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Maria Wölflingseder

Günther Anders 1902–1992

Vor drei Jahren habe ich in meinem Beitrag über Lärm – „Wider die akustische Hörigkeit“ – Aspekte von Günther Andersʼ umfassender Gesellschaftskritik aufgegriffen und weitergesponnen. Lärm hat seit Jahrzehnten mitgeholfen, uns „hörig“ zu machen, uns anzupassen an die Herrschaftsverhältnisse. Anders prägte auch den Begriff der „prometheischen Scham“. Der Mensch sei zum „Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks“ geworden und schäme sich seiner Unzulänglichkeit angesichts der Perfektion seiner Apparaturen. Jean Améry bezeichnete Anders als den „wahrscheinlich schärfsten und luzidesten Kritiker der technischen Welt“.

Der Lärm ist zwar in den letzten zwei Jahren durch die Covid-19-Lockdowns vorübergehend – nicht unbedingt auf wünschenswerte Weise – geringer geworden, aber die Technisierung, vor allem die Digitalisierung, die digitale Überwachung und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, haben einen enormen Aufschwung erfahren. Und der Krieg in der Ukraine führt uns drastisch vor Augen, wie unmittelbar wir durch Kriegstechnik und Atomwaffen bedroht sind. Zudem haben sich die jährlichen Rüstungsausgaben in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt. Sie sind mit über zwei Billionen Dollar so hoch wie noch nie. Günther Anders bezeichnete das Zeitalter, das am 6. August 1945 mit dem Atombombenabwurf begann, als das Zeitalter der möglichen Selbstauslöschung. Es wird das letzte aller Zeitalter sein und nur durch das Ende selbst beendet werden.

Gesellschaftskritik, insbesondere Technikkritik, ist heute auf geradezu gespenstische Weise mit einem Tabu belegt. Selbst der Begriff „Technokratie“ ist verschwunden. Das bedeutet wohl nicht, dass es diese nicht gibt, sondern dass sie eine selbstverständliche, unhinterfragbare Gegebenheit geworden ist. Trotzdem hat ein mediales Gezeter angehoben über die angebliche Wissenschaftsfeindlichkeit der Bevölkerung. Dieser Vorwurf richtet sich jedoch auch gegen Kritik-Übende. Diese werden sogleich als Feinde identifiziert und an den Pranger gestellt. Und wie werden die einst viel beachteten Wissenschaftler Günther Anders, sein Freund und Mitstreiter Robert Jungk oder Erwin Chargaff und Bertrand Russell heute eingeschätzt? Wie sollen wir ihr Totgeschwiegen-Werden deuten?

Der Philosoph, Essayist, Prosadichter und Lyriker Günther Anders – vor 120 Jahren geboren, vor 30 Jahren gestorben – formulierte bereits 1956 „drei Hauptthesen: dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen“. Diese Thesen sind angesichts des bevorstehenden Übergangs vom Industriezeitalter in ein neues, kybernetisches Zeitalter im Sinne einer Mensch-Maschine-Verbindung brisanter denn je. Ich möchte Fragen hinzufügen: Wollen wir eigentlich eine Totalüberwachung und Steuerung? Wollen wir einen Transhumanismus? Wollen wir die totale Militarisierung des Weltalls? Wollen wir Luft, Erde, Wasser, Nahrung, die mit gesundheitsschädlichen Pestiziden und Plastik kontaminiert sind? Wer zwingt uns, all das wollen zu müssen?

Hat die Technik zu unserer Befreiung beigetragen oder werden wir von ihr getrieben? Wobei haben wir überhaupt noch ein Wörtchen mitzureden? Beim Was und Wie der Produktion? Bei der Verteilung? Bei der Entscheidung, welche Technik wir wofür und wie exzessiv einsetzen? Haben wir uns nicht zunehmend degradiert – vom Hofzwerg zum Haussklaven? Sind wir nicht weniger denn je imstande, für uns selbst zu sorgen? Nicht einmal unsere Bedürfnisse dürfen wir selber bestimmen und darüber, wie wir sie befriedigen. Vor nicht allzu langer Zeit nannte man das in der Wissenschaft „Entmündigung“. Auch dieser Begriff ist offenbar obsolet geworden. Gleichzeitig ist die Entfremdung von der Welt, von unserem Tun, von den Mitmenschen und von uns selbst weit fortgeschritten.

Günther Anders betonte, sein Vater – der Psychologe und Philosoph William Stern – habe ihm den Begriff „Menschenwürde“ unausrottbar eingepflanzt. Hat Menschenwürde überhaupt noch eine Chance, wenn wir die aktuellen Entwicklungen, den ökologischen und anthropologischen Suizid, in Kauf nehmen, nicht stoppen?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
2022
Autor/inn/en:

Maria Wölflingseder:

Geboren 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädogogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitherausgeberin von „Dead Men Working“ (Unrast-Verlag, 2004). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

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