Zeitschriften » FŒHN » Heft 23+24
Markus Wilhelm

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Als Alois Mock 17 Tage vor der Volksabstimmung mit einem von ihm als „Hexenschuß“ bezeichneten Bandscheibenvorfall die Innsbrucker Klinik aufsuchen muß, beginnt der PR-Apparat zu rotieren. Denn: „Just in der Woche, als Alois Mock durch seine Operation ausfiel, kippte das Meinungsklima in Sachen EU erstmals in Richtung Unentschlossene und Gegner.“ (News, 1.6.94) Auf der einen Seite fallen damit viele geplante Auftritte des Außenministers aus, auf der anderen schafft diese neue Entwicklung ungeahnte Möglichkeiten der Vermarktung. Krankenhaus, wir erinnern uns, kommt gut an. Leiden führt zum Mitleiden, Leid zu Mitleid. Die Zeitungen überschlagen sich: „Der Held von Brüssel liegt bewegungsunfähig in der Innsbrucker Klinik“, „es quält ihn, daß er Dutzende Veranstaltungen absagen muß“, „der leidenschaftlichste und glaubwürdigste Europa-Kämpfer, den dieses Land hat“. „Spitalsnachthemd“ und „Infusionsschläuche“ setzen sich an die Spitze aller Argumente für den EU-Beitritt. Die Sonntags-Gratis-Kronenzeitung vom 29. Mai macht mit Mock im Spital auf — „Ich führe einen Kampf mit der Zeit“ — und widmet dieser Herzschmerzgeschichte eineinhalb Seiten im Innenteil. Wegen des großen Erfolges wird am Montag drauf eine Pressekonferenz auf dem Gang der Neurochirurgie in Szene gesetzt. Die Bilder des Außenministers im Jogginganzug, ein EU-Standfähnchen auf dem Tisch vor sich und eine EU-Fahne hinter sich, zieren am nächsten Tag die Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen. „Bis zum Freitag muß er noch in der Klinik bleiben“, liest man im Beipacktext der TT (31.5.94). Am jenem Freitag dann melden die Salzburger Nachrichten jedoch, Mock müsse bis einschließlich Sonntag im Krankenhaus bleiben. „Ursprünglich hatte es geheißen, daß Mock bereits am Freitag nach Hause dürfe.“ Was war passiert? Haben ihn die Ärzte plötzlich nicht mehr lassen? Doch, die hätten ihn schon. Aber, o weh!, Entlassung!, die Marketing-Strategen haben ihn nicht. Denn für genau diesen Sonntag war schon seit langem Mocks Auftritt in der ORF-„Pressestunde“ vorgesehen. Und diese wollte man zum totalen Ereignis machen. Per Live-Übertragung aus dem Krankenhaus. Das nennt man Eventmarketing. Die Pressekonferenz am Gang sollte die geglückte Generalprobe für ein einsames Schauspiel gewesen sein. Welcher PR-Kopf auch immer die Idee dazu hatte, das war allererste Güte dreckigsten Schmierentheaters. Das Büro des Vorstandes der Neurologie wird ausgeräumt, Originaltisch und Originalsessel der „Pressestunde“-Dekoration werden aus Wien eingeflogen. Das Sekretariat wird zum Schminkzimmer. Die „Pressestunde“ selbst — am Sonntag um 11 Uhr — beginnt mit einer Befragung des behandelnden Arztes, der voller Anerkennung ist über seinen „disziplinierten Patienten“, der wirklich „sehr brav gefolgt“ hat. Usw. Damit ist das Niveau für die nachfolgende Interview-Show mit Paul Schulmeister und Alois Mock in den Hauptrollen vorgegeben. Der Rest ist bekannt. Was nicht bekannt ist: Während die „Pressestunde“ aus der Innsbrucker Klinik übertragen wird, wartet auf dem Innsbrucker Flughafen bereits die Charter-Maschine für den Heimflug des Außenministers nach Wien.

Die ORF-Zuseher geben die „Sensationsnote 4,7“ auf der fünfteiligen Bewertungsskala. Fritz Karmasin vom Meinungsüberwachungs-Institut Gallup: „Es haben vor allem die eindrucksvollen Auftritte von Alois Mock das Klima bei den älteren Wählern deutlich pro EU entwickelt. Im Augenblick könnte man fast sagen, daß Mocks Engagement vom Krankenbett die Wende zum deutlichen Ja gebracht hat.“ (News, 9.6.94)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1997
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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