktion und Konsumtion.

Der zweite Aspekt beschreibt die Formen der Arbeit, wo Kommunikation produktiv wird, die mit Symboleingabe in den Computer zu tun haben (Empire S. 290-292, vgl. aber auch Lazzarato 1998a). Immer häufiger wird von Arbeitskräften verlangt, dass sie mit den neuen Informationstechnologien umgehen können. Das betrifft nicht nur Berufe, die direkt mit Computern zu tun haben, sondern auch alle möglichen Jobs, auch die in der industriellen Fertigung. Immer mehr Arbeitsgänge werden dabei direkt zu Informationsverarbeitung. So bedeutet das Auftauchen der immateriellen Arbeit immer mehr auch eine Homogenisierung der Arbeitsvorgänge. Waren früher verschiedene Arbeitsgänge und Werkzeuge notwendig, um z.B. Schuhe oder Autos herzustellen, so handelt es sich jetzt um die gleichen Prozesse der Symboleingabe. Wurde bei früheren Arbeitsformen die menschliche lebendige Arbeit zur abstrakten Arbeit über den Tausch und das Geld, so ist jetzt der Arbeitsvorgang selbst abstrakt, da er nur aus Symbolverarbeitung besteht, ganz egal, ob das Produkt etwas Materielles wie ein Auto ist oder etwas Immaterielles wie ein Lehrgang in Marketing oder das Programm eines neuen Computerspieles. Der Prozess der Informationsverarbeitung schafft einerseit neue kreative Jobs, die auch relativ gut bezahlt sind, z.B. ComputerprogrammiererInnen und WebdesignerInnen, andererseits aber auch eine neue Schicht schlecht bezahlter Kräfte, deren Hauptaufgabe in der Dateneingabe besteht. Gemeinsam ist aber beiden Gruppen, dass die Produkte Information und Symboleingabe sind.

Der dritte Aspekt ist die affektive Arbeit (Empire 292-293, genauer Hardt 2002). „Die affektive Arbeit ist heute nicht nur direkt produktiv für das Kapital, mehr noch, sie bildet die Spitze in der Hierarchie der Arbeitsformen“ (Hardt 2002, S. 1). Ein Beispiel dafür sind die ArbeiterInnen im Gesundheitswesen. Obwohl diese Arbeit körperlich ist, ist das Produkt der Arbeit eben nicht materiell, es ist ein Gefühl der Erleichterung, Wohlbefinden, Zufriedenheit, Entspannung etc. Diese Arbeit ist verbunden mit menschlichem Kontakt. Diese Beziehung muss aber nicht zwangsläufig persönlich sein, sondern kann auch virtuell sein (z.B. in der Unterhaltungsindustrie, wo Filme oder Musikstücke produziert werden). Affektive Arbeit, also menschliche Interaktion und Kommunikation spielt inzwischen in verschiedensten Bereichen eine große Rolle, vom Fast-Food-Betrieb bis zu den FinanzdienstleisterInnen. Selbst in „normalen“ Jobs wird immer größerer Wert auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten gelegt. Es ist klar, dass es diese affekte Arbeit immer gegeben hat, aber außerhalb des Ausbeutungsverhältnisses durch das Kapital und daher „wertlos“. Der Kapitalismus profitierte vorher nur indirekt davon, als diese Bedürfnisse in Institutionen wie in den Familien oder im Kunstbetrieb befriedigt wurden. Jetzt ist die Produktion von Affekten direkt zum Produkt, zur Ware geworden. Das wäre tatsächlich in dem Sinn zu interpretieren, dass das Patriachat zu Ende ist, insofern als der Kapitalismus jetzt identisch mit dem Patriachat ist. Natürlich ist klar, dass der Zerfall der Familie die geschlechtliche Ungleichverteilung der Arbeit, der Einkommen etc. nicht beendet hat, sondern sie nur ins Kapital verschoben wurde. Eine Revolution bleibt notwendig und sie kann nur von der affektiven Arbeit her gedacht werden, sie muss feministisch sein.

Die immaterielle Arbeit bewirkt, dass das Ganze der gesellschaftlichen Verhältnisse produktiv wird (Lazzarato 1998b, S. 63). Damit kommt die kapitalistische Aneignung in Legitimationsprobleme, sie ist abhängig von der Kommunikation, der Kreativität, den sozialen und menschlichen Beziehungen der lebendigen Arbeit. Die Arbeitenden brauchen das Kapital eigentlich nicht mehr. „Gehirne und Körper brauchen andere, um Wert zu produzieren, aber diese anderen werden nicht notwendiger Weise vom Kapital und seinen Fähigkeiten, die Produktion zu orchestrieren, zur Verfügung gestellt. Heute nimmt Produktivität, Reichtum und die Schaffung sozialen Mehrwertes Form an durch die kooperative Interaktivität mit Hilfe sprachlicher, kommunikativer und affektiver Netzwerke. Im Ausdruck der eigenen kreativen Energien scheint uns die immaterielle Arbeit das Potential für eine Art spontanen und elementaren Kommunismus zur Verfügung zu stellen.“ [17]

Ist im Fordismus das Fließband im Zentrum gestanden, ist es im Informationszeitalter das Netzwerk. Die Produktion ist weniger an Orte gebunden und tendiert dazu, sich über die ganze Welt zu verteilen. Immer weniger gibt es industrielle Regionen, die transnationalen Konzerne können die Produktionsanlagen viel leichter von einer Region in die andere verschieben. Da viele Produkte immateriell sind, ist auch das Problem des Transports viel geringer. Information z.B. lässt sich innerhalb von Sekunden von der einen Seite des Erdballs auf die andere verschieben (vgl. Empire S. 294-295). Im Zusammenhang mit der immateriellen Arbeit habe ich die Mikrostruktur der Herrschaftserhaltung beschrieben, im Folgenden möchte ich auf die weltweite Struktur der Machtausübung und Organisation der Ausbeutung, die Struktur des Empire eingehen.

Empire

Die Entwicklung vom Imperialismus in Richtung Empire lässt sich an drei Mechanismen festmachen: Entkolonialisierung, Dezentralisierung der Produktion und die Ausbreitung des Disziplinarsystems (Empire S. 244-249). Die erste Phase der Dekolonisierung ist davon geprägt, dass sich die USA so verhielten wie die alten Kolonialmächte, indem sie die Ausbreitung des „Kommunismus“ mit Waffengewalt verhinderten. Nach dem Vietnamkrieg hat sich die Machtausübung auf den Dollar verlagert. IWF und Weltbank spielen jetzt die entscheidendere Rolle bei der Beeinflussung der Staaten im Trikont. Auch die Dezentralisierung läuft in zwei Phasen ab. Die erste Phase war geprägt vom ungleichen Tausch zwischen untergeordneten Regionen und den dominierenden (westlichen) Staaten. Ab den siebziger Jahren verändert sich das, transnationale Konzerne verlagern große Teile der Produktionen in Weltmarktfabriken und freie Produktionszonen des Südens. Mit der Entkolonialisierung und der Verlagerung von Fabriken beginnt auch die Ausdehnung des Disziplinarregimes auf die ganze Welt. [18] In einigen wenigen Teilen der Welt wird die Massenmobilisierung für den Befreiungskampf in eine Mobilisierung für die Produktion umgewandelt (z.B. in China, in Kuba, in Vietnam). In anderen Regionen des Trikont wird die Fabrikdisziplin des „New Deal“ transportiert, in einem sehr begrenztem Ausmaß allerdings die hohen Löhne und die Sozialleistungen. Verbunden ist das mit einer massenhaften Entwurzelung der BäuerInnen und dem Anwachsen der Megastädte, der Steigerung der Anzahl von ProletarierInnen, die für die Ausbeutung bereitstehen.

Viele Linke diskutieren im Zusammenhang mit dem Siegeszug des „Neoliberalismus“ in den letzten Jahrzehnten über die Beziehung zwischen Staat und Kapital. Mit der „Globalisierung“ entstehen immer wieder Wünsche zu einer neuen Regulierung durch die Nationalstaaten. [19] Der Staat hatte immer die Funktion, als Gesamtkapitalist gegen die Interessen der EinzelkapitalistInnen zur wirken. Dabei war die Einschränkung der Einzelkapitalien durch den Staat zeitweise größer, zu anderen Zeiten kleiner. Z.B. konnt die East India Company bis zu den Aufständen 1857 weitgehend machen was sie wollte, danach wurde sie durch staatliche Maßnahmen eingeschränkt und eine voll funktionierende koloniale Administration eingesetzt (Empire S.306). Die Rolle des Staats in den Metropolen nach dem zweiten Weltkrieg als Antwort auf die revolutionären Bedrohungen (und die Krise dieses „Planstaats“ in den 60er und 70er Jahren) war ein beliebtes Thema der operaistischen Diskussion (Negri 1972a, 1972b, 1973, 1977, vgl. oben die Diskussion um den New Deal).

Der Siegeszug der transnationalen Konzerne über und außerhalb staatlicher Kontrolle bedeutet nicht, dass es keine Regulation mehr gibt, sondern dass sich ein System entwickeln muss, das auf eine gewisse Weise wie ein Gesamtkapitalist agiert, eben das „Empire“. So eine Struktur der überstaatlichen Konstitution ist dabei, vor unseren Augen sichtbar zu werden (Der erste Satz des Buches lautet: „Empire is materializing before our very eyes.“ Empire, S. XI). Die Hierarchie der Machtausübung ist in drei Bereiche („tiers“) gegliedert (Empire S. 309-314). An der Spitze des obersten Bereiches stehen die USA als einzige noch bestehende Supermacht, die über die Ausübung von Gewalt entscheidet, manchmal alleine, bevorzugt in Zusammenarbeit mit anderen Staaten oder auch unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. [20] Im gleichen Bereich befindet sich die Gruppe der Nationalstaaten, die durch eine Reihe von informellen Zusammenschlüssen verbunden sind. Diese Zusammenhänge werden teilweise durch formale und informelle Treffen hergestellt – die G7, aber z.B. auch die WEF-Treffen von Davos, New York. Diese Strukturen dominieren auch solche internationalen Organisationen wie die WTO (World Trade Organisation) oder den IWF (Internationaler Weltwirtschaftsfonds). Der zweite Bereich wird von den Netzwerken des Transnationalen Kapitals gebildet. Dieser Bereich ist tatsächlich über die ganze Welt verbreitet, er ist verantwortlich für die neue Geographie von Macht und Ausbeutung. Verbunden mit diesem Bereich sind die (untergeordneten) Nationalstaaten, sie bilden einen Filter für den globalen Fluß des Reichtums, es ist nicht so, dass sich das Kapital völlig unkontrolliert verhalten kann. Die Basis der Pyramide bilden die Organisationen, die die nicht vertretbaren Menschen, die Bevölkerungen, die Multitude in eine repräsentierbare Form bringen. [21] Einerseits handelt es sich dabei noch um die Nationalstaaten, die ihr „Volk“ z.B. in den Vereinten Nationen vertreten. Sie sind aber inzwischen nicht mehr die einzige Form zur Organisation der Basis der Pyramide, der Multitude. Es gibt die VertreterInnen der Zivilgesellschaft, die direkt weder von Staaten noch vom Kapital abhängig sind. Traditionelle Komponenten davon, die schon länger existieren, sind die Medien und die verschiedenen religiösen Gemeinschaften. So verstehen sich christliche und islamische Fundamentalismen als Gemeinschaften, die über die Grenzen der Nationalstaaten hinausgehen. Eine relativ neue Erscheinung, aber inzwischen international am bedeutendsten sind die so genannten Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Ihre genaue Definition und genaue Eingrenzung ist schwer festzumachen. Sie agieren sowohl auf lokaler, nationaler und übernationaler Ebene. Manche haben traditionell gewerkschaftliche Funktionen (gerade weil die traditionellen Gewerkschaftsorganisationen an die Nationalstaaten gebunden sind), einige sind mit religiösen Gruppen verbunden (Hilfsorganisationen der katholischen Kirche oder fundamentalistischer protestantischer Sekten), viele verstehen sich als Organisationen, die Bevölkerungen vertreten, die ihren Platz nicht innerhalb nationalstaatlicher Repräsentationen finden (Frauen, Homosexuelle, indigene Bevölkerungen). Ein Teil dieser Organisationen spielt eine besondere Rolle, weil sie sich als Menschenrechtsorganisationen um Bevölkerungsgruppen kümmern, die an der Grenze der Existenz leben. Die bekanntesten davon sind Amnesty International, Human Rights Watch, Médicins sans frontières. Sie verteidigen das nackte menschliche Leben der Gefolterten, der Hungernden, der Massakrierten, der Gefangenen etc. Sie sind die feinsten Enden der Netzwerke des Empire, sie sind der Humus der Biomacht. Darin zeigt sich wieder die Ambivalenz der Organisation des Empire, es produziert Leben und Tod.

Die in der Pyramide dargestellte Hierarchie der Machtausübung existiert aber nur in gegenseitiger Abhängigkeit. Tatsächlich sind alle Bereiche nötig und vermischt oder hybrid. Um Interventionen durchzuführen, haben die USA z.B. die größten Möglichkeiten (Finanzen und Drohpotentiale), aber in der Regel ist es unmöglich, wenn nicht ein Konsens mit den anderen Strukturen hergestellt wird. Gerade die NGOs haben mehr Einfluß, als es die Darstellung als Basis der Pyramide suggerieren würde. Jede militärische Intervention in den letzten Jahren hat als moralische Intervention der NGOs angefangen, gerade diese NGOs bereiteten (gemeinsam mit den Medien) die „gerechten Kriege“ vor (Empire S. 36-37). An den Rändern des Empire, dort wo Interventionen stattfinden, ist die Funktionsweise des Systems am deutlichsten zu erkennen. Krisen entstehen und werden „gelöst“ durch ein dreifaches Paradigma: das Empire integriert alles, differenziert es und verwaltet dann die Probleme, ohne sie lösen zu können (Empire S. 198-201) Ich möchte das am Beispiel der Interventionen in Jugoslawien darstellen. Das integrierende Element war und ist der Diskurs über die Multinationalität. Überall von den NGOs über die Medien bis zu den PolitikerInnen wird verkündet, dass das Ziel des Westens in Jugoslawien die Multinationalität sei. „Die Serben“ seien der Feind dieser Vielfalt. Schon innerhalb dieses Multinationalismus-Diskurses drückt sich das zweite, das differenzierende Moment aus. In den zuerst indirekten Interventionen in Kroatien und Bosnien (durch NGOs, aber auch durch Bewaffnung unter Umgehung des UNO-Embargos) wurden die westlich orientierten, dabei im Vergleich zu Restjugoslawien weitaus ethnozentrischeren Strukturen in Kroatien und Bosnien unterstützt. Dadurch wurde der Konflikt auf die Spitze getrieben und der Westen, an der Spitze die USA, sahen sich gezwungen, militärisch zu intervenieren und mit dem Vertrag von Dayton eine internationale Verwaltung zu installieren. Gelöst wurde nichts, die Probleme wurden in die nächste Region weitergetragen. Im Kosovo wurde wieder behauptet, die Vielfalt zu unterstützen, um dann in einer militärischen Intervention einen ethnisch reinen Kosovo zu schaffen. In Kürze wird womöglich mit Hilfe des Westens der vorletzte multinationale Staat, nämlich Mazedonien, zerstört. Es stellt sich die Frage, wie lange noch Jugoslawien als multinationaler Staat die drei Momente Integration, Differenzierung und Verwaltung überstehen wird. [22]

Zum Abschluß dieses Abschnittes möchte ich noch einige Anmerkungen zum Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 und den darauf folgenden „Krieg gegen den Terrorismus“ machen. Die TerroristInnen haben nur ein von ihnen projiziertes Zentrum des Empire getroffen, bei New York handelt es sich zwar um einen Ort, an dem mehr Privilegierte leben als z.B. in Pakistan, aber der heutige Kapitalismus hat kein Zentrum mehr. Auch die USA sind mehr mit einer Polizei vergleichbar, die ja auch innerhalb der Nationalstaaten eine rechtlich privilegierte Position einnimmt. Der Krieg gegen Afghanistan und in eventuell noch folgenden Regionen ist nicht mehr als eine Polizeiaktion. Es gibt nichts mehr, was außerhalb des Empire liegt, Feinde kann es nur noch als Verbrecher geben. Dadurch kann es auch keinen Friedensschluß mehr geben, sondern nur ein Scheitern oder die Vernichtung des Feindes. [23]

Multitude

In der logischen Abfolge hätte eigentlich dieser Abschnitt vor dem vorigen stehen sollen, denn es ist die Multitude, die Vielfalt der Wünsche und Bedürfnisse, die durch ihre Kämpfe und ihren Widerstand den Kapitalismus Richtung Empire (und darüber hinaus) treibt. Die Multitude war und ist die Subjektivität, die in Konfrontation mit der Realität der herrschenden Gesellschaft steht und dabei über die Bedingungen dieser Existenz hinausgeht. Sie ist das Subjekt des Kampfes um Freiheit (Macchiavelli), Wunsch (Spinoza) und lebendiger Arbeit (Marx). [24] Im folgenden möchte ich den Begriff Multitude zuerst negativ in Abgrenzung von „Volk“ und „ArbeiterInnenklasse“ festmachen und anschließend an konkreten Beispielen die Struktur positv bestimmen.

Das „Volk“ (auch in seinem weniger „völkisch“ gesehenen englischen Begriff „people“) ist ein Produkt des modernen Nationalstaates (zum Folgenden vgl. Empire S. 101-105, vgl. auch Hardt/Negri 2001). Das Volk tendiert dazu, homogen und selbstidentisch zu sein, es ist notwendig zur Konstitution der Souveränität des Nationalstaates. Völker definieren sich immer in Abgrenzung zu einem Anderen. Insofern sind sie auch implizit rassistisch: es gibt immer eine Tendenz zur Vereinheitlichung (entweder durch Assimilation und Ausgrenzung) und zur rassischen oder kulturellen Minderbewertung der anderen. Die Multitude ist im Gegensatz dazu eine Vielzahl von Singularitäten, eine Menge von Individualitäten, eben nicht homogen und darum auch nicht zur Abgrenzung zu Anderen gezwungen. Jede Nation muss eine Multitude in das Volk umwandeln. Das Konzept der Nation war in der französischen Revolution eine erste Hypothese zur Konstruktion der Hegemonie der Bevölkerung gegen die herrschende Monarchie. Danach war die Nation und das Volk eine reaktionäre Antwort auf das Trauma der Umwälzung durch die französische Revolution. Der König wurde geköpft, weil er die Bevölkerung verloren hat, Napoleon wurde gekrönt und hat ein Volk gewonnen. Die Multitude wurde in ein Volk vereinheitlicht. [25]

In der operaistischen Diskussion der 70er-Jahre war immer von der ArbeiterInnenklasse als der Subjektivität gegen das Kapital die Rede (vgl. oben). Diese Theorien waren auf die Fabrik bezogen. In dieser Phase zeichnete sich schon eine Umstrukturierung ab: Als Antwort auf die ArbeiterInnenkämpfe löst sich die Fabrik teilweise auf, breitet sich zugleich aber auf die Gesellschaft aus (reale Subsumption). Parallel dazu ist die Revolte von 1977 in Italien ausgebrochen, die vor allem Jugendliche außerhalb der Fabriken mobilisierte und mit Aneignungsformen in der Reproduktionssphäre verbunden war (Plünderung von Supermärkten, Hausbesetzungen). Schon seit Anfang der 70er Jahre haben auch Feministinnen die Beschränktheit der Diskussion auf die „produktive“ Arbeit klargemacht: ArbeiterIn bedeutet mehr als FabrikarbeiterIn. Theoretisiert wurde das vorerst, indem von der fabricca diffusa, der verteilten Fabrik gesprochen wurde und der Begriff der „gesellschaftlichen ArbeiterInnen“ wurde entwickelt (Über die Beziehung zwischen der Revolte 1977 und den Umstrukturierungen in Staat und Gesellschaft, vgl. Virno 1998). Mit dem Erkennen und der Analyse der neuen Arbeitsverhältnisse, der immateriellen Arbeit und der Ausbreitung der kapitalistischen Verwertung, der realen Subsumption nicht nur von Arbeit wurde ein neuer Begriff gefunden, eben der Begriff der Multitude.

Im Fordismus war die ArbeiterInnenklasse in der tayloristischen Fabrik tatsächlich der der „produktive“ Teil der Multitude. Die Institutionen Fabrik und Familie wirkten tatsächlich homogenisierend. Auch der Konsum für die „Massen“, von der Freizeitgestaltung über den Urlaub bis zu Auto spielte eine vereinheitlichende Rolle. Von der ArbeiterInnenklasse abgetrennt existierten die Teile, die dem Kapital nur formell subsumiert waren, die Hausfrauen in der Familie, die Menschen in den disziplinierenden Institutionen wie Schule oder Gefängnis. Menschen, die von der Norm abwichen (z.B. Homosexuelle) wurden aus der fordistisch strukturierten Gesellschaft ausgeschlossen. Die „ArbeiterInnenklasse“ spielte in dieser Zeit tatsächlich eine zentrale Rolle in der Produktion von Wert und im Widerstand gegen den Kapitalismus. Die vereinheitlichte Kultur der ArbeiterInnenbewegung, teilweise identisch mit dem fordistischem Disziplinierungsregime verhinderte aber eine vollkommene Befreiung der Multitude. [26]

Die ArbeiterInnenklasse hat ihre Repräsentation innerhalb des Nationalstaates gefunden, die linken Parteien und die Gewerkschaften, die das Subjekt ArbeiterInnenklasse gegenüber dem keynesianistischen Staat vertreten haben. Das bedeutet das Zurückdrängen der Subjektivität zugunsten der Subjektwerdung im kapitalistischen Staat (vgl. oben, die Rolle des New Deal). Daneben hat es immer eine nicht repräsentierte Autonomie der ArbeiterInnen gegeben, den spontanen Widerstand auf individueller und kollektiver Ebene, der zeitweise die Gewerkschaften in Auseinandersetzungen mit dem Kapital getrieben hat. Was dann aber wieder die Integration ins repräsentationelle System bedeutete. [27] Selbst innerhalb des starren Blocks der fordistischen ArbeiterInnenklasse hat die Multitude in Form der ArbeiterInnenautonomie ihren Ausdruck gefunden.

Wie oben beschrieben, wird im Postfordismus die ganze Gesellschaft produktiv. Als Antwort auf die Subjektivität der Multitude in den Kämpfen nach 68 wurden die Arbeitsverhältnisse verändert, aber es mussten auch neue Wege der Institutionalisierung der Multitude gefunden werden. Im Empire haben die Institutionen der ArbeiterInnenbewegung ihre Bedeutung verloren, weil die Hegemonie auf die immaterielle Arbeit übergegangen ist. So wie das Empire erst in seiner Phase der Konstitution ist, so sind es auch die Institutionen zur Integration der Multitude, die Verwandlung von Subjektivität in ein Subjekt ist erst in den Anfangsstadien. Eine entscheidende Rolle, um zu einer Repräsentation des Nicht-Repräsentierbaren zu kommen, spielten dabei der Diskurs um die „Zivilgesellschaft“ und die NGOs. Insbesondere zu Beginn der 90er Jahre scheint die Vielfalt der sozialen Bewegungen bereits fest in institutionalisierter Hand zu sein. Dabei meine ich weniger die grünen Parteien, die sich kaum mehr von den anderen Parteien unterscheiden, [28] sondern die bereits erwähnten NGOs. Nicht umsonst gibt es einen Reigen von internationalen Konferenzen, die sowohl von PolitikerInnen wie von RepräsentantInnen nicht-staatlicher Organisationen besucht werden (Klimakonferenzen, Frauenkonferenzen, eine Reihe von der Veranstaltungen aller möglicher UNO-Unterorganisationen).

Die Strukturen des Empire schaffen aber wieder neue Möglichkeiten für Revolten, die Multitude findet neue Wege, ihre Wünsche im und gegen das System auszudrücken. So legten gerade diese NGO-Strukturen die Grundlage für einen nächsten Kampfzyklus, der in den Auseinandersetzungen in Seattle im November 1999 erstmals weltweit sichtbar wurde und in den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua im Juli 2001 einen ersten Höhepunkt gefunden hat. Die Vielfalt der Aktionsformen und die Unterschiedlichkeit der sozialen Gruppen, die sich an den Demonstrationen beteiligten, war die tatsächliche Bedrohung für die herrschende Konstitution und nicht die Gefahr des Eindringens in die Rote Zone in Genua. Wie bedroht sich die herrschenden Institutionen fühlen, zeigen die Versuche im öffentlichen Diskurs, das Nicht-Repräsentierbare sichtbar zu machen und zu vereinheitlichen. Ein Mittel dazu ist die Gewaltfrage. Mit dem einen Teil der Multitude sollen Gespräche geführt werden, sie sollen in kontrollierbare (wenn auch vielleicht nur informelle) Institutionen verwandelt werden. Für den anderen Teil, der sich weigert, sich in kommunikative Bahnen lenken zu lassen, wird sogar eine Repräsentation konstruiert: Sie sind der „schwarze Block“.

Ein weiteres Beispiel für die Nicht-Repräsentierbarkeit von Revolten der Multitude ist die Bewegung nach der Regierungsbildung in Österreich im Februar 2000. Der Ausbruch von Militanz am 4. Februar 2000 war von niemanden organisiert, er wurde von niemand erwartet. Die Demokratische Offensive wollte sich als repräsentativ verstehen und sagte eine Demonstration ab, zu der sie gar nicht aufgerufen hat. Die täglichen und später wöchentlichen Demonstrationen ließen sich dann weder von der Staatsmacht lenken noch von linken oder revolutionären Gruppen. Nur die Großdemonstation am 19. Februar verlief in einem institutionalisierten Rahmen der traditionellen Politik mit Prominenten auf der Bühne und einer passiven Masse im Publikum. Für die spontanen Demonstrationen stimmt auch nicht, dass sie sich für einen Regierungswechsel benutzen lassen würden. Im Gegenteil, immer wieder wurden aktuelle Ereignisse, z.B. rassistische Übergriffe aufgegriffen, die sich gegen die staatlichen Institutionen im Allgemeinen richteten und nicht von den zufälligen Personen oder Parteien in der Regierung abhängig sind. Diese Bewegung ist zwar bis auf Reste wieder unsichtbar geworden, aber es wurde die Grundlage für einen nächsten Ausbruch gelegt. Es ist bis jetzt niemanden gelungen, sie zu institutionalisieren und in repräsentierbare Bahnen zu lenken.

Aufstand und konstituierende Macht

Mit der realen Subsumption von Arbeit und Gesellschaft unter das Kapital ist auch der (illusorische) Wunsch einer emanzipatorischen Utopie außerhalb des Kapitals verschwunden. Da die Ausbeutung und Machtausübung innerhalb des Empire organisiert wird, gibt keine Möglichkeit mehr, eine Befreiung zu erwarten, wenn eine Bürokratie die Fabrik übernimmt oder eine revolutionäre Partei einen Staat. Es gibt kein Außerhalb mehr. Zugleich hat sich durch die Verschiebung der Hegemonie hin zu immaterieller Arbeit die Abhängigkeit des Empire von der Lebendigkeit und Kreativität der Multitude verstärkt. Haben früher die UnternehmerInnen eine organisierende Funktion und der Staat eine vermittelnde zwischen den sozialen Gruppen, so tendiert die Entwicklung jetzt dahin, dass sich die lebendige Arbeit selbst organisiert. Die Ausbeutung über affektive Arbeit geht bis in die Körper, die Körperlichkeit der Multitude, wird aber immer mehr als leer und hohl, als nicht notwendiges äußeres Kommando gesehen. Revolten sind durch die totale Integration schwieriger geworden, wie sollte denn auch ein Streik ausschauen, der Kommunikation und soziale Beziehungen verweigert. Andererseits wenn sie stattfinden, müssen sie die Form der Separation, des totalen Exodus finden. So wie der Teil der Bewegung gegen Schwarzblau, der auf der Straße ist, die Kommunikation mit Polizei und herrschenden Institutionen verweigert und sich so nicht in ein herrschendes politisches Koordinatensystem einordnen lässt.

In der Diskussion um Revolten gegen das Empire beziehen sich Hardt/Negri (Empire S. 54) auf die Ereignisse am Tiananmen-Platz 1989, auf die erste Intifada als Aufstand gegen den israelischen Staat, den Ghettoaufstand in Los Angeles 1992, den bewaffneten Aufstand der ZapatistInnen in Chiapas 1994, die Streiks, die 1995 ganz Frankreich lähmten und die ArbeiterInnenkämpfe 1996 in Südkorea. Sie stellen in diesem Zusammenhang fest, dass diese Kämpfe nicht miteinander kommunizieren, außerdem beziehen sie sich nur auf regionale und lokale Umstände. Außerdem erscheinen sie teilweise als Widerhall von Revolten gegen die fordistische Disziplinargesellschaft. Durch die vollkommene Integration der Gesellschaft in das Empire und den Mangel an horizontaler Kommunikation schnellen diese Auseinandersetzungen gleich auf die höchste Ebene, gegen das virtuelle Zentrum des Empire: Die Unruhen in Los Angeles waren Ausdruck der Verweigerung der sozialen Kontrolle in der postmodernen Stadt, die ZapatistInnen stellten die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) in Frage, die Streiks in Frankreich richteten sich gegen die neue soziale und ökonomische Umstrukturierung in Europa (Empire S. 58). Für mich sind diese Argumente nicht überzeugend, aber nachträglich lässt sich erkennen, dass diese Kämpfe in den 90er-Jahren die Basis für die Vernetzung und so die Grundlage für Kämpfe gegen das Ende des Jahrtausends bildeten. Zumindest ein Teil dieser Auseinandersetzungen hat gemeinsam mit anderen weniger spektakulären im Trikont (wie z.B. die vielen kleinen Streiks und Kämpfe in den Weltmarktfabriken) eine wichtige Rolle in der inzwischen tatsächlich tendenziell weltweiten Organisation des Widerstands gespielt. Der Aufstand in Chiapas war der Anlass für einen weltweiten Aufbruch mit neuen Organisationsformen, die Solidarität mit den ZapatistInnen wurde mit regionalen Kämpfen verknüpft. Die Streiks in Frankreich waren der Auftakt zu einer Reihe von Auseinandersetzungen in Frankreich, die zur Selbstorganisation der illegalen MigrantInnen und der Erwerbslosen führte. Diese Kämpfe führten wieder zu einer Kette europaweiter Demonstrationen, beginnend mit dem EU-Gipfel 1997 in Amsterdam.

Gegen Ende des Buches schlagen Hardt/Negri (Empire S. 393-407) vor, in welche Richtung die Kämpfe gehen könnten, welche Forderungen gestellt werden sollten, die es erlauben, über das Empire hinaus zu denken. Ausgehend von der Selbstorganisation der MigrantInnen steht als erstes die Forderung nach einer Weltbürgerschaft, die zweite Forderung ist der Kampf um ein soziales Einkommen mit oder ohne Arbeit, die dritte die Wiederaneignung des Wissens und der Sprache, der Produktion und Reproduktion, der Körperlichkeit, des ganzen Lebens. Wie der Kampf um die beiden ersten Forderungen ausschauen soll, ist teilweise klar, der dritte Punkt hat mit der Struktur der immateriellen Arbeit zu tun, wie Wissen, Kommunikation oder Beziehungen wieder angeeignet werden können, muss aber erst geklärt werden.

Um das Empire über sich selbst hinaustreiben zu können, ist es notwendig, Gegenmacht zu entwickeln, die dann auch den Kern einer neuen Gesellschaft bilden kann. Diese Gegenmacht besteht im wesentlichen aus drei Elementen: Widerstand, Aufstand und konstituierende Macht (Hardt/Negri 2001, S. 9). In welche Richtung der Widerstand gehen sollte, wurde schon angedeutet. Für Lenin war der Widerstand abgetrennt von den beiden anderen Elementen und wurde hauptsächlich als als gewerkschaftliche Aktivität gesehen. Die konstituierende Macht wird von Lenin nicht diskutiert, sie hat sich damals relativ schnell in eine (autoritäre) konstituierte Macht verwandelt („constituent power“ vs. „constituted power“ Hardt/Negri 2001, S. 10). Der Aufstand in der Oktoberrevolution musste auf jeden Fall scheitern, weil er im nationalen Rahmen stattgefunden hat und einen internationalen Krieg gegen die Revolution auslöste. Die Pariser Commune scheiterte, weil sie sich nicht militarisierte, die nationale Bourgoisie wurde nicht geschlagen, die russische Revolution scheiterte, weil sie sich militarisierte und in einen bürokratischen Staat verwandelte, der siebzig Jahre in heißem und kaltem Krieg gegen den internationalen Kapitalismus gestanden ist. Mit dem Übergang zum Empire ist heute kein nationaler Aufstand mehr möglich. Damit sind aber auch die Beschränkungen gefallen, die die Aufstände in der Vergangenheit scheitern ließen (Hardt/Negri 2001, S. 10-12). Heute stehen wir in dieser Frage vor einer großen Schwierigkeit, zugleich aber vor großartigen Möglichkeiten. [29]

Das dritte Element ist das Moment der konstituierenden Macht. Empire ist konstituierte Macht, aber abhängig von der Multitude. Wie kann es zur Lösung aus dem Ausbeutungsverhältnis kommen? Das kann nur in einer Phase von Auseinandersetzungen passieren. Erst durch die Separation, im Exodus, im Kampf wendet sich das Kommando von Empire und Kapital gegen die Aufständischen. In dieser Situation muss die Multitude ihre Kooperation und Kreativität in der Organisation des Widerstands einsetzen. So entstehen Potentiale konstituierender Macht, die nach Beendigung der Kämpfe immer wieder zerfallen. Gerade darum enthalten sie die Potentialität einer zukünftigen Gesellschaft, sie lassen sich nicht in konstituierte Macht umwandeln.

Es gibt immer wieder verschiedene Formen der konstituierenden Macht, angefangen bei den ArbeiterInnenräten (Negri 1998, S. 78) bis zu den kämpfenden Menschen in Argentinien. Vielleicht sind die dortigen Auseinandersetzungen ein Beispiel für das Zusammenfallen von Widerstand, Aufstand und konstituierender Macht. Es ist um den Widerstand gegen die Wirtschaftspolitik gegangen, dadurch wurde das Regime in einem Aufstand weggefegt und jetzt ist die Multitude dabei, sich in Nachbarschaftsversammlungen als konstituierende Macht herauszubilden. Wir sollten optimistisch sein, trotzdem realistisch. Solange sich die Gegenmacht gegen das Empire nicht weltweit, auf verschiedenen Stufen und Ebenen herausbildet, wird sich immer wieder eine konstituierte Macht durchsetzen, entweder durch Repression gegen die Multitude oder durch Bürokratisierung und Integration. Aber die Auseinandersetzungen der letzten Jahre (und Jahrzehnte, vielleicht seit 1968) haben eine Grundlage geschaffen, das Empire zu überwinden. Jede Integration sozialer Bewegungen nagt an der Legitimität und vielleicht wird der Kapitalismus implodieren, so wie der „reale Sozialismus“ 1989. Wir sind schon ziemlich weit und wie die ZapatistInnen sagen: „Wir lernen im Gehen.“

[1Inzwischen ist die Übersetzung herausgekommen und wir können gespannt sein, ob dieses Buch auch im deutschsprachigen Raum so intensive Diskussionen auslösen wird.

[2Die Bezeichnung stammt vom italienischen Wort operaio (Arbeiter, männlich) oder operare (arbeiten) in Abgrenzung des in der (nicht nur) italienischen Studierendenbewegung 1968 dominierenden Antiimperialismus. Einen historischen Bezug gibt es allerdings nicht zum wenige Jahre später dominierenden Maoismus, sondern eher zur dissidenten Tradition des Rätekommunismus.

[3In der deutschsprachigen Übersetzung wird „multitude“ mit „Menge“ übersetzt. Ich finde diese Übersetzung nicht besonders glücklich, erst recht, weil meiner Ansicht nach Multitude ein Kernelement der Theorie darstellt. Aus diesem Grund werde ich weiter den Begriff Multitude verwenden.

[4Dabei handelte es sich um Intellektuelle der linken Parteien, die Fragebögen für ArbeiterInnen entwickelten. Während ein Teil hauptsächlich ein soziologisches Interesse entwickelte (ArbeiterInnen als Objekte), verstand der operaistische Teil diese Fragebögen als Ansatz zur Organisierung, indem durch die Fragestellungen Kommunikation und Information gefördert werden sollten und dadurch auch ein Anstoß zum Kampf. Ein wichtiges „Ergebnis“ dieser Untersuchungen war, dass die ArbeiterInnen in den norditalienischen Fabriken kein so positives Verhältnis zur Arbeit haben, wie es die sozialdemokratische und kommunistische Linke immer behauptet. Reitter (2001, S. 28) sieht in der „Neuinterpretation Marxscher Schriften“ eine „gewisse Sterilität“, was ich durch die Verbindung mit den Klassenkämpfen und sozialen Auseinandersetzungen in Italien nicht so sehe.

[5Vgl auch Grundrisse S. 582-592, es gibt aber auch andere Stellen bei Marx, z.B. im Kapital: „[Die Maschinerie] wird das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals. [...] Man könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloß als Kriegsmittel des Kapitals wider Arbeiteremeuten ins Leben traten.“ (MEW 23, S. 459).

[6Eine ganze Reihe von TheoretikerInnen, aber auch von unbekannten Militanten, beteiligte sich nicht nur an den Kämpfen in den 60er und 70er Jahren, sondern untersuchte auch einige Entwicklungen und Umstrukturierungen des italienische Kapitalismus als Antwort auf die Klassenkämpfe und die darüber hinaus gehenden sozialen Bewegungen. Ein Beispiel in deutscher Sprache ist die Autonomie (1982), die ausgewählte Texte über die Umstrukturierungen bei FIAT in Turin zusammengestellt hat, die meist als Analyseartikel in linksradikalen Zeitschriften in Italien erschienen. Für die BRD ist der bekannteste Text aus den Siebzigerjahren die „andere“ Arbeiterbewegung von Elisabeth Behrens und Karl Heinz Roth (Behrens, Roth 1977), typisch die Überschriften der Abschnitte: Arbeiterkampf und kapitalistischer Gegenangriff vor dem Nationalsozialismus, unter dem Nationalsozialismus, seit dem Nationalsozialismus.

[7Ein Teil der operaistischen Theoretiker hat dies zur Motivation genommen, wie z.B. Tronti wieder der eurokommunistischen PCI beizutreten (Reitter 2001, S 29).

[8„[...] the reaction had to be revolutionary. This is the alternative implicit in Lenin´s work: either word communist revolution or Empire, […]“ (Empire S. 234).

[9Über den Zusammenhang zwischen Krise, Krieg und Umstrukturierung des Kapitalismus wird mehrfach Keynes zitiert, z. B. Empire, S. 240, aber auch Negri 1972a, S. 37: „Es scheint politisch unmöglich für eine kapitalistische Gesellschaft, Ausgaben in dem Umfang zu organisieren, der nötig wäre, um das große Experiment zu machen, das meine Thesen beweisen würde – außer unter den Bedingungen des Krieges.“

[10Dem scheint zu widersprechen, dass sozialisierte Funktionen für die Reproduktion wie Kindergärten im neoliberalen Angriff zurückgenommen werden. Diese Institutionen waren aber immer nur die familiäre Arbeitsteilung bestätigender Teil der fordistischen Disziplinargesellschaft, eine Erleichterung für die Hausfrauen. Verlagerung in die Gesellschaft meint eben nicht unbedingt Verstaatlichung, wie es von der traditionellen Linken verstanden wird, sondern die Organisation in und durch die kapitalistisch organisierte Gesellschaft. Die tendenzielle Aufhebung der Trennung zwischen unbezahlter und bezahlter Arbeit in den atypischen Arbeitsverhältnissen und Experimente in Richtung „BürgerInnengeld“ oder „Grundeinkommen“ sind Entwicklungen in diese Richtung.

[11Hardt/Negri gehen auf diesen Seiten auf die marxistischen Imperialismustheorien von W.I. Lenin und R. Luxemburg ein, die die innere Logik des Kapitalismus zur Expansion erklären.

[12So kann R. Luxemburg, die theoretisierte, dass der Kapitalismus nicht ohne Ausbeutung nichtkapitalistischer Umwelt existierte, als Vorläuferin der Ökologiebewegung gelten (Empire S. 270).

[13„Previous stages of industrial revolution introduced machine-made consumer goods and then machine-made raw materials and foodstuffs – in short, machine-made nature and machine-made culture“ (Empire S. 272).

[14In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat die agrarische Bevölkerung massiv abgenommen und das gilt nicht nur für die industrialisierten Länder, sondern auch für den Trikont. Wir nähern uns das erstemal seit der neolithischen Revolution daran an, dass nur mehr eine Minderheit der Bevölkerung als BäuerInnen lebt (vgl. Foltin 2002, S. 48).

[15Obwohl der „reale Sozialismus“ und dessen IdeologInnen die Arbeit ins Zentrum ihres Diskurses stellten, würde für diese Art von Regime eher der Begriff „Arbeitsverweigerungsregime“ passen. Es hat Vollbeschäftigung gegeben, fordistische Organisation der Arbeit, aber ein großer Teil des Lebens wurde innerhalb der Arbeitszeit organisiert. So sind Berichte Legion, die z.B. davon handeln, dass sich Frauen von ihrem Arbeitsplatz entfernten, um sich für notwendige oder gewünschte Artikel beim nächsten Geschäft anzustellen, oder wieviel Material abgezweigt und Pläne gefälscht wurden, um den eigenen Besitz vom Auto über die Werkstatt bis zur Datscha weiterzubauen. Durch die diktatorische Verengung des Systems konnten sich keine offenen „zivilgesellschaftlichen“ Bewegungen entwickelt, die eine Umstrukturierung des Gesellschaftssystems so wie im Westen bewirkt hätten (vgl. auch Negri/Hardt 1997, S. 125-131, Empire 276-279).

[16"Biomacht ist die Macht zur Schöpfung von Leben, sie ist die Macht zur Produktion kollektiver Subjektivitäten, der Sozialität und der Gesellschaft selbst. Rücken die Affekte und die Netzwerke der Affekterzeugung in den Mittelpunkt, werden diese Prozesse gesellschaftlicher Konstitution offenbar. Was in den Netzwerken der affektiven Arbeit hergestellt wird, ist nichts anderes als die Lebensform (Hardt 2002, S. 4).

[17„Brains and bodies need others to produce value, but the others they need are not necessarily provided by capital and its capacities to orchestrate production. Today productivity, wealth, and the creation of social surpluses take the form of cooperative interactivity through linguistic, communicational, and affective networks. In the expression of its own creative energies, immaterial labor thus seems to provide the potential for a kind of spontaneous and elementary communism“ (Empire, S. 294).

[18Mit der immateriellen Arbeit ist die Produktion materiellen Dinge, ist die Fabrik eben nicht verschwunden, sondern sie hat nur ihre dominierende Rolle verloren.

[19Das ist auch der Grund, warum sich in der so genannten Anti-Globalisierungs-Bewegung auch eine Reihe von linken und rechten NationalistInnen treffen.

[20Die Grundidee dieser Dreiteilung der Konstitution wurde von Polybius übernommen, aber über die Renaissance-Tradition eines Macchiavelli in die englische und schließlich die amerikanische Revolution übernommen. So werden die drei Bereiche der Pyramide mit Monarchie, Aristokratie und Demokratie verglichen (Empire S. 314-315, über die Weitergabe der Tradition von Macchiavelli bis zur US-Konstitution vgl. auch Negri 1999). Die USA haben eine privilegierte Rolle in der Konstitution des Empire, weil die Verfassung, aus der amerikanischen Revolution entstanden, am besten geeignet ist, den Antagonismus und die Kreativität der Multitude zu integrieren. Durch das System der Checks and Balances hat das US-System stärker Netzwerkcharakter, durch die Vielfalt und Vermischung der Kulturen sind die USA das beste Modell für die Konstitution des Empire (Empire S. 160-182, Negri 1999, S. 141-190). Dass die USA von der Konstitution demokratischer, republikanischer waren und sind als andere Staaten, bedeutet nicht, dass der US-Staat nicht auch repressiv oder zeitweise sogar gegen die Entwicklung Richtung Empire agierte. Die Konstitution läßt aber auch zu, dass Klassenkämpfe und soziale Auseinandersetzungen schärfer ausfallen und so die Entwicklung Richtung Empire (und darüber hinaus) vorantreiben.

[21„The multitude cannot be incorporated directly into the structures of global power but must be filtered through mechanisms of representation“ (Empire, S. 311).

[22Es geht mir nicht darum, zu leugnen, dass es in Serbien und Jugoslawien keine rassistische Unterdrückung der AlbanerInnen gegeben hätte oder Milosevic nicht auch Machtpolitik in Bosnien oder in Kroatien betrieben hätte. Auch bin ich überzeugt, dass SerbInnen Kriegsverbrechen begangen haben. Aber in der westlichen Öffentlichkeit herrscht eine so unverschämte Ungleichgewichtigkeit in dem, was öffentlich behauptet wird. Wobei es sich dabei nicht immer um bewußte Lügen handelt, sondern bloß um die Reproduktion von Feindbildern verbunden mit dem Wunsch nach Spektakulärem.

[23„Every imperial war is a civil war, a police action [...] In fact, the seperation of tasks between the external and the internal arms of power (between the army and the police […]) is increasingly vague and indeterminate“ (Empire, S. 189, vgl. Auch Foltin 2001).

[24An dieser Stelle bezeichnen Hardt/Negri diese Aktivitäten der Multitude als Republikanismus: „Macchiavellian freedom, Spinozist desire, and Marxian living labor are all concepts that contain real transformative power to confront reality and go beyond the given condition of existence“ (Empire S. 185).

[25„Never was the concept of nation so reactionary as when it presented itself as revolutionary“ (Empire S. 104). Der antikolonialistsiche Nationalismus hatte eine ambivalente Funktion: positiv einerseits als er sich gegen die Dominanz der imperialistischen Nationen wendete und andererseits als er größere Einheiten schuf als Clan- und ethnische Identidäten. Negativ indem er die Vielfalt der Bedürfnisse (der Multitude) vereinheitlichte und interne Dissidenz und Opposition unterdrückt (Empire S. 106). Die Entwicklung der postkolonialistischen Staaten hat gezeigt, dass sich die Situation letztendlich zum negativen gewendet hat (vgl. auch Foltin 2002)

[26Alle Kampfzyklen, die der ArbeiterInnenklasse zugeschrieben wurden, waren immer mit anderen Bewegungen verbunden. So waren die Kämpfe vor und nach dem ersten Weltkrieg (vgl. oben) auch mit Bewegungen zur sexuellen Emanzipation und der ersten Frauenbewegung verbunden. Nichtdoktrinären Teilen der revolutionären und reformistischen ArbeiterInnenbewegung ist aber zugute zu halten, dass sie trotz der Zentralität des Diskurses um die Klasse für die Emanzipation anderer Bevölkerungsschichten eintraten. Es hat also immer ein zumindest verdunkeltes Bewußtsein der Befreiung einer Multitude gegeben.

[27Hardt/Negri (Empire S. 261) zitieren Tronti über die Integration des autonomen ArbeiterInnenwiderstandes: „The continuity of struggle is easy: the workers need only themselves and the boss in front of them. But the continuity of organization is a rare and complex thing: as soon as it is institutionalized it quickly becomes used by capitalism, or by the workers´ movement in the service of capitalism“.

[28Dieser Begriff „Zivilgesellschaft“ ist ein anderer als ihn Negri/Hardt verstehen. Die erstere wird als Summe der nicht-staatlichen Selbstorganisationen verstanden (von Feminismus bis Ökologie), die zweite sind die Strukturen und Institutionen, die den Kitt zwischen Staat und Fabrik in der Phase der formellen Subsumption herstellen. Mit der Entwicklung Richtung Empire und der realen Subsumption verliert die Politik an Bedeutung. Das drückt sich in der so genannten „Politikverdrossenheit“ aus, aber auch im Aufstieg von populistischen Spektakelparteien. Die politischen Parteien repräsentieren immer weniger Teile der Bevölkerung, sondern produzieren ihr Wählerpotential durch die Analyse von Meinungsumfragen und kapitalistischen Werbestrategien. Und die Grünen sind inzwischen Teil dieser Simulation von Politik.

[29„Today, therefore, when considering the question of insurrection we are faced with both a great difficulty and an enormous possibility“ (Hardt/Negri 2001 S. 12).

Literatur

  • Autonomie: Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge Nr. 9: Fabrik und neue Klassenzusammensetzung. Das Beispiel FIAT 1974-81 (1982) Hamburg.
  • Behrens, Elisabeth, Roth (1977): Die „andere“ Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland. München: Trikont.
  • Deleuze, Gilles (1992): Foucault. Frankfurt am Main: Suhrkamp, stw 1023.
  • Foltin, Robert (2001): Es sind nicht die USA. In: Context XXI.
  • Foltin, Robert (2002): Frantz Fanon wiederlesen?. In: grundrisse Nr. 1, S. 40-51.
  • Hardt, Michael (2002): Affektive Arbeit. Immaterielle Produktion, Biomacht und Potenziale der Befreiung. In: Jungle World 2, 2.1.2002 Subtropen, S. 1-4.
  • Hardt, Michael, Negri, Antonio (2000): Empire. Cambridge (Mass): Harvard University Press (Empire)
  • Hardt, Michael, Negri, Antonio (2001): Globalization and Democracy. Wien: Vortrag auf der Documenta 11.
  • Lazzarato, Maurizio (1998a): Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätgkeit unter den Bedingungen des Postfordismus. In: Atzert, Thomas: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin: ID-Verlag, S. 39-52.
  • Lazzarato, Maurizio (1998b): Verwertung und Kommunikation. Der Zyklus immatiereller Produktion. In: Atzert, Thomas: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin: ID-Verlag, S. 53-65.
  • Marx, Karl (1974): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf). Berlin: Dietz Verlag (Grundrisse)
  • Marx, Karl (1976): Das Kapital, Band 1. Frankfurt am Main (MEW 23)
  • Negri, Antonio (1972a): Die kapitalistische Theorie des Staates seit 1929: John M. Keynes. In: Negri: Zyklus und Krise bei Marx. Internationale Marxistische Diskussion 26. Berlin: Merve, S. 11.46.
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  • Negri, Antonio (1973): Krise des Planstaats, Kommunismus und revolutionäre Organisation. Internationale Marxistische Diskussion 33. Berlin: Merve.
  • Negri, Antonio (1977): Staat in der Krise. Internationale Marxistische Diskussion 64. Berlin: Merve.
  • Negri, Antonio (!998): Repubblica Costituente. Umrisse einer konstituierenden Macht. In: Atzert, Thomas: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin: ID-Verlag, S. 67-81.
  • Negri, Antonio (1999): Insurgencies. Constituent Power and the Modern States. Minneapolis: University of Minnesota Press.
  • Negri, Antonio, Hardt, Michael (1997): Die Arbeit des Dionysos. Berlin – Amsterdam: Edition ID-Archiv.
  • Panzieri, Raniero (1985): Über die kapitalistische Anwendung der Maschinerie im Spätkapitalismus. In: Thekla 7: Arbeiteruntersuchung/Maschinen gegen Menschen, S. 9.27 (italienisch 1961 Quaderni Rossi)
  • Reitter, Karl (2001): Die politische Philosophie Antonio Negris. In: Context XXI, Nr. 3-4, S. 26-35.
  • Tronti, Mario (1974): Arbeiter und Kapital. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik (italienisch 1966)
  • Virno, Paolo (1998): Do You Remember Counterrevolution? Soziale Kämpfe und ihr Double. In: Atzert, Thomas: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin: ID-Verlag, S. 83-111.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2002
Nummer 2, Seite 6
Autor/inn/en:

Robert Foltin:

Robert Foltin ist Linguist und in autonomen Diskussionszusammenhängen in Wien aktiv.

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