Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 2-3/2004
Hannah Fröhlich

Hallo, Leute von der Arge Wehrdienstverweigerung!

Dieses Schreiben richtet sich an alle, die in der Arge tätig sind und sich verantwortlich fühlen.

Die Redaktion Context XXI ist über die Trennung von der Arge nicht unglücklich. Längst schon hat es inhaltliche Differenzen gegeben, die jetzige Trennung ist nur mehr eine formale Angelegenheit. Die Menschen in Eurem und unserem Umfeld wissen das. Der formale Bruch folgt einem inhaltlichen, der lange vor Eurem offiziellen Schreiben an uns stattfand. Einen einzigen Satz aus einem namentlich gekennzeichneten Artikel als Auslöser heranzuziehen, entbehrt nicht einer gewissen Fadenscheinigkeit.

Es ist offensichtlich, dass Eure inhaltliche Distanzierung vor allem mit einer solidarischen Haltung gegenüber Israel und — damit vielleicht noch viel mehr — der daraus resultierenden notwendigen Kritik an der Linken zu tun hat, wie sie in vielen Beiträgen von Context XXI zum Ausdruck kommt. Eure wortreiche Begründung scheint‘s, ist einzig deshalb verfasst worden, um alles, bloß das nicht aussprechen zu müssen.

Aber eigentlich ist das ja auch egal – wann genau und wodurch der Bruch stattfand, und wann er letztlich wie vollzogen wurde. Vielmehr geht es um wenige aber sehr zentrale Fragen, denen ihr trotz der Ausführlichkeit Eures Schreibens an uns leider ausgewichen seid. Zufällig?

Wie kann angesichts der Geschichte ein pauschaler, bedingungsloser Pazifismus, der mit revolutionärem Antimilitarismus nichts zu tun hat, aufrechterhalten werden? Wie kann im Bewusstsein von Auschwitz davon ausgegangen werden, dass ein Krieg unter allen Umständen zu vermeiden ist? Warum glaubt ihr, ihr könntet die Situation im Irak unter Saddam Hussein besser verstehen und beurteilen, als die Menschen, die vor diesem Regime fliehen mussten, deren Angehörige in Gefängnissen zu Tode kamen, deren Verwandte verschwanden? Im Glauben, damit nicht als plumpe AntiamerikanerInnen dazustehen, bezieht Ihr euch auf die „guten“, weil für die eigenen politischen Zwecke gerade instrumentalisierbaren US-AmerikanerInnen, Irakis, Israelis usw. Ja, der Lueger-Satz „Wer Jude ist, bestimme ich“ ist bis heute von beklemmender Aktualität, auch im linken Milieu.

Erlaubt mir zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Es ist das Privileg der Nicht-Juden Auschwitz aus- oder einzublenden, wie es gerade ins Konzept passt. Es ist ihr Privileg, „dass das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im eigenen Erleben nichts bedeuten“ muss (Dierk Juelich: Erlebtes und Ererbtes Trauma. Von den psychischen Beschädigungen bei den Urhebern der Shoah. In: Heyl Schreier (Hg): Dass Auschwitz nicht noch einmal sei. Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg 1995, S. 98). Denn hier verläuft er nämlich, der Graben, der Juden von Nicht-Juden trennt (vgl. Ingrid Strobl: Anna und das Anderle. Frankfurt am Main 1995, S. 74f).

Das aus dem Zusammenhang gerissene und von euch als auslösende Begründung für die Context XXI-Arge-Trennung genannte Zitat ist einem Beitrag entnommen, den eine Jüdin geschrieben hat. Zufällig?

Hannah Fröhlich für die Redaktion Context XXI

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2004
Heft 2-3/2004, Seite 1100
Autor/inn/en:

Hannah Fröhlich:

Autorin und Übersetzerin und hat in diversen Kulturredaktionen journalistisch gearbeitet, war von Juni 2002 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI. Ende 2009 ist Hannah Fröhlich nach Israel emigriert. Sie lebt derzeit in Tel Aviv und arbeitet als Übersetzerin.

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