Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 4-5/2004
Ljiljana Radonić

Holocaust und Revisionismus in Kroatien*

Der eliminatorische Antisemitismus orientierte sich im Ustascha-Kroatien zwar an deutschen und österreichischen Vorbildern, die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden wurde aber größtenteils eigenständig durchgeführt.

Der Antisemitismus hat in Kroatien keine lange Tradition, denn obwohl Kroatien ein katholisches Land ist, war es bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine feudale Gesellschaft. Religiöser Antisemitismus war aufgrund der lokalen persönlichen Herrschaftsstrukturen wenig verbreitet und moderner Antisemitismus kam erst sehr spät auf. In den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts, 1848 und zur Jahrhundertwende gab es antisemitische Ausschreitungen, doch zu einer richtigen Antisemitismuswelle kam es – beeinflusst durch die Entwicklungen in Europa – erst in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts. 1930 wurden die Protokolle der Weisen von Zion erstmals auf Serbokroatisch herausgegeben, die antisemitische Presse blühte auf. Noch stand dahinter aber keine organisierte Massenbewegung und keine legale Partei Kroatiens hatte ein klar antisemitisches Programm.

Die Ustascha [1]-Bewegung, welche 1941 von Hitler an die Macht gehievt wurde, verfolgte von Anfang an einen antijugoslawischen Aktionismus, hetzte gegen die Belgrader Regierung und „die Serben“ im Allgemeinen, ihre Vertreter mussten aber in den 20-er Jahren Kroatien verlassen, die Bewegung blieb marginalisert. Bis 1934 war der Hauptfeind der Ustascha das Belgrader Regime, Antisemitismus kam in ihren Veröffentlichungen zunächst nicht vor. Die Ustascha-Ideologie entwickelte sich im Laufe der 30-er Jahre aber zu einer Synthese aus NS und Faschismus, unter Anpassung an die kroatischen Umstände. Der Antisemitismus wurde eins zu eins aus der NS-Ideologie übernommen, „der Jude“ wurde als Zersetzter des kroatischen arischen Volkes imaginiert, was die „Lösung der Judenfrage“ erforderlich mache. In einem 1936 von Ante Pavelić, dem Anführer der Ustascha (Poglavnik) verfassten Elaborat, benennt er die serbische Staatsmacht, das internationale Freimaurertum, das Judentum und den Kommunismus als die Feinde der kroatischen Befreiungsbewegung. Die Ideen der Ustascha stießen zunächst vor allem im rechten Bildungsbürgertum und bei den Studenten auf Zustimmung. 1937/38 kehrten zahlreiche Ustascha, die später hohe Posten innerhalb des Ustascha-Regimes bekleiden sollten, aus der Emigration nach Kroatien zurück.

Am 10.4.1941 marschierten deutsche Truppen in Zagreb ein. Der „Unabhängige Staat Kroatien“ (NDH) wurde proklamiert. Es handelte sich hierbei jedoch keineswegs um einen souveränen Staat, sondern um ein okkupiertes Gebiet, in dem die Ustascha in manchen Bereichen Handlungsbefugnisse erhielten. In ihrer jeweiligen Einflusssphäre sorgten die Achsenmächte aber immer dafür, dass die willige Ustascha-Regierung auf richtigem Kurs blieb. Bereits am Tag nach der Besetzung Zagrebs beschlagnahmte die Gestapo das Vermögen der jüdischen Gemeinde und zog selbst in ihre Räumlichkeiten ein. Volksdeutsche halfen ab sofort der Ustascha-Polizei bei der Verhaftung von Jüdinnen und Juden, zündeten die Synagoge in Osijek an und übernahmen bald jüdische Geschäfte in ganz Slawonien. Die Ustascha-Regierung startete ihre antijüdischen Maßnahmen einen Tag nach den Deutschen, was sich in den ersten Tagen auf Plünderungen beschränkte. Als der Raub der Kontrolle der Regierung entglitt, wurden harte Strafen gegen eigenmächtiges Plündern verhängt, welches aber auf Regierungsebene fortgesetzt wurde. Die Gestapo verhaftete einige Tage später rund 50 der angesehensten Juden Zagrebs, sie wurden über die jüdische Gemeinde befragt und bald darauf freigelassen. Nach dieser Aktion haben sich die Nazis bis zum Frühling 1942 nicht mehr in die kroatische „Lösung der Judenfrage“ eingemischt. Die Ustascha nahmen einige Tage nach der Ausrufung des NDH bereitwillig alles selbst in die Hand.

Bereits im April 1941 wurden – dem deutschen Vorbild entsprechende – umfassende „Judengesetze“ erlassen: über die Rassenzugehörigkeit, den Schutz arischen Blutes und der Ehre des kroatischen Volkes, sowie das Gesetz über die Staatsbürgerschaft, etc. Jüdinnen und Juden durften seit Mai 1941 keine Restaurants, Cafes, Kinos, Theater und Parks betreten. Sie wurden aus dem öffentlichen Dienst und bald auch aus privaten Betrieben entlassen, wenn sie keine Sondergenehmigung bekamen. Genau einen Monat nach der Ausrufung des NDH mussten sich alle männlichen Juden zwischen 16 und 60 Jahren bei den Ustascha-Behörden melden, „Judenausweise“ wurden verteilt und die Kennzeichnungspflicht – drei Monate früher als im Deutschen Reich – eingeführt. Anders als in Deutschland und Österreich kam es nach der Einführung der Kennzeichnungspflicht zu Solidaritätsbekundungen in der Bevölkerung: Nicht-Juden und -Jüdinnen bekundeten – laut Ustascha- und Gestapo-Berichten – auf der Straße ihre Sympathie gegenüber Jüdinnen und Juden, älteren Frauen und Kindern wurden von Nicht-Juden die gelben Stofffetzen entfernt. Der Antisemitismus in Kroatien scheint nicht eine derart einigende Klammer der Gesellschaft gewesen zu sein wie in den NS-Staaten, zumindest gab es so etwas wie offene Solidaritätsbekundungen gegenüber Jüdinnnen und Juden. [2]

Das Ustascha-Regime zeichnete zwar, ähnlich wie im Dritten Reich, Kompetenzüberschneidungen und -streitigkeiten, improvisierte Lösungen und ein scheinbares organisatorisches Chaos aus, aber die „Endlösung der Judenfrage“ wurde mit vernichtender Präzision organisiert. Nach deutschem Vorbild sah die Planung eine Phase der Ausgrenzung, danach die Konzentration in Sammellagern und schließlich die Vernichtung der Jüdinnen und Juden vor. Während aber der NS vom Anfang des Ausgrenzungsprozesses bis zur Vernichtung acht Jahre „vergehen ließ“, begannen die Ustascha bereits knapp vier Monate nach ihrer Machterlangung mit der Massenvernichtung. Paradoxerweise benötigte das Regime sogar für die scheinlegale Enteignung jüdischen Eigentums (teils schon ermordeter EigentümerInnen), welche noch weit bis in das Jahr 1942 die Behörden beschäftigte, länger, als für die Konzentration, Deportation und Ermordung weiter Teile der jüdischen Bevölkerung. In Zagreb wurden bis Ende September 1941 3000 Jüdinnen und Juden ermordet, deportiert oder verhaftet. Die Ustascha versuchten alle Jüdinnen und Juden auf NDH-Territorium in Zagreb zu konzentrieren. Dagegen gab es Protest: In einigen Fällen unterschrieben ganze Dörfer Petitionen an das Innenministerium, um „ihre“ Juden zu retten. Es kam zu kleineren Angriffen kommunistischer Gruppen auf Ustascha-Institutionen, woraufhin Standgerichte die Ermordung von Gefangenen als „Entschädigung“ verfügten.

Chassiden
Bruno Schulz, 1934

Von Anfang an befürworteten die Deutschen die eigenständige Errichtung von KZ durch die Ustascha. Im Zuge des Erfahrungsaustausches reiste Eugen Dido Kvaternik, der Chef der Polizei, sowie der Nachrichten- und Sicherheitsdienste, bereits Ende Mai 1941 nach Deutschland, um von hochrangigen SS-Kollegen zu lernen. Mit dem Ausbau des Lagersystems war in Kroatien jedoch bereits Mitte April begonnen worden. Im Juni 1941 begann durch die Inbetriebnahme der Lager in Gospić, am Velebit und auf der Insel Pag die letzte Phase des Holocausts im NDH. Als die italienische Armee im Sommer 1941 die Okkupation der Küstengebiete Kroatiens (Zone B) ankündigte, in die alle drei Lager fielen, waren die größten Opfer des Rückzugs der Ustascha die Lagerinsassen. Alle drei Lager wurden aufgelöst. Insgesamt kamen in Jadovno, auf Pag und in Gospić ungefähr 24000 Menschen um, davon rund 2500 Jüdinnen und Juden. In Djakovo und Loborgrad wurden danach Frauen- und Kinderlager für Jüdinnen und Juden, wie auch für Gefangene serbischer Abstammung errichtet.

Mehr als die Hälfte aller jüdischen Opfer auf dem Gebiet des NDH fand in Jasenovac, dem rund 110 km südöstlich von Zagreb gelegenen Lager den Tod. Auch heute noch wird in Ex-Jugoslawien ein mühsamer Streit um die Zahl der Ermordeten geführt. Jasenovac war von August 1941 bis April 1945 der größte KZ-Komplex im ganzen NDH. Es handelte sich dabei gleichzeitig um das größte Lager Europas, in dem im Zweiten Weltkrieg ohne unmittelbare Teilnahme der Nazis gemordet wurde.

Das Lagersystem bestand aus mehreren Komplexen: Jasenovac I und II wurden Mitte November 1941 von der Save überschwemmt und mussten aufgelassen werden. Vjekoslav Maks Luburić, der Lagerkommandant, ließ sich für die Konzeption von Jasenovac III während seines Besuchs in Sachsenhausen-Oranienburg inspirieren. Von drei Seiten umgab das Lager unwegsames Sumpfgebiet, auf der vierten Seite die Save, so dass die PartisanInnen es zu keinem Zeitpunkt des Krieges wagten, das Lager anzugreifen. Unmittelbar nach der Auflösung von Jasenovac I und II fing das Massenmorden in Jasenovac III an – und sollte jahrelang nicht mehr aufhören. Rund 120 Totengräber waren täglich mit der „Entsorgung“ der Leichen beschäftigt. Im Februar 1942 durfte eine internationale Kommission das Lager besuchen, wofür allerlei Maßnahmen getroffen wurden: Unter anderem wurden alle „schlecht aussehenden“ Häftlinge ermordet – ihre Zahl wird auf bis zu zwei Drittel aller InsassInnen geschätzt. Besonders auffällig sind die brutalen Methoden, mit denen die Häftlinge zu Tode kamen, nicht selten wurden sie mit einem Fallklotz erschlagen. Das Lager Jasenovac IV wurde im Jänner 1942 in Betrieb genommen. Die ehemalige Lederfabrik wurde zu einem Betriebskomplex umfunktioniert, in dem Häftlinge mit Fachausbildung arbeiteten. Deswegen waren dort die Überlebenschancen lange Zeit am größten. Im April 1945 wurden aber alle Häftlinge aus Jasenovac IV (bis auf elf Häftlinge, denen die Flucht gelang) ermordet. Im Februar 1942 wurde eine Strafanstalt im nahe gelegenen Stara Gradiška als Jasenovac V in das Lagersystem eingegliedert – ein Arbeitslager, bei dem auch Massentötungen stattfanden. Ab Juni 1942 wurden rund 10000 Jasenovac-Häftlinge zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportiert, es handelte sich meist um SerbInnen, aber auch um KroatInnen und Moslems. Im Sommer 1942 wurden in einer Sammelaktion mindestens 10000 Roma verhaftet und ermordet.

Auf Missfallen der deutschen Armeeeinheiten stieß der Ustascha-Terror gegen die serbische Bevölkerung des NDH: Ganze Dörfer in der breiteren Umgebung von Jasenovac wurden „ausgehoben“, die Bevölkerung, meist bestehend aus älteren Menschen, Frauen und Kindern, nach Jasenovac gebracht, die Dörfer verwüstet. Aufgrund des deutschen Protestes musste Kvaternik sein Amt niederlegen, später auch Luburić, der Lagerkommandant.

Das Jahr 1943 und der Anfang des Jahres 1944 verliefen relativ „ruhig“. 1944 erlangte Luburić wieder indirekt Macht über das Lager, welches wieder mit alter Brutalität weitergeführt wurde. Mit der Auflösung des Hauptlagers, Jasenovac III, wurde am 19.4.1945 begonnen. In Jasenovac starben insgesamt zwischen 80000 und 90000 Menschen, davon rund 17000 Jüdinnen und Juden.

Aber nicht nur in Jasenovac wurde gemordet. Ab 1942 schalteten sich die Nazis wieder in den Vernichtungsprozess ein. Sie kritisierten, dass einerseits aufgrund von Ausnahmeregelungen immer noch „zu viele Jüdinnen und Juden“ am Leben wären und dass andererseits die Behandlung der Häftlinge „grundlos brutal“ gewesen sei. Aus diesem Grund plante man die „Umsiedlung“ der noch lebenden Jüdinnen und Juden in den Osten des Reiches. Im August 1942 wurden rund 1200 Jüdinnen und Juden verhaftet und nach Auschwitz transportiert. Der Transport zum Hauptbahnhof erfolgte am helllichten Tage, was den Protest vieler BewohnerInnen Zagrebs auslöste, viele brachten daraufhin den Verhafteten Essen, wie italienische Abgesandtein Zagreb berichteten. Insgesamt überlebte aus vier Transporten nach Auschwitz (knapp 5000 Jüdinnen und Juden) bloß eine Handvoll Menschen. Anfang des Jahres 1943 planten die Deutschen sorgfältig die letzte Deportation der kroatischen Jüdinnen und Juden. Die „letzte große Jagd“ startete in Zagreb am 3. Mai 1943, zu den Verhafteten zählten auch die letzten Angestellten der Zagreber Gemeinde, die bis zuletzt Versorgungspäckchen in die Lager geschickt hatten.

Die beste Fluchtmöglichkeit für Jüdinnen und Juden im NDH war der Weg in die italienisch okkupierte Zone B, die Küstenregion, für die man keinen Pass, sondern bloß Durchlasspapiere benötigte, die leichter zu bekommen oder zu fälschen waren. Wiesen die Italiener bis zum Sommer 1941 manche Jüdinnen und Juden an der Grenze ab, so änderten sie ihre Politik, nachdem sie von den Schrecken der Lager auf Pag und in Jadovno erfuhren. Die Deutschen bestanden darauf, diese rund 5000 Geflohenen wieder unter die Kontrolle der Ustascha zu bringen, doch die in der Zone B stationierten italienischen Befehlshaber verweigerten das. Mussolini stimmte einer Konzentrierung der Geflohenen in Lager auf italienischem Gebiet zu. In diesen Lagern durften die InsassInnen tagsüber den Lagerbereich unbewacht verlassen. Die Verpflegung war jedoch nicht ausreichend. Als der deutsche Druck nach Auslieferung immer stärker wurde, erklärte Italien die Geflohenen zu Kriegsgefangenen und gründete auf Rab ein neues Lager für 3600 Jüdinnen und Juden der Zone. Als Italien am 8. September 1943 kapitulierte, befreiten sich 243 LagerinsassInnen und gründeten eine eigene jüdische PartisanInneneinheit. Ein Großteil der italienischen Streitkräfte übergab ihre Waffen an die PartisanInnen, wodurch diese deutlich erstarkten. Es entbrannte ein hitziger Kampf zwischen den einrückenden deutschen Einheiten und den PartisanInnen um die Küstenregion. Als die Deutschen Verstärkung schickten, gerieten die auf Rab verbliebenen Häftlinge in Gefahr. Im Herbst 1943 organisierten die PartisanInnen in einer komplizierten Aktion die Evakuierung beinahe aller InsassInnen des ehemaligen „Judenlagers“ und retteten 3151 Menschen. Es handelt sich dabei europaweit um eine der größten Rettungsaktionen von Jüdinnen und Juden aus einem Lager. Jene Menschen, die sich den PartisanInnen nicht anschließen konnten, wurden auf die bereits befreiten ländlichen Gebiete aufgeteilt. Dabei kam es, abgesehen von den zu erwartenden Schwierigkeiten, wenn Städter auf ländlichem Gebiet angesiedelt wurden, zu keinen gröberen Komplikationen, geschweige denn zu antisemitisch begründeter Ablehnung der Geretteten. Im Juli 1941 hatte der bewaffnete Widerstand gegen die Ustascha und die Besatzer begonnen. Erst als die PartisanInnen in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 ein kompaktes befreites Territorium unter ihre Kontrolle gebracht hatten, schlossen sich auch ganze jüdische Familien den PartisanInnen an. Dabei ist ein Fall bekannt, in dem es eine PartisanInneneinheit aus antisemitischen Motiven ablehnte, Juden aufzunehmen, wie Goldstein in einer früheren Arbeit über kroatische Juden im antifaschistichen Widerstand schreibt. Die meisten Jüdinnen und Juden traten den PartisanInnen nach der Befreiung aus dem Lager auf Rab bei. Von den rund 9000 Jüdinnen und Juden, die den Holocaust auf dem Gebiet des NDH überlebten, gelang dies der Hälfte (10% der früheren jüdischen Bevölkerung) auf PartisanInnengebiet oder im PartisanInnenkampf. Das macht proportional die größte Zahl jüdischer KämpferInnen im antifaschistischen Kampf und auch die größte Prozentzahl der Geretteten aus. Rund 800 Jüdinnen und Juden überlebten unter dem Schutz ihrer „Mischehen“ in Zagreb. Außer ihnen überlebten noch 150 bis 200 mehr oder minder zufällig oder aufgrund der Hilfe ihrer MitbürgerInnen auf dem Gebiet des NDH. Insgesamt überlebten nur knapp mehr als 20% jener Jüdinnen und Juden, die vor dem Krieg auf dem Gebiet des NDH gelebt hatten, den Krieg.

Leierkastenmann auf dem Hof
Bruno Schulz, 1937

Es scheint, als hätte es in Kroatien innerhalb der Bevölkerung eine stärkere Polarisierung für oder gegen die Ustascha gegeben, als das in Österreich und Deutschland für den NS der Fall war. Viele waren in den Ustascha-Apparat eingebunden, aber viele schlossen sich auch dem PartisanInnenkampf an oder unterstützten ihn zumindest. Dieser antifaschistische Kampf schloss die Rettung von Jüdinnen und Juden aus Lagern – soweit sie durchführbar war – ein. Auch gab es verbreitet Solidaritätsbekundungen und Hilfeversuche (vor allem von kommunistischen Gruppen). 84 KroatInnen wurden bis 2001 zu Gerechten der Völker erklärt.

Nach 1945 wurde in Jugoslawien der antifaschistische Kampf staatsideologisch gefeiert. Dieser Umgang mit der Vergangenheit war aber weitaus sympathischer, als die Entwicklungen, die 1990 ins Rollen kamen.

In der kroatischen Politik, Geschichtsschreibung, den Medien, Schulbüchern und der Öffentlichkeit versucht man seit der Unabhängigkeit Kroatiens den NDH in einem günstigeren, verharmlosenden Licht darzustellen. War der Revisionismus vor 1990 ein gesellschaftliches Randphänomen, so wurde er von der neuen Regierung nicht nur ermutigt, sondern auch in das politische Programm aufgenommen. Dabei wurden und werden, ausgehend von der Fetischisierung der kroatischen Nationalstaatsidee, alle Entwicklungen, die in Richtung eines selbstständigen kroatischen Staates gingen, unkritisch überbetont und verherrlicht – die „schlechten Seiten“ werden dabei minimalisiert oder ganz abgestritten. Die Umdeutungsversuche reichen von der Behauptung, der NDH hätte zwar die Rassengesetze unter dem Druck der Nazis erlassen, sie aber nicht exekutiert, über den Versuch, die Ustascha als nicht antisemitisch darzustellen, bis zum Zweifel, ob der Holocaust in Kroatien wirklich stattgefunden hat. Die vom kroatischen Parlament beauftragte Kommission zur Untersuchung von Kriegs- und Nachkriegsverbrechen kommt nach einer siebenjährigen Untersuchungszeit (1992-1999) zu dem Ergebnis, der Zweite Weltkrieg hätte 331 nach ihrer Religion definierte bzw. 293 nach ihrer Volkszugehörigkeit definierte Juden das Leben gekostet. Für die Lager von Jasenovac wurden 2238 Opfer vermerkt, ihre Religion oder Nationalität wurde jedoch nicht angegeben. Bei diesem Revisionismus spielte der Präsident des neuen kroatischen Staates, Franjo Tuđman, eine Schlüsselrolle. Sein Buch „Irrwege der Geschichtswirklichkeit“ stellt eine der Grundlagen dieses Revisionismus dar. Tuđman behauptet darin erstens, in Jasenovac seien dreißig- bis vierzigtausend Menschen „umgekommen“, die meisten davon „Zigeuner“, dann Jüdinnen und Juden SerbInnen, aber auch KroatInnen. Zweitens trügen nicht ausnahmslos die Ustascha schuld, auch seien Juden nicht nur Opfer von Jasenovac, sondern auch Mitschuldige, so Tuđman. Er behauptet, dass Juden in dem Lager eine privilegierte Stellung innegehabt und die Macht innerhalb des Lagers besäßen hätten. Sie sollen mit den Ustascha eng verbunden gewesen sein, weshalb sie auch an Tötungen und Selektionen mitgewirkt hätten. Die Organisation der Ermordung einer Gruppe von Roma sei Juden übertragen worden, die auch geschickt gegen die serbischen Häftlinge intrigiert hätten. Als Quellen verwendet Tuđman erzwungene oder gefälschte Aussagen von drei ehemaligen Häftlingen, die seiner Meinung nach ein „ziemlich authentisches Bild“ vermitteln sollen. Er zitiert einen seiner „Hauptzeugen“, der gesagt haben soll, der Jude bleibe Jude, nur dass in Jasenovac seine schlechten Seiten deutlicher hervorgetreten wären. Tuđman schätzt diese Meinung als übertrieben ein, sogar als antisemitische Einstellung, fügt aber doppeldeutig hinzu, andere Zeugen würden ähnliches aussagen. Eine andere Quelle, die Tuđman in seinem Buch heranzieht, um das angebliche Verhalten „der Juden“ in Jasenovac darzustellen, ist ein Buch von Ante Ciliga, einem Schriftsteller, dessen Glaubwürdigkeit sich am besten an dem Beispiel demonstrieren lässt, dass er als einziger auf der Welt zu wissen glaubt, dass Stalin Pavelić angeboten habe, unter bestimmten Bedingungen den NDH nach Kriegsende in seinen Grenzen anzuerkennen. Tuđman zitiert also Ciliga, der schreibt, „die Juden“ hätten in Jasenovac die Initiative bei Vorbereitungen und Provokationen von Massentötungen von Nicht-Juden, Kommunisten, Partisanen und Serben übernommen. Unter dem Druck amerikanischer und westeuropäischer jüdischer Institutionen und staatlicher VertreterInnen nahm Tuđman in der amerikanischen Übersetzung seines Buches alle antisemitischen Passagen heraus und kürzte in der fünften Auflage seines Buches auf Kroatisch die antisemitischsten Stellen. Doch das ändert nichts an den Folgen seines Wirkens: Viele kroatische JournalistInnen und SchriftstellerInnen haben seine Thesen aus der ursprünglichen Fassung der „Irrwege“ als richtungsweisend übernommen und in ihren Apologien des NDH weiterverarbeitet.

Nicht nur als „Historiker“, auch als Politiker beförderte Tuđman den Revisionismus: Vor einer Versammlung der HDZ sagte er über den NDH, er sei nicht nur ein faschistisches Gebilde, sondern auch der Ausdruck des Jahrhunderte langen Strebens des kroatischen Volkes nach einem unabhängigen Staat gewesen. [3] Er distanzierte sich zwar später von der „Doppeldeutigkeit“ dieser Aussage, änderte aber nichts an der Politik der Identifizierung mit dem Ustascha-Staat. Die Republik Kroatien knüpft mit dem Namen ihrer Währung (Kuna), den Rängen ihrer Armee, der Terminologie in Staatsakten und der Umbenennung staatlicher Institutionen, wie des kroatischen Parlaments (Sabor) an den NDH an. Fast 3000 Denkmäler für die gefallenen PartisanInnen und die Opfer des Ustascha- und Naziterrors wurden entfernt, zerstört oder beschädigt, Straßen, Kasernen und Institutionen nach Ustascha-Amtsträgern und Militärbefehlshabern benannt, Ustascha-Lieder in die kroatische Folklore übernommen. Der zweite Präsident des kroatischen Parlaments bezeichnete die in Bleiburg nach dem Krieg getöteten Ustascha als „kroatische Armee“, aus der das heutige Kroatien emporgewachsen wäre. Er meinte damit jene Armee, deren Anführer zu Kriegsende der langjährige Kommandant von Jasenovac, Vjekoslav Maks Luburić, gewesen war.

Dieser Revisionismus machte sich mit der Zeit in den unterschiedlichsten Literaturrichtungen breit: in Lexika, Büchern über kroatische Literatur und natürlich in Geschichtsbüchern. Versucht man, in irgendeiner dieser Literatursparten etwas über ein bestimmtes Thema zu erfahren, und erwischt eine der unzähligen, weit verbreiteten Publikationen aus den 90-er Jahren, so kann man sich nur auf eines verlassen – dass alles, was man liest, mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. So nennt z.B. ein Autor namens Dubravko Jeličić in einem Buch über kroatische Literaturgeschichte (1997) neben Miroslav Krleža, dem größten und bekanntesten kroatischen Schriftsteller, als mindestens ebenso großes Talent den antisemitischen Schriftsteller, Hetzredner und Ustascha-Minister Mile Budak.

Wie lange man noch Hitlers „Mein Kampf“ in Schaufenstern der Hauptstraße von Zadar bewundern und die Protokolle der Weisen von Zion in Zagreber Buchläden („Diese Woche zum Aktionspreis!“) erstehen kann, wird sich weisen. Vor einigen Monaten forderte andererseits die Kroatische Liberale Bauernpartei (HSLS) ein Ustascha- und NS-Widerbetätigungsverbot. Im Moment ist in Kroatien jedoch der Geist der Ustascha präsent.

[1Ustaša bedeutet im Kroatischen der Aufständische.

[2Im Mai 1941 fanden in einem Stadion für alle Mittelschüler Zagrebs verpflichtende Übungen statt. Als ein Redner während so einer Übung in seiner antiserbischen und antisemitischen Ansprache alle Jüdinnen/Juden und SerbInnen aufforderte, sich auf der anderen Seite des Stadions zu versammeln, folgten den jüdischen und serbischen SchülerInnen zuerst Mitglieder der kommunistischen Jugend – und danach alle anderen. Diese klare Solidaritätsbekundung ist ein deutliches Symbol für die Unterschiede zwischen der Situation in Kroatien und den Zuständen in Österreich und Deutschland.

[3Rede Franjo Tuđmans vom 24.2.1990 in Zagreb.

*) Als Hauptquelle für diesen Beitrag diente Ivo Goldstein: Holokaust u Zagrebu, Novi liber, Zagreb 2001.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2004
Heft 4-5/2004, Seite 13
Autor/inn/en:

Ljiljana Radonić:

Ljiljana Radonić ist Politikwissenschafterin und Übersetzerin in Wien.

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