Zeitschriften » FŒHN » Heft 21
Markus Wilhelm

Heller Wahnsinn

Hier wie dort, bei Haider wie bei Heller, werden Menschen darauf ausgerichtet, jemandem nachzulaufen. Wobei hier lediglich wie sonst auch in unserem Wirtschaftssystem — durch massive Werbung ein Produkt gegen ein anderes ausgetauscht wird. An der Konsumsklaverei ändert sich damit überhaupt nix. Dieses Einschwören auf Anführer ist zutiefst anti-antidemokratisch und anti-aufklärerisch. Wenn eine Studie an der Uni Salzburg ergeben hat, daß „zwischen 10 und 15 Prozent der Teilnehmer einer Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit bei passender Regie auch bei einer Antiausländer-Kundgebung mitmarschieren“ würden (Kurier, 10.4.93), kann man verstehen, was ich meine. Die Heller-Partie wie die Haider-Partie schreckt entsetzt davor zurück, die Menschen aufzufordern, selber ihre Interessen zu vetreten. Mit einem solchen Aufruf würden sich beide nur selbst in höchste Gefahr begeben.

So ziehen sie seit Jahren mit ihm unter großem Getöse durch die Gazetten, nennen ihn „Jungnazi“ da (Basta) und „Trottel“ dort (Forum),und beweisen nichts so sehr, als daß sie seiner bedürfen, um etwas Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese Anti-Haider-Szene ist in Wahrheit jenes Orchester, das mit großem Tusch alle Blicke auf die Schaustücke Haiders in der politischen Manege bündelt. In Wahrheit dämonisieren sie ihn, verstärken ihn, blasen ihn auf zum unüberwindlichen Popanz. Natürlich, wenn man an Geister glaubt, genügt nächtens eine Fliege am Handrücken und man erschrickt zu Tode. Auch hier betreiben sie das Gegenteil von Aufklärung: Verdunkelung.

Wirbt Profil mit Haider oder für Haider?

Nur gegen Haider auftreten, heißt ja, dieses Wahlsystem gutheißen, mit dem er kommt, heißt, diese Demokratie beschönigen, die ihn daherbringt, heißt den Kapitalismus rechtfertigen, dessen politisches Spitzenprodukt er nun einmal ist. Hier wird viel mehr Unheil angerichtet als genützt. Wundert’s, daß einige der schneidigsten Haider-Treter den elegantesten Kratzfuß vor der SPÖ machen? Ich denke an den Schriftsteller G. Roth mit seinem Kreisky-Jubelbuch und an den Journalisten A. Thurnher mit seinem Vranitzky-Jubelbuch, an den Forum-Herausgeber G. Oberschlick mit seinen Vranitzky-Annoncen und den Schlagersänger A. Heller mit seinen bei SOS Mitmensch willkommengeheißenen Plattform-Freunden Löschnak und Cap. Ihre Funktion ist, ob sie’s wissen oder nicht, die Ablenkung vorn System, das Haider hervorbringt. Wer nur Haider bekämpft, bekämpft nicht einmal Haider. Für Haidergegner Heller ist „es Ausdruck meiner Demokratieleidenschaft, gegen Menschen aufzutreten, die dieser Demokratie Schaden zufügen“ (Basta-Beilage 5/90). Mit dieser Demokratie kann er nur die Demokratie der Lofts und der Löcher, der Bungalows und der Baracken meinen. Der Kurier-Journalist H.-H. Scharsach glorifiziert in seinem Bestseller „Haiders Kampf“, wie er seinen Kampf gegen Haider nennt, diese Republik als „unsere Demokratie, die auf den Prinzipien von Freiheit, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit ruht’. Meint er die Freiheit aller, unter einer Brücke zu schlafen und die Rechtsstaatlichkeit von 100.000-Schilling-Redakteuren neben schutzlosen KolporteurKnechten beim Kurier?

Wenn Haider zum Sieg geht, dann geht er parlamentarisch zum Sieg und marschiert dabei durch diese duselige Abwehr hindurch wie ein mittelmäßiger Stürmer durch eine schlechte Verteidigung. Vor dem Spiel klopfte der grüne Vorstopper in dieser Prominentenmannschaft, Peter Pilz, große Sprüche: „Den Haider machen wir im Parlament zur Schnecke.“ (Basta 12186). Sein beim selben Klub verpflichteter Kollege Voggenhuber antwortet auf die Frage ’Haben Sie ein Rezept, Haider zu stoppen?’: „Das ist nicht mein politisches Ziel.“ (ORF-Pressestunde, 16.4.89). Gegenüber dem Kurier präzisiert er wenig später die Spielanlage gegen Haider so: „Ich verabscheue seine politischen Inhalte, aber ich trete dafür ein, daß er sie verwirklichen kann.“ (10. 5.89)

Um ihren Reichtum zu rechtfertigen, schmückt ihn die Anti-Haider-Szene mit antifaschistischen Girlanden, und um von ihrem Einverständnis mit den unhaltbaren Zuständen in diesem Lande abzulenken, heftet sie sich Anti-Haider-Buttons auf ihre Gucci-Westen. Klar, daß sich diese satten Einkommensmillionäre (aus Funk und Fernsehen) nur der Geschichts-Keule bedienen wollen, um auf Haider einzuschlagen. Aber erstens ist Haider ein Produkt der Kreisky-Zeit und nicht der Hitler-Zeit, und zweitens überzeugen diese Rüffel die Haider-Wähler nicht. Sie spüren ganz richtig, daß Geschichte immer etwas Retuschiertes, etwas Zurechtgemachtes ist, daß das Aufgeschriebene immer etwas von oben, von den Herrschenden Kommendes ist, etwas Reglementierendes, Verbietendes, Befehlendes. Offizielle Geschichte ist etwas, wo das Volk nie rechtbekommt. Diese Lektion hat es in Jahrhunderten gelernt. Ein mit Geschichts-Prügeln verfolgter Haider wird den Leuten als Mitunterdrückter ans Herz gelegt. Das ist den Schauspielern des Anti-Haider-Theaters in ihrer Selbstinszenierung ziemlich wurscht. Im übrigen zeigt eine nach der jüngsten Nationalratswahl durchgeführte Studie, daß bei Haider-Wählern „ideologische Orientierungen oder Affinitäten [= Neigungen] zu deutschnationalem wie nationalsozialistischem Gedankengut keine relevante Rolle spielen“: „Im wesentlichen wird die Haider-FPÖ nicht wegen, sondern trotz ihres ambivalenten [= zwiespältigen] Verhältnisses zu Deutschnationalismus und zu rechtsradikalem Gedankengut gewählt.“ (Fessel+Gfk Studie, November 1994)

Inzwischen blüht das Geschäft gegen Haider, die Umsätze der Haider-Gegner ziehen mit seinem steigenden Kurswert mit. Der literarische Bestseller im Frühjahr 1995, Haslingers „Opernball“, hängt am „Führer der Nationalen Partei, Jup Bärenthal“, und den literarischen Bestseller im Herbst 1995, Roths „Der See“, soll „ein Attentat auf einen populistischen Parteiführer“ krönen, „eine Gestalt, die wohl die bildschirmgetreue Karikatur Jörg Haiders ist“, wie nicht nur News (24.11.94) erraten hat. Das Widerlichste an dieser Masche ist, daß hier der Schicksalhaftigkeit der politischen Entwicklung das Wort geredet wird. Das ist genau diese Irrationalität, auf die ein dreckiger Politiker aufbauen kann.

Die Anti-Haider-Mania gipfelt in Emigranten-Phantasien. Die Frauen-Zeitung Auf veröffentlichte kürzlich (Nr. 87) eine gealpträumte Geschichte einer Flucht vor Haider, die Wiener Anti-Haider-Gazette Forum brachte Anfang 1995 gar eine ganze vorgezogene Exil-Nummer in Amsterdam heraus, wohin diese Zeitung vor Haider sich gerettet haben wollen wird gehabt haben werden. Vertrottelter gehts nicht. Auswandern als politische Leistung? Der oben angesprochene Schriftsteller Gerhard Roth hat in Basta bereits im Februar 1987 angekündigt: „Wenn die politische Situation noch weiter nach rechts schwenkt, wird man sich überlegen müssen, im Ausland zu leben.“ Als wollten sie Haiders dummes Wort „Es sind nicht immer die Besten, die als erste von zu Hause fortgehen.“ (Zeit im Bild, 8.9.90) bestätigen, drohen uns über News (10.10.94) gleich noch drei SOS-Mitmenschen unverhohlen ihren Abgang an: „Haider wird nicht Bundeskanzler. Ich werde jetzt in aller Herrgottsruhe meine Koffer wieder auspacken und mein Hausboot in Kalifornien vorläufig bis 1998 weitervermieten. Aber nur, wenn Haider nicht Kanzler wird.“ (Manfred Deix „Wenn Schwarz-Blau kommt, gibt es nur zwei Entscheidungen: 1. man verläßt von selbst das Land, oder 2. man wartet, bis einem die Entscheidung abgenommen wird.“ (Peter Turrini) „Wenn Schwarz-Blau kommt, wird Italien mein Hauptwohnsitz.“ (Andre Heller) Die Österreicherinnen und Österreicher werden sich also noch anschauen ohne ihre Beschützer von der „Anti-Haider-Front“ (News, 26.11.92)!

Viele dieser Intellektuellen haben nur Verachtung übrig für „die Österreicher“. Sie geraten leider nur in Reaktion darauf (und nicht aus besseren Motiven) an die Seite der „Ausländer“. Und verspüren wie Thomas Busch, der das Anti-Haider-Buch „Im rechten Licht“ verfaßt hat, „was die kleinen Leute anlangt, keinerlei Regung, sich wohltätig über ihre Wehwehchen zu beugen, sondern vielmehr ihnen beherzt den Hinterteil zu versohlen.“ (Ulenspiegel, 9.3.92)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
Heft 21, Seite 53
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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