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Gerold Wallner

Große Klasse

Auszüge aus einem Referat im Kritischen Kreis

Aus: Das Elend der Philosophie, Karl Marx: „Die Bedingung der Befreiung der arbeitenden Klasse ist die Abschaffung jeder Klasse, wie die Bedingung der Befreiung des dritten Standes, der bürgerlichen Ordnung, die Abschaffung der Stände war.“

Aus: Das Manifest der Kommunistischen Partei, Karl Marx/Friedrich Engels: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“

Aus: Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Ricardo: „Der natürliche Preis der Arbeit ist jener, der notwendig ist, um den Arbeitern, einem wie dem anderen, zu ermöglichen, sich zu erhalten und die Existenz ihres Standes“ (race im Original) „ohne Vermehrung oder Verminderung weiter zu führen.“

Aus: Ein Mangrovenbiotop im Barriereriff vor Belize, K. Ritzler/I. Fellner, in: Spektrum der Wisenschaft 3/96: „Im Mangrovensumpf verschwimmen die Grenzen zwischen Wasser und Land. Ozeane und Kontinente dringen ineinader ein — ist das nun das Forschungsgebiet eines Meeresbiologen oder eines Waldökologen?“

Der Begriff der Klasse ist ein Begriff des wissenschaftlichen Aufbruchs im Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts. Die Zuordnung von als getrennt und vereinzelt wahrnehmbaren Phänomenen in einer eigens für diese eingerichteten Wissenschaft, das Besetzen von Arbeitsfeldern und Gegenständen durch neu entstandenen Forschungsrichtungen machte es notwendig, nicht nur das Ergebnis der Forschung, sondern auch dessen Gegenstand zu beschreiben, zuzuordnen, eben zu klassifizieren. Paradigmatisch für diese wissenschaftliche Sichtweise ist das System Linnés, sowohl was die Beschreibung der einzelnen Phänomene entlang empirischer, äußerlicher Merkmale betrifft, als auch die Verlängerung dieser Merkmale in’s Abstrakte. Diese Abstrahierung betrifft nun das Unterscheidungsmerkmal genauso wie das zu Unterscheidende. Klassifizieren heißt also zunächst einmal das Zuordnen von Erscheinungen auf der Oberfläche der Betrachtungsfelder entlang äußerer und funktionaler Eigenschaften und das Zusammenfassen dieser Gruppen von Eigenschaften in je eigenen corpores.

So wird es in der Biologie entlang äußerer und funktionaler Eigenschaften möglich, Wiederkäuer von Fleischfressern zu unterscheiden, und nicht nur dies — das Wissen um diese Unterscheidung ist ja älter als die damit befasste Einzelwissenschaft —, sondern diese Entscheidung auch zu begründen mit der Beschreibung von Zähnen, Skeletten und Mägen. Ebenso werden hierarchische Abstufungen innerhalb der Biologie möglich, vom Reich (der Bakterien, Pilze, Pflanzen, Tiere) über Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung hin zur Art, bis sich auf der Ebene der Unterart, also der Rasse, die Bezugskriterien verlieren und auflösen. In der Tat ist ja Rasse dann endlich ein Begriff, der in der Art vollkommen aufgeht und seine Bedeutung nur noch aus den Zufälligkeiten ungewollter (geographischer) oder gewollter (züchterischer) räumlicher Trennung erklären kann. Jedenfalls ist Rasse gegenüber der Art nicht mehr in dem Sinne distinktiv, daß sie in sich selbst konstitutive Merkmale empirischer oder funktionaler Natur aufweisen kann, die auch dann noch gültig bleiben, wenn die von außen hinzu getretene Eigenschaft der Trennung weg fällt.

Diese angelegte Auflösung der eben erst gewonnenen Begrifflichkeit innerhalb eines Systems zeitigt aber noch viel Sonderbareres. Um nur ein Beispiel zu nennen: es mag noch hingehen, auf Grund der Tatsache verschiedener, in verschiedenen Individuen angefundener Keimdrüsen auch imTierreich von männlichem und weiblichem Geschlecht zu sprechen. Zwar sind die äußerlichen und funktionalen Merkmale für diese Zuordnung willkürlich gewählt; es wäre eine Zuordnung möglich nicht nur entlang der Abgabe von Samen (männlich) und Eiern (weiblich), sondern z.B. entlang der Brutpflege und Aufzucht (als weiblich etwa; dann wären das bei den Kaiserpinguinen die nun Männchen genannten Individuen, andere Tierarten wären zwittrig). Aber immerhin verfügt die aktuelle Wahl der Merkmale für die Bestimmung des Geschlechts noch über einen gewissen Grad an Plausibilität. Vollends in den Bereich sozialer Tradition — unabhängig von der empirischen Erscheinungsform der Merkmale — tritt diese Unterscheidung aber bei den Pflanzen, wo nicht nur zweigeschlechtliche Pflanzen als männlich und weiblich unterschieden werden, ja selbst bei eingeschlechtlichen Pflanzen werden noch bei der Blüte männliche und weibliche Blütenteile unterschieden. Hier haben wir es eindeutig mit der Verlängerung gesellschaftlicher Befindlichkeiten in’s Wissenschaftliche hinein zu tun, die nun die Wissenschaft nach ihrem Ebenbild schaffen.

Ein kreatürlich Vorgegebenes, in unserem Fall geschlechtliche Vermehrung, wird in der naturkundlichen Einzelwissenschaft entlang sozialer Erfahrungen klassifiziert. Das Ergebnis, das von der Gesellschaft anhand des Umgangs ihrer Mitglieder mit einander vorformuliert wurde, dessen Fragestellung bestimmte Antworten inkludiert, strahlt in die Gesellschaft zurück, wo die sozial gewordene Einteilung mit dem Prestige und der Autorität der Wissenschaft als natürliche befestigt wird. Das gilt auch für unseren Begriff Klasse, der ganze Generationen politischer Auseinandersetzung prägte, ohne dabei seine Stichhaltigkeit anders zu beweisen, als dadurch, dass er eben verwandt wurde entlang willkürlich gewählter, empirischer äußerer und funktionaler Merkmale. Selbst diese Merkmale können, ja müssen wechseln. Der Klassenbegriff des Kommunismus hat nichts gemein mit dem Klassenbegriff der Journalistik; „politische Klasse“ ist so ein Begriff, der in die Sprache des Journalismus zur Erhellung von Abängigkeiten und Zuordnungen aus dem Bereich der Soziologie eingegangen ist und Eigenständigkeit erlangt hat. Und wenn auch unter Rückgriff auf Marxens Klassenbegriff die Bezeichnung „politische Klasse“ in „Steigbügelhalter der Bourgeoisie“ oder „Bourgeoisie“ selbst aufgehen würde, hätte „politische Klasse“ doch alle Wesensmerkmale aufzuweisen, die es erlauben, den BegriffKlasse anzuwenden, nämlich eine Reihe äußerer und funktionaler Merkmale, die auf eine gegebene Menge von Individuen zutreffen. Bei Marx selbst wird dieser Begriff verschieden verwandt, je nachdem, welche Merkmale er heranzieht; die Klassen der Klassenkämpfe sind andere Klassen als die arbeitende Klasse, deren Befreiung als Bedingung die Abschaffung jeder Klasse hat. Ist im einen Fall das distinktive Merkmal ein allgemeines Dasein als unterdrückt oder unterdrückend in einem ontologisch rechtfertigenden Bezugsrahmen, bezogen auf eine empirisch beschreibbare Stellung zum gesellschaftlichen Mehrprodukt, so ist im anderen Fall das Merkmal die epochale Zugehörigkeit, ohne dabei Unterdrücker und Unterdrückte zu differenzieren,sondern bürgerliche und vorbürgerliche Gesellschaftlichkeit.

Wieder dieses Oszillierende nach gewähltem Bezugsrahmen — Menschheitsgeschichte oder Geschichte der aktuellen bürgerlichen Periode — finden wir verschiedene empirische Merkmale, die die gesellschaftlichen Klassen verschieden definieren, hervortreten, verschwinden oder in einander übergehen lassen. Ist Proletariat einmal von seiner Stellung zu den Produktionsmitteln bestimmt, also von der völligen Abwesenheit derselben in seiner Hand, zeigen die historischen Befunde der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Durchsetzungsform bürgerlicher Geselligkeit, wie neben ein Merkmal (keine eigenen Produktionsmittel, also Proletariat) andere treten können, die dann andere Klassifizierungen zulassen, etwa von einer hohen Durchlässigkeit zwischen den Klassen sprechen (e.g. eigene Produktionsmittel aus der Tradition des Handwerks, seien sie nun eigenes Werkzeug oder eigene Erfahrung, was Arbeitsorganisation bis hin zur Etablierung eines eigenen Betriebs erlaubt; oder soziales Verhalten, das das Geldinteresse internalisiert und so die Stellung zum Betrieb und zum gesellschaftlichen Getriebe auf die Basis kapitalistischer Solidarität stellt, sei’s durch Arbeitsethos, sei’s durch wirkliche finanzielle Beteiligung, die dann oft schon einen anderen Betrieb meint, als den, in dem eins aktuell sein Geld verdient).

Ich habe weiter oben angedeutet, wie Klasse und Geschlecht Klassifikationen sind, die als distinguierende Begriffe Modifikationen unterliegen können, die vom Hinterfragen bis zur völligen wissenschaftlichen Unbrauchbarkeit gehen. Ähnliches gilt für den Begriff Klasse, der eine Einteilung der Gesellschaft anhand empirischer funktionaler und äußerer Merkmale auch dort vornehmen will, wo die Merkmale sich als historisch fungierend und innerlich herausstellen. Eine Klasse von Sternen ist nicht grundsätzlich oder inhaltlich etwas anderes als eine Klasse von Menschen; eine Klasse von Sternen ist etwas anderes, weil Sterne etwas anderes sind als Menschen, auch wenn das Klassifizieren das Selbe ist. Was hier als Binsenweisheit erscheint, kommt andererseits aber als Tabu einher; warum sollten sonst Marxistinnen vermeiden, ihren Klassenbegriff anders denn als sozial zu verstehen? Warum sonst sollte es AstrophysikerInnen lächerlich erscheinen, ihren Klassenbegriff anders denn als auf Sterne bezogen zu meinen? Das Tabu, das uns nicht erlauben darf, vom Klassifizieren zu sprechen, schützt also seinen jeweiligen Gegenstand vor den Anfechtungen der Kritik, stellt ihn als Solitäres, Unangreifbares vor, dessen Hierarchisierungen nur aus sich selbst begriffen werden dürfen, stellt die eine Wissenschaft gegen die andre, den einen Forscher gegen die andere Gelehrte, fein säuberlich getrennt. Was das eine (klassifizierte) Forschungsgebiet vom anderen trennt, soll nicht als vereinbares Gemeinsames durchschaubar sein. Der Willkürlichkeit gewählter Standpunkte beim Klassifizieren soll nichts entgegegen gehalten werden. So ist auch die marxistische Klasse der Klassenkämpfe bloß das Produkt eines in der Wissenschaft (der Philosophie) angewandten Differenzierungsschemas, das in der Folge seine höheren politischen Weihen erhalten hat und so aus einer empirischen Selbstverständlichkeit des wissenschaftlichen neunzehnten Jahrhunderts zum allseits gültigen Erklärungsmodell eines Epochen übergreifenden Selbstverständnis wurde.

Die anschließende Diskussion im Kritischen Kreis hat sich von diesem Gedanken sofort wieder wegbewegt. Interessanterweise wurde das Tabu bestätigt dadurch, dass die Diskussion nach kurzer Zeit auch schon beim Klassenkampf und dessen Geschichtswirksamkeit angelangt war. Wo ich nach der ungewollten und ungewussten Sicht der Gesellschaft auf sich selbst gefragt habe, fragte Schandl nach Erfolgen und Fortschritten und band den Begriff der Klasse an ein politisches Subjekt. Ausführlicher wurde er in einem Referat ein halbes Jahr später, und so schließe ich meine Darstellung kursorisch mit: Thesen über Geschichte, Fortschritt und Emanzipation. Referat im Kritischen Kreis 17.9.1996, Franz Schandl, in: Streifzüge 3-4/1996: „So gibt es zwei historische Auswahlkriterien aus der Vergangenheit, die objektive, d.h. wie die menschliche Entwicklung sich selbst ausbreitet und die Gesellschaft bestimmt und die subjektive, durch Geschichtsforscher und andere vorgenommene Interpretation des historischen Materials.“

P.S.: Ich behaupte hier nicht, daß meine Auslassungen über den Begriff Klasse in einem der oben zitierten Auswahlkriterien zu verorten wären. Vielmehr behaupte ich, daß der Begriff Geschichte selbst schon einer klassifizierenden Sicht der Gesellschaft auf sich selbst geschuldet ist, also nicht unbedingt mit der Überwindung dieses Denkens einher geht. Paradox erscheinen Einzelwissenschaften wie auch deren begriffliches Instrumentarium nicht als etwas der gegebenen Gesellschaft Immanentes, sondern von ihr Unabhängiges, frei Flottierendes, nicht als Sicht der Gesellschaft durch die Wissenschaft hindurch auf sich selbst, sondern als nahezu unbeteiligter Blick der Wissenschaft auf die Gesellschaft; ganz so, als wäre diese — was ja beinahe der Fall sein könnte — der Gegenstand jener und nicht Fleisch von ihrem Fleische.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Heft 2/1997, Seite 8
Autor/inn/en:

Gerold Wallner:

Freier Autor und Anbieter antiquarischer Bücher in Wien.

Lizenz dieses Beitrags:
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