Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 52
Wolfgang Beyer

Heute gehört uns Ungarn ...

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine: Deutschland ist wieder wer oder was in der Welt. Und wir Österreicher? Wollen wir uns im großen Haus Europa wirklich mit Zimmer-Kuchl-Kabinett zufriedengeben? Keineswegs und keinesfalls! In einer — bisher streng geheim gehaltenen — Rede will Annexionsminister Alois Mock demnächst unseren Weg in die ruhmreiche Vergangenheit skizzieren. Die MONATSZEITUNG: bringt als erste Zeitschrift Auszüge aus diesem aufsehenerregenden Dokument.

Liebe Österreicher und Demnächst-Österreicher in den Kronländern!

Die DDR-Wahlschlacht ist geschlagen — und die Wähler sind es auch —, wenn auch, wie manche notorische Nörgler behaupten, mit Blindheit. Jener Zug, der schon öfter erfolgreich für ein Einig Volk von deutschen Brüdern gerollt ist, kann nicht mehr angehalten werden; und was der böse Iwan dereinst so mutwillig getrennt hat, darf nun wieder eins werden — auf daß Gras wachse über jenen Schlußstrich, der nun endlich dort gezogen wurde, wo bis vor kurzem die Schandmauer stand. Aber das ist erst der Anfang. Wie sagte doch Kollege Herbert Hupka so richtig? „Wir bekennen uns zu Schlesien. Wir streiten für Schlesien. Wir lassen von Schlesien nicht.“

Und schon erhebt sich ein Ruf wie Donnerhall, der Deutschlands Grenzen von 1912 wiederherstellen will: mit Togo, Kamerun, den Marianen, und vor allem: mit dem Bismarck-Archipel. Mag auch Helmut Kohl recht haben, wenn er meint, daß „der Neger im Allgemeinen noch nicht reif“ sei für die deutsche Kultur — was zusammenwachsen muß, wird zusammenwachsen — ohne Rücksicht auf die blinde Macht geographischer Barrieren!

Auch wir, liebe ÖsterreicherundÖsterinnen, werden streiten müssen: für unser Ungarn, für unser Böhmen und für unser Galizien! Nie mehr darf es passieren, daß die Fußballmannschaften von Österreich und Ungarn aufeinandergehetzt werden wie Gegner, statt vereint und brüderlich im sportlichen Wettkampf den europäischen Kleinhäuslern zu zeigen, was ein Doppelpaß ist! Ich schlage daher eine Fußball-Union vor, die schon bei der bevorstehenden WM wirksam werden soll. Natürlich: bezüglich des Umrechnungskurses wird es noch Verhandlungen geben müssen: ist ein ungarischer Stürmer wirklich soviel wert wie zwei österreichische? Ich zweifle daran. Aber das werden die Fachleute entscheiden zu haben.

Österreicherundinnen!

Die Zahnarztpraxen, Supermärkte und Heilbäder sind schon längst in unserer Hand. Jetzt holen wir uns den Rest beziehungweise geben wir ihnen! Das ganze Volk ein Rollkommando! Die ganze Bundesregierung ein Generalstab! Noch heuer soll Sopron als vierundzwanzigster Bezirk an Wien angegliedert werden. Bereits 1998 wird die U 12 Preßburg mit der Großfeldsiedlung verbinden. Und dann werden endlich auch wir über eine schöne, ordentliche Dritte Welt direkt vor unserer Haustür verfügen! Auch wir haben Anrecht auf eine eigene Bananenrepublik, und das konnten wir im vergangenen Jahr mit unserer geschickten Diplomatie deutlich machen: der Osten, auch wenn er im Norden liegt, wird erst zum Westen durch den Import von Südfrüchten! Das ist Europa-Politik weltmännischen Zuschnitts, liebe Österinnen! Und mag auch unser zukünftiger Koalitionspartner Jörg Haider, den wir als solchen nie und nimmer akzeptieren werden — bis daß die nächste Wahl uns eine! —, weiterhin von der „Mißgeburt“ Österreichs schwätzen — wir werden ihm schon zeigen, welch gigantische Ausmaße eine solche annehmen kann!

Eines, liebe Österleichen, sollte uns klar sein: kein vereintes Europa ohne vereintes Groß-Österreich! Ungarn braucht den Musikantenstadl, wie wir keine Ahnung haben, wer Sandor Petöfi war. Die ehemaligen Kronländer und zukünftigen Kolonien lechzen nach Luis Trenker, Wolfgang Ambros und Jörg Mauthe, weil sie mit Franz Kafka, Gustav Mahler und Georg Lukács nichts Vergleichbares aufzuweisen haben! Helfen wir ihnen dabei, europareif zu werden! Ich selbst, liebe Freunde, habe es übernommen, meinen geliebten „Cyrano“ ins Ungarische zu übersetzen, obwohl ich weder wirklich Französisch kann noch einen blassen Schimmer habe vom Finnisch-Ugrischen, ganz abgesehen davon, daß selbst mein gestörtes Verhältnis zu meiner Muttersprache jenes ebenso gestörte zu meiner Mutter widerspiegelt, aber damit soll sich mein Analytiker beschäftigen.

Kommen wir zum Ende, der zugleich ein neuer Anfang sein wird, liebe Öinnen: der Anschluß wird kein Abschluß, sondern ein Schulterschluß, und zwar unter Einschluß all jener, die guten Willens sind, das Gesicht dieses Kontinents bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Der Irreal-Sozialismus hat ausgedient, und zwar hüben wie drüben, und wir werden alles unternehmen, was in unserer Ohnmacht steht, menschenwürdige Zustände auch und gerade in jenen Gebieten herzustellen, die bisher im Schatten des Gulag vegetieren mußten. Also: Freie Wahl der Fernsehprogramme! Theorie und Praxis von Steuerhinterziehung und Partei-Spenden als Pflichtfach auf den Wirtschaftsuniversitäten!

Freie Marktwirtschaft statt unfreier Marx-Wirtschaft!

Privatisierung der öffentlichen Bedürfnis-Anstalten!

Eine wahrhaft wehrhafte Demokratie, unabhängig und NATO-nal! Draken statt fluguntauglicher Ost-Produkte!

Krenn statt Christentum!
Cap statt Sozialismus!
Demagogie statt Despotie!

Ich danke Ihnen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1990
Nummer 52, Seite 25
Autor/inn/en:

Wolfgang Beyer:

Geboren 1958, Autor von Drehbüchern für Dokus und Spielfilme sowie von satirischen und kulturkritischen Beiträgen, Gestalter zahlreicher TV-Dokumentationen für ORF u. a.

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