Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 5-6/2002
Thomas Schmidinger

Im Jahr danach

Ein Rundgang durch Neuerscheinungen über den 11. September und die Folgen

Ein Jahr ist es her, dass die schrecklichen Bilder des Anschlags auf das World Trade Center in New York live in den Fernsehanstalten der Welt übertragen wurden, dass wir in Echtzeit miterleben durften wie Menschen aus den oberen Stockwerken des WTC in den Tod sprangen und schließlich allesamt, inklusive der Rettungsmannschaften unter den einstürzenden Trümmern der Twin-Towers begraben wurden.

In der Linken wurde in der Folge der 11. September sehr unterschiedlich rezipiert. Während diverse MaoistInnen, AntiimperialistInnen oder IslamistInnen im Cafe Dogma in Wien, auf den Straßen von Nablus oder bei einer Party in Guatemala Ciudad bereits am Abend des 11. Septembers die Ereignisse feierten, setzte in der antinationalen und antideutschen Linken eine rege Debatte über den antisemitischen Charakter der Anschäge und schließlich über die Legitimität eines militärischen Einschreitens gegen die Taliban ein. Während sich große Teile der Linken de facto zu einer Verteidigung der Taliban gegen die US-Militärintervention entschlossen, gibt es heute nach dem Sturz der Taliban kaum einen Afghanen und noch weniger eine Afghanin, die nicht froh wäre, dass diese wüstesten Gestalten des islamischen Integralismus, die in ihrer Rückständigkeit, ihrem Frauenhass, ihrer Homophobie und ihrem religiösen Wahn jede bis dahin gekannte Form des politischen Islam — sei es nun das Regime im Iran, die Hizb Allah, die algerische FIS oder die Muslim Brüder — in den Schatten stellten, endlich von der Macht vertrieben wurden. Auch wenn Afghanistan heute noch weit davon entfernt ist eine Demokratie zu sein die auch nur annähernd für die Sicherheit und das wirtschaftliche Überleben seiner BewohnerInnen garantieren kann, so gibt es doch über den harten Kern der Taliban hinaus kaum jemanden, der den alten Machthabern nachtrauern würde. Es wäre aber zugleich verfehlt zu glauben, dass damit in Afghanistan alles in Ordnung wäre und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit anderen Gegenden zugewendet werden könnte.

Das Land ist mittlerweile wieder unter verschiedenen Warlords aufgeteilt.

Die Frauenorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan), die unter der Herrschaft der Taliban ein Netz illegaler Frauenschulen aufgebaut hatte und unter widrigsten Umständen für die Rechte der afghanischen Frauen kämpfte, berichtet davon, dass die Situation der afghanischen Frauen auch unter der Herrschaft der ehemaligen Nordallianz alles andere als befriedigend ist. Auch wenn Mädchen heute wieder zur Schule gehen dürfen, weigern sich die ehemaligen Mujahedin die Sharia wieder abzuschaffen und durch ein säkulares Recht zu ersetzen. Bereits kurz nach seiner Amtsübernahme erklärte der erste Justizminister nach den Taliban, dass auch unter der neuen Regierung Frauen bei Ehebruch gesteinigt würden, „aber wir werden kleinere Steine nehmen als die Taliban.

Über die Frage wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sich ein Regime wie die Taliban in Afghanistan etablieren und zum Unterschlupf für Usama bin Ladin werden konnte, sind seit dem 11. September aber auch außerhalb der Linken eine Reihe von Büchern erschienen. Wurde zuvor schon jahrelang kein deutschsprachiges Buch mehr über Afghanistan herausgebracht, so sprießen seit dem 11. September die Bücher über Afghanistan, die Taliban und den „islamsichen Fundamentalismus“ nur so aus den Verlagsböden.

Das dabei publizierte Spektrum reicht von Abenteuer-Action-Büchern wie Tom Carews In den Schluchten der Taliban oder der Wiederaufwärmung von Alice Schwarzers feministischer Islamfeindlichkeit in Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz bis zu seriösen Büchern denen man anmerkt, daß sie auch ohne das spektakuläre Medienereignis des 11. Septembers geschrieben, aber vermutlich nicht publiziert, werden hätten können.

Insbesondere die Bücher des pakistanischen Journalisten Ahmed Rashid, der sich jahrelang mit Afghanistan beschäftigt hat und auch mehrmals Gespräche mit hohen Funktionären der Taliban geführt hat, sind hier von hohem Informationswert. Sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch Taliban war für den Verlag so erfolgreich, dass gleich auch noch sein Buch über die exsowjetischen Republiken Zentralasiens übersetzt und mit einem Umschlag versehen wurde, der suggeriert es ginge dabei primär um Afghanistan, das im Buchinneren jedoch nur als Nachbarstaat der beschriebenen Region vorkommt.

Wie immer sind auch die im Konkret-Verlag erschienenen Analysen zum 11. September interessant, wenn sie sich auch mehr mit der Rolle Deutschlands in den Auseinandersetzungen die auf den 11. September folgten beschäftigen, als mit den Taliban und Usama bin Ladin selbst. In der Debatte zum 11. September und dem folgenden Krieg gegen die Taliban kam aber dieser Blickwinkel auf die Rolle Europas in dieser Auseinandersetzung sowieso oft viel zu kurz.

Eine positive Überraschung stellte für mich das Buch Die Verbotene Wahrheit der französischen Wirtschaftsjournalisten Jean-Charles Brisard und Guillaume Desquié dar. Was aufgrund des Titels, der Umschlaggestaltung und des Untertitels „Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden“ wie eine krude Verschwörungstheorie klingt, entpuppt sich beim Lesen als penible Recherche der wirtschaftlichen Verbindungen des Bin Ladin-Clans mit der wirtschaftlichen und politischen Elite Saudi-Arabiens und einer Reihe von US-Firmen. Die Autoren schließen daraus nicht auf eine Verschwörungstheorie um den 11. September, sondern weisen vielmehr darauf hin, dass Bin Ladin bei weitem nicht nur der international isolierte Terrorist ist, als der er seit dem 11. September stilisiert wird, sondern eng mit dem „islamischen Kapital“ Saudi-Arabiens, Pakistans und des Sudans verbunden war und vielleicht heute noch ist. Auch auf die langwierigen Versuche westlicher Geheimdienste die entgleitenden Taliban wieder auf Linie zu bringen wird ausführlich eingegangen.

Hervorzuheben ist auch das Buch des französischen Islamwissenschafters und Professors am Institut d’Etudes Politique in Paris Gilles Kepel, der bereits Mitte der Neunzigerjahre einer der führenden französischen Experten zu den Fragen des islamischen Integralismus war und insbesondere mit seinem Buch über den Islamischen Integralismus in Ägypten in der Fachwelt für Aufsehen sorgte. In seinem Schwarzbuch des Dschihad entwickelt er die These, dass weltweit agierende extrem terroristische Gruppen wie die al-Qaida eher ein Zerfallsprodukt, ein Zeichen des Niedergangs des islamischen Integralismus wären, als ein Hinweis auf dessen Erfolg. Erst als sich offensichtlich abzeichnete, dass der islamische Integralismus mit Ausnahme einiger regionaler Kriegsschauplätze wie in den Besetzten Gebieten Israels oder in Kaschmir keine Massen mehr für sich begeistern konnte und die an der Macht befindlichen islamistischen Regime in jeder Hinsicht versagten, führte dies – so die These Kepels — zur Herausbildung solcher extrem klandestiner terroristischer Gruppen wie der al-Qaida.

Auch ein Jahr nach dem 11. September bleibt hier noch genug Diskussionsstoff erhalten. Zusammengefasst wurden die Diskussionen in der antinationalen Linken auch auf dem Kongress der Jungle World in Berlin, der zum Jahrestag des Anschlages stattfand und dessen Referate nun in einem Tagungsband im Verbrecher Verlag erschienen sind. Interessierte LeserInnen dürfen auf weitere Publikationen gespannt sein.

  • Ahmed Rashid: Taliban; Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, Droemer, 2001; Preis: € 19,90
  • Ahmed Rashid: Heiliger Krieg am Hindukusch; Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien, Droemer, 2002; Preis: € 19,90
  • Roland Jacquard: Die Akte Osama Bin Laden; Das geheime Dossier über den meistgesuchten Terroristen der Welt, List, 2001; Preis: € 22.—
  • Silvia Berger, Dieter Kläy, Albert A.Stahel: Afghanistan – ein Land am Scheideweg; Im Spiegel der aktuellen Ereignisse, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2002; Preis: € 33,60
  • Michael Pohly, Khalid Duran: Nach den Taliban; Afghanistan zwischen internationalen Machtinteressen und demokratischer Erneuerung, Ullstein Taschenbuch, 2002; Preis: € 6,95
  • Jean-Charles Brisard, Guillaume Dasquié: Die verbotene Wahrheit; Die Verstrickungen der USA mit Osame bin Laden, Pendo, 2002; Preis: € 18,90
  • Jürgen Elsässer (Hg.): Deutschland führt Krieg; Seit dem 11. September wird zurückgeschossen, Konkret texte 32, 2002; Preis: € 16,80
  • Winfried Wolf: Afghanistan; der Krieg und die neue Weltordnung, Konkret Literatur Verlag, 2002; Preis: € 15.—
  • Oliver Tolmein: Vom deutschen Herbst zum 11. September; Die RAF, der Terrorismus und der Staat, Konkret Literatur Verlag, 2002; Preis: € 16,50
  • Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad; Aufstieg und Niedergang des Islamismus, Piper, 2002; Preis: € 29,90
  • Gilles Kepel: Zwischen Kairo und Kabul; Eine Orient-Reise in den Zeiten des Dschihad, Piper, 2002; Preis: € 12.—
  • Redaktion Jungle World: (Hg.): Elfter September Nulleins; Die Anschläge, Ursachen und Folgen, Ein Kongress-Reader, Verbrecher Verlag, 2002; Preis: € 14.—

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
2002
Heft 5-6/2002, Seite 38
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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