Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 8/2002 — 1/2003
Thomas Schmidinger

Im Islam sind die Wurzeln nicht zu finden

Auch wenn Gerhard Scheit in seiner Analyse gegenwärtiger Entwicklungen in Zusammenhang mit den Selbstmordattentaten in Israel oder New York weitgehend recht zu geben ist, so falsch sind seine Ausführungen, wo es um die Suche nach den Wurzeln für die aktuellen Ereignisse in der islamischen Geschichte oder Religion geht.

Gerhard Scheit hält den Islam für „dem Christentum eng verwandt, was die Abwehr des Judentums betrifft“. Genau darin unterscheiden sich Islam und Christentum aber zur Gänze. Während das Christentum als jüdische Sekte und Regression des Judentums, durch Abfall von den religiösen Gesetzen und Rückfall in einen nichteingestandenen Polytheismus, sich ständig vom Judentum abgrenzen muss, ja allein die Existenz des Judentums die Existenzberechtigung des Christentums ständig in Frage stellt, hatte dies der zwar von Juden- und Christentum beeinflusste, aber in einer polytheistischen Umgebung entstandene, Islam nie notwendig. Der Islam fiel nie vom Judentum ab und kannte auch nie den Mythos der Allmächtigkeit des Judentums, der in der christlichen Mythologie aus dem Vorwurf des Gottesmordes resultiert. Wer Gott ermorden kann muss schließlich als allmächtig imaginiert werden. Im Islam ist Jesus aber nur ein Prophet unter vielen und je nach islamischer Richtung steht auch seine Hinrichtung keineswegs fest. Auch die Freudsche These, dass Antisemitismus seine tiefste unbewusste Wurzel in einem Kastrationskomplex der unbeschnittenen Christen habe, der von den beschnittenen Juden ausgelöst werde, [1] kann für die ebenfalls beschnittenen Muslime nicht geltend gemacht werden. Der Islam kann deshalb insbesondere was „die Abwehr des Judentums“ betrifft nicht als mit dem Christentum verwandt betrachtet werden. Juden wurden im Quran meist mit Christen und Mandäern gemeinsam als Ahl al-Kitab, als Religionen des Buches, erwähnt. Nur in einer einzigen Sure, die im Zusammenhang mit einer konkreten Auseinandersetzung Muhammads mit jüdischen arabischen Stämmen in Yatrib, dem späteren Medina, stand, werden Juden explizit negativer beurteilt als Christen.

Auch in Bezug auf Opfer und Märtyrer sind sich Islam und Christentum historisch und theologisch keineswegs gleich. Tatsächlich war der Märtyrerkult dem sunnitischen Islam, im Gegensatz zum Christentum, fast völlig fremd. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass es im schiitischen Islam sehr wohl einen ausgeprägten Märtyrerkult gab, der sich insbesondere zu Muharram zeigt, wenn die Schiiten dem Tod des Prophetenenkels Hussein in der Schlacht bei Kerbala gedenken. Hier wäre es sicher interessant der Frage nachzugehen wie weit ein Zusammenhang zwischen der Ausbreitung eines Märtyrerkultes in den letzten Jahrzehnten und der Tatsache besteht, dass gerade im schiitischen Iran erstmals eine „islamische Revolution“ gelang und schließlich auch der Versuch unternommen wurde diese etwa mit Hilfe der libanesischen Hizb Allah zu exportieren.

In der Praxis waren die jüdischen Gemeinschaften in der islamischen Geschichte ebenso wie Christen und andere Angehörige von Buchreligionen als Dhimmis, als „Schutzbefohlene“ akzeptiert, ein Status minderer Rechte und Pflichten, der zwar die Zahlung einer erhöhten Steuer festschrieb, dafür aber auch eine gewisse innere Autonomie garantierte. Tatsächlich führte dieser Status regional und zeitlich begrenzt zu einer verstärkten Prekarisierung der Schutzbefohlenen. Es gab auch im islamischen Herrschaftsbereich immer wieder Verfolgungen religiöser Minderheiten. Sie trafen meistens sowohl ChristInnen als auch Jüdinnen und Juden. Sowohl Verfolgungen, die sich ausschließlich gegen jüdische Bevölkerungsgruppen richteten, aber auch Angriffe, die allein die christlichen Minderheiten trafen, sind uns aus der islamischen Geschichte bekannt. Eine spezifisch gegen Jüdinnen und Juden gerichtete Verschwörungstheorie, die den Juden wie im Christentum Allmacht zuschrieb, existierte in der islamischen Geschichte jedoch bis zum Import derselben aus Europa nicht.

Erst im Zuge des europäischen Zugriffes auf die Arabische Welt im 19. Jahrhunder konnten sich Ritualmordlegenden und Vorstellungen einer jüdischen Weltverschwörung ausbreiten.

Verschwörungstheorien richteten sich im Nahen Osten zunächst eher gegen die christlichen Minderheiten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Einfluss „christlicher“ europäischer Mächte im islamisch beherrschten Raum. Sie drängten unter anderem auf eine ökonomische und politische Besserstellung der christlichen Minderheiten, die sie als Verbündete ihrer beginnenden Kolonialpolitik betrachteten. Für die jüdischen Minderheiten interessierten sich die europäischen Mächte zunächst nicht. Die durch die hegemoniale Politik ausgelösten Aggressionen richteten sich daher eher gegen die arabischen Christen als gegen Jüdinnen und Juden. So wurde im späten Osmanischen Reich die Verfolgung der christlichen Armenier durch die nationalistischen „Jungtürken“ teilweise mit ähnlichen Stereotypen begründet wie sie der europäische Antisemitismus benutzte. Die über das gesamte Land verteilten, teilweise im Handel aktiven Armenier wurden mit Wucher und Geldgeschäften in Verbindung gebracht, im Ersten Weltkrieg als Verbündete Russlands betrachtet und 1915 durch Deportation in die Wüste vernichtet.

Dies geschah jedoch zu einem Zeitpunkt, als die islamische Welt bereits längst dem Zugriff europäischer Kolonialmächte ausgesetzt war und ist nicht Teil einer ausschließlich genuin islamischen Entwicklung, sondern Teil der Geschichte eines peripheren Kapitalismus im von Kolonialmächten zerütteten und von europäischen Nationalismusexporten zersetzten späten Osmanischen Reich. Auch der erste große moderne Pogrom in der Arabischen Welt, der aufgrund eines Ritualmord-Vorwurfes 1940 in Damaskus stattfand, wurde von der Beschuldigung katholischer Kapuzinermönche ausgelöst und mit der tatkräftigen Mithilfe des französischen Konsuls durchgeführt. Die Entwicklung des Antisemitismus in der arabischen Welt hat somit sehr wenig mit dem Islam, hingegen sehr viel mit der modernen ökonomischen und politischen Entwicklung der Region zu tun.

Gerhard Scheit bleibt auch eine Erklärung schuldig, warum die „‚Sharia‘ die optimale ‚Rechtsform‘ für Rackets ausgebildet habe“. Was versteht er hier unter „Sharia“? Es gibt allein im sunnitischen Islam vier verschiedene traditionelle Rechtsschulen, die wiederum nie ein gesatztes Recht formuliert haben, sondern vielmehr als Rechtstraditionen zu betrachten sind, so wie etwa das römische Recht als Grundlage der europäischen Rechtsentwicklung zu betrachten ist. Zwar ist es nicht völlig willkürlich was unter sharia (arab. Weg) zu verstehen ist, der Interpretationsrahmen läßt aber einen Spielraum offen, der sehr vieles ermöglicht.

Eine ähnliche Kritik hätte ich an der Verwendung des G’ihad-Begriffes. Gerhard Scheit verwendet den Begriff hier so, wie ihn Bin Ladin oder andere bewaffnete islamische Integralisten heute in der Praxis anwenden, definiert ihn aber als Begrifflichkeit des Islam. Nun ist der traditionelle G’ihad-Begriff jedoch eher mit dem christlichen Konzept des „gerechten Krieges“, wie es von Thomas von Aquin entwickelt wurde, zu vergleichen und nicht als „Kampf, der das Selbstopfer als Selbstmordattentat immer schon einschloß“ der „immer der Erweiterung der Gemeinschaft und der Ausdehnung ihrer Macht“ diente. Tatsächlich war das islamische G’ihad-Konzept immer als Verteidigungskrieg gegen einen Angriff aus dem dar al-harb, also dem nichtislamischen Herrschaftsbereich, definiert. Gerade aufgrund dieser Definition müssen sich moderne islamische Integralisten ihren G’ihad zum Verteidigungskrieg umlügen und sich selbst bzw. die islamische Zivilisation als Opfer aller möglicher zionistischer, amerikansicher, westlicher oder eben jüdischer Verschwörungen begreifen, gegen die sie sich mit Hilfe des G’ihads zur Wehr setzten.

Offen bleibt für mich auch die Frage ob Gerhard Scheits Annahme, dass „die rassistische Festlegung auch dort am Werk ist, wo von Ungläubigen statt von Rasse gesprochen wird“ wirklich eine völlige Identität des rassistischen Vernichtungsantisemitismus mit dem religiösen Vernichtungsantisemitismus eines Bin Ladin oder eines G’ihad Islamy begründen kann. Selbstverständlich geht es auch einem religiösen Antisemiten oder einer religiösen Antisemitin darum Jüdinnen und Juden zu töten, allerdings eröffnet sich bei einem solchen religiösen Antisemitismus immerhin noch die Möglichkeit der Konversion. Selbst für die Hamas dürfen Jüdinnen und Juden in der Umma mitmachen, wenn sie sich der islamischen Gemeinschaft anschließen und selbst auch beim G’ihad mitmachen. Vom Nationalsozialismus verfolgte Jüdinnen und Juden wurden vernichtet, egal ob sie konvertierten oder wie deutschnational sie dachten. So wichtig dieser Unterschied für die Analyse und Kritik auch ist, so wenig beruhigend ist er allerdings.

[1In einer Fußnote in „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ äussert sich Sigmund Freud folgendermaßen zum Zusammenhang von Kastrationskomplex und Antisemitismus: „Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten.“ (Freud, Sigmund: Gesammelte Werke Bd. VII, S. 271, Frankfurt am Main, 1999)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2003
Heft 8/2002 — 1/2003, Seite 13
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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